POLNISCHE PRESSESCHAU 139, 16.03.2020


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2020/03/polnische-presseschau-139-16-03-2020/
Veröffentlichung: 21. März 2020
Ressorts: Polnische Presseschau

Präsidentschaftswahlen 2020 Polityka, 11. 03. 2020

Die Parlamentspräsidentin gab den 10. Mai 2020 als Termin für die Wahlen bekannt.

Die ersten Umfragen ergeben offensichtlich ein Kopf an Kopf Rennen zwischen dem nach Kaczynski Gnaden Andrzej Duda, amtierender Präsident und der Vertreterin der Bürgerplattform Malgorzata Kidawa – Blonska. Für die Linke ist der offen – schwul lebende Robert Biedron von der Wiosna an den Start gegangen. Inzwischen fragen sich Beobachter was aus Kaczynski wird, wenn sein Zögling Duda verliert. Verliert dieser Hinterbänkler dann seinen Einfluss, hat er doch in Regierung und Parlament keine Ämter inne?

In der vordersten Front der Umfragen befinden sich der amtierende Präsident von der PiS und die Kandidatin der Bürger Plattform, deren Stern aber zu sinken scheint. Für die PSL (Bauernpartei) Wladyslaw Kosiniak – Kamysz, die Linke Robert Biedron, die Konföderation (patriotisch, euroskeptisch)Krzysztof Bosak und Szymon Holownia geht als Parteiloser zur Wahl.

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/Portraet-der-Woche-Szymon-Holownia;art315,203793

Was die Gegenkandidatin von Duda von der Bürgerplattform anbelangt, so sei nicht zu vergessen, wer die „öffentlich-rechtlichen“ Kanäle in der Hand hat, die PiS! Kaczynski hat natürlich Seine Vorstellungen von der Rolle einer Frau und sein Fernsehsender beobachtet sie dementsprechend: „Wenn man sich diese Frau ansieht, so erweckt sie kein Vertrauen. Wie es aussieht, wurde sie vorgeschoben und hinter ihr wird alles geregelt. Sie macht nicht den Eindruck einer guten Hausfrau“…

Der parteilose Kandidat weckt nicht viel Vertrauen, da er noch recht unbekannt ist und mit seinen Ansichten z. B. zum Schwangerschaftsabbruch recht schwankend ist. Dem linken Kandidaten wird, wenn auch nicht offen, zur Last gelegt, dass er keine richtige Familie hat – er also schwul ist. Dann erwarten Beobachter von ihm, dass er sich gegen Forderungen nach eingetragenen Partnerschaften ausspricht, um so seine „Unabhängigkeit“ zu zeigen. Also alles Formen, um die Vorurteile zu maskieren. Offensichtlich hätte Adrian Zandberg von Razem für die Linken mehr Stimmen gewinnen können, da er mit diesem „natürlichen Makel“ nicht behaftet ist.

So ist es nicht verwunderlich, dass der Kandidat der PSL Kosiniak – Kamysz an Stimmen gewinnt, obwohl seine Partei recht vertreten schwach ist. Er ist dafür aber ein Mann, also wird ihm niemand diktieren wie er sein Amt zu führen hat, hat eine Familie, ist gut ausgebildet, macht eine gute Figur. Er ist entsprechend der jetzigen Wählerentwicklungen und -wanderungen der größte Gegner für die Kandidatin der Bürger Plattform.

Duda und die PiS POLITYKA, 11. 03 2020

Der Präsident sorgte letztens für Aufsehen, als er den Chef des Fernsehens TVP Jacek Kurski entließ. Damit wollte er offensichtlich zeigen, dass er unabhängig von Kaczynski sei. Duda unterschrieb ein Gesetz, dass dem TVP 2 Millionen Zloty als Ausgleich für die verlorenen Abonnenten dienen soll. Dafür setzte er durch, dass Jacek Kurski seinen Chefposten verließ. Die Opposition kritisiert diese Zuwendung, weil das Parlament zusätzliche 3 Millionen für die Krebsbekämpfung vorgesehen hatte, die dann im Staatshaushalt wohl fehlen würden. Kaczynski hat Jacek Kurski geopfert, um die Präsidentschaft von Duda zu retten.

Im Vorfeld hieß es, dass Duda durch Morawiecki oder Szydlo abgelöst werden sollte. Dies hat die Nowogrodzka (Pseudonym für Parteizentrale/Kaczynski) gestreut, um Duda zu zeigen wo sein Platz sei. Vorher gab es ein Gespräch des Präsidenten mit Kaczynski im Gebäude des Polnischen Sicherheitsbüros. Jemand muss es der Presse gesteckt haben, sodass ein Foto gemacht werden konnte als Kaczynski das Gebäude verließ. Das muss für ihn erniedrigend gewesen sein, denn sonst müssen alle in der Nowogrodzka antanzen und warten bis der Präses Zeit für sie findet, um ihnen Weisungen zu erteilen. Zudem musste er einen seiner treusten Diener, seinen Chef für Propaganda Jacek Kurski bitten zu gehen!

Soll dies ein Zeichen sein, wie die zweite Amtszeit des Präsidenten aussehen könnte? Werden die verschiedenen Strömungen der Rechten sich gegenseitig bekriegen? Bisher wurde alles unter dem Deckel gehalten. Auf der anderen Seite werden Stimmen laut, dass vielleicht der Präses diesmal in Kauf nehmen könnte die Wahl zu verlieren. All die Versprechungen und Wahlgeschenke könnten sich nicht rechnen. Dann könnte sie der Präsidentin und der Opposition die Schuld zuschieben.

Überhaupt läuft die Kampagne recht mühsam an. Es gibt einen Stab in der PiS und einen beim Präsidenten. Waren bei der letzten Wahl noch alle Feuer und Flamme, so haben sie diesmal kaum etwas anzubieten und sind selbst auch noch von Amtswegen mit anderen Dingen befasst, die Chefin der Wahlkampagne ist Beate Szydlo – eine Europaabgeordnete.

Greta Thunberg und Verrat an polnischen Grubenarbeitern? krytykapolityczna.pl 24.01.202

Vor ihrer Reise nach Davos war Greta Thunberg bei den Bergleuten in Zabrze. Es ging um die Frage, wie kann das Klima gerettet und die Interessen der Arbeiter in den Kohlegruben berücksichtigt werden. Der Vertreter einer der Bergarbeitergewerkschaften Jerzy Hubka ist der Auffassung, dass dies in einem offenen und gegenseitigem Dialog möglich wäre. Dies hat dann Greta Thunberg in ihrer Rede in Davos zum Anlass genommen, um zu erklären, dass auch die Bergleute der Überzeugung sind, dass für die Rettung des Klimas sie auf ihre Arbeitsplätze verzichten müssten. Sie hätten die Notwendigkeit besser verstanden als die Politiker, meinte Thunberg.

Durch das Lager der verschiedenen Bergarbeitergewerkschaften geht eine Welle der Empörung und Hubka wird als Verräter beschimpft. Auch der Vorstand seiner Gewerkschaft distanziert sich von seinen Aussagen. Offensichtlich hat hier der Rentner Hubka mit einigen Leuten sich als Vertreter der Bergleute präsentiert. Gerade jetzt ist die Situation am Dampfen. Auf den Halden der Kohlegruben liegen Tausende von Tonnen an Kohle. Es sieht so aus, als ob die Arbeiter bald nach Hause geschickt werden müssen, weil die Halden bald nichts mehr aufnehmen können. Appelle an die Regierenden verhallen. Die Kumpel drohen die Grenzen zu blockieren. Russische Breitspurgleise bringen Kohle direkt nach Polen. Aber auch aus Übersee werden Kohletransporte nach Polen durchgeführt. Ca. 85% der polnischen Energie wird aus Kohle gewonnen. Der pro Kopf Verbrauch an Emulsionen liegt in Polen trotzdem etwas unter dem Wert von Deutschen bei 11 Tonnen – sie haben wohl nicht so viele SUV.

Greta Thunberg hat sich offensichtlich hier eine heile Kohle – Welt vorführen lassen. Obwohl es schon kritische Stimmen gibt, die sich beginnen zu äußern.

Dazu:

Einen Gewerkschaftsführer hatte ich einmal gefragt, ob sie sich Gedanken über Alternativen für die Bergarbeiter machen würden, denn die Regierungen offensichtlich nicht. Wir würden ja sehen, dass in ehemaligen Revieren die Armut Einzug hält. Ich hatte Mühe unser freundschaftliches Verhältnis zu retten, denn ich hatte damit suggeriert, dass es ein AUS für die Kohle geben könnte. Er stellte dann die Frage, ob die Billigkohle aus dem Ausland, ja sogar aus Übersee wirklich billiger wäre und alle Kosten berücksichtigt werden würden, was er bezweifele.

Die Veranstalter des Treffens mit Greta Thunberg genießen nicht gerade den besten Ruf. Andrzej Chwiluk und Jerzy Hubka sind lt. Gazeta Wyborcza Geschäftemacher und haben im Rahmen einer Ausschreibung für die Reinigung von Transportmitteln im Bergbau Subunternehmen gegründet. Dies wurde als eine Stiftung zur Schaffung von Arbeitsplätzen deklariert. Von den Löhnen für die Arbeiten erhielten die Beschäftigten nur einen Teil des Geldes, teilweise wurden keine Abgaben abgeführt, also recht undurchschaubare Geschäftemacher…

Eisenbahn ohne Konzept POLITYKA, 22.01.2020

300 Millionen kostete die Erneuerung der Strecke von Elk nach Szczytno. 85% bezahlte die EU. Es fährt um 4.07 und um 12.21 ein Zug in die Bezirkshauptstadt. Den Fuhrpark finanziert nicht die EU, die regionalen Politiker können sich mit den tollen Sanierungen brüsten. Aber wenn weiter keine Züge fahren, weil sie dafür kein Geld haben oder ausgeben wollen? Die Polnischen Bahnen brüsten sich damit, dass sie 76 Milliarden PLN für die Sanierung der Schienen ausgeben – das sind 9.000 km Schienen, 40% des gesamten Netzes. Aber niemand kontrolliert, ob die Gelder für die Infrastruktur tatsächlich diese verbessert haben. Es gibt sogar Gebiete, in denen die Gleise neu verlegt werden, obwohl der Zugverkehr eingestellt wurde und es nicht danach aussieht, dass der Woiwode die Absicht hat die Strecke wieder zu beleben. Es gibt Beispiele, wo nicht nur Gleise erneuert werden, sondern der Zugverkehr verdichtet wird und Strecken wieder in Betrieb genommen werden, wie in Niederschlesien, Posen und Lodz. Gerade Regionen, die an der Peripherie und in PiS Verwaltung sind werden von der Bahn abgehängt. Es scheint, als ob die Bahn als (notwendiges) Übel angesehen wird.

Von Warschau nach Lublin wurde an der Strecke gebaut und wird weiter gebaut, obwohl die Fahrzeit 1,5 Std. betragen sollte, beträgt sie weiter 3 Std. Dafür ist aber die Schnellstraße fertig. Nicht anders ist es zwischen Posen und Warschau – auf der einen Seite die Autobahn, auf der anderen die erneuerte Bahntrasse, wo die Fahrzeit sich eher verlängert als verkürzt hat. Nun müssen die Arbeiten bis 2023 beendet sein, sonst verfallen die EU Gelder.

Außer den Bahnreisenden scheint es niemanden zu interessieren, ob die Züge schneller und öfter fahren. Die Bahner können voll stolz die erneuerten Strecken verkünden, die Woiwoden können nicht gezwungen werden mehr Züge zu kaufen, wenn sie es nicht wollen, den Betreibern von Zügen reicht das Tempo, so müssen sie nicht mehr Lokführer einstellen und Brüssel reicht es wenn die Belege stimmen.

Unser Großer Heiliger Johannes Paul II. magazynkontakt.pl Dezember 2019

Wir lassen es nicht zu, dass der Name unseres Großen Heiligen Papstes Johannes Paul II. verunglimpft wird“ sagte ein Erzbischof anlässlich einer Wallfahrt an Kardinal Dziwisz gewandt, dem ehemaligen Sekretär eben dieses Papstes,.

Ein brisantes Thema ist das Problem des sexuellen Missbrauchs. Wenn dies überhaupt zur Sprache kommt, dann wird beschwichtigend gesagt, dass es der Papst wohl nicht wusste, weil sein Umfeld – vor allen Dingen sein Sekretär und spätere Erzbischof von Krakau Dziwisz blockierte. Eine der Ursachen für den Missbrauch ist der Klerikalismus, der in langer Tradition die Priester als etwas höheres, ja als Engel auf Erden, angesehen werden. Wojtyla hat als Papst die „Laien“, besonders die Frauen, an den Rand der kirchlichen Institutionen auch des Vatikans gedrängt und das Zölibat als ein heraushebendes Zeichen dargestellt. Dabei führt es zu einer Distanz zu den Gläubigen. Dieses Herausgehoben Sein Gefühl führt auch dazu, dass viele Bischöfe sich wie Fürsten – samt einem Hofstaat von Sekretären, Chauffeuren, Zeremonienmeistern, Köchinnen, Zimmermädchen, u. a. – aufführen und solch einen Lebensstil pflegen. Der klerikale Kult ist eines des Ver – Schweigens. Damit einher geht der Umgang mit der Homosexualität. Der polnische Papst hat Ratzinger beauftragt dazu ein Papier zu erstellen. Im Endeffekt sagt es den Gläubigen Schwulen und Lesben, sie sollten damit nicht an die Öffentlichkeit gehen, ansonsten sollten sie sich nicht wundern, wenn sie schlecht behandelt werden. Dabei gehen Untersuchungen davon aus, dass 25-40% der Priester homosexuell seien und in seinem Buch „Sodoma“ beschreibt Frédéric Martel über homosexuelle Bünde innerhalb des Vatikans. Der polnische Papst prangerte Missbrauchsopfer des Wiener Erzbischofs Gröer an, sie würden die Ehre dessen beschmutzen und verglich dies mit dem Opfer Jesu. Im Nachruf lobte er Gröer für seine große Liebe zur Christus und seiner Kirche. Und es war nicht das einzige Beispiel des Wegschauens und Nicht Wissen Wollens. Besonders die unrühmliche Gestalt des Gründers der Legion Christi Marcial Maciel Degollado. Schon 1943 wurden seine pädophilen Neigungen dem Vatikan bekannt. JP II hielt es nicht davon ab mit ihm zusammen zu arbeiten, von ihm Geld zu nehmen und ihn als herausragenden Seelsorger der Jugend zu rühmen. Degollado missbrauchte auch seine eigenen Kinder, die er mit verschiedenen Frauen hatte. Erst nach dem Tod von Wojtyla wurde er des Amtes enthoben. Allerdings sind er und diese Herren weder ins Gefängnis gekommen, noch wurde ihnen ihr Priesteramt aberkannt.

(Diesbezüglich macht Stanislaw Obirek in seinem neusten Buch darauf aufmerksam, dass Franziskus bei einem Flug den Journalisten erzählte, dass Ratzinger an Wojtyla mit der Akte „Degollado“ herantrat und unverrichteter Dinge mit dieser Akte wieder abziehen musste. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Papst war es, diese Akte hervor zu holen und den Chef der Legionäre Christi des Amtes zu entheben)

Leider wird eine Diskussion innerhalb der katholischen Kirche – besonders in Polen – über Papst Johannes Paul II schwierig werden, weil er überstürzt zum HEILIGEN gekürt wurde. Neben der Vertuschung von Missbrauch werden andere Felder der Sexualmoral, die dieser Papst vorgeschrieben hat, zu hinterfragen sein – Geburtenkontrolle, Verwendung von Kondomen wegen des hohen Risikos des HIV besonders in Afrika.

Die Zeitschrift Kontakt wird von einer Gruppe herausgegeben, die sich als Linkskatholiken bezeichnen und im Umfeld der KIK – Klub der katholischen Intelligenz – angesiedelt sind. In dieser zitierten Ausgabe reflektieren sie das Verhältnis der Polen zu „ihrem“ Papst. Vor allen Dingen hinterfragen sie den Standpunkt dieses Papstes zu Fragen der Körperlichkeit – „Moraltheologie“ und zur Theologie der Befreiung. Sie wollen die Diskussion über diesen Papst eröffnen, denn dies wäre jetzt für das Christentum, die Kirche und Polen dringend notwendig.

Lehrer am Limit TYGODNIK POWSZECHNY, 05.02.2020

Nach Aussagen der WHO gibt es nur dann psychisch gesunde Schüler, wenn die Lehrer psychisch gesund sind. Das Bildungssystem in Polen krankt, weil die Regierung immer wieder neue Bildungsrichtlinien erlässt. Lehrer und Pädagogen werden nicht gehört. Von den 200.000 befragten Lehrern durch die ZNP (Polnische Gewerkschaft der Lehrer) gaben 47% an, dass das Bildungssystem in einem schlechten bis nicht zulässigem Zustand sei und weitere 47% gaben ihm die 3 als Zensur. Die Lehrer genießen in der polnischen Bevölkerung ein hohes Ansehen. Aber nicht so bei der Regierung, wie die Streiks im vergangenem Jahr es zeigten. Über ihre Köpfe hinweg wurden die Gymnasien abgeschafft. Diese wurden 1999 eingeführt, vorher gab es die 8 jährige Grundschule, die dann auf 6 Klassen verkürzt wurde und das Gymnasium umfasste 3 Jahre. Dieses Schulsystem sollte auch die jüngeren Schüler schützen und den Heranwachsenden ein entsprechendes Schulniveau geben, um dann einen besseren Start in weiterbildende Einrichtungen wie Lyzeum, Technikum oder Berufsschule zu haben.

Durch die Reform mussten im vergangenem Jahr zusätzlich 370.000 Schüler von den Mittelschulen aufgenommen werden – es verdoppelten sich die 7. Klassen.