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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2020 |

Toxische Männlichkeit, Teil 2

Warum Feminismus uns allen hilft
von Tim Kühnel

Durch die angelernten Verhaltensweisen in der frühkindlichen Entwicklung manifestieren sich starke Rollenbilder und toxische Verhaltensweisen im erwachsenen Alter (siehe SoZ 3/2020), die allen Geschlechtern schaden.


Männer sterben während der Ausübung ihres Berufs häufiger als Frauen, dies belegt das Statistische Bundesamt. Männer nehmen viel häufiger gefährliche Jobs an als Frauen – in der Industrie oder im Militär. Tun sie dies, weil sie es wollen oder weil sie sich dazu genötigt fühlen? Wie würden sie wählen, wenn sie wirklich die freie Wahl hätten, ohne den Druck der Gesellschaft und der Stereotype?
Männern wird von klein auf anerzogen, Härte zu beweisen und ihre Emotionen zu unterdrücken, dies wirkt sich stark auf ihre mentale Gesundheit aus. Sie begehen viermal so oft Suizid wie Frauen, Frauen begehen jedoch dreimal so viele Suizidversuche. Die Differenz ist darauf zurückzuführen, dass Männer zu härteren Suizidmethoden greifen, als Frauen. In diesem Fall ist toxische Männlichkeit also tödlich. Auch greifen Männer wesentlich häufiger zu Alkohol als Frauen, denn Alkohol ist ein beliebtes Mittel bei unterdrückten Emotionen. Statistiken belegen auch, dass Männer sich bei mentalen Problemen viel seltener Hilfe suchen. Ihnen wird von klein auf eingebläut, stark zu sein.
Sexuelle Übergriffe werden in den meisten Fällen von Männern ausgeübt, und sie tun dies nicht, weil sie biologisch nun mal so sind, sondern weil ihnen Verhaltensweisen antrainiert werden, die dazu führen.
Besonders stark spiegelt sich die Schädlichkeit toxischer Männlichkeit allerdings in der LGBTIQ-Community wider. Jugendliche, die nicht der Heteronormativität entsprechen, haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie heterosexuelle Jugendliche. Sie steigt nochmal massiv, wenn die Familien die sexuelle Orientierung der Jugendlichen nicht akzeptieren. Besonders stark haben transgender- und transsexuelle Personen zu leiden. 41 Prozent von ihnen haben bereits einen Suizidversuch unternommen.
Auch gehen Homofeindlichkeit und toxische Männlichkeit oft Hand in Hand. Schwule Männer werden oft als weniger bis gar nicht männlich angesehen und bekommen Sprüche zu hören wie: «Lesben sind okay, aber Homos sind schwul», oder werden gar körperlich angegriffen. Homosexuelle Männer werden auch oft mit einer unterwürfigen Stellung verbunden.
Toxische Verhaltensweisen haben Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Da es als Schwäche ausgelegt wird, Gefühle zu zeigen, führt das in einer Beziehung häufig zu Verschlossenheit und fehlender Kommunikation.
Gewalt ist die primitivste Form, um Dominanz und Stärke zu beweisen; toxische Männlichkeit fördert sie. Besonders stark spiegelt sich dieses Verhältnis in der häuslichen Gewalt wider. Aus einer Statistik des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahre 2018 geht hervor, dass 25 Prozent aller Frauen körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erleben. Allein im Jahr 2018 gab es 68500 Fälle einfacher und 12100 Fälle schwerer Körperverletzung, 28700 Fälle von Bedrohung, Stalking oder Nötigung, 1612 Fälle von Freiheitsberaubung und 324 Fälle von Mord und Totschlag. Bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen in Partnerschaften sind die Opfer zu 98,4 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es fast 88,5 Prozent. Die Dunkelziffern liegen wesentlich höher.

Wie toxische Männlichkeit überwinden?
Bei dieser Frage geht es nicht darum, die Männlichkeit abzuschaffen, wie uns Antifeministen weis machen wollen. Sie wollen uns glauben lassen, Feminismus bedeute Verbot, er ist jedoch nicht Verbot, sondern Befreiung: Befreiung von überholten Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Zwängen. Wenn Männer sich benachteiligt, übergangen und diskriminiert fühlen, ist dies kein umgekehrter Sexismus von Feministinnen. Es ist das Patriarchat, das Männern wie Frauen schadet. Wenn der Feminismus uns von diesem befreien möchte, so hilft er uns allen.
Ein Prozess des Umdenkens findet in unserer Gesellschaft bereits statt, doch es gibt noch viel zu tun. Wir sollten anerkennen, dass Männlichkeit wie Weiblichkeit Konstrukte sind, die auf sozialen, kulturellen und kontextuellen Normen beruhen. Klassische männliche oder weibliche Eigenschaften gibt es nicht. Was wir als männlich oder weiblich verstehen, ist geprägt von unserem Umfeld und der Gesellschaft, in der wir leben. Männlichkeit ist nicht eindimensional. Wir entwickeln im Laufe unseres Lebens verschiedene soziale Identitäten. Diese leben wir im Sport zum Beispiel anders aus als im Freundeskreis oder in der Partnerschaft. Jede dieser Identitäten hat ihre Berechtigung und ist ein gleichrangiger Teil des Charakters.
Wir sollten anerkennen, dass Privilegien, Sexismus und Macht Einfluss auf unser Leben haben. Hautfarbe, Geschlecht und Geburtsort spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um Möglichkeiten geht, die uns im Laufe unseres Lebens geboten werden. Wir sollten unsere Privilegien anerkennen, unsere Macht reflektieren und unseren Einfluss nutzen, um eine gerechtere Welt möglich zu machen. Wir sollten positive Elternfiguren für unsere Kinder sein. Denn die Überwindung von Geschlechterrollen gelingt nur, wenn wir unseren Kindern gleichberechtige Partnerschaften vorleben und sie positive Vorbilder haben.
Auch sollte uns bewusst sein, dass Gefühle für alle da sind. Auch Männer weinen, sind verletzlich und wollen sich geborgen fühlen. Emotionen sind menschlich. Und das wichtigste: Lasst uns traditionelle Geschlechterrollen aufbrechen. Das ist nicht nur gut für uns selber, sondern für alle Menschen um uns herum!


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