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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2020 |

Toxische Männlichkeit

Ist männliches Verhalten generell schädlich?
von Tim Kühnel

Der Begriff toxische Männlichkeit begegnet uns immer wieder. Zuletzt hat er im Zusammenhang mit #metoo für Aufregung und erhitzte Gemüter gesorgt. Viele Männer fühlen sich durch den Begriff angegriffen und denken, man wolle ihnen ihre Männlichkeit absprechen bzw. alles «männliche» für toxisch erklären. Doch darum geht es nicht.


In dieser zweiteiligen Reihe setzen wir uns mit toxischer Männlichkeit auseinander. Im ersten Teil möchte ich versuchen zu erklären, was man unter männlichen Verhaltensweisen und toxischer Männlichkeit versteht und wie dieses Verhalten entsteht. Im zweiten Teil entschlüsseln wir, was daran toxisch ist und wem es schadet, und stellen Thesen auf, wie wir toxische Männlichkeit überwinden können.
Es gibt kein Schema F, das Männlichkeit definiert, jeder hat eine eigene subjektive Sicht darauf. Wenn man allerdings Menschen fragt, was sie unter Männlichkeit verstehen, fallen oft Begriffe wie Dominanz, Selbständigkeit, Stärke, Kraft, Mut, Verantwortung usw. Im folgenden verwende ich daher den Begriff «Männlichkeit» für Verhaltensweisen, die von der Gesellschaft als männlich betrachtet/angesehen werden. Doch nicht jede «männliche» Verhaltensweise ist gleich toxisch.

Der Begriff toxic masculinity kommt aus der soziologischen Geschlechterforschung. Darunter versteht man Verhaltensweisen und Umgangsformen (meist von Männern ausgeübt), die dazu dienen sollen, «Männlichkeit» zu demonstrieren. Einige davon sind schädlich. Wieso und was daran schädlich/toxisch ist, dazu kommen wir im zweiten Teil. Auch ist mir wichtig aufzuzeigen, dass toxische Verhaltensweisen von Männern nicht nur anderen schadet, sondern dass sie auch selbst unter den propagierten Männlichkeitsbildern/den Machtstrukturen des Patriarchats leiden.
Welche als männlich angesehene Verhaltensweisen sind nun toxisch? Einige von ihnen sind das ganz offensichtlich. Dazu gehören Gewalt, Aggressionen, Übergriffigkeit und Einschüchterung. Bei anderen Verhaltensweisen ist das nicht auf den ersten Blick offensichtlich, sondern erst, wenn man sich näher damit auseinandersetzt und die Auswirkungen betrachtet. Dazu zählen emotionale Verschlossenheit, Kontrollwahn, Härte, Konkurrenzdenken, Objektifizierung, Dominanz und ungesunder Stolz. Das alles sind Verhaltensweisen, die wir, die Gesellschaft, als eher männlich oder typisch männlich ansehen, die anderen Personen oder den Personen, die sie ausüben jedoch schaden.
Dazu einige Beispiele: Das erste Beispiel trug sich 1996 in einer Middle School in den USA zu. Jamie Nabozny verklagte seine Schule, weil er in dieser wegen seiner sexuellen Orientierung vom Leiter einer kirchlichen Jugendgruppe vergewaltigt, gemobbt, krankenhausreif geschlagen und zum Suizidversuch getrieben wurde. Wenn er sich in solchen Situationen bei der Schulleitung verstecken wollte, ließ diese das nicht zu und erwiderte nur: «Boys will be boys» («Jungs sind halt Jungs») – wenn er sich so offen schwul verhalte, müsse er mit solchen Reaktionen rechnen.
Solche Situationen prägen ein Kind. Es entwickelt eine unbewusste Voreingenommenheit, bei der solche Geschlechterstereotypen unbewusst als natürlich aufgefasst und andere dann an diesen gemessen werden. Das geschieht, wie im Fall dieses Beispiels dann, wenn aggressives und respektloses Verhalten von erwachsenen Bezugspersonen als natürlich wahrgenommen und mit Phrasen wie «Boys will be boys» abgetan werden.
Solche Geschlechterstereotype dienen jedoch auch leicht als Ausflüchte, um sich nicht weiter mit anderen Auslösern, den wahren Gründen und dem Fehlverhalten selbst auseinandersetzen zu müssen. Auch bringt es jungen Menschen bei, später im Erwachsenenalter ein solches Fehlverhalten als natürlich zu akzeptieren. Je früher sich diese Geschlechterstereotype verfestigen können, desto wahrscheinlicher ist es, dass später im Leben schädliches Verhalten unkritisch entschuldigt und ausgeübt wird.
Mein persönlicher Lieblingsspruch – und meiner Meinung nach der mit den schädlichsten Auswirkungen – ist: «Männer weinen nicht», oder: «Indianer kennen keinen Schmerz». Wer kennt die Situation nicht? Ein Kind auf der Straße fällt hin und der Mutter oder der Vater tröstet es und sagt so etwas wie: «Männer weinen nicht!» Eigentlich steckt der Widerspruch schon in der Situation selbst: Wenn Männer nicht weinen, wieso muss man ihnen dann beibringen, ihre Emotionen zu unterdrücken? Das ist ein weiteres Stereotyp, das schon im frühen Alter antrainiert wird. Männern wird oft sehr früh beigebracht, ihre Emotionen zu unterdrücken. Diese entladen sich dann sehr oft in Aggressionen, und dieses Verhalten wird bis ins Erwachsenenalter weitergetragen.
Ein weiteres Stereotyp, das antrainiert wird, ist das Dominanzverhalten von Männern. Das geschieht schon im Sportunterricht durch Sprüche wie: «Du wirfst wie ein Mädchen». Auch wenn ein Junge in der Schule weint, kommen nicht selten Aussagen wie: «Du weinst wie ein Mädchen». Wenn man sich nicht «männlich» genug verhält, bekommt man zu hören: «Du verhältst dich wie ein Mädchen», oder: «Du verhältst dich schwul». Auch wird Kindern oft beigebracht, dass Männer das starke Geschlecht sind, überlegen sind und das Sagen haben. Dadurch vermitteln sich schon früh Werte wie die, dass Weiblichkeit eine schlechte Eigenschaft ist, der man sich mit allen Mitteln widersetzen sollte, und dass Männlichkeit sich über die Bestätigung anderer und zumeist fremder Männer definiert.
Das sind nur einige Beispiele, an denen deutlich wird, dass diese Verhaltensweisen und Stereotype nicht etwa typisch männlich oder gar genetisch bedingt sind, sondern von der Gesellschaft antrainiert werden. Genetisch gesehen gibt es nämlich keine Unterschiede zwischen Mann und Frau bei Schüchternheit, Angst, Aggressionen, Glücksempfinden, Trauer und Emotionalität.


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