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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Warum nach Halle vor Halle ist…

Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Erinnerungsstörungen
von Helmut Dahmer

Nachstehend veröffentlichen wir das Vorwort zu einer Aufsatzsammlung von Helmut Dahmer, die kürzlich unter dem Titel Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen ist (101 S.,10 Euro).

«Die Hysterischen wissen nicht,
was sie nicht wissen wollen.»
Siegmund Freud

Am 9.Oktober 2019, dem Jom-Kippur-Fest, plante der 27jährige Stephan Balliet, ein schwer bewaffneter Nachahmer des norwegischen Massenkillers Breivik und ähnlicher Mordgesellen, ein Massaker in der an diesem Tag unbewachten Halleschen Synagoge.
Als er die Zugangstür weder aufschießen noch aufsprengen konnte, erschoss er zunächst eine nichts ahnende Passantin. Dann entdeckte er, 500 Meter weiter, das türkisch-kurdische Bistro «Kiez Döner». «Döner? Nehmen wir», murmelte er. Er feuerte auf einen Bauarbeiter, der im Kiosk Deckung suchte und um sein Leben flehte. Um sicher zu gehen, dass er diesen Mann getötet hatte, kam er wenig später noch einmal zurück und schoss erneut auf den Leblosen. Nach einem Schusswechsel mit Polizisten und einer anderthalbstündigen Verfolgungsjagd, bei der er zwei weitere Menschen anschoss, wurde er nach einem von ihm verursachten Unfall verhaftet.
Ausgerüstet war er mit vielerlei – zum Teil selbst gefertigten – Waffen und einer Helmkamera, die seine Aktionen samt seinen Kommentaren simultan ins Internet übertrug. Adressiert war diese mörderische «Show» – wie ein kurz zuvor von ihm publiziertes, englisches «Manifest» – an «Follower», also an die zerstreute Gemeinschaft derer, die glauben, sie müssten die an sich «überlegene» weiße «Rasse» mit Attentaten gegen alle Nichtweißen verteidigen, von denen sie andernfalls überwältigt würden.
Dieses Bündnis der Hautfarbenfetischisten und Paranoiker hat vor allem «dem Juden», in zweiter Linie «den Muslimen», den Kampf angesagt, das heißt den Angehörigen zweier der drei an einen Gott glaubenden Weltreligionen. Bevorzugte Attentatsziele sind dementsprechend Synagogen und jüdische Friedhöfe oder Moscheen, für die ersatzweise – wie es die NSU-Bande praktiziert hat – auch «Döner»-Buden und ähnliche kleine Geschäfte attackiert werden können, die erkennbar von Nichtdeutschen geführt werden.
Balliets «Manifest» und die Präsentation seiner Aktion «in Echtzeit» richtete sich an die «virtuelle» Community, die «Internet-SS» (so Balliet), als deren «Mitglied» er sich – ansonsten eher ein «loser» – bewähren wollte und in deren «Rängen» er aufzusteigen hoffte, um schließlich vielleicht sogar als einer der großen Killer (im Szenejargon «Saint») anerkannt zu werden.
Kernpunkte seines «Manifests» sind: Den Holocaust habe es nie gegeben; der Feminismus habe sinkende Geburtenraten im Westen zur Folge; das wiederum diene denen als Rechtfertigung, die eine Migranten-Invasion zwecks Bevölkerungsaustausch organisierten… «Die Wurzel all dieser Probleme [sei] der Jude», darum müsse er (Balliet) «so viele Anti-Weiße wie möglich [töten], bevorzugt [aber] Juden». Und wenn es ihm auch nur gelänge, einen einzigen von ihnen umzubringen, sei sein Vorhaben schon gerechtfertigt.

Empörungsrituale
Was folgte, war altgewohnt und darum vorhersagbar: Kurzfristig aufwallende Empörung, folgenlose Trauerzeremonien. Die antisemitisch/antimuslimisch motivierten Untaten wurden als «entsetzlich», «völlig unerwartet», «zutiefst erschreckend», «beispiellos» und «unbegreiflich» etikettiert.
Politiker sprachen zum x-ten Mal routiniert von einem «Alarmsignal» und von «Anfängen», die sich leider immerfort wiederholen, denen es nun jedenfalls zu wehren gelte, und stellten allerlei Maßnahmen in Aussicht, die es nun endlich wirklich zu treffen gelte.
Versprechungen dieser Art sind aus zahllosen Wahlkämpfen bekannt, und keiner nimmt sie mehr ernst. Zudem dachten die «Repräsentanten» vor allem an neue Überwachungstechniken und an den personellen Ausbau von Polizei und «Verfassungsschutz», die sich ja schon bei der «Aufdeckung» der NSU-Morde so hervorragend bewährt haben.
Das gesamte Beruhigungs- und Bewältigungsritual, das bei Unglücksfällen und Hassverbrechen zum Einsatz kommt, weil es zu nichts verpflichtet, wurde also noch einmal abgespult. Wie üblich waren die Hallenser Bevölkerung, andere «Menschen draußen im Lande», die sachsen-anhaltinische Polizei, die meisten bekannten Berufspolitiker sowie manche «Experten» völlig «überrascht» darüber, dass «so etwas bei uns» möglich ist.
Dass sie also in der Ausnahme nicht die Regel erkannten, auch diesmal wieder außerstande waren zu erkennen, dass das vermeintlich singuläre Ereignis nur ein Glied in einer langen Kette nationaler und internationaler Vorläuferereignisse gleichen Typs ist, bedarf allerdings der Erklärung.

Kollektive Gedächtnisschwäche
Pathisches [zwanghaftes] Vergessen trifft vor allem Zusammenhänge. Wer ihm verfällt, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die (Mord-)Serie zerfällt ihm in lauter»Einzelfälle», die Bandenkriminalität in «isolierte Einzeltäter»… Die pathetischen Leerformeln, die jede Deutung der als «unvorstellbar» charakterisierten Mordaktionen blockieren, und die hohlen Versprechungen, die das Erschrecken lindern sollen, indem sie irgendeine Abhilfe in Aussichtstellen, sind Symptome einer stets wieder überraschenden Vergesslichkeit der «Politik» und ihrer Klientel.
Die einhundert Ausländermorde der 90er Jahre – Schnee von gestern, die Attentate der NSU – war da was? Jede neue Untat löscht offenbar ihre Vorgänger aus. Die kollektive Gedächtnisschwäche hat eine Vorgeschichte. Die Fähigkeit zum angestrengten und darum nachhaltigen Vergessen wurde in Deutschland im Frühjahr 1945 eingeübt, als sich die in Krieg, Raub und Massenmord verstrickte «Volksgemeinschaft» durch einen Sprung in das Verdrängen zu reinigen suchte.
Seither wird alles abgewehrt, was an die «dunklen» zwölf Jahre erinnert, und das wird immer mehr, seit nicht nur Vergangenheitshistoriker, die es ausgraben, sondern auch Vergangenheitswiederholer, völkische Ideologen und Mordgesellen, die es darstellen, auf den Plan treten.
Nur wer imstande ist, sich aus dem Bann des jeweils aktuellen «Events» und der von ihm ausgelösten Affekte zu lösen, vermag es, die Kette der Untaten zurückzuverfolgen und die Tendenz aufzuspüren, die in ihnen sich geltend macht. Die Judenfeindlichkeit wird nicht von wenigen, unbelehrbaren Antisemiten oder von vielen muslimischen Migranten in die deutsche Gesellschaft hineingetragen, sondern lebt, aller Aufklärung zum Trotz, untergründig – als «Alltagsantisemitismus» – in ihr fort.
Dieser ist zum einen das Erbe vieler Jahrhunderte der Ghettoisierung, Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Minderheit durch die christliche Mehrheit, zum andern der Niederschlag von zwölf Jahren nationalsozialistischer Propaganda und Indoktrination. Und weil das nie «aufgearbeitet», also zu Bewusstsein gebracht wurde, taucht die Judenfeindschaft in Zeiten der Krise unweigerlich wieder auf, als eine «Erklärung», die den Vorteil bietet, dass sie denen, die sie sich zu eigen machen, einen historisch «bewährten» Ausweg eröffnet – den der Ausgrenzung, Vertreibung und Beseitigung aller «Fremden», die für die Krise verantwortlich gemacht werden.
Würden deutsche Menschen – Jahrzehnte nach dem Ende des faschistischen Schreckensregimes – in ihrer Mehrheit sich dessen bewusst, dass ihre idyllischen Heimaten und «blühenden Landschaften» ungeheure Schindanger sind, auf denen vor nur drei Generationen ungezählte Menschenschlachthöfe standen, sähen sie sich auch nur ein Mal die von Konzentrationslagern gesprenkelte Karte des «Dritten Reiches» an – die auf dem großen Vergessen basierende Ahnungslosigkeit, die sie angesichts der aktuellen Verbrechen in ihrer Mitte an den Tag legen, müsste ihnen die Schamröte ins Gesicht treiben. Aus wäre es mit der feierlichen Berufung auf «unsere westlichen Werte», die im barbarischen 20.Jahrhundert nur zu gründlich entwertet worden sind.
So aber wird ein «Aufstand der Anständigen» nach dem andern ausgerufen, als lebten wir in einer ewigen «Stunde Null» oder im Morgengrauen eines immerwährenden Neujahrstags. Altbekannte Gebetsmühlen werden angedreht, das «Nie wieder!» wird beschworen statt gelebt, und ein Sprecher der sächsisch-anhaltinischen Polizei kommentiert das Hallesche Attentat mit dem Satz, man könne schließlich «nicht alles [!] vorhersehen und verhindern»…

Faschistischer «Untergrund»
Seit 1945 hat sich in deutschen Seelen und Landen ein faschistischer «Untergrund» herausgebildet, eine unheimliche Parallelwelt unerledigter Wunsch- und Albträume, deren Sendboten immer öfter in die so oft beschworene und vermeintlich längst erreichte «Normalität» verstörend einbrechen. Wer mit schweigenden Großeltern und unwissend gehaltenen, Finsteres allenfalls ahnenden Eltern aufwuchs, der ist auch an das Vergessen unliebsamer Erfahrungen gewöhnt. Und wer am großen Vergessen teilhat, verliert jede Orientierung, kennt weder sich, noch die Gegenwart und kann nichts und niemanden identifizieren.
Die Nachkriegszeit war die hohe Zeit der Identitätswechsler und ihrer Maskenbälle, und auch die heutige politische Szene gleicht einem verwirrenden Mummenschanz. Leugner und Ignoranten füllen die Bühne, mitten drin die Nostalgiker, die glanzvollen Mordzeiten nachtrauern, und so, wie einst Faschisten als Demokraten auftraten, spielen sich heute Antisemiten als ziemlich beste Freunde Israels auf. In den Kulissen warten derweil die Wiederkäuer der NS-Weltanschauung und ihr Stoßtrupp, die Aktivisten, die Worten Taten folgen lassen.

Wien, 17.Oktober 2019


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