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Corona in Indien

Das Leid der muslimischen Tagelöhner
von Dominik Müller

«Es ist eine schreckliche Sache, in solchen Zeiten ein Tagelöhner zu sein, aber noch schlimmer ist es, ein muslimischer Arbeiter zu sein», sagt der 30jährige Ershad Hossain, Arbeiter in einer Textilfabrik der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai, gegenüber dem Online-Magazin The Wire. Sein Heimatdorf liegt mehr als 2000 Kilometer entfernt im Bundesstaat Westbengalen.


Von der Ankündigung bis zur Umsetzung der Ausgangssperre für die 1,3 Milliarden Inder vergingen nur vier Stunden. Seit dem 24.März ist das öffentliche Leben lahmgelegt, keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren mehr. Millionen von Wanderarbeitern, die aus den Städten zurück in ihre Dörfer wollten, sind im Nirgendwo gestrandet.
«Zu Hause bleiben, soziale Distanz halten und Hände waschen», lautete auch das Motto der indischen Regierung. Damit haben Premierminister Narendra Modi und seine hindunationalistische Partei BJP zwar den Ton getroffen, den ihre Wählerbasis aus der Mittelschicht erwartet hat. An den Bedürfnissen der Mehrheit der Bevölkerung ging das Motto aber völlig vorbei: 80–90 Prozent der Inder arbeiten im informellen Sektor, ohne Kranken-, Renten- und Unfallversicherung. Vor allem in den Slums der urbanen Zentren leben sie manchmal mit einem Dutzend Menschen in einem Raum. Fließendes Wasser ist hier die Ausnahme. Noch schlimmer wirkt die Ausgangssperre, denn die meisten sind auf ihren Tageslohn angewiesen, leben von der Hand in den Mund, als Hilfsarbeiter auf Baustellen, Rikscha-Fahrer, Straßenhändler und Tagelöhner in Fabriken.
Zu den Tagelöhnern gehören vor allem Dalits (ehemals sog. «Unberührbare») und Angehörige der muslimischen Minderheit – letztere machen 14 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind, seitdem die Hindunationalisten die Regierung stellen, immer wieder Ziel von Diskriminierung und tätlichen Angriffen. Mit dem neuen Einbürgerungsgesetz hat die BJP Ende vergangenen Jahres ein Gesetz erlassen, das Muslime offen ausgrenzt. Proteste gegen das Gesetz nutzten radikale Hindus als Rechtfertigung für gewalttätige Übergriffe.
Nun hetzen sie, darunter auch Abgeordnete der Regierungspartei BJP, in den sozialen Medien erneut gegen die muslimische Minderheit und reden vom «Corona-Jihad»: Muslime, so behaupten sie, würden das Virus verbreiten, um Indien zu schaden: seiner Wirtschaft, seiner Regierung, der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit. Muslime würden andere bewusst anhusten und einige Imame sogar zu solchen Handlungen aufrufen.
Die These wird auch von Mainstream-Medien aufgegriffen. Als Hauptquelle für die Infizierung in Indien machen sie den überwiegend muslimischen Stadtteil Nizamuddin in Neu-Delhi aus, berühmt für seine Sufi-Schreine und Kebapstände. Dort befindet sich auch das sechsstöckige Hauptquartier der Glaubensgemeinschaft Tablighi Jamaat. Vom 13. bis 15.März fand dort ein lange geplantes internationales Pilgertreffen mit 4000 Teilnehmern statt. Darunter, so wurde Anfang April bekannt, waren mehrere Infizierte.
Indische Teilnehmer hätten das Virus überall im Land verteilt, berichteten die Medien. Vom «Nizamuddin Coronavirus Trail», dem «Pfad des Nizamuddin-Coronavirus», ist seitdem die Rede, der von Kaschmir bis zu den Andamanen reiche. Behörden nutzen Handydaten, Bewegungsprofile und offizielle Datenbanken der Regierung, um die Teilnehmer des Treffens zu identfizieren. Die Nachrichenagentur Reuters spricht von einer regelrechten «Menschenjagd», die auch medial inszeniert werde. Anfang April waren es knapp 500 Fälle, die direkt mit dem Pilgertreffen in Verbindung gebracht wurden. Laut Angaben des Innenministeriums sind im Zusammenhang mit dem Tablighi-Treffen in Delhi derzeit 9000 Menschen in Quarantäne.

Sündenbock für Versäum­nisse der Regierung
Mujeeb ur-Rehman, ein Sprecher der Tablighi-Jamaat, weist die Vorwürfe zurück: «Indien hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderte von Fällen. Es wäre falsch zu sagen, dass unser Treffen eine große Quelle für den Ausbruch des Virus im Land war.»
Tatsächlich hatte die indische Regierung bereits am 10.März fünfzig Infizierte registriert. Trotz internationaler Warnungen erklärte sie sogar noch am 13.März, dass es keinen gesundheitlichen Notstand in Indien gebe – während die Lokalregierung in Neu-Delhi bereits Versammlungseinschränkungen verhängt hatte. Mitte März fanden überall in Indien noch religiöse Massenveranstaltungen statt, etwa ein hinduistisches Pilgerfest am 17. und 18.März im südindischen Tirupati-Tempel, an dem sich 40000 Gläubige beteiligten.
«Die Modi-Regierung hat bewusst versucht, die Tablighi-Jamaat-Affäre zu dramatisieren und hervorzuheben», sagt Achin Vanaik, emeritierter Dekan der Fakultät für Internationale Politik an der Universität Delhi. Sie habe der «Verfolgung und Lokalisierung der Teilnehmer des Tablighi-Treffens in Delhi höchste Priorität eingeräumt». Keine andere Massenveranstaltung habe eine ähnliche Aufmerksamkeit durch Behörden und Medien erfahren. «Die Botschaft der Hindunationalisten, dass die Muslime wieder einmal die Hauptbedrohung sind, lenkt von den Versäumnissen der Regierung ab.»
Diese habe viel zu lange gezögert, bis sie überhaupt bereit war, Maßnahmen zu ergreifen. Und habe, ebenso wie andere Regierungen auch, im Rahmen ihrer neoliberalen Politik das öffentliche Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren regelrecht «ausgehöhlt». Vor allem habe die Regierung keine Antwort auf die Situation der Wanderarbeiter, die überall in Indien gestrandet sind und nicht adäquat versorgt werden.
Die Saat der Hindunationalisten geht auf: Wenn Er­shad Hussain und seine Kollegen in Mumbai für Lebensmittelhilfe anstehen, werden sie oft abgewiesen. Einzelne Ärzte weigern sich, Muslime zu behandeln, radikale Hindus greifen Moscheen an, eine Bürgerwehr in einem Nachbarstadtteil Nizamuddins hat Barrikaden errichtet, im Bundesstaat Assam sind zwei Dutzend Wanderarbeiter von einem bewaffneten Mob attackiert worden, in Karnataka verprügelten Dorfbewohner Muslime, weil sie «Coronavirus-Verteiler» seien.
In einem Offenen Brief schreiben mehrere indische Intellektuelle von einer regelrechten «Hexenjagd gegen die Teilnehmer des Nizamuddin-Pilgertreffens». «Die Teilnehmer sollten identifiziert werden, ohne sie zu kriminalisieren, und gemäß den Normen unter Quarantäne gestellt werden.» Das Virus kümmere sich nicht um religiöse oder nationale Unterschiede: «Eine Lösung wird nur durch wissenschaftliche Bemühungen und menschliche Solidarität erreicht werden.»


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