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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2020 |

Covid-19 in Nigeria

Nebeneffekte einer Pandemie und ihrer Bekämpfung
von Thadeus Pato

Die Maßnahmen, die zuerst in China und dann in Europa zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen wurden, werden aktuell weltweit kopiert. Was das allerdings in Ländern für Folgen haben kann, die weder über ein ausgebautes Gesundheitssystem, noch über soziale Sicherungssysteme verfügen, zeigt sich derzeit unter anderem in Nigeria.

Aus Deutschland nach Nigeria
Der erste Coronafall in Nigeria war ein italienischer Staatsangehöriger, der in Lagos einreiste. Viel wichtiger für den weiteren Verlauf war jedoch ein betroffener Politiker: Unter den ersten bestätigten Coronapatienten war der am 17.April an den Folgen der Infektion verstorbene zweite Mann (Chief of staff) hinter dem Staatspräsidenten Muhammad Buhari, Abba Kyari, der von vielen Nigerianern als Schattenpräsident bezeichnet wurde. Er hatte das Virus am 15.März von einer Reise nach München mitgebracht, wo er mit Siemens verhandelt hatte, und dann offensichtlich auch noch den Gouverneur des Bundesstaates Bauchi angesteckt.
Daraufhin ging im Regierungsviertel die Angst um, nicht zuletzt weil praktisch jeder Kontakt zum Präsidenten über Abba Kyari lief und er bis zu seiner positiven Testung zahlreiche Kontakte hatte. Kyari wurde von der Hauptstadt Abuja in eine geheimgehaltenes privates Behandlungszentrum nach Lagos geflogen. In der Folge war das einzige Testlabor in Abuja vorwiegend damit beschäftigt, Mitglieder der politischen Elite zu testen – die meisten davon gehören der Hauptrisikogruppe der alten kranken Männer an.
Die Angst ist durchaus berechtigt. Die Elite des Landes misstraut nicht ohne Grund den einheimischen Gesundheitseinrichtungen und fliegt im Bedarfsfall lieber zur Behandlung ins Ausland – vorwiegend nach Großbritannien, Deutschland oder in die USA. Dieser Weg war nun allerdings durch die Grenzschließungen versperrt, damit saß man selbst in dem Boot fest, dessen Seeuntüchtigkeit man in der Vergangenheit verschuldet hatte.

Die epidemiologische Situation
Da es in Nigeria zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie nur fünf Labors landesweit gab, die in der Lage waren, auf Covid-19 zu testen (mit Stand vom 17.4. sind es inzwischen dreizehn), sind die derzeit ausgegebenen Zahlen in keiner Weise aussagekräftig: Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land in Afrika mit 200 Millionen Einwohnern und weist (Stand 19.4.) 542 bestätigte Fälle und 19 Todesfälle aus. Zum Vergleich: Im fast zehnmal kleineren Kamerun, das 25 Millionen Einwohner zählt, waren es zum gleichen Zeitpunkt 1017 Fälle und 42 Tote. Die Testfrequenz ist nach wie vor niedrig, bis zum 18.April wurden gerade einmal rund 7200 Tests durchgeführt. Den Verantwortlichen war deshalb klar, dass die Zahlen die wahre Situation in keiner Weise abbildeten und dass dringend etwas geschehen musste.

Die Maßnahmen…
Auf einem inoffiziellen Krisentreffen wurde diskutiert, wie mit der Situation umzugehen sei. Das Ergebnis war eine Kopie dessen, was in Europa getan wurde: Ausgangssperre, zunächst für 14 Tage (inzwischen verlängert), für die drei hauptbetroffenen Regionen Abuja, Lagos und Ogun State – die meisten der von der Regierungspartei APC gehaltenen Teilstaaten zogen dann nach, die von der Oppositionspartei PDP regierten in der Regel nicht –, Schließung der internationalen Flughäfen, Einstellung des innernigerianischen Flugverkehrs und schließlich Schließung der Binnengrenzen der Bundesstaaten. Versammlungsverbote wurden ebenfalls ausgesprochen.
Diskutiert wurde auch, wie die Versorgung der Erkrankten zu verbessern sei. Denn das öffentliche Gesundheitssystem in Nigeria ist in einem desolaten Zustand. Die wenigen öffentlichen Gesundheitseinrichtungen sind unterfinanziert, qualitativ schlecht und die (besseren) privaten Krankenhäuser für die überwältigende Mehrheit unerschwinglich, versichert sind die allerwenigsten Einwohner. Landesweit gibt es insgesamt an den öffentlichen Kliniken sage und schreibe 50 Beatmungsplätze.
Der Vorschlag allerdings, rasch 1000 Beatmungsmaschinen zu beschaffen, wurde von einem bei der Sitzung anwesenden Arzt mit dem berechtigten Argument gekontert, dass dies nichts nützen würde, da man kein qualifiziertes Personal habe, um sie auch verlässlich zu betreiben.
Inzwischen hatte sich übrigens der größte Teil der ausländischen Beschäftigten der meisten der in Nigeria tätigen Firmen, des Personals der Botschaften und einiger NGOs aus dem Staub gemacht, der Rest ging in den Wohncamps in selbstauferlegte Quarantäne. Dabei gab es auch Pannen: Zehn nordmazedonische Vertragsarbeiter einer türkischen Firma waren von letzterer bei der überstürzten Abreise vergessen worden und saßen in einem lokalen Hotel fest – ohne Englischkenntnisse und ohne Geld…

…und ihre Folgen
Die Ausgangssperren und die Schließung von Märkten und Geschäften trafen und treffen den Großteil der Bevölkerung hart. Hamsterkäufe gab es schon deshalb nicht, weil die Masse der Bevölkerung dafür kein Geld hat, allein in Lagos leben von den 20 Millionen Einwohnern 5 Millionen Erwerbstätige auf Tagelöhnerbasis – das Geld von heute reicht nur für das Essen von morgen. In Abuja gab es eine Reisewelle – wer konnte, fuhr aufs Land zur Verwandtschaft, wo die immer noch verbreitete Subsistenzwirtschaft gewisse Vorteile bietet.
Der Regierung war bewusst, dass die Ausgangssperre ohne zusätzliche Maßnahmen nicht durchzuhalten sein würde, und sie reagierte mit zweierlei: erstens mit einer massiven Polizei- und Militärpräsenz auf den Straßen, sowie mit Durchgangs- und Grenzkontrollen im Inland und an den Binnen- und Außengrenzen; zweitens mit der Verteilung von Almosen: 20000 Naira (rund 50 Euro) für bedürftige Familien sowie Verteilung von Grundnahrungsmitteln wie Reis in den Armenvierteln. Das ist allerdings nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein.
In Europa hatte die Ausgangssperre ja auch positive Folgen. Ein Beispiel aus Österreich: «Die fünfmal täglich veröffentlichten Berichte der Tiroler Polizei haben derzeit nur wenig Inhalt. Die sonst üblichen Meldungen über Diebstähle, Einbrüche und manchmal auch Raubdelikte fallen aus.» «Die Anzahl der Straftaten ist rückläufig», bestätigt auch Katja Tersch, Leiterin des Landeskriminalamts: «Und zwar in allen Bezirken. Die Rückgänge sind in fast allen Bereichen der Kriminalität spürbar.» (Tiroler Tageszeitung vom 19.3.2020.)
In Nigeria ist es genau anders herum. Die Kriminalität nimmt aufgrund der Not, die die Ausgangssperre auslöste, zu und der Einsatz der Polizei (im Volksmund als «armed robbers», bewaffnete Räuber, bezeichnet, weil sie bei Kontrollen gerne Geld nimmt) tut sein übriges. Bis zum 16.April, als die Zahl der Coronaopfer noch bei 12 lag, waren laut Angaben der Nationalen Menschenrechtskommission Nigerias bereits 18 Personen im Rahmen der Durchsetzung der Ausgangssperre durch die Polizei zu Tode gekommen – auch hier dürfte es eine erhebliche Dunkelziffer geben.
Und die Arrestzellen sind voll. In Lagos hatten in einem Viertel die Einwohner einen Einbrecher gefasst und riefen die Polizei an. Die antwortete, sie würde nicht kommen, da sie keinen Platz für Gefangene mehr habe. In solchen Fällen nehmen die Nigerianer dann in der Regel die Sache selbst in die Hand, z.B. mittels «necklacing», d.h. einem mit Benzin gefüllten Autoreifen, der um den Hals gelegt und angezündet wird.
Aber es gibt stellenweise auch schon handgreiflichen Widerstand gegen die Quarantänemaßnahmen. Die Arbeiter einer chinesischen Firma in der Guangdong-Freihandelszone im Bundesstaat Ogun z.B. zerstörten und verbrannten mehrere Firmenfahrzeuge, weil sie von der Unternehmensleitung ohne ihr Einverständnis auf dem Firmengelände isoliert worden waren. In Lagos gab es in mehreren Armenvierteln kleinere Demonstrationen gegen die Ausgangssperre.

Trübe Aussichten
Aus den genannten Gründen ist zu bezweifeln, dass Länder wie Nigeria die derzeitigen Maßnahmen lange durchhalten können – und es ist auch zu bezweifeln, dass sie wirklich effektiv sind. Zu messen ist das nicht, jedenfalls solange es keine flächendeckende Erfassung der Infektionen gibt, und die wird es auf absehbare Zeit auch nicht geben (siehe oben). Der Gouverneur von Rivers State, Wike, hat einen Teil der Einschränkungen auch schon wieder aufgehoben und die Firmen aufgefordert, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, mit dem Argument, es gebe in seinem Staat keine Infektionen (tatsächlich gab es zwei Fälle, die ausgeheilt sind). Allerdings gibt es in ganz Rivers bisher auch kein einziges Labor, das testen kann.
Befürchten muss man allerdings: Wenn die derzeitige Situation länger anhält, werden mehr Menschen an den Nebeneffekten der Bekämpfungsmaßnahmen sterben als am Coronavirus selbst.

P.S.: Nebenbei bemerkt hat auch der US-amerikanische Präsident für Opfer gesorgt: Als Trump verlautbarte, das Uralt-Malariamedikament Chloroquin könne gut gegen Covid-19 sein, verzeichneten die nigerianischen Krankenhäuser zahlreiche Chloroquinvergiftungen.


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