Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 05 > Covid-19

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2020 |

Covid-19 und die Kreisläufe des Kapitals

von Rob Wallace, Alex Liebman, Luis Fernando Chaves, Rodrick Wallace*

Covid-19, die Krankheit die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht wird, dem zweiten Virus, das für eine schwere akute Atemwegserkrankung verantwortlich ist, ist jetzt offiziell eine Pandemie.

Seit Ende März an sind ganze Städte abgeschottet, und in einem Krankenhaus nach dem anderen kommt die medizinische Versorgung infolge des Zustroms von Patienten zum Erliegen.

Berechnung

China kann, nach dem Rückgang des ersten Ausbruchs, gegenwärtig durchatmen. Südkorea und Singapur ebenfalls. Europa – besonders Italien und Spanien, aber zunehmend auch andere Länder – hat schon vom Beginn des Ausbruchs an viele Todesfälle zu beklagen. In Lateinamerika und Afrika beginnen sich die Fälle erst jetzt zu häufen, einige Länder sind dabei besser vorbereitet als andere. In den USA, die führend ist, wenngleich nur als das reichste Land in der Weltgeschichte, sieht die Zukunft düster aus.

Der Ausbruch soll seinen Höhepunkt nicht vor Mai erreichen und bereits jetzt schlagen sich Pflegepersonal und Krankenhausbesucher um die geringer werdende Menge an Schutzmitteln. Krankenschwestern, denen die Centers for Disease Control and Protection (CDC) empfohlen hatten, Halstücher und Schals als Masken zu verwenden, haben bereits prophezeit, dass „das System dem Untergang geweiht ist“.

Die US-Regierung überbietet mittlerweile einzelne Staaten weiter bei medizinischer Grundausrüstung, die sie ihnen zuvor zu verkaufen verweigert hatte. Sie hat auch eine Grenzschließung als Maßnahme für die öffentliche Gesundheit angekündigt, während das Virus im Lande wütet.

Ein Epidemiologenteam des Imperial College hat prognostiziert, dass die beste Kampagne zur Eindämmung der Krankheit – die Abflachung der Kurve sich anhäufender Fälle durch Quarantänemaßnahmen für entdeckte Fälle und soziale Isolierung der Senioren – in den USA immer noch zu 1,1 Millionen Toten und eine Belastung an Fällen führt, die achtmal so groß ist wie die verfügbare Anzahl der dafür nötigen Krankenhausbetten. Die Unterdrückung der Krankheit, um den Ausbruch zu stoppen, würde das Gesundheitssystem in Richtung einer Quarantäne wie in China praktiziert verschieben und die Schließung von Institutionen einschließen. Die prognostizierte Zahl der Toten könnte so auf 200.000 gesenkt werden.

Die Gruppe des Imperial College schätzt, dass eine solche Kampagne zur Unterdrückung mindestens 18 Monate dauern müsste, verbunden mit einem gewaltigen wirtschaftlichen Abschwung und dem Verfall der öffentlichen Dienste. Das Team schlägt vor, die Erfordernisse der Krankheitseindämmung und der Wirtschaft durch ein Ein- und Ausschalten der Quarantänestationen auszugleichen – entsprechend der Anzahl der Betten, die auf den Stationen belegt sind.

Vertreter anderer Modelle haben dies zurückgewiesen. Eine von Nassim Taleb, bekannt durch seine Theorie des „Schwarzen Schwans“, geführte Gruppe erklärt, dass das Modell des Imperial College weder eine Verfolgung der Kontakte noch eine Von-Tür-zu-Tür-Überwachung einschließt. Ihr Gegenvorschlag berücksichtigt jedoch nicht, dass die Bereitschaft vieler Staaten zu einem solchen cordon sanitaire nicht vorhanden ist. Erst wenn die Pandemie zurückgeht, werden viele Länder solche Maßnahmen ins Auge fassen, und dann hoffentlich mit funktionalen und genauen Tests.

Die Taleb-Gruppe stellt fest, dass sich die Gruppe des Imperial College weigert zu untersuchen, unter welchen Bedingungen das Virus ausgerottet werden kann. Eine solche Ausrottung bedeutet nicht, dass es keine Fälle mehr gibt, sondern lediglich eine ausreichende Isolation, sodass einzelne Fälle wahrscheinlich keine neuen Infektionsketten auslösen. Nur 5 Prozent der Ansteckungsgefährdeten, die Kontakt mit einem Fall hatten, haben sich anschließend in China infiziert. Tatsächlich favorisieren Taleb und sein Team das chinesische Eindämmungsprogramm, das schnell genug ist, um die Pandemie auszurotten, ohne in ein Marathon zu geraten zwischen der Kontrolle der Krankheit einerseits und dem Schutz der Wirtschaft vor Arbeitskräftemangel andererseits. Anders gesagt, Chinas striktes (und ressourcenintensives) Herangehen erspart der Bevölkerung monatelange – oder gar jahrelange – Absonderung, die die Gruppe des Imperial College anderen Ländern empfiehlt.

Der mathematische Epidemiologe Rodrick Wallace, einer der Autoren des vorliegenden Beitrags, kehrt die Modellierungstabelle gänzlich um. Die Modellierung von Notfällen, so wichtig sie auch ist, sagt nicht, wann und wo zu beginnen ist. Strukturelle Ursachen sind ebenso Teil des Notstands. Sie einzubeziehen hilft uns herauszufinden, wie jenseits eines Neustarts der Ökonomie, die den Schaden verursacht hat, am besten reagiert werden kann. „Wenn Feuerwehrleute ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben“, so Wallace, „können die meisten Feuer unter normalen Bedingungen zumeist mit geringen Opfern und geringer Zerstörung von Eigentum eingedämmt werden. Eine solche Eindämmung hängt jedoch entscheidend von einem weit weniger romantischen, aber nicht weniger heldenhaften Unternehmen ab: den ständigen und regelmäßigen Anstrengungen, die Gefährdung von Gebäuden durch die Entwicklung und Durchsetzung von Regeln zu begrenzen … Bei pandemischen Infektionen kommt es auf den Kontext an, und die aktuellen politischen Strukturen, die es den multinationalen Agrarunternehmen erlauben, ihre Gewinne zu privatisieren und die Kosten zu externalisieren und zu sozialisieren, müssen Regularien unterworfen werden, die diese Kosten neu integrieren, wenn eine fatale Pandemie in naher Zukunft vermieden werden soll.“

Das Versäumnis, sich nicht auf den Ausbruch vorzubereiten und darauf zu reagieren, begann nicht erst im Dezember, als weltweit nicht angemessen gehandelt wurde, nachdem Covid-19 sich von Wuhan aus verbreitete. In den USA begann es z.B. nicht erst, als Trump sein nationales Sicherheitsteam zur Vorbereitung auf eine Pandemie auflöste oder 700 CDC-Stellen unbesetzt ließ. Es begann auch nicht, als das FBI es versäumte, auf die Resultate einer Pandemie-Simulation von 2017 zu reagieren, die zeigte, dass das Land unvorbereitet war. Und auch nicht damit, als eine Reuters-Schlagzeile feststellte, dass die USA „in China einen CDC-Experten Monate vor dem Ausbruch entlassen hatten“, obwohl das Fehlen eines direkten Kontakts eines US-Experten vor Ort in China die Reaktion der USA gewiss geschwächt hat. Und es begann auch nicht mit der unglücklichen Entscheidung, die bereits verfügbaren Testkits, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Verfügung gestellt worden waren, nicht zu verwenden. Zusammen werden wahrscheinlich die Verzögerungen bei der rechtzeitigen Information sowie das totale Fehlen von Tests verantwortlich für den Verlust vieler, wahrscheinlich Tausender Menschenleben.

Das Scheitern wurde tatsächlich bereits vor Jahrzehnten vorprogrammiert, als das öffentliche Gesundheitswesen zugleich vernachlässigt und monetarisiert wurde. Ein Land, das von einem Regime individualisierter Just-in-time-Epidemiologie gefangen gehalten wird und kaum genug Krankenhausbetten und Ausstattung für normale Operationen hat, ist per definitionem unfähig, die Ressourcen bereitzustellen, die für eine Virenunterdrückung wie in China erforderlich sind.

Der Argumentation der Taleb-Gruppe zu Modellstrategien in ausdrücklicheren politischen Begriffen folgend, bezieht sich der Seuchenökologe Luis Fernandes Chaves, ein weiterer Autor unseres Beitrags, auf die dialektischen Biologen Richard Levins und Richard Lewontin, und pflichtet ihnen darin bei, dass „die Zahlen sprechen zu lassen“ nur alle bereits zuvor entfalteten Annahmen verschleiert. Modelle wie das der Gruppe des Imperial College beschränken ausdrücklich den Umfang der Analyse auf eng zugeschnittene Fragen, die in den Rahmen der herrschenden Gesellschaftsordnung eingefügt sind. Deshalb können sie die für den Ausbruch verantwortlichen umfassenderen Marktkräfte und die politischen Entscheidungen, die den Interventionen zugrunde liegen, nicht erfassen.

Ob bewusst oder nicht, die daraus resultierenden Projektionen setzen die Sicherung der Gesundheit für alle an die zweite Stelle, die vielen tausend am meisten Gefährdeten, die sterben würden, wenn ein Land zwischen Seuchenkontrolle und der Ökonomie schwanken sollte. Die Foucaultsche Vision eines Staates, der in seinem eigenen Interesse auf seine Bevölkerung einwirkt, bildet nur eine aktuelle, wenngleich sanftere, Aktualisierung des malthusianischen Drängens nach Herdenimmunität, das die britische Tory-Regierung und jetzt die Niederlande vorgeschlagen haben, damit das Virus ungehindert durch die Bevölkerung brennen kann. Jenseits einer ideologischen Hoffnung gibt es kaum einen Beweis dafür, dass Herdenimmunität den Ausbruch sicher stoppen würde. Das Virus könnte sich einfach unterhalb der immunen Decke der Bevölkerung weiterentwickeln.

Intervention

Was sollte stattdessen getan werden? Zuerst müssen wir begreifen, dass wir es bei der richtigen Antwort auf den Notstand immer noch mit sowohl Notwendigkeit als auch Gefahr zu tun haben.

Wir müssen Krankenhäuser verstaatlichen, so wie es Spanien als Antwort auf den Ausbruch getan hat. Wir müssen die Anzahl und die Frequenz der Tests steigern, wie es der Senegal getan hat. Wir müssen Medikamente vergesellschaften. Wir müssen ein Höchstmaß an Schutz für das medizinische Personal durchsetzen, um dessen Rückgang zu verlangsamen. Wir müssen das Recht auf Reparatur von Beatmungs- und anderem medizinischen Gerät sichern. Wir müssen mit der Massenproduktion von antiviralen Cocktails wie Remdesivir und Chloroquin, dem alten Malaria-Medikament, und anderen vielversprechenden Medikamenten beginnen, während wir klinische Studien durchführen, um zu klären, ob sie über das Labor hinaus wirksam sind. Ein Planungssystem sollte errichtet werden, das 1. Unternehmen zwingt, die nötigen Beatmungsgeräte und die Schutzausrüstung für die Pflegekräfte zu produzieren, und 2. der Zuteilung an die Stellen mit dem größten Bedarf Vorrang gibt.

Wir müssen ein massives Pandemiekorps aufstellen, um die Arbeitskräfte bereitzustellen – von der Forschung bis zur Pflege –, die den Anforderungen entsprechen, die das Virus (und jeder andere Erreger, der in Zukunft noch auftauchen kann) an uns stellt. Die Fallzahlen sind mit der Zahl der Pflegebetten, dem Personal und der notwendigen Ausrüstung abzustimmen, sodass durch die Vermeidung der Ausbrüche die Lücke überbrückt werden kann. Mit anderen Worten, wir können nicht die Vorstellung akzeptieren, den anhaltenden Luftangriff von Covid-19 bloß zu überleben, nur um später zu Kontaktnachverfolgung und Fallisolierung zurückzukehren, um den Ausbruch unter seine Schwelle zu treiben. Wir müssen ausreichend Personal einstellen, um jetzt Covid-19 von Tür zu Tür zu identifizieren, und es mit der erforderlichen Ausrüstung, z.B. adäquaten Masken, ausstatten. In derselben Weise müssen wir uns von einer Gesellschaft verabschieden, die um Enteignung herum organisiert ist, von Vermietern bis hin zu Sanktionen gegen andere Länder, damit die Menschen sowohl die Krankheit als auch die Heilung von ihr überleben können.

Doch bis solch ein Programm durchgesetzt werden kann, wird der Großteil der Bevölkerung weitgehend im Stich gelassen. Auch wenn dauerhaft Druck auf widerspenstige Regierungen ausgeübt werden muss, sollten sich, im Geiste einer weitgehend verlorenen 150 Jahre alten Tradition proletarischer Organisierung, die einfachen Leute soweit wie möglich den entstehenden Selbsthilfe- und Nachbarschaftsgruppen anschließen. Professionelles Gesundheitspersonal, das die Gewerkschaften entbehren können, sollte diese Gruppen schulen, damit sich das Virus durch freundliche Akte nicht ausbreitet.

Das Insistieren darauf, den strukturellen Ursprung des Virus in der Notfallplanung zu berücksichtigen, bietet uns einen Schlüssel, um durch jeden Schritt vorwärts dem Schutz der Menschen Priorität vor dem der Profite Vorrang zu geben.

Eine der vielen Gefahren liegt in der Normalisierung der gegenwärtigen „Fledermauskot-Hysterie“, eine zufällige Charakterisierung angesichts des Syndroms, dass Patienten sprichwörtlich an Fledermauskot in der Lunge leiden. Wir müssen den Schock bewahren, den wir erhielten, als wir erfuhren, dass ein weiteres SARS-Virus aus seinem Refugium in der Wildnis auftauchte und sich innerhalb von acht Wochen über die Menschheit ausbreitete. Das Virus tauchte am Ende einer regionalen Versorgungskette exotischer Lebensmittel auf, und löste am anderen Ende in Wuhan erfolgreich eine Mensch-zu-Mensch-Kette von Infektionen aus. Von dort verbreitete sich der Ausbruch lokal, sprang auf Flugzeuge und Züge über und dann über den ganzen Erdball entlang eines durch Reiseverbindungen strukturierten Netzes und entlang einer Hierarchie von größeren zu kleineren Städten.

Abgesehen von der Beschreibung des Markts für Wild in der typischen Weise des Orientalismus, wurde wenig Mühe auf die offensichtlichste Frage verwendet: Wie kam es dazu, dass der Sektor für exotische Nahrungsmittel seine Waren neben dem traditionellen Vieh auf dem größten Markt in Wuhan verkaufen konnte? Die Tiere wurden nicht von der Ladefläche eines Lkw oder in einer Seitengasse verkauft. Man denke an die damit verbundenen Genehmigungen und Zahlungen (und ihre Deregulierung). Weit jenseits der Fischerei ist der Handel mit Wild weltweit ein zunehmend formalisierter Sektor, der immer mehr von denselben Quellen kapitalisiert wird, die auch die industrielle Produktion unterstützen. Obwohl die Produktion in ihrem Ausmaß bei weitem nicht annähernd mit der industriellen Produktion vergleichbar ist, ist die Unterscheidung jetzt eher unklar.

Die sich überschneidende Wirtschaftsgeografie reicht vom Markt in Wuhan bis ins Hinterland, wo exotische und traditionelle Nahrungsmittel durch Prozesse am Rande einer schrumpfenden Wildnis produziert werden. Da die industrielle Produktion bereits den Rest des Waldes beeinträchtigt hat, müssen Betriebe für die Produktion von Wild immer weiter vordringen, um ihre Delikatessen zu gewinnen oder die letzten Bestände zu plündern. Als Resultat findet der exotischste aller Krankheitserreger, in diesem Fall SARS-2 mit einem Fledermauswirt, seinen Weg auf einen Lkw, entweder in tierischen Nahrungsmitteln oder in den Arbeitskräften, die sie versorgen, nur einen Flintenschuss entfernt von dem sich ausweitenden periurbanen Kreislauf, bevor er die Weltbühne betritt.

Infiltration

Dieser Zusammenhang sollte weiter ausgeführt werden, um uns bei der Planung während dieses Ausbruchs zu helfen, und damit wir begreifen, wie die Menschheit sich in eine solche Falle manövrieren konnte.

Einige Krankheitserreger gehen direkt aus den Produktionszentren hervor. Das gilt für Bakterien in Lebensmitteln wie Salmonella oder Campylobacter. Aber viele wie der Erreger von Covid-19 haben ihren Ursprung an den Grenzen der Kapitalproduktion. In der Tat entstehen mindestens 60 Prozent der neuartigen menschlichen Krankheitserreger durch das Übergreifen von einem Wildtier auf lokale menschliche Gemeinschaften (bevor die erfolgreicheren sich auf den Rest der Welt ausbreiten).

Einige Koryphäen auf dem Gebiet der Ökogesundheit, teilweise finanziert durch Colgate-Palmolive und Johnson & Johnson, Unternehmen, die die vom Agrobusiness verursachte Entwaldung vorantreiben, haben eine globale Karte erstellt, die auf früheren Ausbrüchen seit 1940 beruht und andeutet, wo neue Krankheitserreger wahrscheinlich auftreten und sich weiter verbreiten werden. Je wärmer der Farbton auf der Karte, desto eher könnte dort ein neuer Erreger auftreten. Durch die Irreführung solcher absoluten Geografien hat diese Karte – tiefrot für China, Indien, Indonesien und Teile Lateinamerikas und Afrikas – einen wichtigen Punkt ausgelassen. Mit der Fokussierung auf Ausbruchszonen werden die Beziehungen zwischen den globalen Wirtschaftsakteuren, die den Epidemiologien Gestalt verleihen, ignoriert. Die Kapitalinteressen, die entwicklungs- und produktionsbedingten Veränderungen in der Landnutzung und das Auftreten von Krankheiten in unterentwickelten Teilen des Erdballs unterstützen, belohnen Bemühungen, die den indigenen Bevölkerungen und ihren sog. „schmutzigen“ kulturellen Praktiken die Verantwortung für Ausbrüche zuweisen. Die Zubereitung von Buschfleisch und Hausbestattungen sind zwei Praktiken, die für das Auftauchen neuer Krankheitserreger verantwortlich gemacht werden. Nimmt man sich stattdessen relationale Geografien vor, so erweisen sich auf einmal New York, London und Hongkong, zentrale Quellen des globalen Kapitals, als drei der weltweit schlimmsten Hotspots.

Die Ausbruchszonen sind mittlerweile auch nicht mehr durch traditionelle Politik organisiert. Der ungleiche ökologische Austausch – die Ableitung der schlimmsten Schäden der industriellen Landwirtschaft in den globalen Süden – ist vom reinen Ressourcenraub durch einen staatlich gelenkten Imperialismus zu neuen Komplexen in allen Größenordnungen und Warenbereichen übergegangen. Das Agrobusiness ist dabei, seine extraktivistische Tätigkeit in räumlich diskontinuierliche Netzwerke entlang Territorien unterschiedlichen Ausmaßes umzugestalten. Eine Reihe multinationaler „Sojabohnenrepubliken“ erstreckt sich jetzt bspw. über Bolivien, Paraguay, Argentinien bis nach Brasilien. Die neue Geografie äußert sich in Veränderungen der Managementstrukturen der Unternehmen, in der Kapitalisierung, der Vergabe von Unteraufträgen, der Substitutionen von Lieferketten, Leasing und transnationalen Zusammenlegung von Flächen. Diese über ökologische und politische Grenzen hinweg flexibel eingebetteten „Rohstoffländer“ produzieren neue Epidemiologien.

Zum Beispiel berücksichtigt, trotz einer generellen Verschiebung der Bevölkerung von kommodofizierten ländlichen Regionen in städtische Slums, die heute weltweit stattfindet, der Stadt-Land-Gegensatz, der die Basis der Diskussion über das Auftreten von Krankheiten bildet, nicht das Ausmaß der ländlichen Arbeit und das rasche Wachstum ländlicher Städte zu periurbanen desakotas (Stadtdörfern) oder Zwischenstädten. Mike Davis und andere haben gezeigt, wie diese neuen sich urbanisierenden Landschaften sowohl als lokale Märkte als auch regionale Drehscheiben für landwirtschaftliche Waren für den globalen Markt fungieren. Einige dieser Regionen sind sogar „postagrarisch“ geworden. Ein Resultat ist, dass die Dynamik der dem Wald eigenen Krankheiten – die Primärquelle der Krankheitserreger – nicht mehr allein auf das Hinterland beschränkt ist. Die damit verbundenen Epidemiologien sind selbst relational geworden und über Zeit und Raum hinweg spürbar. Eine SARS-Erkrankung kann plötzlich auf Menschen in einer Großstadt überspringen, die nur wenige Tage von ihrer Fledermaushöhle entfernt liegt.

Ökosysteme, in denen solche „wilden“ Viren teilweise durch die Komplexität des Tropenwalds kontrolliert wurden, werden durch kapitalgelenkte Entwaldung verarmt sowie, am anderen Ende der periurbanen Entwicklung, durch Defizite im öffentlichen Gesundheits- und Sanitärwesen. Während als Resultat viele Krankheitserreger der Wälder gemeinsam mit ihren Wirten absterben, breitet sich nun eine Untergruppe von Infektionen, die einst relativ schnell im Wald ausbrannten, und sei es auch nur aufgrund einer unregelmäßigen Begegnung mit ihrem typischen Wirt, über anfällige menschliche Populationen aus, deren Anfälligkeit für Infektionen in den Städten oft durch die Sparpolitik und fehlende Regulierungen noch zusätzlich verstärkt wird. Auch angesichts wirksamer Impfstoffe sind die daraus resultierenden Ausbrüche durch ein größeres Ausmaß, einer längeren Dauer und einer stärkeren Dynamik gekennzeichnet. Was einst ein lokales Überschwappen war, sind jetzt Epidemien, die sich durch globale Reise- und Handelsnetze ziehen.

Durch diesen Parallaxe-Effekt – allein durch eine Veränderung des Umwelthintergrunds – haben sogar alte Standards wie Ebola, Zika, Malaria und Gelbfieber, die sich vergleichsweise wenig weiterentwickeln, scharfe Wendungen hin zu regionalen Bedrohungen genommen. Sie sind plötzlich von einem Überspringen auf Bewohner abgelegener Dörfer hin zu einer Infizierung Tausender in Metropolen übergegangen. In einer entgegengesetzten ökologischen Richtung erleiden sogar Wildtiere, die seit langem ein Krankheitsreservoir bilden, einen Rückschlag. Einheimische Neuweltaffen, deren Populationen durch die Entwaldung fragmentiert werden und die für Gelbfieber anfällig sind, dem sie seit mindestens hundert Jahren ausgesetzt sind, verlieren ihre Herdenimmunität und sterben zu Hunderttausenden.

Expansion

Die Agroindustrie dient allein durch ihre globale Expansion sowohl als Antrieb wie auch als Bindeglied, wodurch Krankheitserreger unterschiedlicher Herkunft von den entferntesten Reservoirs in die meist globalisierten Bevölkerungszentren wandern. Hier und auf diesen Wegen infiltrieren neue Krankheitserreger abgeschlossene landwirtschaftliche Gemeinschaften. Umso länger die damit verbundenen Lieferketten und umso größer das Ausmaß der Entwaldung, desto vielfältiger (und exotischer) sind die zoonotischen Krankheitserreger, die in die Nahrungskette eindringen. Zu den in jüngerer Zeit auftretenden und erneut auftretenden Krankheitserregern im Agrar- und Lebensmittelsektor, die aus dem gesamten anthropogenen Bereich stammen, gehören die afrikanische Schweinpest, Campylobacter, Cryptosporidium, Cyclospora, Ebola Reston, E.coli O157:H7, die Maul-und-Klauen-Seuche, Hepatitis E, Listeria, Nipah-Virus, Q-Fieber, Salmonella, Vibrio, Yersinia und eine Reihe neuer Grippevarianten, darunter H1N1 (2009), H1N2v, H3N2v, H5N1, H5N2, H5Nx, H6N1, H7N1, H7N3, H7N7, H7N9 und H9N2.

Wenngleich nicht beabsichtigt, ist jedoch die gesamte Produktionskette um Praktiken organisiert, die die Entwicklung von Krankheitserregern und ihre anschließende Übertragung beschleunigen. Der Anbau genetischer Monokulturen – als Nahrung dienende Tieren und Pflanzen mit nahezu identischen Genomen – lässt Barrieren der Immunität verschwinden, die in genetisch vielfältigeren Populationen eine Übertragung verlangsamen. Krankheitserreger können sich jetzt schnell entlang gewöhnlicher immuner Genotypen der Wirte entwickeln. Gleichzeitig schwächen beengte Zustände die Abwehrreaktion. Größere Tierpopulationen in Farmen und die Dichte von Fabrikfarmen vergrößern die Wahrscheinlichkeit der Übertragung und erneuter Ansteckung. Der typische hohe Aktivitätsgrad, der Teil jeder industriellen Produktion ist, schafft einen ständig erneuerten Nachschub an verwundbaren Tieren in den Ställen, Farmen und auf regionaler Ebene. Dies führt dazu, dass die Entwicklung tödlicher Krankheitserreger nicht begrenzt werden kann. Die gemeinsame Unterbringung vieler Tiere begünstigt die Erregerstämme, die sie am besten befallen können. Die Herabsetzung des Schlachtalters – auf sechs Wochen bei Hühnern – erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Selektion von Krankheitserregern, die in der Lage sind, auch ein robusteres Immunsystem zu überleben. Die Ausdehnung der geografischen Reichweite des Tierhandels und -exports hat die Vielfalt der Genomsegmente verstärkt, die die damit verbundenen Krankheitserreger untereinander austauschen. Dadurch erhöht sich die Geschwindigkeit, mit der die Krankheitserreger ihre evolutionären Möglichkeiten erkunden.

Während sich die Entwicklung der Krankheitserreger auf all diesen Wegen beschleunigt, gibt es jedoch wenig bis gar keine Intervention, nicht einmal auf Verlangen der Industrie, bis auf die Maßnahmen, die erforderlich sind, um die Haushaltsmargen eines Quartals vor einem plötzlichen Ausbruch zu retten. Der Trend geht in Richtung eines Rückgangs der staatlichen Inspektionen von Farmen und Verarbeitungsfabriken und in die Richtung von Gesetzen gegen staatliche Überwachung und Enthüllungen durch Aktivisten, bis zu Gesetzen sogar gegen die Berichterstattung von Einzelheiten tödlicher Ausbrüche in den Medien. Trotz jüngster gerichtlicher Erfolge gegen Pestizide und Umweltverschmutzung durch die Schweinemast bleibt die private Kontrolle der Produktion ganz auf den Profit ausgerichtet. Die durch die Ausbrüche verursachten Schäden werden auf Nutztiere, Pflanzen, Wildtiere, Beschäftigte, lokale und nationale Regierungen, öffentliche Gesundheitssysteme und das Ausweichen auf ausländische Agrarsysteme als nationale Priorität abgewälzt. In den USA, berichten die CDC, nehmen lebensmittelbedingte Ausbrüche zu und mit ihnen die Anzahl der betroffenen Bundesstaaten und infizierten Menschen.

Dies bedeutet, dass die Entfremdung durch das Kapital die Entwicklung von Krankheitserregern begünstigt. Während das öffentliche Interesse vor den Toren der Farmen und Nahrungsmittelfabriken ausgesperrt wird, überwinden Krankheitserreger die Sperren biologischer Sicherheit, für die die Industrie zahlen will, und breiten sich weiter in der Öffentlichkeit aus. Die alltägliche Produktion stellt ein lukratives moralisches Risiko dar, das sich durch unsere Gesundheitssysteme frisst.

Befreiung

Es ist eine bezeichnende Ironie, dass sich New York, einer der größten Städte der Welt, sich gegen Covid-19 verbarrikadiert, eine ganze Hemisphäre entfernt vom Ursprungsort des Virus. Millionen von New Yorkern verstecken sich in Wohnungen, die bis vor kurzem von einer gewissen Alicia Glen, bis 2018 stellvertretende Bürgermeisterin für Wohnungsbau und wirtschaftliche Entwicklung, kontrolliert wurden. Glen ist ein ehemaliges Vorstandsmitglied von Goldman Sachs und Leiterin der Urban Investment Group der Firma, die Projekte in Gemeinden finanziert, die ein anderer Teil der Firma als kreditunwürdig markiert.

Glen ist natürlich keinesfalls persönlich für den Ausbruch verantwortlich, sondern sie ist eher ein Symbol einer Verbindung, die heftig an unserer Tür klopft. Drei Jahre bevor die Stadt sie nach einer Immobilienkrise und der teilweise selbstverschuldeten Großen Rezession einstellte, übernahm ihr früherer Arbeitgeber zusammen mit JPMorgan, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo & Co. und Morgan Stanley 63 Prozent der daraus resultierenden Notfallkreditfinanzierung des Bundes. Von den Gemeinkosten befreit, ging Goldman Sachs dazu über, seine Anteile zu diversifizieren, um sich in der Krise zu retten. Die Bank übernahm eine 60prozentige Beteiligung an Shuanghui Investment and Development, einem Teil des riesigen chinesischen Agrobusiness, das die US-amerikanische Firma Smithfield Foods, den größten Schweineproduzenten der Welt, aufkaufte. Für 300 Millionen Dollar kam sie auch in den vollständigen Besitz von zehn Geflügelfarmen in Fujian und Hunan, einer Provinz in der Nähe von Wuhan und innerhalb des Einzugsgebiets dieser Stadt für Nahrungsmittel aus Wildtieren. Zusammen mit der Deutschen Bank investierte sie in denselben Provinzen weitere 300 Millionen Dollar in die Schweinezucht.

Die oben beschriebenen relationalen Geografien haben den Kreis geschlossen. Es gibt die Pandemie, die derzeit die Wähler von Wohnung zu Wohnung in Glens Wahlkreisen in New York, dem größten US-Epizentrum für Covid-19, krank macht. Aber wir müssen auch erkennen, dass der Komplex der Ursachen des Ausbruchs zum Teil von New York ausging, so geringfügig die Investitionen von Goldman Sachs in diesem Fall für ein System von der Größe der chinesischen Landwirtschaft auch sein mögen.

Nationalistische Anklagen – Trumps rassistischer „China-Virus“ und das liberale Kontinuum – verschleiern die ineinandergreifenden globalen Direktiven von Staat und Kapital. Karl Marx beschrieb sie als „feindliche Brüder“. Der Tod und der von den Arbeitenden auf dem Schlachtfeld, in der Wirtschaft und jetzt auf den Liegen, auf denen sie um Atem ringen, ertragene Schaden zeigen sowohl den Wettkampf der Eliten um schwindende natürliche Ressourcen als auch die Mittel, die zur Spaltung und Eroberung der Masse der Menschheit, die in diesen Machinationen gefangen ist, geteilt werden.

Tatsächlich kann eine Pandemie, die aus der kapitalistischen Produktionsweise ensteht und von der man erwartet, dass der Staat sie verwaltet, eine Gelegenheit für die Manager und Nutznießer des Systems bieten, sich zu bereichern. Mitte Februar stießen fünf US-Senatoren und zwanzig Mitglieder des Repräsentantenhauses Millionen von Dollar an persönlich gehaltenen Aktien in Industrien ab, die wahrscheinlich durch die bevorstehende Pandemie beschädigt werden. Der Insiderhandel der Politiker basierte auf nichtöffentlichen Informationen, wenngleich einige von ihnen die Botschaft der Regierung wiederholten, wonach die Pandemie keine solche Bedrohung darstellte. Über solche krassen Diebereien hinaus ist die staatliche Korruption systemisch, eine Kennzahl am Ende des US-Akkumulationszyklus, wenn das Kapital ausgezahlt wird.

Die Anstrengungen, den Hahn weiter aufzudrehen haben etwas vergleichsweise anachronistisches, wenngleich sie um eine Verdinglichung der Finanzen über die Realität der primären Ökologien (und der damit verbundenen Epidemiologien), auf denen sie basieren, organisiert sind. Für Goldman Sachs selbst bietet die Pandemie, wie die Krisen zuvor, „Raum für Wachstum“:

„Wir teilen den Optimismus der verschiedenen Impfstoffexperten und Forscher der biotechnologischen Unternehmen die auf dem Fortschritt basieren, der bisher bei verschiedenen Therapien und Impfstoffen erzielt wurde. Wir glauben, dass die Angst beim ersten signifikanten Anzeichen eines solchen Fortschritts nachlassen wird … Der Versuch, auf mögliche Abwärtsziele zu handeln, wenn das Jahresendziel wesentlich höher liegt, ist angemessen für day traders, Personen, die dem Augenblick folgen, und für einige Hedge-Fonds-Manager, aber nicht für langfristige Investoren. Von gleicher Bedeutung ist: Es gibt keine Garantie, dass der Markt die niedrigeren Niveaus erreicht, die heute einen Verkauf rechtfertigen könnten. Andererseits sind wir eher zuversichtlich, dass der Markt schließlich ein höheres Ziel erreichen wird, angesichts der Widerstandsfähigkeit und der Vormachtstellung der US-Wirtschaft. Und schließlich denken wir tatsächlich, dass das derzeitige Niveau eine Gelegenheit bietet, das Risikoniveau eines Portfolios langsam zu erhöhen. Für diejenigen, die vielleicht auf überschüssigen liquiden Mitteln sitzen und mit der richtigen strategischen Vermögensaufteilung einen langen Atem haben, ist die Zeit gekommen, nach und nach die S&P-Aktien aufzustocken.“

Entsetzt über das anhaltende Gemetzel ziehen Menschen auf der ganzen Welt unterschiedliche Schlussfolgerungen. Die Kreisläufe von Kapital undProduktion, die Krankheitserreger kennzeichnen wie radioaktive Etiketten, gelten als skrupellos.

Wie kann man solche Systeme über das Episodische hinaus charakterisieren, wie wir es weiter oben getan haben? Unsere Gruppe entwickelt gerade ein Modell, das die Anstrengungen der modernen Kolonialmedizin übertrifft, wie sie sich in ecohealth und One Health findet und weiterhin indigene und lokale Kleinbauern für die Entwaldung verantwortlich macht, die zum Auftauchen tödlicher Seuchen führt.

Unsere allgemeine Theorie der neoliberalen Seuchenentstehung – ja, auch in China – kombiniert:

– Globale Kapitalkreisläufe;

– den Einsatz dieses Kapitals, das die Komplexität der regionalen Umwelt zerstört, die das Wachstum virulenter Erregerpopulationen in Schach hält;

– die daraus resultierende Zunahme der Raten und der taxonomischen Breite von Ereignissen des Überschwappens von Erregern auf andere Wirte;

– die sich ausdehnenden periurbanen Warenkreisläufe, die diese sich neu ausbreitenden Krankheitserreger bei Nutztieren und Arbeitskräften aus dem tiefsten Hinterland in die regionalen Städte transportieren;

– die wachsenden globalen Reise- (und Tierhandels-)Netzwerke, die die Krankheitserreger in Rekordzeit aus den besagten Städten in den Rest der Welt bringen;

– die Art und Weise, wie diese Netzwerke die Übertragungsreibung verringern und damit die Entwicklung einer größeren Letalität der Krankheitserreger sowohl bei Tieren als auch bei Menschen begünstigen;

– und, neben anderen Faktoren, die fehlende Möglichkeit der industriell gehaltenen Nutztiere, sich vor Ort zu reproduzieren, wodurch die natürliche Auslese als eine Dienstleistung des Ökosystems, die einen (nahezu kostenlosen) Krankheitsschutz in Echtzeit bietet, beseitigt wird.

Die zugrundeliegende operative Prämisse liegt darin, dass die Ursache von Covid-19 und anderer solcher Krankeitserreger nicht bloß auf irgendeinem einzelnen Infektions-Agens oder dessen klinischem Verlauf beruht, sondern auch im Bereich der ökosystemischen Beziehungen liegt, die die kapitalistische Akkumulation und andere strukturelle Faktoren zu ihrem eigenen Vorteil benutzen. Die breite Vielfalt an Krankheitserregern, die verschiedene Taxa, Wirte, Übertragungswege, klinische Verläufe und epidemiologische Resultate darstellen, kennzeichnen die unterschiedlichen Teile und Wege entlang derselben Art von Kreisläufen von Landnutzung und Wertakkumulation.

Eine allgemeines Interventionsprogramm läuft parallel weit über ein besonderes Virus hinaus.

Der nächste große Übergang des Menschen, der allein erlaubt, das Schlimmste zu vermeiden, ist die Ent-Entfremdung: die Abkehr von Siedlerideologien, die Wiedereinführung der Menschheit in die Regenerationszyklen der Erde und die Wiederentdeckung unseres Sinnes für Individuation innerhalb von Multituden jenseits von Kapital und Staat. Doch der Ökonomismus, der Glaube, dass alle Ursachen allein ökonomischer Natur sind, wird nicht genug Befreiung bringen. Der globale Kapitalismus ist eine vielköpfige Hydra, die sich mehrere Schichten sozialer Beziehungen aneignet, einverleibt und ordnet. Der Kapitalismus operiert entlang komplexer und miteinander verknüpfter Bereiche von Ethnie, Klasse und Geschlecht, während er regionale Wertregime aktualisiert.

Auf die Gefahr hin, die Vorschriften dessen zu akzeptieren, was Donna Haraway als Heilsgeschichten verworfen hat – „Können wir die Bombe rechtzeitig stoppen?“ –, muss die Ent-Entfremdung diese vielfältigen Hierarchien der Unterdrückung und die lokalspezifischen Wege, auf denen sie mit der Akkumulation interagieren, abbauen. Entlang dieses Weges müssen wir uns aus den expansiven Wiederaneignungen des Kapitals herausnavigieren, und zwar mittels eines produktiven, sozialen und symbolischen Materialismus. Der Kapitalismus macht alles zur Ware – die Erforschung des Mars hier, den Schlaf dort, Lithiumlagunen, die Reparatur von Ventilatoren, sogar die Nachhaltigkeit selbst, und stets sind diese vielen Permutationen weit über Fabriken und Farmen hinaus zu finden. Die Art und Weise, wie fast alles überall dem Markt unterworfen ist, der in einer Zeit wie dieser in den Politikern seine besten Repräsentanten sieht, könnte nicht offensichtlicher sein.

Kurz gesagt, eine erfolgreiche Intervention, die einen der vielen Krankheitserreger, die sich entlang des agrarökonomischen Kreislaufs ansammeln, daran hindert, eine Milliarde Menschen zu töten, muss einen globalen Zusammenstoß mit dem Kapital und seinen lokalen Vertretern eingehen, wenngleich einzelne Fußsoldaten der Bourgeoisie, darunter Glen, versuchen, den Schaden zu mildern. Wie unsere Gruppe in einigen unserer jüngsten Arbeiten beschreibt, befindet sich das Agrobusiness im Krieg mit der öffentlichen Gesundheit. Und letztere verliert.

Sollte jedoch eine bessere Menschheit einen solchen Generationenkonflikt gewinnen, könnten wir uns wieder in einen planetarischen Stoffwechsel begeben, der, welche unterschiedlichen lokalen Ausdrucksformen er auch aufweist, unsere Ökologien und unsere Ökonomien wieder miteinander verbindet. Solche Ideale sind mehr als eine Sache von Utopien. Auf diese Weise kommen wir unmittelbaren Lösungen näher. Wir schützen die Komplexität der Wälder, die tödliche Krankheitserreger davon abhält, Wirte direkt auf das weltweite Verkehrsnetz loszulassen. Wir führen die Vielfalt von Nutztieren und Kulturpflanzen wieder ein und reintegrieren die Viehwirtschaft und den Pflanzenbau in einem Umfang, der verhindert, dass Krankheitserreger in ihrer Virulenz und geografischen Ausdehnung zunehmen. Wir erlauben den Nutztieren sich vor Ort zu reproduzieren und setzen die natürliche Auslese wieder in Gang, die es der Immunentwicklung ermöglicht, Krankheitserreger in Echtzeit zu verfolgen. Generell hören wir auf, die Natur und die Gemeinschaft, die so voll von allem ist, was wir zum Überleben brauchen, als einen weiteren Konkurrenten zu behandeln, der vom Markt verdrängt werden muss.

Der Ausweg ist nichts weniger als die Geburt einer Welt (oder vielleicht eher die Rückkehr zur Erde). Dies wird auch dazu beitragen – die Ärmel sind hochgekrempelt –, viele unserer dringendsten Probleme zu lösen. Niemand von uns, die wir von New York bis Peking in unseren Wohnzimmern festsitzen oder, schlimmer noch, unsere Toten betrauern, möchte einen solchen Ausbruch noch einmal erleben. Ja, Infektionskrankheiten, die für den größten Teil der Menschheitsgeschichte unsere Hauptquelle vorzeitiger Sterblichkeit waren, werden eine Bedrohung bleiben. Aber angesichts des Bestiariums von Krankheitserregern, die jetzt im Umlauf sind, wobei die schlimmsten nun fast jährlich ausbrechen, werden wir wahrscheinlich eine weitere tödliche Pandemie in weitaus kürzerer Zeit als dem hundertjährigen Schlummer seit 1918 erleben. Können wir die Lebensweisen, mit denen wir uns die Natur aneignen, grundlegend ändern, sodass wir eine Waffenstillstand mit diesen Infektionen erreichen?


*Quelle: Monthly Review, Mai 2020, https://monthlyreview.org/2020/05/01/covid-19-and-circuits-of-capital/


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.