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Ein tödlicher Systemfehler

Corona, Kapitalismus und Natur
von Marijke Colle*

Innerhalb weniger Tage stand im Monat März die gesamte Automobilindustrie still. Ende März wurden bereits 1,2 Millionen Pkw weniger produziert. Die gesamte Luftfahrtindustrie ist am Boden.

Im Jahr davor waren 4,5 Milliarden Menschen geflogen, das waren 46,8 Millionen Flüge. All dies ist die Folge der weltweiten Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2, Verursacher der neuen Krankheit, die offiziell Covid-19 heißt.
Im Augenblick verbreitet sich das Virus mit einer nie zuvor gekannten Geschwindigkeit in einer menschlichen Bevölkerung, die noch nie mit diesem Virus in Kontakt gekommen ist und deshalb keine Immunität dagegen ausprägen konnte. Gleich wie das Virus Ebola, das HI-Virus, die Vogelgrippe und weitere Grippearten wurde es vom Tier auf den Menschen übertragen. In der Natur haust es wahrscheinlich auf Fledermäusen. Die Pandemie hat ihren Ursprung im oft illegalen und nicht dokumentierten Handel mit Wildtieren – ausgehend von einem Markt in Wuhan, wo Fledermäuse in großer Zahl verkauft wurden.
Die sog. Spanische Grippe, der im Jahr 1918 zwischen 20 und 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde durch ein Virus verursacht, das heute den Namen H1N1 trägt. Andere Grippeviren folgten: die «Asiatische Grippe» 1957/58 mit einer Million Toten; die «Hongkong-Grippe» (H3N2) mit 750000 Toten. Das Virus, das 2009 in Mexiko die Schweinezucht zerstört hat, hat sich schnell auf Nordamerika, aber auch in Europa und Asien ausgebreitet. Dieses Virus ist dem Menschen weniger gefährlich, dennoch gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 17483 Todesopfer bekannt.
Weltweit gab es zwischen 1959 und 2003 zwanzig Epidemien der Vogel- oder Schweinegrippe. Neue Varianten der Vogelgrippe wurden bei wilden Vögeln, aber auch in industriellen Hühner-, Enten und Putenfarmen gefunden. Am 30.Mai 2015 verzeichnete man in den USA 43 Millionen Vögel, die am Virus des Typs H5N8 gestorben waren; im November 2016 tauchte das Virus in den Geflügelfarmen der Niederlande auf. Das Virus der Schweinepest befiel im Jahr 2007, ausgehend von wilden Schweinen in Afrika, Schweinefarmen in Georgien, dann in Russland, Polen und später auch in China, das mit der Hälfte der Weltproduktion der größte Schweineproduzent ist. Die chinesischen Behörden beschlossen 2018, 38000 Schweine zu töten.
Das SARS (Schwere Akutes Respiratorisches Syndrom) wird durch ein gänzlich anderes Virus vom Typ Corona hervorgerufen. Eine erste Epidemie wurde in China in den Jahren 2002–2004 bekannt. Es gab damals etwa 8000 Infektionen und mindestens 774 Tote. Die WHO hat damals die Behörden mehrfach vor einer tödlichen neuen Pandemie gewarnt und auf der Dringlichkeit bestanden, Forschungen über das Virus und über Impfstoffe dagegen anzustellen. Als aber die Gefahr scheinbar vorüber war, passierte nichts weiter.
Die Befürchtungen der Wissenschaftler sind jetzt harte Wirklichkeit geworden. Nach China haben die Regierung in Europa, in den USA und jüngst auch in Russland Maßnahmen ergriffen. Erst aber mussten Hunderttausende von Menschen angesteckt werden und Tausende meist alte Menschen sterben. Italien und Spanien verzeichnen mit die höchste Zahl an Todesopfern. Nicht zufällig hat es in diesen Ländern, vor allem nach der Finanzkrise 2008/2009, besonders harte Einschnitte in das Gesundheitssystem gegeben. Andere Staatschefs wie Trump, Bolsonaro oder Boris Johnson sind durch eine dramatische Unterschätzung bis hin zur Leugnung der Krise aufgefallen – wie sie zuvor den Klimawandel geleugnet haben. Die Industrieproduktion sollte um jeden Preis weiter in Gang gehalten werden.

Die tieferen Ursachen der Pandemie müssen in einer Reihe von typischen Merkmalen der neoliberalen Globalisierung gesucht werden, die nicht in Zweifel gezogen werden:
Zunächst ist da der Kontakt zwischen Wildtieren und Menschen. Er wird erleichtert durch den Verkauf wilder Tiere, wie die Fledermaus in China, die hier als Delikatesse gilt, oder das Buschfleisch in Afrika. Das Virus befällt den Menschen auch durch die Zerstörung von Ökosystemen, wie das Zika-Virus in Südamerika. Die großflächige Abholzung tropischer Urwälder und das explosionsartige Wachstum von Megastädten in vielen Teilen des globalen Südens kommen hinzu und steigern das Risiko neuer Viruskrankheiten vor allem in überfüllten Slums, in denen jede sanitäre Infrastruktur fehlt.
Sodann ist da die starke Zunahme von Flugreisen, die bewirkt, dass ein Virus wie das SARS-CoV-2 sich innerhalb von nur neun Tagen über die ganze Welt verbreiten konnte. Belgier haben es von ihrer Skifahrt in Norditalien importiert. Aktuell bricht sie wieder in China und Südkorea aus, importiert von Menschen, die in ihre Heimat zurückfliegen.
Und auch die industrielle Landwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung und Plantagenwirtschaft zulasten natürlicher, artenreicher Wälder, die Ökosysteme bilden, ist ein wichtiger Faktor für das wiederholte Autauchen von Epidemien.
Die Deregulierungs- und Globalisierungspolitik, die unter Reagan und Thatcher begonnen hat, hat gnadenlos auf den «totalen Markt» und die Privatisierung der Dienstleistungen gesetzt. Der berühmte Rinderwahn in Großbritannien im Jahr 2000 war eine direkte Folge der Lockerung der Regeln für die Produktion von Tiermehl für die Viehfütterung.
Die Gesundheitskrise, die wir derzeit erleben, zeigt, dass dieses System Gesundheit nicht als ein Menschenrecht behandelt, sondern einen Wirtschaftssektor, der vor allem Profit abzuwerfen hat. Die Privatisierung von Krankenhäusern, die Einsparungen an der Zahl der Betten und des Pflegepersonals, die Kürzung der Mittel für die Forschungsinstitute, die Bevorzugung profitträchtiger Forschung und Entwicklung in der Pharmaindustrie – all das ist Folge der Orientierung auf den «totalen Markt». In der Mehrzahl der «reichen» Länder wurde die Produktion von Arzneimitteln in Niederiglohnländer ausgelagert, vor allem nach China. Der tragische Mangel an Atemschutzmasken und anderen Schutzmitteln und selbst der Mangel an Beatmungsgeräten sind die Folge einer kriminellen Nachlässigkeit.

Perspektiven
Die Diskussion über die Perspektiven nach der Krise hat gerade erst begonnen. Eine Stimme der «intelligenten Bourgeoisie» hat ihren Weg in einen bemerkenswerten Leitartikel der Financial Times vom 3.April gefunden: «Es braucht radikale Reformen. Die Politik der letzten vierzig Jahre muss umgekehrt werden. Die Regierung muss eine stärkere Rolle inder Wirtschaft spielen. Sie darf öffentliche Dienstleistungen nicht länger als Kosten, sondern muss sie als Investitionen betrachten. Sie muss Wege finden, die Arbeit weniger prekär und weniger unsicher zu machen. Umverteilung steht erneut auf der Tagesordnung. Die Privilegien der Reichen stehen erneut auf dem Prüfstand. Politische Maßnahmen wie die Vermögensteuer, die unlängst als Wahnsinn galten, müssen wieder eingeführt werden.»
Ein solcher radikaler Kurswechsel wird nicht leicht sein. Und nicht einmal das kann eine dauerhafte Lösung sichern. Solange der Motor des kapitalistischen Systems nicht insgesamt abgeschafft ist, wird sich nichts grundsätzlich ändern.
Wir brauchen einen globalen Plan für eine grundlegende Reform der Landwirtschaft: kurze Produktions- und Vertriebswege, Höfe mit diversifizierter Produktion auf ökologischer Grundlage, ohne Pestizide und chemische Düngemittel. Dazu braucht es öffentliche Subventionen. Der ganze Sektor des Agrobusiness gehört aufgelöst, mitsamt der Gentechnik und den bodenzerstörenden Landwirtschaftmaschinen.
Die Artenvielfalt muss dauerhaft wiederhergestellt werden, indem bestehende Ökosysteme geschützt und ausgeweitet werden.
In den Haushalten der Einzelstaaten und der EU muss die Priorität auf die sozialen Bedürfnissen, vor allem auf die Gesundheit und die soziale Sicherheit für alle gelegt werden.
Der Produktivismus treibt uns ständig an, zu konsumieren und Wegwerfprodukte zu kaufen, das muss radikal in Frage gestellt werden. Derzeit geschieht aber das Gegenteil: Wir sollen Waren im Internet bestellen, damit Bereiche wie die Bekleidungsindustrie Umsatz machen können. Das schafft noch mehr Hauslieferungen mit stinkenden Kleintransportern. Die Vorstellung, dass diese ganze schädliche und umweltverschmutzende Überflussproduktion gestoppt werden muss, gewinnt an Aktualität. Sie wirft die Frage nach einer Umstrukturierung ganzer Wirtschaftszweige wie den Tourismus (Kreuzfahrten!), den Flugverkehr, die Werbung aber auch die Waffenproduktion und die Ausbeutung fossiler Energiequellen auf.
Die Corona-Krise hält uns dazu an, über Leben und Tod nachzudenken. Hat dieses stressige Leben, wo man ständig unter Druck steht, noch einen Sinn? Was ist das Leben der Armen und Alten wert? Das Bewusstsein macht sich breit, dass es so nicht weitergehen sollte. Der globalisierte Kapitalismus hat uns in eine barbarische, unerträgliche Lage gebracht: Hungernot, katastrophale Klimaerwärmung und zunehmend gefährliche autoritäre politische Tendenzen, die sich hinter dem «Kampf gegen das Virus» verschanzen können, um weitere Angriffe auf unsere sozialen Rechte und auf die Bedürfnisse der 99 Prozent zu starten.
Das ist es, was wir zum Ausdruck bringen wollen, wenn wir sagen: Der Kapitalismus beutet nicht nur die menschliche Arbeitskraft aus, sondern zerstört auch die Natur und die Symbiose zwischen Mensch und Umwelt, von der wir abhängen.
Wir haben es nicht mit «Auswüchsen» des Weltkapitalismus zu tun, sondern mit seinem tödlichen Systemfehler. Nur die Organisierung kollektiven Widerstands gegen alle Aspekte dieses Systems kann uns allen Hoffnung und Perspektive geben.


* Marijke Colle hat in ihrem Berufsleben Biologie und Chemie unterrrichtet und das International Institute for Research and Education (IIRE) in ­Amsterdam geleitet.


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