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Fridays for Future

«Soziale Forderungen werden bei uns jetzt viel mehr diskutiert»
Gespräch mit FfF-AktivistInnen

Nach dem Klimapaket der Bundesregierung und der erzwungenen Aktionspause durch Corona suchen Fridays for Future neue Wege

2020 scheint erneut ein Dürrejahr zu werden. Doch die Coro­na-Pandemie hat Fridays for Future einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Schulen sind geschlossen. Schulstreiks und große Demos können nicht stattfinden. Der Auftritt von Greta Thunberg für das globale Netzwerk Climate Justice Now auf der UN-Klimakonferenz am 5.Dezember 2018 in Kattowitz hatte eine Bewegungsdynamik losgetreten, die den Umgang mit der Klimakrise zu einer zentralen gesellschaftlichen Konfliktachse machte.
Im Gespräch mit Alexis ­Passadakis sprechen die ­Aktivistinnen Kira Gedeah und Leonie Wicke über ihre politischen Lernprozesse und die schwierige Lage von Fridays for Future.
Kira Geadah ist auf der Bundesebene von Fridays for Future aktiv, Leonie Wicke vor allem auf Frankfurter Ebene. Beide besuchen Gymnasien in Frankfurt am Main.

Der Globale Klimastreik am 24.April musste abgesagt werden. Wie geht es Fridays for Future in der Corona-Pandemie?

Kira: Nach der riesigen globalen Mobilisierung an 20.9. und dem großen Klimastreik am 29.11. letzten Jahres sollte der Aktionstag im April ein neuer Höhepunkt der Fridays for Future-Bewegungen werden. Aber wegen der Corona-Pandemie konnte er natürlich nicht wie geplant stattfinden. Wir haben einen Netzstreik organisiert. Das sollte zeigen, dass wir noch da sind.
Leonie: Ja, wir wollten damit allen sagen: «Bleibt aktiv!»
Kira: Wie bei vielen anderen auch läuft zur Zeit bei uns alles online. Wir haben eine interne und eine öffentliche Webinar-Reihe gestartet. Die kommen beide gut an. Aber es ist völlig klar: Wir sind in der Corona-Flaute. Wir wissen gerade nicht, was zu tun ist. Wir brauchen Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen.
Leonie: FfF hat gerade kein Momentum mehr. Einen wirklichen Fahrplan gab es nie, aber eine Dynamik. Die Selbstläuferphase ist vorerst vorbei. Online zu streiken ist auch nicht die Lösung. Ein Netzstreik ist auch deshalb low, weil wir mit den Schulstreiks ja ein ungehorsames Aktionskonzept als Grundlage haben. Und in den letzten Monaten haben wir in Frankfurt und in vielen anderen Städten daran intensiv gearbeitet, solche und weitere Aktionsformen des zivilen Ungehorsams in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Nun alles virtuell zu machen, ist klar ein Rückschritt.

Wie hat sich euer Blick auf die Klimakrise im Laufe der letzten eineinhalb Jahre verändert?

Kira: Mir ist erst im Laufe des letzten Jahres klar geworden, wie bedrohlich die Lage wirklich ist. Als ich im Dezember 2018 aktiv geworden bin, war das noch nicht so. Seitdem habe ich mich immer tiefer in das Thema Klimakrise eingelesen.
Leonie: Vor allem die soziale Dimension der Klimakrise war mir am Anfang nicht so bewusst, das heißt die Ungerechtigkeiten, die mit der Klimaerwärmung verknüpft sind. Auch was das Konzept Klimagerechtigkeit bedeutet, ist mir erst im Frühjahr oder Sommer letzten Jahres deutlich geworden.

Habt ihr den Eindruck, dass sich in der Schule seit dem Auftauchen von FfF etwas verändert hat?

Kira: Nein, bei uns nicht wirklich. Einzelne LehrerInnen sind wach geworden und unterstützen, dass wir streiken. Eigentlich müsste der Lehrplan geändert werden, das ist nicht passiert. Der ist aber schon sehr vollgestopft.
Leonie: Die LehrerInnen sind eh krass von der Menge des Lehrstoffs überfordert…
Kira: Die Institution Schule hat sich nicht groß verändert. Aber viele SchülerInnen haben gemerkt, dass es Spaß machen kann, sich selbst Dinge anzueignen.
Leonie: Vielleicht war es nur in meinem PoWi-Kurs (Politik & Wirtschaft) so: Wir haben dort viel darüber gelernt, wie politische Institutionen auf Bundesebene und auch internationale Organisationen funktionieren oder funktionieren sollten. Und dann haben wir vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen bei FfF hautnah mitbekommen, wie diese Institutionen daran scheitern, die Klimakrise zu bearbeiten, wie diese Weltordnung scheitert. Das war für viele eine sehr nachdrückliche Erfahrung.
Kira: Das gilt auch für demokratiepolitische Modelle von Teilhabe, die wir in der Schule gelernt haben. Man braucht nur aus dem Fenster zu schauen, um zu sehen, dass es nicht klappt.
Leonie: Bei den Wirtschaftswissenschaften ist das auch so. Bei neoklassischen und keynesianischen Theoremen. Die musste ich jetzt noch mal für PoWi lernen. Sie beruhen auf komischen und vermutlich falschen Annahmen, die angesichts der Klimakrise keinen Sinn ergeben.
Für viele Schülerinnen und Schüler waren diese Theorien bisher vor allem etwas, über das man schlaue Sätze sagen kann. Mit FfF hatten wir einen krassen Lernprozess, dass uns das alles hautnah betrifft. Wir haben viel praktischer erfahren, wie komplex das System ist. Die Modelle, die wir in der Schule lernen, helfen uns nicht, die umfassende Krise der Biosphäre in den Griff zu bekommen.

Wie hat sich euer Verhältnis zu den Regierenden bis heute entwickelt? Es gab viel verbale Unterstützung, umgesetzt wurde aber bisher so gut wie nichts. Wie geht ihr damit um?

Kira: Für mich und viele andere war das Klimapaket der Bundesregierung vom letzten September ein echter Schock, es hat den Blick von vielen auf die Politik der Regierenden verändert. Es war eine miserable Antwort auf die öffentliche Debatte über die Klimakrise. Schlechter hätte es die CDU-SPD-Koalition nicht machen können. Es gab zwar vorher schon den Kohlekompromiss, der auch Bullshit war, und es war uns eigentlich vorher schon klar, dass das nichts wird. Trotzdem war der Beschluss ein Schlag ins Gesicht. Was sich vielen besonders eingeprägt hat, war der krasse Widerspruch zwischen dem, wie sehr sich die Minister der Großen Koalition für das Klimapaket abgefeiert haben, und unserer Wahrnehmung und Bewertung der Maßnahmen: Nämlich, dass sie so gut wie gar nichts bringen.
Leonie: Ja, das hat bei vielen zu Enttäuschung und Radikalisierung geführt. Es reicht nicht, wählen zu gehen und zu demonstrieren. Wir brauchen weitreichender Aktionsformen, zum Beispiel zivilen Ungehorsam.
Kira: Ein Ergebnis dieser Erfahrungen ist, dass wir inzwischen viel weniger das Gespräch mit PolitkerInnen suchen. Das bringt einfach zu wenig. Unsere Aufrufe und Schreiben richten sich daher viel stärker an die Gesellschaft als an die Regierenden.

Wie seht ihr inzwischen eure Kernforderungen, wie sie im April 2019 zwischen Dinosaurier-Skeletten im Berliner Naturkundemuseum vorgestellt wurden? Es ging um sektorale Reduktionsziele, den Kohleausstieg bis 2030 und um eine CO2-Steuer.

Kira: Die Forderungen sind weiterhin gut. Aber etwas zu unkonkret, weil sie offen lassen, wie man zu den Reduktionszielen gelangen kann. Es wäre nun sinnvoll, sie zu ergänzen. Die sozialpolitische Seite der Klimakrise fehlt bisher vollkommen.
Leonie: Fragen der globalen Gerechtigkeit gehören unbedingt in den Forderungskatalog hinein. Und wir sollten viel tiefgreifendere Vorschläge machen. Bisher gilt, was Wirtschaftsminister Altmaier gesagt hat: «Klimapolitik darf den Wohlstand nicht gefährden.» Damit kommen wir nicht weiter.

Wäre es nicht wichtig, dass angesichts der Corona-Pandemie, insbesondere wegen ihrer ökonomischen Folgen, FfF ein Krisen-Programm aufstellt? Die Zentralbanken geben schließlich gerade enorme finanzielle Ressourcen frei, ein Konjunkturprogramm ist in Planung. Und effektive Klimapolitik ist ja vor allem eine andere Wirtschaftspolitik.

Kira: Nein, ein Krisenprogramm gibt es bisher nicht. FfF hat sich immer auf den klimawissenschaftlichen Konsens bezogen. Einen solchen Konsens gibt es in den Wirtschaftswissenschaften so nicht. Oder besser gesagt: Es gibt einen sehr konservativen Konsens in Deutschland. Unsere Forderungs-AG auf Bundesebene müssten wir wieder reaktivieren.
Leonie: Die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, ist zum Beispiel eine sehr einfache Forderung. Soziale Themen sind viel schwieriger. Aber es ist schon so, dass soziale Forderungen bei Fridays for Future inzwischen viel mehr diskutiert werden.

Wie geht es jetzt während der Corona-Pandemie den Strukturen von FfF?

Kira: Die bundesweiten Strukturen laufen gut. Sie beruhen ja auf einer Infrastruktur von Telefonkonferenzen, aber viele Ortgruppen gibt es zur Zeit nur auf dem Papier. Und der Kontakt der Bundesebene zu den Ortsgruppen lässt nach.
Trotz funktionierender Bundesebene schaffen wir es aber gerade nicht, am Puls der Zeit arbeiten. Es war uns nicht möglich, eine gemeinsame Linie zur Lage auf den griechischen Inseln zu finden, also zur Notwendigkeit, die Geflüchteten von dort zu evakuieren. Faktisch war es aber dann doch so, dass viele Aktive bei FfF sich mit dem Thema beschäftigt und die existierenden Kontakte und Netzwerke – auch europaweit – genutzt haben, um die Forderung zu verbreiten, dass dort niemand zurückgelassen werden darf. Es ist sehr gut zu sehen, dass das klappt.

Margret Thatcher hatte für den Neoliberalismus die Parole ausgegeben: There is no alternative! Es gebe keine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus. Wie ist euer Blick auf die Zukunft?

Leonie: Für mich ist Zukunft Krisenmanagement. Und zwar schlechtes. Denn die existierenden Institutionen sind völlig überfordert. Auch in der Öffentlichkeit sind viele von den Krisen völlig überrascht, obwohl alle schon vor Jahrzehnten hätten wissen können, was Sache ist. Ebenso, dass Pandemien wahrscheinlicher werden. An der Familie der Corona-Viren hätte bereits viel intensiver geforscht werden können, aber das war eben nicht profitabel.
Wenn ich in die Zukunft blicke, dann sehe ich häufige Pandemien, Wirtschaftskrisen und Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Flüchtenden. Die Frage, wen man auf der Intensivstation behandelt, stellt sich auf globaler Ebene. Das gilt für Pandemien wie für die Klimakrise.
In den Ländern des Nordens gibt es Beatmungsgeräte und Dämme gegen den steigenden Meeresspiegel. Aber gibt es Rettung für die Menschen im Süden? Als weiße Gymnasiastin geht mein Alltag trotz eskalierender Klimakrise trotzdem einfach so weiter. Ich mache mir Gedanken über mein Studium nach dem Abi.
Für mich zeigt die Corona-Pandemie aber etwas sehr klar: Alle müssen mitgedacht werden. Solche Krisen sind umfassende soziale Krisen. Und sie sind global. Es geht nicht nur um CO2-Reduzierung oder darum, einen Impfstoff zu erfinden. Die notwendigen Lösungen sind sehr viel komplexer und grundsätzlicher. Und müssen in der Breite der Gesellschaft entwickelt werden.


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