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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2020 |

Großer Erfolg bei Ryanair

Kurzarbeit zwingt die Fluggesellschaft, mit Ver.di zu verhandeln
Gespräch mit einer Flugbegleiterin

Auf gewerkschaftsfeindlichem Terrain hat die Belegschaft der Fluggesellschaft Ryanair 80 Prozent Kurzarbeitergeld herausgeholt.


Corona trifft die Fluggesellschaften erheblich. Die Billigairline Ryanair machte in den letzten Jahren nicht zuletzt deshalb von sich reden, weil sich dort die Beschäftigten in einem gewerkschaftsfeindlichen und internationalen Unternehmen erfolgreich organisierten – bis hin zu einer Gesetzesänderung, die die Gründung eines Betriebsrats ermöglicht (zu den Hintergründen siehe SoZ 10/2018). Violetta Bock sprach mit Giullia (Name von der Redaktion geändert), einer Flugbegleiterin bei Ryanair, über die Situation der Beschäftigten in der Corona Krise.

Wie ist die Lage der Beschäftigten?

Seit Mitte März arbeiteten wir weniger und weniger, es gab einen konstanten Rückgang an Passagieren und damit an Flügen. Der letzte Flug in Frankfurt startete am 24.März. Seit dem 25.März blieb Ryanair in Deutschland am Boden.
Zu Anfang war überhaupt nicht klar, was das für die Beschäftigten bedeutete, die Firma gab uns zunächst keinerlei Informationen. Das erste Mal sprach sie am 18.3. von Kurzarbeit. Sie legten einfach einen Vorschlag vor und sagten, wir sollten innerhalb von zwei Tagen antworten. Ryanair übte viel Druck aus und wollte zuerst nicht mit der Gewerkschaft sprechen. Wir schickten ihnen jede Menge Vorschläge, um den Prozess mit der Arbeitsagentur zu vereinfachen und ihnen Optionen zu geben, wie sie uns entlohnen könnten, aber das ignorierten sie einfach.
Das war ziemlich hart, weil wir keine direkten Aussagen der Firma bekamen sondern nur lesen konnten, was Michael O’Leary unterdessen in der Zeitung sagte. Er sprach davon, alle sollten zu Hause bleiben, niemand solle sich Sorgen machen, die Flugzeuge würden gereinigt und sie würden sich um die Mitarbeiter kümmern. Aber das war einfach gelogen. Sie gaben uns eine Box mit Handschuhen, die nach ein paar Tagen alle war, dann gab es keine weiteren und kein Desinfektionsspray mehr. Wir wussten nicht, ob wir fliegen, wann wir fliegen, wie lang wir fliegen, ob wir in der Zwischenzeit in unsere Heimatländer zu unseren Familien können, ob wir unsere Miete Ende des Monats zahlen können, ob wir Geld für März bekommen.

Was hat Ryanair vorgeschlagen?

Im Prinzip legten sie zwei Vorschläge auf den Tisch: Entweder wir nehmen von Ryanair 50 Prozent des Grundlohns – unser Lohn setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen. Oder, so der zweite Vorschlag, wir erhalten 60 Prozent Kurzarbeitergeld über die Arbeitsagentur. Ich werde nie verstehen, warum sie uns 50 Prozent gezahlt hätten, aber nichts zu den 60 Prozent dazu zahlen wollten. Denn wenn du weißt, dass dein Mitarbeiter mit 60 Prozent nicht überleben kann, und du wärst bereit, 50 Prozent zu zahlen, warum dann nicht 40 Prozent oben drauflegen? Wir sprechen schließlich von einer Firma mit Millionengewinnen. 60 Prozent Kurzarbeitergeld hätte etwas zwischen 700 und 800 Euro bedeutet und für Berlin oder Frankfurt ist das ein Witz. Sie sagten: Entweder zahlt die Arbeitsagentur oder Ryanair. Und das auch noch nach acht Tagen.

Am Ende gab es schließlich eine Einigung. Wie kam das und wie sieht sie aus?

Gegen Ende des Monats, als der Zeitpunkt näher rückte, an dem Ryanair die Arbeitsagentur wegen März hätte kontaktieren sollen, erinnerten sie sich plötzlich wieder an uns. Denn dafür mussten sie einen Deal mit uns finden. Sie kamen unter Zeitdruck.
Sie hatten uns den März bereits bezahlt, und das wirkte wie ein Ultimatum: Entweder sie beantragten jetzt Kurzarbeitergeld für März, oder sie hätten für März kein Geld zurückerhalten. Mit dieser Alternative im Nacken fanden die Verhandlungen statt, sie sollen bis spät in den Abend gedauert haben. So wurde eine Einigung erzielt, die uns etwa 80 Prozent des Lohns garantiert. 60 Prozent kommen von der Arbeitsagentur, den Rest trägt Ryanair. Ein paar der neueren Kabinencrewmitglieder erhalten bis zu 87 Prozent, was sehr gut ist. Außerdem gibt es einen sehr guten Schutz gegen Entlassungen.
Für unsere Verhandlungskommission war klar, dass sie keinen Deal unterzeichnen würde, der nicht mit den Standards in Deutschland übereinstimmt. Und soweit wir wussten, gaben alle Airlines ihrem Flugpersonal um die 80 Prozent Kurzarbeitergeld. Daher war klar, dass es darunter keine Einigung geben konnte. Und da die Firma schon bereit gewesen war, 50 Prozent zu geben, wieso sollten sie dann nur 20 Prozent beim Kurzarbeitergeld dazu zahlen?
Für die Beschäftigten ist das Ergebnis nicht nur wichtig um zu überleben, sondern damit auch die Arbeit möglichst schnell wieder aufgenommen wird. Für uns waren die 80 Prozent und der Schutz gegen Entlassungen ein Muss, um der Geschäftsleitung den Antrag auf Kurzarbeit bei der Arbeitsagentur zu ermöglichen. Denn wenn der Arbeitgeber von dort Geld kassiert, muss er glaubhaft machen, dass er seine Beschäftigten halten will.
Die Einigung gilt für den Zeitraum von zwei Monaten und sie kann auf Wunsch beider Parteien verlängert werden. Außerdem muss die Firma uns alle zwei Wochen über den Stand ihrer Planungen informieren.

Von Michael O’Leary, dem Chef von Ryan­air, stammt der Satz: «Eher friert die Hölle zu, als dass wir Gewerkschaften zulassen.» Diesmal haben sie mit euch verhandelt.

Ja, deswegen ist das auch ein großer Erfolg. Man hat jede Kollegin und jeden Kollegen lächeln gesehen, als sie vom Ergebnis erfuhren, alle waren so glücklich. Verglichen mit 2017 haben wir große Schritte nach vorn gemacht. Damals konnte schon das Sprechen über Gewerkschaft eine Kündigung nach sich ziehen. Aber dennoch, wenn ich mich umgucke und auf andere Airlines blicke, denke ich, es ist immer noch ein weiter Weg.


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