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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2020 |

Im Kapitalismus sind Arbeitskräfte Waren

Das darf nicht so bleiben
von Manuel Kellner

Die etablierte bürgerliche Politik navigiert in der Corona-Krise auf Sicht. Viele ihrer Maßnahmen sind zu spät gekommen, vieles hat sie nicht gemacht – vor allem die unnötige oder nicht vordringliche Produktion hat sie nicht unterbunden.


Unter dem Druck der Kapitaleigentümer und ihrer Profitgier fährt sie ihre halbherzigen Maßnahmen um Wochen zu früh zurück. Zugleich ist aber auch manches getan worden, das Ansatzpunkte für eine Überwindung der neoliberal entfesselten kapitalistischen Klassengesellschaft bietet.
In der kapitalistischen Produktionsweise sind Arbeitskräfte Waren – sie werden «frei» auf dem «Arbeitsmarkt» gehandelt. Das hat viele Konsequenzen. Zunächst einmal eine schreiende Ungerechtigkeit bei der ungleichen Bezahlung. Da Arbeitskräfte Waren sind, bestimmt sich ihr Preis – der Lohn – nach ihren Reproduktionskosten. Je qualifizierter das jeweilige Arbeitsvermögen ist, desto höher ist die Bezahlung. Die Gesellschaft hat in diese Arbeitsvermögen Ressourcen investiert, und deshalb können sie sich um eine bestimmtes Vielfaches teurer verkaufen als die «einfachen» unqualifizierten Arbeitskräfte, die als Maßstab dienen. Diese Wertschätzung nach marktwirtschaftlichen Kriterien hat zur Folge, dass zum Beispiel Ingenieure, Professoren, Juristen und Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung sehr viel mehr verdienen als etwa Krankenschwestern, Pflegekräfte, Bauarbeiter, Verkäuferinnen, Müllentsorger, Erntehelfer usw.
Wie schon Marx schrieb, würde die Wertschätzung und Bezahlung der Arbeitenden in einer solidarischen Gesellschaft geradezu umgekehrt ausfallen: Die qualifiziertere, interessantere, abwechslungsreichere Arbeit würde als Privileg in sich angesehen, das die betreffenden Menschen der Gesellschaft verdanken. Soweit es die Geldform noch gäbe, begründete das in einer solidarischen Gesellschaft keineswegs eine überdurchschnittliche Bezahlung (oder eine größere individuelle Entnahme aus dem gesellschaftlich verfügbaren Konsumfonds). Umgekehrt würden die, die am härtesten arbeiten, unter mehr Eintönigkeit ihrer Tätigkeit leiden und dabei Dinge tun, die für die Gesellschaft sehr wichtig sind, am besten bezahlt. Außerdem würden alle Anstrengungen unternommen, dass sie sich weiterqualifizieren können.
Die öffentliche Meinung wird in der gegenwärtigen Krise darauf gestoßen, welche Arbeiten für unsere aller Überleben und Wohlergehen besonders wichtig sind: eben die der Krankenschwestern, Pflegekräfte, Verkäuferinnen, Müllmänner, Erntehelferinnen usw. Die Debatte darüber, wie schlecht sie entlohnt werden, hat begonnen. Eine der Konsequenzen aus der gegenwärtigen Krise muss sein, dass sich das drastisch ändert.

Arbeit umverteilen
Eine weitere Konsequenz davon, dass Arbeitskräfte Waren sind, ist die Art und Weise, wie und über welche Mechanismen sie verteilt werden. Wohin strömen sie? Sie folgen den Investitionsentscheidungen der Kapitaleigentümer. Sie stehen – gemildert durch gewerkschaftliche Organisierung u.a. – in Konkurrenz zueinander und bemühen sich darum, möglichst gut bezahlt zu werden und möglichst erträgliche Arbeitsbedingungen zu haben. Die «Allokation» der Arbeitskräfte folgt der marktwirtschaftlichen Logik.
Doch was sehen wir heute in der Krise? Nicht nur, dass Konversion plötzlich geht und Autoschmieden über Nacht dazu übergehen, Atemgeräte herstellen zu lassen. Menschen, die in Schnellrestaurantketten nicht mehr beschäftigt werden, helfen den Verkäuferinnen im Supermarkt. Leute, die auf Kurzarbeit gesetzt sind, nähen Schutzmasken. Arbeiter, die nicht in ihrem Betrieb arbeiten können, helfen bei der Ernte.
Das sind Ansätze für eine nicht mehr marktbestimmte Allokation der Arbeitsvermögen! Das Bedürfnis, solidarisch zu handeln und etwas gesellschaftlich dringend Nötiges zu tun, folgt einem ganz anderen Prinzip. Nicht etwa auf autoritäre Anweisung hin, sondern aufgrund gesellschaftlich hörbarer Appelle und aus eigenem Verantwortungsbewusstsein heraus strömen Arbeitskräfte in die Bereiche, wo sie dringend gebraucht werden.
Die dritte hier anzusprechende Ebene ist die völlige Unhaltbarkeit der Verhältnisse unter der Knute der neoliberalen Globalisierung. Augenfällig werden dringend benötigte Güter knapp, weil die Kapitaleigentümer sie dort anfertigen lassen, wo die Arbeitskräfte am billigsten sind. Das drückt nicht nur die Löhne in den reichen Industrieländern, sondern führt eben zusammen mit dem Herunterfahren der Lagerhaltung auf ein Minimum und der Vernachlässigung der regionalen Entwicklung der Produktion (nahe bei den Konsumentinnen und Konsumenten) zu Engpässen, die jetzt furchtbar sichtbar werden. Das hat auch zur völlig zerstörerischen Überhandnahme der Container-Schifffahrt auf den Weltmeeren geführt.
Die genannten neuen, praktischen Erfahrungen auf Massenebene müssen aus ökosozialistischer Sicht dafür genutzt werden, mit der Krise und nach der Krise Mehrheiten für neue Entwicklungswege zu gewinnen. Schon für Marx war das Ziel die «Aufhebung» der Lohnarbeit. Im Übergang zu einer menschenwürdigen und lebenswerten Gesellschaft ist eine Auflehnung dagegen erforderlich, dass Arbeitskräfte und große Produktionsmittel als Waren angesehen und entsprechend behandelt werden – mit krass ungerechten, unmenschlichen und im Sinne unseres Überlebens untragbaren Folgen.


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