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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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„Die Sorgearbeit muss im Mittelpunkt stehen“

Thesen zu einer ökosozialistischen Perspektive 
von Milo Probst

Vortrag auf der Ökosozialistischen Konferenz der ISO am 10.Mai 2020


Die aktuelle Krise hat verschiedene Dimensionen, sie kombiniert zumindest eine Wirtschaftskrise und eine Gesundheitskrise. Aber sie bedeutet auch einen extremen Rückschlag für die Klimabewegung. Das merken wir auch hier in der Schweiz, hier hat die Klimastreikbewegung durch diese Krise sehr stark an Schwung verloren. Daran zeigen sich meines Erachtens zwei Probleme, die miteinander verbunden sind: Einerseits zeigt sich, dass die Klimabewegung in ihrer Hauptströmung die Frage der Arbeit und die sozialen Themen allzu wenig bisher beachtet hat und allzu wenig versucht hat, eine Brücke zu sozialen Kämpfen herzustellen. Umgekehrt heißt das natürlich auch, das darf man nicht vergessen, dass die starken und wichtigen Gewerkschaften ihrerseits die Klimafrage allzu wenig beachtet haben. Hier haben wir einen extremen Nachholbedarf und wir müssen uns die Frage stellen, wie wir diese Brücke herstellen.

Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Diskussion über staatliche Hilfen für Fluggesellschaften, die in die Krise geraten sind. Bei uns ist das die Air Swiss, die ja eine Tochtergesellschaft der Lufthansa ist. Der wurde vor einigen Wochen ein Hilfskredit von fast 1,5 Milliarden Schweizer Franken vom Bund zugesprochen, ganz explizit ohne Klimaauflagen an dieses Unternehmen. Und auch ohne Auflage in Bezug auf den Schutz der Arbeitsplätze, was jetzt schon dazu geführt hat, dass die Swiss angekündigt hat, in den nächsten Monaten zwischen 1500 und 1900 Stellen zu streichen. An diesem Beispiel kann man sehr gut sehen, was die gegenwärtige Krise mit der Frage der Ökologie macht – dass sie nämlich neben der wirtschaftlichen Lage vollkommen in den Hintergrund getreten ist. Wir als Linke stehen da in der Schwierigkeit, dass wir es ohne eine Belegschaft, die sich für einen ökosozialen Wandel einsetzt, schwer haben, wirkliche Alternativen sichtbar zu machen, die über Aufrufe und Papiere hinausgehen und den Menschen machbar erscheinen. Wir bleiben dadurch auf einer sehr abstrakten Ebene.

Dennoch sollten wir trotz dieser sehr schwierigen Situation an einer ökosozialen oder ökosozialistischen Strategie und Alternative festhalten sollten. Ich will auch skizzieren, was für Möglichkeiten es gibt und welche Interventionsfelder aus meiner Sicht wichtig wären.
 
I.
Wir befinden uns aktuell in einer Situation, die Ausdruck einer sehr tiefgreifenden Krise des globalen Kapitalismus ist. Ich möchte dafür den Begriff der „Krise des Produktion des Lebens“ verwenden, ich finde ihn sehr interessant, er stammt von einer italienischen Feministin, die in den USA lebt, Silvia Federici, sie ist wahrscheinlich einigen von euch bekannt. Der Begriff umschreibt, dass die Krise, in der wir stecken, Ausdruck eines tiefgreifenden Bruch in der Art und Weise ist, wie wir als Gesellschaft mit unserer Umwelt interagieren. Krise der Produktion des Lebens bedeutet, dass immer mehr Menschen nicht in der Lage sind, sich selber und ihre Mitmenschen gesund am Leben zu erhalten.

Das hat verschiedene Aspekte. Zum einen natürliche Aspekte – die Unwetter, die steigenden Meeresspiegel, die ausbleibenden Ernten usw. –, aber eben auch soziale Aspekte. Das bedeutet dass wir den Klimawandel eben nicht als Naturphänomen betrachten sollten, sondern auch als ein Problem unserer kapitalistischen Gesellschaften, die nicht in der Lage sind, der Mehrheiten der Menschen die Möglichkeit zu bieten, dass sie sich gesund am Leben erhalten. Stichworte dazu wären die überlangen Arbeitstage, der Stress am Arbeitsplatz, Krankheiten der Psyche, und natürlich eben ein Gesundheitssystem, das nicht darauf ausgerichtet ist, die Mehrheit der Menschen gesund zu erhalten.

Selbstverständlich hat diese Krise je nach Klasse und Region auf der Welt unterschiedliche Auswirkungen. Das zeigt sich u.a. daran, dass sie die Länder des globalen Südens besonders brutal trifft. Wir sehen auch, dass die Epidemie selber Produkt ist der Krise des Produktion des Lebens. Denn Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, werden dadurch gefördert, dass wir unsere Nahrungsmittel zunehmend über intensive Landwirtschaft herstellen, über Massentierhaltung… Auch die zunehmende Abholzung der Wälder, zumal in den tropischen Gebieten, führt dazu, dass Menschen Wildtieren immer näher kommen und das Überspringen von Krankheiten von Wildtieren auf Menschen dadurch gefördert wird.

Auch in der Art ihrer Ausbreitung ist diese Krise Ausdruck der globalen kapitalistischen Produktionsweise, Stichwort: globale Lieferketten, die dazu führen, dass Infektionskrankheiten sich sehr schnell ausbreiten. Und, das ist meines Erachtens sehr wichtig, wir sehen auch eine Krise der kapitalistischen Rationalität oder der kapitalistischen Vernunft. Wir wissen seit Jahren und seit Jahren warnen WissenschaftlerInnen, dass es zu einer globalen Pandemie kommen kann. So hat etwa der Globale Biodiversitätsrat vor einigen Jahren ganz ausdrücklich davor gewarnt, dass das Artensterben dazu führen kann, dass Pandemien auftreten. Die Regierungen und die Mächtigen dieser Welt haben das nicht ernst genommen, zur Seite geschoben und andere Prioritäten gesetzt. Das ist sehr wichtig um zu verstehen, dass auch jetzt keine Einsicht von Seiten der Herrschenden eintreten wird, im Gegenteil, sie werden werden weiter in dieser unvernünftigen Spirale des Wachstums gefangen bleiben.

II.
Das ist mein erster Punkt, die Krise der Produktion des Lebens. Krise der Produktion des Lebens heißt aber auch, dass Arbeit dabei eine große Rolle spielt. Unser Leben produziert und erhält sich ja nicht automatisch von selbst, da steckt Arbeit dahinter. Arbeit der Natur, wenn man das so sagen kann, Arbeit von Ökosystemen, aber eben auch Arbeit von Menschen. Arbeit ist in diesem Sinn etwas, was zentral ist für unsere Gesellschaft. Plötzlich wird sichtbar, dass wir als Menschen nicht einfach so überleben, sondern dass das sehr viel Aktivität und Arbeit dahinter steckt, und das im Austausch mit der Natur.

Hier ist auch ein blinder Fleck vieler umweltbewegter Menschen, die Arbeit per se als umweltschädlich betrachten und als etwas, das so stark wie möglich reduziert werden sollte, damit unsere Gesellschaft nachhaltig wird. Dahinter steckt eine sehr verkürzte Sicht auf das, was wir Arbeit nennen. Dabei wird nämlich vollkommen vergessen, dass extrem viel Arbeit Sorgearbeit ist, die vor allem von Frauen geleistet wird, eine Arbeit, die sehr wenig umweltschädlich ist und auf die wir überhaupt nicht verzichten können. Ich glaube sogar, es ist bei vielen linken UmweltaktivistInnen ein blinder Fleck. Ich will hier nur eine solidarische Kritik am Netzwerk Ökosozialismus anbringen, wo ich den Eindruck habe, dass einer seiner Exponenten, Bruno Kern, sehr stark die Idee verficht, dass IndustriearbeiterInnen kein Interesse an einem ökosozialen Umbau haben werden und dieser deshalb gegen die Lohnarbeitenden in diesen Bereichen durchgesetzt werden muss. Deshalb, und das ist aus meiner Sicht eines der größten Probleme bei solchen Aussagen, wird sehr stark an die KonsumentInnen oder an die Menschen als KonsumentInnen appelliert und nicht an die Menschen als Lohnabhängige. Das sieht man überall in der Umweltdiskussion, dass Menschen nicht als Lohnabhängige angesprochen werden, sondern als KonsumentInnen, vielleicht noch als BürgerInnen, aber nicht als Lohnarbeiter.
 
Über zwei Aspekte lohnt es sich meiner Meinung nach, strategisch nachzudenken. Der erste ist, wie bereits angedeutet, die Rolle der Reproduktionsarbeit. Wenn wir über einen ökosozialen Umbau nachdenken, dann können wir nicht nur über die Konversion in der Industrie nachdenken, wir müssen die Reproduktionsarbeit ins Zentrum stellen. Das ist eine theoretische, aber auch eine politische Notwendigkeit, und es ist auch möglich sich da einzubringen, zumal vor dem Hintergrund der Lage in der Schweiz, wo im letzten Sommer eine massive Frauenstreikbewegung stattgefunden hat, bei der mehrere hunderttausend Frauen auf die Strasse gegangen sind. Da hat eine Diskussion darüber stattgefunden, wie Reproduktionsarbeit verteilt werden soll – zeitlich, räumlich usw. Ich glaube, das ist ein zentraler, strategischer Hebel, um über Ökosozialismus nachzudenken.
 
Der zweite ist, dass wir den Klimawandel auch als ein Gesundheitsproblem betrachten. Das wird zwar immer wieder gesagt, aber es ist meines Erachtens auch zentral für den gewerkschaftlichen und sozialen Aktivismus. Nur ein Beispiel: Es wird ja immer wieder über Umweltverschmutzung berichtet und wie viele Tote sie verursacht, darüber gibt es auch verschiedene Studien. Darunter sind auch Berichte von der UNO und der ILO (der Internationalen Arbeitsorganisation), die sagen, dass die zunehmende Hitze Arbeitende vor allem in den schlecht bezahlten Produktionszweigen besonders hart trifft. Solche Organisation versuchen immer, das Problem zu beziffern und den ökonomischen Wert dahinter zu erkennen. Die UNO hat also gemeinsam mit dem Weltklimarat ausgerechnet, dass wir bis 2050 mit Produktions- oder Produktivitätseinbussen von 20 Prozent wegen der steigenden Hitze rechnen müssen.

Uns kann es vielleicht egal sein, ob es Produktivitätseinbussen geben wird, aber dahinter steckt, dass die menschlichen Körper selbst ganz unmittelbar als arbeitende Körper von den steigenden Temperaturen betroffen sein werden. Das bedeutet, dass nicht nur unser Ökosystem an seine Grenzen stößt, sondern dass wir ganz konkret bei diesem Klimawandel mit unseren Körpern an unsere Grenzen kommen. Es gibt Beispiele aus der Geschichte, wo sich gewerkschaftlicher Aktivismus sehr stark um gesundheitliche Fragen gedreht hat, in den USA der 1970er z.B. haben einige Gewerkschaften angefangen, Umweltfragen aufzunehmen und für Umweltschutzregulationen zu kämpfen, eben weil das als Gesundheitsproblem definiert wurde. Gesundheitsprobleme gibt es in Bezug auf Nahrung, in Bezug auf Wohnung, auf das Grundwasser, aber eben auch in Bezug auf den Arbeitsplatz, wo Menschen z.B. mit giftigen Substanzen in Kontakt kommen.
Deshalb denke ich, ist Gesundheit ein zentraler Aspekt, um soziale Fragen mit ökologischen Fragen zu verbinden.

Der Autor ist Aktivist der Bewegung für den Sozialismus und in Basel aktiv. Dort arbeitet er im Kollektiv Climate Justice, die u.a. versucht, auch auf die internationale Dimension des Klimawandels und die Verantwortung der in der Schweiz aktiven Konzerne hinzuweisen. Außerdem war er bislang stark in der Vorbereitung des Strike for Future involviert, eine Initiative, die Ende ’19 ergriffen wurde und bei der klimastreikende SchülerInnen versucht haben, mit Gewerkschaften zusammen einen Aktionstag aufzubauen und eine Brücke zu sozialen Themen zu schlagen.


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