Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 05 > Toxische-weiblichkeit

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2020 |

Toxische Weiblichkeit

Die Kehrseite der Medaille?
von Tim Kühnel

Wenn man über toxische Männlichkeit redet oder schreibt, kommt schnell die Frage auf, warum man dann nicht auch über toxische Weiblichkeit spricht. Gibt es toxische Weiblichkeit überhaupt oder ist das nur ein Begriff von Antifeministen?


Der Begriff «Toxische Weiblichkeit» taucht immer wieder auf, vor allem bei Antifeministen und Männerrechtsaktivisten wird er als Gegenargument zu «Toxischer Männlichkeit» benutzt. Es lässt sich allerdings keine konsistente Definition des Begriffs finden. In unserer Gesellschaft wird «Gender» oder wie man im Deutschen auch sagt, das soziale Geschlecht, meist als ein binäres System betrachtet. Ebenso wie Männern bestimmte Rollenbilder und Charaktereigenschaften zugewiesen werden, so gilt dies auch für Frauen. Gibt es also auch «typisch weibliche» Verhaltensweisen, die schädlich sind?
Ich muss zugeben, wenn ich darüber nachdenke, ist mein erste Reaktion: Ja! Doch schauen wir uns die Sache genauer an. Beginnen wir mit Verhaltensweisen, die Frauen selbst mit dem Terminus «Toxische Weiblichkeit» assoziieren.
Die meisten Frauen sehen sich von der Gesellschaft dazu gezwungen, einem gewissen Schönheitsideal zu entsprechen. Meist leiden sie unter diesem gesellschaftlichen Druck. Dieses zwanghafte Sich-Anpassen an das kulturelle Ideal von Weiblichkeit führt bis zur Magersucht, Bulimie oder zum Selbsthass.
Ebenso opfern sich Frauen für andere auf. Frauen kümmern sich oft besser um andere als um sich selbst. Sie sind meist diejenigen, die die Hausarbeit erledigen, die Alten und Kranken umsorgen oder die Kindererziehung in die Hand nehmen. Und das meist alles neben ihrer Arbeit. Frauen leiden daher öfter an Depressionen und dem Burnout-Syndrom. Auch sollen Frauen gefälligst keine Aggressionen zeigen, denn das ziemt sich nicht für eine Dame. Sie sind der Teil der Gesellschaft, der stehts für Ruhe und Harmonie sorgen soll.
Passivität und Unterwürfigkeit sind weitere Charaktereigenschaften, die als typisch weiblich angesehen werden.
Man könnte es sich also einfach machen und die Definition, die wir von toxischer Männlichkeit haben, einfach ins Gegenteil umkehren. Die würde dann ungefähr so lauten:

Binäres Denken
Toxische Weiblichkeit ist eine begrenzte und repressive Beschreibung von Weiblichkeit, die das Frausein in Kooperationsfähigkeit, sexueller Unterwürfigkeit und Passivität begründet sieht. Sie umschreibt das kulturelle Ideal von Weiblichkeit, in der die Zurschaustellung von Emotionen zentral ist, während die Zurschaustellung von Aggression als Schwäche gedeutet wird.
Weiblichkeit wird an Fügsamkeit und Empathie gemessen, während scheinbar männliche Eigenschaften – von der Zurschaustellung von Wut bis hin zu sexueller Unabhängigkeit – dazu führen können, dass Frauen der Status der Weiblichkeit aberkannt wird.
Diese Definition klingt zutreffend und würde zu dem passen, was wir bereits wissen. Dass in unserer Gesellschaft Männlichkeit und Weiblichkeit als ein Gegensatz wahrgenommen wird, als zwei Seiten derselben Medaille. Nach dieser Definition könnte man ganz klar sagen, ja, es gibt toxische Weiblichkeit.
Aber so einfach können wir es uns nicht machen, der entscheidende Unterschied ist, dass toxische Weiblichkeit sich stets nach innen richtet, während toxische Männlichkeit auch dem Umfeld schadet. Während toxische Männlichkeit das Ziel verfolgt, Machtpositionen zu bekommen, drängt toxische Weiblichkeit Frauen in die Passivität und Fügsamkeit.
Beide Stereotype sind also frauenfeindlich, beide dienen sie dem Ziel der Aufrechterhaltung der patriarchalen Ordnung. Das erklärt auch, warum einige Frauen Feminismus weiterhin ablehnen und Sexismus verinnerlicht haben, Stichwort «internalized sexism». Denn bei jeder Handlungs- und Denkweise, die nicht dem gesellschaftlichem Rollenbild entspricht, spricht man ihnen die Weiblichkeit ab.
Toxische Weiblichkeit existiert daher in dieser Form nicht, gemeint ist mit diesem Begriff lediglich eine weitere Erscheinungsform von dem, was wir unter toxischer Männlichkeit verstehen. Das Problem liegt in unserem binären Denken, in dem von der Gesellschaft erschaffenen Konstrukt «Gender».
Die Definitionen der Begriffe «toxische Weiblichkeit» und «toxische Männlichkeit» machen deutlich, dass es gefährlich ist, in diesem binären System zu verharren. Beide Begriffe beschreiben toxische Verhaltensweisen als Auswirkungen der unterdrückenden Machtstruktur des Patriarchats. Daher wundert es auch nicht, dass man beim Googeln des Begriffs «toxische Weiblichkeit» auf antifeministischen Blogs oder auf Seiten von Männerrechtsaktivisten oder Verschwörungstheoretikern landet. Denn beide Ansammlungen von Stereotypen und gesellschaftlichen Zuschreibungen lassen sich nur dann als zwei Seiten derselben Medaille betrachten, wenn man außer acht lässt, dass sie beide einem patriarchalen Denken entspringen.
«Toxische Weiblichkeit» ist ein antifeministischer Kampfbegriff, der in einem anderen Zusammenhang nicht verwendet werden sollte.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.