Der Kapitalismus hat keine Grenze mehr


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2020/06/der-kapitalismus-hat-keine-grenze-mehr/
Veröffentlichung: 01. Juni 2020
Ressorts: Globalisierung/Krieg, Klima

Dem Ökosystem wird die Chance genommen Übertragungsketten zu unterbrechen
vom chinesischen Autor*innenkollektiv

Es ist eine Tatsache, dass die «natürliche» Sphäre bereits vollständig unter das globale kapitalistische System subsumiert ist. Diesem ist es gelungen, die elementaren klimatischen Bedingungen zu verändern und so viele vorkapitalistische Ökosysteme zu verwüsten, dass die übriggebliebenen nicht mehr so funktionieren wie in der Vergangenheit.

Hierin liegt eine weitere Ursache für Pandemien, denn laut Wallace reduzieren all diese Prozesse ökologischer Verwüstung «die Umweltkomplexität, mit deren Hilfe der Wald Übertragungsketten unterbricht».
Es ist also falsch, solche Gebiete als die natürliche «Peripherie» eines kapitalistischen Systems zu bezeichnen. Der Kapitalismus ist bereits global und allumfassend. Er verfügt nicht mehr über einen Rand oder eine Grenze, jenseits derer es eine natürliche, nichtkapitalistische Sphäre gäbe. Deshalb gibt es auch weder eine große Entwicklungkette, bei der «zurückgebliebene» Länder ihren Vorreitern beim Aufstieg folgen, noch eine wirkliche Wildnis, die man im reinen, unberührten Zustand erhalten könnte. Stattdessen hat das Kapital nur ein untergeordnetes Hinterland, das vollständig in die globalen Wertschöpfungsketten integriert ist. Die daraus entstehenden Gesellschaftssysteme sind ganz und gar zeitgenössische Produkte. Sie sind fast immer faktisch in globale Märkte einge­bettet, oft ganz unmittelbar. Dasselbe lässt sich von den sich daraus ergebenden biologisch-ökologischen Systemen sagen: «Wilde» Gebiete sind dieser globalen Ökonomie tatsächlich immanent – sowohl im abstrakten Sinn ihrer Abhängigkeit vom Klima und den damit verbundenen Ökosystemen als auch im unmittelbaren Sinn einer Anbindung an die globalen Wertschöpfungsketten.
Diese Tatsache schafft die notwendigen Bedingungen, damit «wilde» Virenstämme globale Pandemien verursachen. Dabei ist COVID-19 kaum die schlimmste davon. Eine viel bessere Illustration dieses Prinzips – und der damit verbundenen weltweiten Gefahr – ist Ebola. Das Ebola-Virus ist ein eindeutiger Fall eines bestehenden Virenreservoirs, das auf die menschliche Bevölkerung überschwappt. Aktuelle Befunde zeigen, dass seine ursprünglichen Wirte mehrere Arten von Fledermäusen sind, die in West- und Zentralafrika heimisch sind und als Träger fungieren, aber selbst nicht am Virus erkranken. Das gilt jedoch nicht für andere wilde Säugetiere wie etwa Primaten und Ducker, die das Virus periodisch einfangen und rasche Ausbrüche mit hohen Sterbe­raten erleiden.
Unabhängig von seinen Wirtsarten hat Ebola einen besonders aggressiven Lebenszyklus. Durch Kontakt mit jedem dieser wild lebenden Wirte können sich Menschen ebenfalls anstecken, mit verheerenden Resultaten. Es hat mehrere größere Ebola-Epidemien gegeben, die Sterblichkeitsrate war in den meisten Fällen extrem hoch, sie lag fast immer über 50 Prozent. Der größte dokumentierte Ausbruch, der von 2013 bis 2016 sporadisch mehrere westafrikanische Länder heimsuchte, verzeichnete 11000 Tote. Die Sterblichkeitsrate bei Patienten, die im Krankenhaus behandelt wurden, lag bei 57–59 Prozent; unter solchen, die keinen Zugang zu Spitälern hatten, lag sie noch viel höher.
In den letzten Jahren haben private Firmen verschiedene Impfstoffe entwickelt, aber langsame Zulassungsverfahren und restriktive Eigentumsrechte haben zusammen mit einer weitgehend fehlenden Infrastruktur im Gesundheitswesen dazu geführt, dass Impfstoffe wenig geeignet waren, den bisher längsten Ausbruch einer Ebola-Epidemie zu stoppen, nämlich die jüngste mit Zentrum in der Demokratischen Republik Kongo (DRK).