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Die Ernte ist sicher…

…nur die Erntehelfer nicht
von Manfred Dietenberger

Der Lebensmittelmarkt ist hart umkämpft und es herrscht ein gnadenloser Preisdruck, der an die Erzeuger weitergeben wird. Insbesondere bei der Ernte.

Von Obst und Gemüse ist die menschliche Arbeitskraft ein wesentlicher Kostenfaktor. Durch die Vergrößerung und Spezialisierung der Betriebe werden in sehr kurzer Zeit sehr viele Hände für einfache Tätigkeiten gebraucht. Genau hier wird versucht, die Lohnkosten zu drücken oder automatisierte Verfahren einzusetzen.
Dass diese Arbeit auch heute noch fast ausschließlich MigrantInnen erledigen, hängt mit dem Lohn- und Wohlstandsgefälle in Europa zusammen. Ein bedeutender Teil der landwirtschaftlichen Saisonarbeitskräfte kommt traditionell aus Polen. Seit der Öffnung des Arbeitsmarkts 2014 stellen die Wanderarbeiter aus Rumänien die zweitgrößte Gruppe. Rumänien ist das EU-Land mit dem höchsten Anteil an armutsgefährdeter Bevölkerung (23,6 Prozent). 2017 (neuere Zahlen fehlen) verdienten 1,5 Millionen Rumänen weniger als 3 Euro am Tag und waren damit zehnmal ärmer als die Ärmsten in der EU.
Die Folge der Massenarmut: Über 20 Prozent der Rumänen sind ausgewandert und leben und arbeiten dauerhaft im Ausland. Für andere stellt Saisonarbeit eine Alternative zur dauerhaften Auswanderung dar, sie machen vom Recht Gebrauch, bis zu 70 Tage in einem anderen EU-Land zu arbeiten, das nennt sich Arbeitnehmerfreizügigkeit. Formal sollen Beschäftigte laut EU-Vertrag beim «Zugang zu Beschäftigung, Arbeitsbedingungen und aller anderen Sozialleistungen und Steuervorteile genauso behandelt werden wie die Staatsangehörigen des Aufnahmelandes». Das bedeutet, dass sie hierzulande nicht unter dem Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde beschäftigt werden dürfen.
Für die Zeit der Corona-Pandemie gelten nun neue Regelungen: Bis Ende Oktober 2020 dürfen Saisonkräfte in Deutschland bis zu 115 Tage sozialversicherungsfrei bei deutschen Arbeitgebern beschäftigt werden, damit «Betriebe eine größere Planungssicherheit» erhalten. Eine weitere für die Großbauern positive Nebenwirkung: Sozialversicherungspflichtige Arbeitskräfte «verursachen» lediglich 61 Prozent der Arbeitskosten einer dauerhaft beschäftigten Arbeitskraft.
Die Saisonarbeitskräfte genießen die Planungssicherheit jedoch nicht. Während ihrer Beschäftigung sind sie in Deutschland nicht krankenversichert. Ihre Arbeitsverträge sehen vor, dass ihre Arbeitszeit um 50 Prozent mehr als die vorgeschriebenen acht Arbeitsstunden verlängert werden darf. Bei Bedarf muss auch an Sonn- und Feiertagen gearbeitet werden. Alle rackern sie hart und sind daher hoch profitabel. Für weniger als 70 Tage Beschäftigung in der Landwirtschaft fallen keine Sozialabgaben an. Gearbeitet wird je nach Witterung, wenn möglich aber sieben Tage die Woche und 10–14 Stunden am Tag.
Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns wird vielerorts mit der Bezahlung nach Akkordlöhnen ausgetrickst. Legal wäre das nur, wenn mindestens pro Stunde der Mindestlohn erreicht wird. Da sehr oft die Stückzahlen digital erfasst und automatisch in Zeiteinheiten umgerechnet werden, geschieht nicht immer zu ihrem Vorteil. Darüber hinaus werden den Erntehelfern oft unverhältnismäßig viel für Essen und Unterbringung, ja sogar für Schutzkleidung und Arbeitsmaterialien wie Spargelmesser vom Lohn abgezwackt. Die saisonalen Erntehelfer, die in diesem Lande Spargel stechen, kommen überwiegen aus Rumänien.
In Zeiten der Corona-Pandemie gelten Spargelstecher plötzlich als «systemrelevant». Deswegen wird ihre Arbeit aber nicht besser honoriert, im Gegenteil: Sie «dürfen» als Saisonkräfte nun um 50 Prozent länger als die vorgeschriebenen acht Arbeitsstunden arbeiten. Merke: In Deutschland basiert ein Großteil der Land- und Ernährungswirtschaft auf der Vernutzung schlecht bezahlter und mies untergebrachter ausländischer Saisonarbeitskräfte. Zwischen «systemrelevanten» und lebensnotwendigen Dingen besteht ein Riesenunterschied. Für das System Kapitalismus ist alles relevant, was die Verwertung von Kapital betrifft – und nur das. Dazu werden nicht nur die Beschäftigten in den Fabrikhallen, auf den Baustellen und den Agrarflächen vernutzt, sondern auch die in den «weißen Fabriken» (Krankenhäuser).
Für das «System Mensch» – Nahrung, Wohnen, Bildung, Kultur – ist etwas anderes relevant: gesunde Ernährung bspw. Die wächst bekanntermaßen aber überwiegend nicht von selbst und erntet sich auch nicht von allein. Zeit für Kinder. Zeit zum Leben. Eine Arbeit, die Sinn und Gemeinschaft stiftet, statt stupid und zerstückelt zu sein. Nicht lebensnotwendig sind Rüstungsarbeiter. Nicht lebensnotwendig sind Privatautos, ein gutes öffentliches Transportsystem hingegen schon. Nicht lebensnotwendig, sondern schädlich für Mensch und Natur sind die Fleischfabriken. Ganz wichtig wäre hingegen eine regionale Landwirtschaft, die Natur und Artenvielfalt pflegt. Wir haben eine Systemkrise. Wenn wir die meistern wollen, müssen wir uns andere Inhalte und Formen der Arbeit einfallen lassen.


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