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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2020 |

Die junge Generation muss radikalere Wege gehen

Die erste Ausgabe der deutschsprachigen Jacobin über den Niedergang der Sozialdemokratie
von John Will

Seit einigen Jahren ist ein ungebrochener Aufstieg einer sozialistischen Linken in den USA festzustellen. Im Windschatten von Bernie Sanders’ Kampagnen um die Präsidentschaftskandidatur 2016 und 2020 gewann nicht nur der Begriff «Sozialismus» vor allem unter den jüngeren Generationen vermehrt eine positive Bedeutung.

Auch politisch schlägt sich eine Rückkehr radikal linker Gesellschaftsvorstellungen in den Diskurs nieder. Die Explosion der Mitgliederzahlen der Democratic Socialists of America (DSA), die sich innerhalb der letzten Jahre auf 60000 Mitglieder verzehnfacht haben, reißt auch nach der Niederlage von Sanders bei den internen Kandidaturwahlen der Demokratischen Partei nicht ab.
Als einer der wichtigsten Katalysatoren für das gesteigerte Interesse an sozialistischer Politik kann die 2011 von Bhaskar Sunkara gegründete Zeitschrift Jacobin genannt werden. Mittlerweile ist es Sunkara gelungen, ein publizistisches Netzwerk auf internationaler Ebene aufzubauen. So existieren nicht nur gleichnamige Ableger in Italien und Brasilien – auch der Blog Africa Is a Country und die altehrwürdige Tribune, ein Organ der Labour-Linken in Großbritannien, haben sich Jacobin angeschlossen.
Nachdem der deutschsprachige Vorläufer ada vor zwei Jahren ein kleines Medienecho beschwören konnte, nur um kurz nachdem seinem Erscheinen wieder von der Bildfläche zu verschwinden, haben die MacherInnen nun unter dem Namen des amerikanischen Mutterschiffs einen zweiten Anlauf unternommen. Neben der aufwendig gestalteten Internetseite ist jetzt auch die erste Printausgabe erschienen. Wie bereits bei der amerikanischen Vorlage ist auch beim deutschen Ableger die modern anmutende Ästhetik hervorzuheben. So erscheint das deutschsprachige Jacobin sowohl in seiner digitalen, wie auch in der gedruckten Form als äußerst zeitgemäß – ein Punkt, in dem linke Publikationen in Deutschland zur Zeit keinen besonders guten Stand haben.

Erinnerungen und heutige Praxis
Der thematische Schwerpunkt der Erstausgabe wurde auf die Sozialdemokratie gelegt. Programmatisch erklären Ines Schwerdtner und Ole Rauch im Editorial, dass der schlussendliche Lagerwechsel der Sozialdemokratie von der Seite der ArbeiterInnen hin zur neoliberalen Elite eine «Lücke im politischen System» hinterlassen habe und die junge Generation «andere, radikalere politische Wege gehen» müsse. Zugleich müssten nicht nur aus dem Scheitern der sozialdemokratischen Parteien, sondern auch aus dem Ende des damit verbundenen Arbeitermilieus genaue Analysen gezogen werden.
In einem historischen Abriss formulieren Loren Balhorn und Linus Westheuser dies folgendermaßen: «Als maßgeblichen Teil dieses olig­archi­schen Betriebs kann man den sozialdemokratischen Parteien getrost den Untergang wünschen. Doch es mag sein, dass jenseits dieser Sozialdemokratie eine radikal-reformistische, parlamentarisch gestützte Politik für die Masse der Bevölkerung der nächstbeste Ansatzpunkt ist, um uns Nichteigentümerinnen wieder zu befähigen, für unsere Interessen einzustehen und alle Bereiche unseres Lebens – inklusive der Wirtschaft – zu demokratisieren.» Die Perspektive einer Linken des 21.Jahrhunderts müsse aus den positiven und negativen Erfahrungen der Sozialdemokratie schöpfen, um eine gesellschaftliche Alternative zur kapitalistischen Verwertungs- und Ausbeutungslogik anbieten zu können.
Dies spiegelt sich in den Artikeln zu Großbritannien sehr gut wider. Sowohl David Broders Analyse zum Aufstieg und Fall von Jeremy Corbyn, in der der Autor die Machtverhältnisse innerhalb der Labour Party soziologisch aufschlüsselt, wie auch das Interview mit der Ökonomin Grace Blakeley veranschaulichen Spielräume radikaler Politik, die parlamentarische und außerparlamentarische Erfahrungen zusammenbringen.
Das Verhältnis der Linken zur Sozialdemokratie in Deutschland fällt demgegenüber weitaus zwiespältiger aus. In einer Pro-Contra-Sicht versucht die Zeitschrift Resignation und weiterbestehende Hoffnungen zusammenzubringen und das Spannungsverhältnis mit Erfahrungsberichten zu bebildern. Die Widersprüche werden eindrucksvoll in der Reportage über «Susis Mädels», den KollegInnen der gewerkschaftlich organisierten Reinigungskraft Susanne Neumann, die 2016 medienwirksam den damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel wegen des neoliberalen Kurses der Partei zurechtwies, und in Oliver Nachtweys Beitrag dargestellt, der die Fallstricke für eine erneuerte linke Sozialdemokratie um Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans nachzeichnet.
Das darauffolgende Interview mit dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert gibt, höchstwahrscheinlich unbeabsichtigt, aber darum äußerst bezeichnend, die Ratlosigkeit des linken Flügels in der SPD wieder. Stellt sich für Kühnert ein möglicher Linksruck und eine Wiederaneignung reformistischer Zukunftsvorstellungen als ein Einfallstor einer kommenden schwarz-grünen Regierungskoalition dar, bleibt hier leider das Potenzial ungenutzt, eine strategische Debatte einzufordern, wie Ansätze einer radikalen gesellschaftlichen Transformation aussehen könnten.

Bewegung und Institution
Diese theoretisch-strategischen Anhaltspunkte liefert im Heft leider nur ein Beitrag, der sich auch nur indirekt mit dem Themenschwerpunkt auseinandersetzt. In «Unser Weg zur Macht» analysiert der amerikanische Soziologe Vivek Chibber, ausgehend von den Niederlagen sowohl der reformistischen, wie auch der revolutionären Linken im 20.Jahrhundert, die Bedingungen für heutige emanzipatorische Projekte. Gewiss können diese linken Erinnerungen fruchtbare Ansätze bieten; sie laufen jedoch immer wieder Gefahr, aus dem historischen Kontext herausgerissen, kanonisiert und missverstanden zu werden.
Chibber entgeht dieser Versuchung, ohne beliebig zu werden, und fordert eine Aufhebung des Traditionalismus in der Linken, um linke Erinnerung und politische Praxis miteinander zu verbinden. So verteidigt er etwa die Kaderorganisation als organisatorisches Prinzip, grenzt diese dann aber von autoritären Formen wie dem Stalinismus ab und erinnert an die demokratische Kultur der Bolschewiki vor 1917. Eine sozialistische Politik, so Chibber, setzt auf eine Strategie, die sowohl einen breiten Bewegungscharakter aufweist wie auch dazu fähig ist, institutionelle Strukturen der Herrschaft einzunehmen und im Sinne der unteren Klassen zu verändern.
Mit der ersten Ausgabe hat das deutschsprachige Jacobin bereits eine Lücke in der linken Zeitschriftenlandschaft gefüllt. Allein die Ästhetik ist auf der Höhe der Zeit, ohne unpolitisch zu wirken. Die Frage, inwieweit sie, wie ihr amerikanisches Pendant, die Rolle als Popularisier von sozialistischer Theorie und Kultur spielen wird, kann verständlicherweise noch nicht beantwortet werden. Auch das berühmte Vorbild hat erst nach einer mühseligen Entwicklung ihre Funktion als Katalysator einer neuen Linken finden können. Insofern ist den Köpfen hinter der Zeitschrift zu wünschen, dass der deutsche Ableger eine ähnlich erfolgreiche Wirkung auf die politische Diskussion ausüben wird.


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