Es gibt keine Wildnis


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2020/06/es-gibt-keine-wildnis/
Veröffentlichung: 01. Juni 2020
Ressorts: Globalisierung/Krieg, Klima

«Wilde» Gebiete sind der globalen Ökonomie immanent
vom chinesischen Autor*innenkollektiv

Der Ausbruch der Corona-Pandemie ist weniger eindeutig mit dem Kern des agroindustriellen Systems verbunden als die Schweine- oder Vogelgrippe. Einerseits ist noch nicht vollständig geklärt, woher das Virus kommt.

Wahrscheinlich ist es in Fledermäusen oder möglicherweise in Schlangen entstanden, die beide gewöhnlich wild gefangen werden. Ist dann im Fall der Corona-Pandemie ebenfalls der kapitalistische Verwertungsprozess verantwortlich, auch wenn es keinen direkten Zusammenhang zur Massentierhaltung gibt?
Die Antwort lautet ja, aber auf andere Weise. Robert Wallace verweist nicht auf einen, sondern zwei Hauptpfade, über die der Kapitalismus dazu beiträgt, dass immer tödlichere Epidemien ausgebrütet und entfesselt werden: Der erste Fall beschreibt den direkten Zusammenhang mit den Fleischfabriken, in denen Viren in industriellen Umwelten ausgebrütet werden und die der kapitalistischen Logik vollständig unterworfen sind. Der zweite Fall vollzieht sich über die kapitalistische Expansion ins Hinterland, wo zuvor unbekannte Viren im wesentlichen aus Wildpopulationen geerntet und entlang globaler Kapitalkreisläufe verteilt werden.
Die beiden Pfade sind natürlich nicht völlig voneinander getrennt, doch scheint der zweite Fall das Entstehen der Corona-Pandemie am besten zu beschreiben. Dabei schafft die erhöhte Nachfrage nach Wildtieren für den Konsum, den medizinischen Gebrauch oder (wie im Fall von Kamelen und MERS) für kulturelle Zwecke neue globale Lieferketten. In anderen Fällen dehnen sich bereits bestehende agrarökologische Wertschöpfungsketten einfach in bis dahin «wilde» Sphären aus und verändern die lokale Ökologie und die Schnittstelle zwischen dem Menschlichen und dem Nichtmenschlichen.
Wallace legt verschiedene Dynamiken dar, wie schlimme Krankheiten geschaffen werden, obwohl die Viren selbst bereits in «natürlicher» Umgebung vorkommen. In dem Maße wie die Kapitalakkumulation neue Gebiete erschließt, werden Wildtiere in schwerer zugängliche Gebiete abgedrängt, wo sie in Kontakt mit vorher isolierten Erregern geraten. Dabei werden diese Tiere selbst zu Waren, da «sogar die wildesten Spezies in die landwirtschaftlichen Verwertungsketten hineingezogen werden». Diese Expansion drängt Menschen näher an die Tiere und ihre Umwelt heran, was «die Schnittstelle (und Übertragung) zwischen wilden nichtmenschlichen Populationen und dem frisch urbanisierten Land vergrößern kann». Dies gibt dem Virus mehr Gelegenheit zu mutieren, sodass es Menschen infiziert und damit leichter auf eine andere Spezies übertragen werden kann. Dabei sind Stadt und Land nie ganz sauber getrennt, da die monopolisierte industrielle Landwirtschaft sowohl große Farmen als auch kleine Betriebe umfasst: «Bei einem Kleinbauern am Waldrand, der als Subunternehmer [für eine Fabrikfarm] arbeitet, kann ein Nutztier einen Erreger einfangen, bevor es in eine verarbeitende Fabrik am Rand einer größeren Stadt geliefert wird.»