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Obdachlosigkeit in Zeiten der Pandemie

Wohnraum entscheidet über Leben und Tod
aus der Wohnungslosenzeitung fifty-fifty

In den ersten Wochen der Corona-Aufregung gerieten oft die Menschen völlig aus dem Blick, die sowieso schon länger «am Rande» der Gesellschaft leben (müssen), und die von der sozialen Spaltung besonders betroffen sind, nämlich Arme und insbesondere Obdachlose.

In der Wohnungslosenzeitung fifty-fifty, die in Düsseldorf erscheint und in mehreren Ruhrgebietsstädten verkauft wird, schildern Menschen ihre Erfahrungen. Mit freundlicher Genehmigung von Hubert Ostendorf, dem Verantwortlichen der Zeitschrift, drucken wir einige davon ab.

In einer Obdachlosenunterkunft in Hamburg gibt es einen Corona-Fall: Etwa 300 zum Teil schwer suchtkranke BewohnerInnen wurden in der Notschlafstelle an der Friesenstraße unter Isolation gestellt. Die Einrichtung ist bis auf weiteres für den Publikumsverkehr geschlossen. Der positiv getestete Obdachlose ist isoliert von den anderen NutzerInnen untergebracht worden. Wer keine Symptome zeige, werde wie üblich in Mehrbettzimmern (!!!) untergebracht, teilte ein Sprecher der Hamburger Sozialbehörde mit. Er betonte, dass es sich bei der Isolierung um eine «Vorsichtsmaßnahme» zum Schutz der anderen Obdachlosen handele: «Menschen ohne dauerhaftes Obdach haben ja sonst keine Möglichkeit, sich in häusliche Isolation zu begeben.» Ein zweiter Standort in der Kollaustraße sei nicht betroffen. Von den 250 Betten dort waren zuletzt rund 80 frei. Obdachlose, die neu in die Einrichtung in der Friesenstraße wollen, werden an der Tür abgewiesen.
Insgesamt ist die Situation in Hamburg ein Beispiel dafür, wie es um die Obdachlosen in ganz Deutschland in Zeiten der Corona-Krise bestellt ist. Nicht nur die akute Gefährdung in den Notschlafstellen macht Betroffenen zu schaffen. Auch andere Hilfsangebote wie Sozialberatung, Mitternachtsbus, Lebensmittelversorgung und die Straßenzeitung Hinz & Kunz wurden eingestellt – ein bundesweites Phänomen.
Nach Berechnungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) leben in Deutschland knapp 700000 Obdachlose. BAGW-Geschäftsführerin, Werena Rosenke, sieht «zum Teil chaotische Zustände» in den Kommunen bei der Versorgung der Ärmsten. Eine Umfrage der BAGW unter 900 Einrichtungen hat ergeben, dass Angebote für Obdachlose in Tageseinrichtungen, in Beratungsstellen, Tafeln und medizinischer Notversorgung in der Corona-Krise «sehr stark eingeschränkt sind». Auch viele ehrenamtliche MitarbeiterInnen «fallen aus, weil sie im Rentenalter sind und zur Risikogruppe gehören».
fiftyfifty bemüht sich derweil, unter den veränderten Bedingungen alle Angebote außer der Tiersprechstunde für die Hunde der Obdachlosen und den alternativen Stadtführungen unter Einhaltung der Kontaktvermeidungsrichtlinien aufrechtzuerhalten. Mehr noch: Wir sammeln Lebensmittel, um den Ausfall bei Tafeln wenigstens für unsere VerkäuferInnen zu kompensieren.
Doch auch andere bedürftige Menschen sind willkommen. Die Stadt Düsseldorf stellt Proviantpakete bereit und hat zwei in der Vergangenheit geschlossene Notunterkünfte wieder geöffnet sowie Quarantäne-Einheiten geschaffen, um das Infektionsrisiko für Menschen mit dem Lebensmittelpunkt Straße zu verringern. Denn «90 Prozent der Obdachlosen gehören zur Risikogruppe», wie ein Sprecher der Diakonie erklärte. Inzwischen schlagen sogar die Vereinten Nationen Alarm. «Wohnen ist zur ersten Verteidigungslinie gegen das Coronavirus geworden. Wohnraum hat selten so sehr über Leben und Tod entschieden», heißt es in einer Mitteilung der UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, Leilani Farha.
fiftyfifty fordert:
– Unterstützung Obdachloser mit Lebensmitteln: Obdachlose können kaum noch Zeitungen verkaufen oder betteln. Die Tafeln sind geschlossen, ebenso die meisten Armenküchen. [Einige Tafeln haben inzwischen wieder geöffnet mit einschränkenden Besucherbestimmungen.]
– Zelte für Obdachlose und keine Vertreibungen: Das Infektionsrisiko in Notunterkünften ist groß. Wenn nur ein einziger Corona-Fall auftritt, müssen dort alle in Quarantäne und dann auch dort versorgt werden – mit Essen, Trinken, ggf. medizinischer Betreuung und Substitution bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Deshalb müssen Maßnahmen zur Vereinzelung getroffen werden. Obdachlose, die dies wollen, müssen mit Zelten und Schlafsäcken ausgestattet werden, Schlafstätten im öffentlichen Raum müssen geduldet werden.
– Keine Ahndung von Obdachlosen bei «Verstößen» gegen Ausgangssperren: Wer keine Wohnung hat, ist gezwungen, sich im Freien aufzuhalten. Dies darf nicht kriminalisiert werden.
– Medizinische Hilfe auch für Nichtversicherte: Viele Obdachlose kommen aus dem EU-Ausland und sind nicht krankenversichert. Ihnen muss unser Gesundheitssystem ungehindert offenstehen, auch um Infektionswege zu unterbinden.
– Aussetzung von Zwangsräumungen und Mieterhöhungen: Die Anzahl der Menschen, die ihre Mieten nicht zahlen können, steigt gerade jetzt stark an. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit etwa verringern das Monatsbudget. Durch Zwangsräumungen geraten mehr Menschen in Not und werden obdachlos.


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