Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 06 > Was-ist-kapitalistisch-an-corona

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2020 |

Was ist kapitalistisch an Corona?

Kapitalismus und Landwirtschaft – im Zentrum und an der Peripherie
vom chinesischen Autor*innenkollektiv

Seuchen sind in hohem Grad eine Folge der kapitalistischen Industrialisierung und gleichzeitig ihre Vorboten.
Pocken und andere Viruskrankheiten wurden auch schon in vorkapitalistischer Zeit durch Handelsnetze und die frühe Urbanisierung in Asien und Europa virulent.

Betrachten wir jedoch England, wo der Kapitalismus zuerst auf dem Land, durch die massenhafte Trennung der Bauern von ihrem Land und die Einführung von Nutzviehmonokulturen entstand, so sehen wir dort die frühesten Beispiele entschieden kapitalistischer Seuchen.
Im England des 18.Jahrhunderts gab es drei verschiedene Rinder-Pandemien: 1709–1720, 1742–1760 und 1768–1786. Ein jede von ihnen war auf importiertes Vieh aus Europa zurückzuführen, das sich im Verlauf normaler vorkapitalistischer Pandemien infolge von Kriegen infiziert hatte. Aber in England wurde das Vieh bereits auf neue Weise konzentriert und die Einführung infizierten Viehs konnte daher auf die Population viel aggressiver durchschlagen als auf dem Kontinent. Es war deshalb kein Zufall, dass sich die Ausbrüche auf die großen Londoner Molkereien konzentrierten, die eine ideale Umgebung für die Intensivierung des Virus boten.
Letztlich wurden die Ausbrüche durch selektive, frühzeitige Schlachtungen in kleinerem Maßstab, kombiniert mit der Anwendung moderner medizinischer und wissenschaftlicher Praktiken, eingedämmt – im wesentlichen ähnlich wie heute. England ist das erste Beispiel für einen Verlauf, der ein klares Muster herausbildete und einer Wirtschaftskrise ähnelt: immer intensivere Zusammenbrüche, die scheinbar das gesamte System an den Rand des Abgrunds treiben, aber letztlich durch eine Kombination aus Massenopferung, die den Markt bzw. die Population leerfegt, und einem Voranschreiten des technologischen Fortschritts überwunden werden – in diesem Fall moderne medizinische Techniken und neue Impfstoffe, die oft in zu geringen Mengen und zu spät eintreffen, aber dennoch helfen, nach den Verwüstungen die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

In Afrika…
Dieses Beispiel aus dem Zentrum des Kapitalismus muss ergänzt werden durch eine Erklärung der Folgen kapitalistischer Landwirtschaft an seiner Peripherie. Während Rinderpandemien im frühkapitalistischen England eingedämmt wurden, waren ihre Folgen anderswo weit verheerender. Das historisch fatalste Beispiel ist wahrscheinlich der Ausbruch der Rinderpest in Afrika in den 1890er Jahren. Im späten 19.Jahrhundert hatte der europäische Imperialismus einen Höhepunkt erreicht, versinnbildlicht durch die Kolonisierung Afrikas. Die Rinderpest kam mit den Italienern von Europa nach Ostafrika. Italien wollte durch die Kolonisierung des Horns von Afrika mittels militärischer Kampagnen mit den anderen Großmächten gleichziehen. Diese Kampagnen scheiterten zumeist, aber die Seuche wurde auf die einheimischen Rinderherden übertragen und gelangte schließlich auch nach Südafrika. Dort verwüstete sie die frühe kapitalistische Landwirtschaft der Kolonie und tötete sogar die Herde auf dem Gut des berüchtigten weißen Rassisten Cecil Rhodes.
Die Folgen waren katastrophal: Die Seuche, die 80–90 Prozent des Viehs getötet hatte, führte zu einer beispiellosen Hungersnot in den überwiegend von Rinderzucht lebenden Gesellschaften im Afrika südlich der Sahara. Auf diese Entvölkerung folgte dann die invasive Besiedlung der Savannen durch Dornbüsche, die der Tsetsefliege den passenden Lebensraum schufen. Die Tsetsefliege überträgt die Schlafkrankheit und verhindert, dass Vieh weiden kann. Dies schränkte die Wiederansiedlung in der Region nach der Hungersnot ein und ermöglichte die weitere Ausbreitung der europäischen Kolonialmächte auf dem Kontinent.

…und in Europa
Neben periodischen Agrarkrisen und Hungersnöten haben solche Seuchen auch das Proletariat im industriellen Zentrum geplagt. Dabei sei noch einmal darauf verwiesen, dass der Ausbruch des Coronavirus nichts einzigartig Chinesisches an sich hat. Warum so viele Epidemien in China zu entstehen scheinen, hat keine kulturellen Ursachen. Das wird besonders deutlich, wenn wir China mit den USA oder Europa vergleichen, als letztere noch Zentren der globalen Produktion und massenhaften industriellen Beschäftigung waren.
Das Resultat ist im wesentlichen jedesmal dasselbe: Dem Sterben des Viehs auf dem Land entsprachen schlechte sanitäre Verhältnisse und eine verbreitete Verschmutzung in der Stadt. Darauf konzentrierten sich die frühen progressiven Reformbemühungen im proletarischen Milieu, wie Upton Sinclairs Roman The Jungle zeigt. Der Roman war geschrieben worden, um das Leiden der Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie zu dokumentieren, das Thema wurde aber von wohlhabenderen Liberalen aufgegriffen, die wegen der Verstöße gegen Gesundheitsvorschriften und der generell unhygienischen Bedingungen, unter denen ihre eigenen Lebensmittel hergestellt wurden, in Sorge waren.
Die liberale Empörung über die «Unreinlichkeit» mit all ihrem damit verbundenen Rassismus prägt immer noch die automatische Reaktion der meisten Menschen, wenn sie mit der politischen Dimension von Epidemien wie Corona oder SARS konfrontiert werden. Doch die Arbeitenden haben nur wenig Kontrolle über die Bedingungen, unter denen sie arbeiten.
Unhygienische Verhältnisse dringen durch die Kontamination von Nahrungsmitteln aus der Fabrik nach außen, doch ist dies bloß die Spitze des Eisbergs. Sie bilden auch eine normale Umwelt für jene, die darin arbeiten oder in nahe gelegenen Arbeitersiedlungen wohnen. Sie verschlechtern den Gesundheitszustand der Bevölkerung und schaffen wiederum bessere Bedingungen für die Verbreitung der vielen Seuchen des Kapitalismus.
Nehmen wir als Beispiel die Spanische Grippe, eine der tödlichsten Epidemien der Geschichte. Sie war einer der frühesten Ausbrüche der H1N1-Grippe (den jüngsten Ausbrüchen der Schweine- und der Vogelgrippe verwandt). Lange wurde angenommen, dass die Spanische Grippe sich wegen ihrer hohen Todesrate qualitativ von anderen Grippevarianten unterscheidet – sie hat die Fähigkeit, eine Überreaktion des Immunsystems hervorzurufen.
Spätere historische Nachforschungen haben jedoch ergeben, dass sie möglicherweise nicht viel virulenter war als andere Grippevarianten. Stattdessen war die hohe Todesrate wohl vor allem der verbreiteten Unterernährung, der urbanen Überbevölkerung und den generell unhygienischen Lebensbedingungen in den betroffenen Gebieten geschuldet. Diese Bedingungen beförderten nicht nur die Ausbreitung der Spanischen Grippe selbst, sondern auch die Kultivierung bakterieller Infektionen, die zu der Virusinfektion noch hinzukamen. Mit anderen Worten, durch die sozialen Bedingungen erhielt das Virus zusätzlichen Auftrieb. Durch den globalen Handel und die globale Kriegsführung der imperialistischen Mächte, die den Ersten Weltkrieg überlebt hatten, konnte sich die Grippe rasch ausbreiten.
Wir treffen hier wieder auf das vertraute Muster, wie so ein tödlicher Grippestamm in erster ­Linie entsteht: Obwohl der genaue Ursprung immer noch nicht ganz klar ist, wird heute weitgehend angenommen, dass das Virus wahrscheinlich von Hausschweinen oder Geflügel aus Kansas stammte. Zeit und Ort sind bemerkenswert, da die Nachkriegsjahre für die amerikanische Landwirtschaft einen Wendepunkt darstellten: Es kam zu einer ausgedehnten Anwendung mechanisierter, fabrikmäßiger Produktionsmethoden. Dieser Trend nahm in den 1920er Jahren noch weiter zu, und die massenhafte Anwendung von Techniken wie dem Mähdrescher führte sowohl zu einer allmählichen Monopolisierung als auch zu einer ökologischen Katastrophe, die in die Dust-Bowl-Krise* und die darauffolgende Massenmigration mündete. Die intensive Konzentration des Viehbestands, die die späteren Tierfarmen kennzeichnete, hatte noch nicht stattgefunden, aber einfacheren Formen der Konzentration und der intensiven Bewirtschaftung, die schon in Europa zu Viehseuchen geführt hatten, waren jetzt die Norm.
Waren die Epidemien im England des 18.Jahrhunderts der erste Fall einer eindeutig kapitalistischen Viehseuche, der Ausbruch der Rinderpest in Afrika in den 1890er Jahren die größte epidemiologische Katastrophe des Imperialismus, so kann die Spanische Grippe als die erste kapitalistische Seuche verstanden werden, der Menschen, in der großen Mehrzahl das Proletariat, zum Opfer gefallen ist.

*Die Rodung des Präriegrases zur «Urbarmachung» für eine neue landwirtschaftliche Nutzung in den 1930er Jahren (hauptsächlich Weizenanbau) hatte jahrelange Dürren zur Folge.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren