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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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In der Hoffnung auf ein besseres Land

Sebastian Gerhardt und Erhard Weinholz im Gespräch über die Initiative für eine Vereinigte Linke (VL) *

1. Das Ziel

Erhard Weinholz: Wir wollen im Folgenden über etwas reden, das mit unserem eigenen Leben eng verbunden ist, über das Wirken der VL. Also einer Bürgerbewegung vom Herbst 1989, einer Gruppierung, die heute fast niemand mehr kennt und die sich in vielem anders orientiert hat als frühere sozialistische Organisationen hierzulande. Ein Neuansatz also, der auch – ich will das nicht überschätzen – doch in gewissem Maße ausgestrahlt hat auf andere. Wir machen das hier aber nicht, um der VL posthum die Große Revolutionäre Verdienstmedaille umzuhängen. Die Frage ist, ob und wie die Betrachtung dieser VL-Geschichte für andere produktiv werden kann, dafür wollen wir Material anbieten. 

Sebastian Gerhardt: Und wir verweisen gleich mal auf den aktuellen Kontext: Einige Mitstreiter von damals haben sich im letzten Jahr zu Wort gemeldet, auch mit neuen Positionen: Thomas Klein im telegraph Nr. 135/136, Bernd Gehrke in der SoZ Nr. 1/2020. Vielleicht ist dieses verstärkte Interesse kein Zufall…

Erhard: …denn jetzt können wichtige Protagonisten eben noch Auskunft geben. Wir wollen zunächst einige Vorstellungen vom Charakter dieser VL vermitteln, dann mal schauen, wie sich die VL in zwei wichtigen Phasen 1989/90 verhalten hat, um das Schwierige und Problematische ihrer Arbeit deutlich zu machen, und zuletzt auch resümieren. Das Grundziel dieser VL war es ja, zu einem freiheitlichen, demokratischen, basisdemokratischen Sozialismus zu kommen, und zwar hier in der DDR. Und genau das wollten auch wir, es war aber selbst mit solcher Gesinnung nicht so einfach, diese VL zu entdecken. Wie lief das bei Dir?  

Sebastian: Ich war damals bei der Armee im mecklenburgischen Dabel bei Sternberg, Unterfeldwebel, Aufklärungsgruppenführer. Im Sommer ’89 war ich als Kandidat in die SED eingetreten. Das war in meiner Familie nicht selbstverständlich. Damals habe ich gesagt: Wenn man in diesem Land nicht mehr in die Partei eintreten kann, die sich auf Marx beruft, dann ist es sowieso vorbei. In Sternberg kannte ich den Pfarrer und war dann im Oktober – in Uniform – auf Treffen in der Kirche, auf denen die neuen Gruppen vorgestellt wurden. Da war vom Sozialismus die Rede, beim Demokratischen Aufbruch zum Beispiel, und von Basisdemokratie. Aber dass Sozialismus heißt, dass es auch ganz klar gegen den Kapitalismus geht, das wurde da nicht so deutlich. Solche ein „Feindbild“ galt vielen als SED-Propaganda. Dass eine kapitalistische Restauration möglich war, davon hat nur die VL geredet, obwohl man schon im Sommer in Ungarn sehen konnte: Die Gefahr war real. Über die VL hatte ich was bei DT 64 gehört (Jugendsendung des DDR-Rundfunks, E.W.).

Erhard: Wie man sieht, hing der Zugang auch vom Alter ab: Ich war damals Vierzig, da war DT 64 nicht mehr mein Sender.

Sebastian: Und ich habe über die VL auch bloß da im Radio was gehört. Sonst war sie nicht nur in den DDR-Medien, sondern auch in der Westberichterstattung nicht zu finden.

Was die VL vertreten hat, das war schon sehr spezifisch. Die sich dafür interessiert und dann daran beteiligt haben, die hatten vieles gemeinsam. Nicht den gleichen Bildungsabschluss, aber es gab einen kulturellen, politischen und sozialen Zusammenhang. So haben wir uns gefunden. Persönlichen Kontakt hatte ich dann beim ersten Arbeitstreffen der VL, 25./ 26. November, bin da spät am Sonnabendnachmittag in Berlin aufgeschlagen und war auch beim Folgetreffen vierzehn Tage später in Leipzig dabei. Aber zu der Zeit war schon vieles gelaufen.  

Erhard: Es war ja lange Zeit nicht absehbar, wie schnell die Sache in Gang kommt, ob man sich selber beeilen muss. Ich hatte immer gedacht: Dieses Volk hier, bis das auf die Straße geht…

Sebastian: Man merkte aber deutlich, dass was ins Rollen gekommen war. Um ein Beispiel zu nennen: In der Parteiorganisation meiner Einheit wurde – wie wohl überall in der SED – im September eine offizielle Parteiinformation verlesen, dass sich unter dem Dach der Kirche feindlich-negative Kräfte sammelten. Und da habe ich mir gedacht: Wenn die so etwas zugeben müssen, dann muss es für sie wirklich schon von Bedeutung sein. 

Erhard: Das war nämlich die Linie: Bloß nicht von reden. Die Entwicklung in Ungarn habe ich damals verdrängt, obwohl ich ja wusste, dass sich die große Masse auch bei uns am Westkonsum orientiert. Ich habe mir gesagt: Jetzt versuchen wir es noch einmal mit Sozialismus. Eine Organisation, die aktiv wird und gleich die eigene Niederlage einplant, die kommt erst gar nicht auf die Beine. Selbst wenn diese Aussicht ganz realistisch ist. Und deshalb mussten wir auch bei der Volkskammerwahl Frühjahr 1990 mit einem sozialistischen Programm antreten, für eine eigenständige DDR. Anders ging es nicht.

Sebastian: Sehe ich auch so. Sonst hätte man es lassen können. 

Erhard: Bei mir war es mit dem Kontakt zur VL auch nicht so einfach, obwohl ich Thomas Klein und Bernd Gehrke (die beiden Hauptautoren der Böhlener Plattform, des Gründungsaufrufs der VL, E.W.) schon 1977 kennengelernt habe, hier in Berlin an der Akademie der Wissenschaften. Bernd flog bald raus, konspirative Zirkelarbeit, mit Thomas habe ich bis zu seiner Verhaftung 1979 im Rahmen der FDJ zusammengearbeitet, vor allem bei unseren Seminaren zur sowjetischen Wirtschaftsgeschichte. In den späten 80er Jahren, da hatte ich die Akademie schon hinter mir, habe ich mich viel mit Wirtschaftsfragen beschäftigt, klar war mir zu der Zeit u.a., dass dieses ganze Plan-Markt-Reform-Herumgeeiere nichts bringt und dass wir jenseits von bürokratischer Planung und Markt neue Formen der Wirtschaftslenkung brauchen. Das findet sich ja auch im VL-Wahlprogramm. Und klar war mir auch, dass dieses Theorem von der führenden Rolle der Partei das politische Hauptübel war und dass man darauf verzichten muss.  

Sebastian: Das war der VL sozusagen in den genetischen Code eingeschrieben. 

Erhard: Gelesen habe ich von der Böhlener Plattform das erste Mal im Oktober ’89 in der Wochenzeitung Die Kirche, und diese Plattform-Punkte fand ich spontan gut. 

Sebastian: Die Plattform hatte mit praktischen politischen Fragen eigentlich wenig zu tun, aber sie war ein, sagen wir mal,  Identifikationspunkt. Damit konnten wir uns auch abgrenzen  von den Nichtsozialisten und von der SED, die sich ja zu der Zeit völlig blockiert hatte. Am Ende war die Grenzlinie die Frage der deutschen Einheit. Nur, was konnten wir ausgehend von diesen Gemeinsamkeiten gemeinsam machen?  

Erhard: Die Schwierigkeiten zeigen sich ja schon, wenn man sieht, dass die VL hier im ganzen weiten Osten die einzige Organisation dieser Art war. 

Sebastian: Na ja, es gab noch den linken Rand der Solidarnosc, die hatten ähnliche praktische Ziele, aber auf Sozialismus haben sie verzichtet. Kommunismus hieß für sie Totalitarismus. In Ungarn die Gruppe um Tamas Krausz, mehr so ein Intellektuellenzirkel um die Zeitschrift eszmelet (https://www.eszmelet.hu/en/about-us/the-journal-2/), inhaltlich nicht weit weg von uns, die haben bis heute durchgehalten, und in der KPdSU Teile der Marxistischen Plattform, wo einige auch auf die führende Rolle verzichten wollten.

Erhard: Vielleicht könnte man sagen: Das war Verwandtschaft, aber für ein politisches Netzwerk hat es nicht gereicht. Und ebenso hatten wir große Schwierigkeiten, im Westen Partner zu finden. Der ak in Hamburg und die VSP … und das war’s. Ich hatte ja gedacht, dass zum Beispiel das Sozialistische Büro uns nahesteht, ich kannte links, ihr Blatt, das lag in der Staatsbibliothek im Lesesaal, und denen habe ich als VL-Arbeitssekretariat einen langen Brief geschrieben im Sommer 1990, wer wir sind und was wir machen usw. Reaktion gleich Null. 

Sebastian: Da gab es wirklich Überraschungen: Westlinke, wo ich dachte, die passen garantiert zu uns, haben sich mehr auf die SED-Reformer konzentriert, anderen waren wir zu anarchisch, den richtigen Anarchisten waren wir es aber wieder zu wenig.

Erhard: Die Böhlener Plattform, überhaupt unsere gesellschaftlichen Ziele waren schon praktisch von Belang, nämlich für uns in der VL selbst, den Umgang miteinander. Wir hatten es aber auch nicht so schwer wie die Bolschewiki 1917, uns zivilisiert zu verhalten, mussten nicht wie sie um die Macht kämpfen. Andererseits muss man sagen: Es gab linke Bewegungen, für die sich die Machtfrage auch nie gestellt hat und wo man sich trotzdem gegenseitig unterdrückt hat. Das spricht also schon mal für die VL. 

Sebastian: Es gab ja auch Vorbilder, populäre, wenn auch ferne Vorbilder, dazu gehörten für mich, aber nicht nur für mich, die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Chile, Nicaragua, siehe Gerhard Schönes Lied „Mit dem Gesicht zum Volke“. Dazu kam die Abgrenzung vom Stalinismus, die mit der Perestroika noch breiter geworden ist. Das heißt, friedliche, sachliche, demokratische Konfliktaustragung gehörte zum Selbstbild, das sich nicht so einfach ändern lässt. Das galt aber für alle Bürgerbewegungen, das war Konsens bis in Teile der SED hinein. 

Erhard: Zwei Begriffe aus der Mottenkiste bringe ich mal noch ein und frage, inwiefern die uns charakterisieren könnten: Neue Linke und Dritter Weg. Letzteres passte vielleicht nicht zu einer radikalen Linken…? 

Sebastian: Dritter Weg, das waren die SED-Reformer. Das waren zum Teil interessante Texte, aber klar technokratisch, von oben gedacht: Nicht die Kontrolle verlieren. Neue Linke war etwas anderes, das war auch ein Westbegriff. Bei uns hieß es eher 68er, und 68 war im Prinzip immer positiv besetzt: Kommune, freie Liebe usw. Aber eben auch Prag 68.

Erhard: Es hat 68 einen Impuls in Richtung 89 gegeben, aber direkt von Belang kann das, wenn überhaupt, in der VL Berlin nur für die wenigen gewesen sein, die 1989 um die Vierzig waren. Die hatten allerdings einigen Einfluss auf die Geschicke der VL: Bernd Gehrke, Thomas Klein, Judith Brabant, Marion Seelig, Eva Kratz (sie vertrat zusammen mit Bernd Gehrke die VL Berlin im DDR-Sprecherrat, E.W.).

Und jetzt eine große Frage: Wie gehen wir um mit dieser VL-Geschichte? Thomas Klein hat mal geäußert, dass sich die sozialistische Linke in der Selbstkritik von niemandem überbieten lässt. Ein schönes Motto, das aber bisher kaum verwirklicht wurde. Ich finde eher Äußerungen wie: Alle anderen haben ihre ursprünglichen Ziele verraten, wir waren die einzigen, die treu geblieben sind, die richtige Linie hatten usw. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, die VL war die einzige größere neue Organisation, die an sozialistischen Ideen festgehalten hat, und wir haben gute Gründe, uns weiterhin zu ihr zu bekennen – trotzdem wirkt es etwas lächerlich, wenn man einen Haufen, der im März 1990 gerade mal 0,2% der Wählerstimmen bekommen hat, auf solche Weise einschätzt.  

Sebastian: Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir 1989/90 mit solchen Sätzen aufgetreten sind …

Erhard: Wenn man mit jemandem ein Wahlbündnis bilden will, kann man ihn schlecht als Wendehals bezeichnen. 

Sebastian: Charakteristisch für die VL waren Widerspruch, Widerstand in mehr als einer Richtung und gerade deshalb auch Kooperationen in verschiedene Richtungen – je nachdem, worum es ging. Genau das hat uns vielen in der SED-PDS wie in anderen Bürgerbewegungen suspekt gemacht. 

Erhard: Vielleicht war diese Fähigkeit, mit unterschiedlichen Kräften zusammenarbeiten, auch das rationale Element in der Hoffnung, die wir bei den VL-GründerInnen finden, die VL würde die linke Großorganisation werden. Das steht ja auch hinter Bernd Gehrkes Äußerung in der SoZ 1/2020, die Gründung des Neuen Forums habe er als Schlag in die Magengrube empfunden. Die Opposition, vom Volk gar nicht zu reden, ließ sich aber nicht oder nicht mehr, was weiß ich, im Sinne eines anderen Sozialismus einen. 

Sebastian: „Schlag in die Magengrube“? Thomas Kupfer aus Halle hat es 1991 genau anders herum gesehen: Dass die VL eine Alternative zu den anderen, politisch nicht besonders festgelegten Bürgerbewegungen war. Wobei man staunt, was bei bestimmten Anlässen noch an Zusammenarbeit ablief, zum Beispiel am 19.Dezember 89 bei der Anti-Kohl-Demo: VL, Demokratie jetzt! und die Initiative Frieden und Menschenrechte standen als Aufrufer nebeneinander. Das hing auch sehr von den lokalen Umständen ab. Neues Forum in Rostock, das war Gauck. Und da ging mit der VL nichts, aber auch nichts mit IFM und DJ.  

Erhard: Während hier bei der III. DDR-Delegiertenkonferenz der VL, im Januar 1990, Reinhard Schult vom Neuen Forum gefragt hat, was Sozialismus heute bedeutet. Das hat allerdings im Forum zu einigen Auseinandersetzungen geführt. 

Sebastian: Wobei natürlich auch vorher schon innerhalb der Opposition um die Haltung zur DDR und zum Sozialismus gestritten wurde und danach ebenso. Was mir auffällt, ist ein Kontrast: Vor 25 Jahren gab es eine gemeinsame Konferenz von Menschen aus VL und Unabhängigem Frauenverband und Teilen des Neuen Forum in Berlin zum fünften Jahrestag „der großen nichtsozialistischen Oktoberrevolution“. Vor 20 Jahren die Basis für eine Ausstellung, Der kurze Herbst der Utopie, die nicht mehr ganz so breit war, wo aber miteinander diskutiert wurde. Vor zehn Jahren noch einen Zusammenhang von Aktiven mit dem express und der SoZ, der eine gemeinsame Publikation der verschiedenen Standpunkte ermöglicht hat (http://express-afp.info/wp-content/uploads/2016/02/Ränkeschmiede_DDR_2.Auflage.pdf). Es ging dabei nicht um eine gemeinsame Praxis, aber um miteinander verbundene Diskussionen. Inzwischen hat – mein Eindruck – die politische Vereinzelung des alt-oppositionellen Milieus auch die letzten Treffpunkte aufgelöst. 2002–2006/07 hatte man bei den Protesten gegen Hartz IV usw. noch gemeinsame politische Bezugspunkte, aber das ist vorbei. Zusammengefunden haben sich einige nur noch einmal letztes Jahr in der Verteidigung der Legitimität von linker Opposition in der DDR, in dieser Broschüre „… feindlich-negative Elemente … – Repression gegen linke und emanzipatorische Bewegungen in der DDR“, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben. 

Erhard: Es hat eine regelrechte Entsolidarisierung stattgefunden…

Sebastian: …besonders 2007 im Konflikt um Horch und Guck, wo sich die Havemann-Gesellschaft plötzlich herausgehalten hat (Horch und Guck war eine Zeitschrift, die die Geschichte von Opposition und Repression in der DDR thematisierte, aber auch im Sinne des 89er Herbstes kritisch auf Entwicklungen in der Bundesrepublik reagierte und der daher die Förderung durch die Stiftung Aufarbeitung entzogen wurde; die Havemann-Gesellschaft wirkte als Aufarbeitungsinitiative in ähnliche Richtung, E.W.). Die Aktivitäten der Stiftung Aufarbeitung haben seit 1998 viele Archive und Gruppen stabilisiert, aber mit der politischen Unabhängigkeit war es vorbei.

2. Die Strategie

Erhard: Die VL ist ja nicht nur mit einem bestimmten Ziel angetreten im Herbst 1989, dem freiheitlichen und demokratischen Sozialismus, sondern auch mit einer bestimmten Strategie. Vielleicht sollten wir jetzt mal auf die zu sprechen kommen, auf die Probleme, die sich dabei gegen Herbstende 1989 ergeben haben und dann noch einmal im Sommer 90. Im Neuen Deutschland hieß es damals über uns: Den Idealen des Herbstes treu, aber haben wir es verstanden, diese Treue hinreichend in politisches Handeln umzusetzen? Großes Fragezeichen.

Sebastian: Weshalb ist gerade das für dich ein Schwerpunkt? 

Erhard: Das ist meines Wissens von uns nie aufgearbeitet worden, könnte aber in gewissem Maße zeigen, womit wir intern zu kämpfen hatten und warum die VL nicht so sehr lange aktiv war. Der Spätherbst 89 war die erste entscheidende Weichenstellung. 

Sebastian: Das hat man nur nicht gleich gemerkt. Im November 89 waren wir vielleicht tausend Leute, und dann ist die VL als Subjekt bis Anfang Februar 1990 immer wieder kräftig gewachsen. Aber die Herausforderungen wurden auch immer größer – und wurden nur Schritt für Schritt bewusst. Anfang 1990 haben sich überhaupt erst viele Querverbindungen zwischen den Gruppen ergeben. Die VL Berlin hatte damals, also zu ihren besten Zeiten, schätze ich mal, immerhin etwa vierhundert Mitglieder, wobei sich noch die Frage stellt: Wer war Mitglied? 

Erhard: Das war aber ein Wachstum noch unter der Leitidee eines besseren Sozialismus hier im Lande.  

Sebastian: Als der Wahlkampf losging, hatte sich dieser Optimismus, scheint mir, schon verflüchtigt. 

Erhard: Darüber wurde wenig gesprochen, man kann also schwer sagen, wann der verlorenging. Aber zurück zum Herbst 89, da war das also ein winziger Haufen. Und man brauchte ja noch andere Dinge. Um mal mit Brecht zu fragen: Wer aber war die VL? Saß sie in einem Haus mit Telefonen?

Sebastian (lacht): Leider nicht. Die VL in Berlin war ab Oktober über Kontaktadressen zu erreichen, aber nur postalisch. Kathrin Schmidt zum Beispiel (geb. 1958, Lyrik- und Prosaautorin, E.W.).

Erhard: Wofür ja anfangs einiger Mut erforderlich war. Gedankt hat es ihnen die VL meines Wissens nie. Die VL musste aber vor allem sehen, wie sie selbst bekannt wurde, und das war ebenso schwierig. Es wurden hier, da und dort in den Kirchenportalen Zettel gehängt – aber da hingen oft schon ein Dutzend. Und es gab vereinzelt Infoveranstaltungen in Kirchen, wo auch die Böhlener Plattform vertreten war. Das heißt, Aufrufe wie Wir müssen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen vom 5.Oktober 89 hatten nur eine geringe Reichweite. Das muss man immer mit bedenken, wenn man von der Arbeit der VL zu der Zeit spricht.

Sebastian: Wobei der Aufruf wahrscheinlich fehldatiert wurde, der scheint mir, wenn ich mir den Inhalt anschaue, eher vom 5. November zu sein. Einigermaßen wahrnehmbar wurde die VL erst, als das Radio gelegentlich berichtete, das Fernsehen Diskussionen übertrug, wo auch die VL mittat.

Erhard: Leider nicht das Westfernsehen, aber die DDR-Medien wurden zu der Zeit ja auch wieder stärker genutzt. Wichtig wurden dann noch die Fernsehübertragungen vom Runden Tisch ab dem 7.Dezember, unser Hauptzugang zur Öffentlichkeit. Zu der Zeit aber, jetzt kommen wir mal zum eigentlichen Thema, verlor die den ganzen Herbst hindurch zumindest verbal verfolgte Strategie der VL ihren Sinn: der Aufbau einer Gegenmacht von unten in einem sehr anspruchsvollen Sinne. Damit war, muss man erst einmal sagen, etwas anderes gemeint als die Runden Tische, die ja auch eine Gegenmacht waren. 

Sebastian: An den Runden Tischen stand das Diplomatische im Vordergrund, das Verhandeln mit der alten Macht. Und der Zugang war exklusiv, den hatten bestimmte Organisationen. Während es beim Modell der Gegenmacht von unten darum ging, dass man sich erst einmal selber orientierte. 

Erhard: Für die Organisationen war da auch nicht so eine tragende Rolle geplant, das hatte mehr Rätecharakter. Umgesetzt wurde das aber kaum, vielleicht in ein paar Betrieben, aber nicht lokal, in den Territorien. 

Sebastian: Das würde ich so nicht sagen, es gab eine breite Bewegung, spontan von unten, in den Gemeinden, in den Schulen, auch die Stasi-Auflösung würde ich dazu rechnen, die ersten Ausländerbeauftragten in der DDR.  

Erhard: Alles richtig, ich muss daskonkretisieren: Gegenmacht von unten hieß für die VL letztlich, dassparteioffene demokratische Volksausschüsse … sämtliche Angelegenheiten ihres Gebietes in ihre Hände nehmen, wie es im Volkskongress-Aufruf vom 9.Dezember 1989 heißt. 

Sebastian: Aufbau einer Doppelherrschaft, wenn es die überhaupt gibt, so weit ist die Entwicklung nicht gegangen, das ist richtig. Adressat dieser Strategie waren im übrigen die Werktätigen, um mal so einen so einen DDR-Begriff zu benutzen, eigentlich das ganze Volk. Alle sollten mitwirken beim Aufbau eines neuen Gemeinwesens. 

Erhard: siehe den Volkskongress-Aufruf: Aus allen Betrieben und Einrichtungen sollten Delegierte zusammenkommen und den Parteien usw. den Volkswillen vermitteln. 

Sebastian: Das Vorhaben war schon deshalb sinnlos, weil von unten solche Zentralisierungen gar nicht angestrebt wurden. Und ihm lag die Vorstellung von einem von den Parteien nicht verunreinigten Volkswillen zugrunde. 

Erhard: Einem Volkseinheitswillen sozusagen. Tatsächlich war der Volkswille aber in der Frage der deutschen Einheit grundlegend gespalten, schon zu der Zeit, und die Entwicklung ging in diese Richtung weiter trotz heftiger Gegenwehr von links.

Sebastian: Gegenwehr, das war zum Beispiel der Aufruf Für unser Land, Ende November. Was man für unser Land tun konnte, wurde da aber schon nicht mehr gesagt – weil sich bereits die Erstunterzeichner darüber nicht einig waren. Um wieviel weniger dann „das Volk“ insgesamt.

Erhard: Und dann gab es noch Anfang Dezember diese Menschenkette, auch eine sehr große Aktion. 

Sebastian: Hatte das wirklich so eine konkrete Zielrichtung? Mir scheint, dass das mehr auf demokratische Erneuerung im allgemeinen gerichtet war. 

Erhard: Doch, da ging es meines Erachtens eindeutig um die Rettung der DDR, eine Menschenkette von Ost nach West und eine von Nord nach Süd, von Grenze zu Grenze, das war ja wie eine symbolische Umarmung des Landes … So, und nun kam das Problem für die VL: Der Gegenmachtstrategie wurde durch die Westorientierung im Volke der Boden entzogen, jedenfalls der Maximalstrategie in der Form, wie die VL sie vertreten hat: Volksausschüsse, Volkskongress.  

Sebastian: Die Volkskongressidee konnte nicht greifen, weil es bei den Massen keine Bereitschaft gab, einen bankrotten, nicht buchhalterisch, aber ökonomisch, moralisch, politisch bankrotten Laden zu übernehmen. Der Widerstand der Politbürokratie war nicht entscheidend. Aber die Frage: Wie weiter?

Erhard: Das war auch der letzte VL-Aufruf dieser Art. 

Sebastian: Es kam im Mai 90 noch was von Herbert Mißlitz und Bernd Gappa, nannte sich Initiative Volkskongress, und da ging es um die Gestaltung der deutschen Einheit von unten, bestimmte Grundwerte sollten berücksichtigt werden … 

Erhard: Inhaltlich angeknüpft an die Volkskongressidee hat Herbert noch in seinem Aufruf Für Einheit und Klarheit, Sommer 90. Unter anderem hat er da kritisiert, dass wir uns nicht an der Volksmehrheit orientiert haben. 

Sebastian: Das könnte ebenso aus Leipzig von der SAG stammen, der Sozialistischen Arbeitergruppe – die verlangten auch, dass wir dem Volke folgen und uns nun für die deutsche Einheit einsetzen. Absurd … das funktioniert nur bei Kaderorganisationen, wo die dann auf dem Hacken kehrtmachen. Aber schon bei dieser Volkskongressidee konnte man sagen: Das war Flucht nach vorn statt Ehrlichkeit. 

Erhard: Ja, die hatte keinen Boden mehr, man hätte also debattieren müssen, was wir jetzt tun, aber dann hätte man zunächst das Scheitern der Anfangsstrategie zugeben müssen, schon jetzt, und damit konnte man, darüber hatten wir ja schon gesprochen, schlecht weiterarbeiten. Also hat man Herbert in seinem Volkskongressbüro vor sich hin werkeln lassen und sich real auf andere Dinge konzentriert, Runde Tische, seit Dezember 89, und bald auch Wahlkampf. Das passte sowieso eher zu unserer Mitgliedschaft, die richtigen Macher waren bei uns rar.

Es fehlten hier in dieser großen Berliner Gruppe für gründliche Debatten auch die Orte, die Zeit. Dieser Runde Tisch war eigentlich, so ist bei Bernd zu lesen, auch nicht unser Möbel. Aber man wollte sich eben nicht isolieren, habe ich dazu jetzt von ihm und Thomas gehört. 

Sebastian: Im Berliner Kern der VL, das habe ich damals noch gar nicht so gesehen, waren die Bindungen ans alt-oppositionelle Milieu viel stärker als die Verbindungen nach draußen. Sich „nicht zu isolieren“ hieß: mit dem linken Flügel des Neuen Forum zusammenzuarbeiten, den man, vielleicht bis Ende Januar, noch für das Ganze des Neuen Forum halten konnte.

Erhard: Ich will im Zusammenhang mit dem Herbst 89 noch auf etwas zurückkommen, das du vorhin gesagt hast: Die Massen waren nicht bereit, diesen Laden zu übernehmen. Jörg Roesler hat mal geäußert, die DDR-Wirtschaft hätte, mit Unterstützung vom reichen Onkel in Bonn, binnen einiger Jahre ans bundesrepublikanische Niveau anschließen können – es gab dafür aber in der DDR meines Erachtens keinen sozialen Träger, und ohne den geht es nicht.

Und was diese Westorientierung der Massen betrifft: Bernd Gehrke hat die in der erwähnten SoZ u.a. damit erklärt, dass die Opposition nicht auf die basisdemokratische Selbstorganisation des Volkes gesetzt und ihm also keine politische Perspektive geboten hätte. Aber was ist denn eine Selbstorganisation, zu der man erst aufgefordert werden muss? Oder war diese Westorientierung ein Produkt der Ära Honecker, ihrer Wirtschaftspolitik?

Sebastian: Ich denke, die DDR war eine „moralische Ökonomie“, mit bestimmten Gerechtigkeitsvorstellungen und ziemlich festen gegenseitigen Rollenerwartungen an Führung und folgsames Volk. Die Enttäuschung über das Scheitern dieser Arbeitsteilung, „Amtsmißbrauch! Korruption!“, war echt – und setzt gerade auch in der empörten Bevölkerung eine ganze Menge Selbsttäuschung voraus. 

Erhard: Dass die da oben materiell privilegiert waren, war schon lange bekannt. Wurde aber nicht akzeptiert. Zum Beispiel, als das Politbüro auf Volvo umstieg. Es gab auch so ein Gerücht von einem riesigen Laden mit Westwaren, unterirdisch, wo die Funktionäre alle einkaufen würden. Ohne dafür Westgeld zu brauchen. Das hätte man gern für sich selber gehabt, das wäre gerecht gewesen. Honeckers Politik hat solche Vorstellungen sicherlich befördert, aber vor allem war sie wohl eine Reaktion darauf. Letztlich steckt dahinter, was Lenin einst das tradeunionistische Bewusstsein genannt hat. Das wird weitergetragen von einer Generation zur nächsten und gleichzeitig auch immer wieder geschaffen, tradiert und reproduziert. 

Sebastian: Immer wieder reproduziert? Die Idee gewerkschaftlicher Organisierung ist alles andere als ein spontanes Produkt des Kapitalismus. „Tradeunionistisch“ ist so ein Kampfbegriff der Berufsrevolutionäre, den habe ich mir eigentlich abgewöhnt.

Erhard: Ist klar, Gewerkschaften sind eine Errungenschaft, ich bin da ja auch selber Mitglied. Sie sind heute auch nicht das gleiche wie zu Lenins Zeiten. Für das Massenbewusstsein der Honeckerzeit einen Begriff zu finden, der rundum brauchbar ist, scheint schwierig zu sein. Konsumistisch wäre alles in allem zu eng – oder sollte man von einem nur-tradeunionistischen Bewusstsein sprechen … ich rätsele mal nicht weiter. 

3. Im Banne der Wahlen

Erhard: Die zweite Weichenstellung für die Weiterarbeit der VL, und zwar eine wenig reflektierte, wie mir scheint, gab es dann im Sommer 90. Damals war die VL ja als Organisation durchaus noch wahrnehmbar… 

Sebastian: Ich will jetzt nicht irgendwie drauflos schätzen. Aber 2000 Aktive halte ich für realistisch.

Erhard: Wobei ich im Arbeitssekretariat nie genau wusste, wo es arbeitende Gruppen gab, welche Arbeitsgruppen der VL Berlin zum Beispiel im Sommer noch funktionierten, was die gemacht haben. Ich will in dem Zusammenhang noch eine Auffassung aufs Tapet bringen: Dass die VL besser dagestanden hätte, wenn die SED sich Ende 89 aufgelöst hätte, es wäre sozusagen ihre Pflicht vor der Geschichte gewesen, uns den Weg freizumachen. 

Sebastian: Geschichte ist kein Wunschkonzert. Als realer Faktor war die SED im Umbruch und im neuen Deutschland aufgrund der absehbaren Ausgrenzung ihrer Aktivisten viel stabiler als die KPdSU 1991 oder die PZPR in Polen 1990. Und selbst dort hat die Auflösung dieser Parteien nicht zu einem Aufschwung der unabhängigen Linken geführt. Auch dort hat die unabhängige Linke die Genossen nur selten aus ihrer Staatsfixiertheit, aus ihrer strikt klassenübergreifenden Gemeinwohlorientierung herausbekommen. 

Erhard: Davon mal abgesehen: Diese Denkweise, bei der man anderen, ob nun SED oder Neues Forum, das Existenzrecht abspricht, weil es ja die VL gibt, die passt für mich nicht zu unserem Sozialismusbild.  

Sebastian: Diese Organisationszentriertheit, das hat etwas Leninistisches an sich…

Erhard: Kryptoleninistisch habe ich das damals für mich genannt. Auf alle Fälle hat es, denke ich mal, etwas Avantgardistisches an sich … es gibt ja auch einen nichtleninistischen Avantgardismus.

Aber jetzt mal zu dem, was in diesem Sommer nötig gewesen wäre und was wir tatsächlich gemacht haben. Die VL hat die Restauration des Kapitalismus hier im Lande strikt abgelehnt, die kapitalistischen Verhältnisse waren auch noch nicht da…  

Sebastian: …aber es zeichnete sich ab, dass die VL Schwierigkeiten haben würde, damit umzugehen, das politische Denken der VL hörte an der Grenze zur DDR auf, in Bezug auf den Westen hatten wir so eine Beobachterposition.

Erhard: Und dann war es ein richtiger Schock, als in Schöneweide an einer Fabrikfassade plötzlich wieder AEG stand. 

Sebastian: Eine Ausnahme war der „Husemannstraßenkreis“, Leute vom Neuen Forum waren vertreten, Bärbel Bohley, andere Bürgerbewegungen, auch die VL, dazu Westgrüne, da ging es um Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Aber nachdem klar war, dass es am 2.Dezember zwei Wahlgebiete geben würde, man also mit den Grünen nicht unter einen Hut kommen musste, war schon ziemlich der Druck weg. Dann war für ’91 eine Oppositionskonferenz geplant, das wurde auch nichts, es blieb bei einem dieser gelben Bücher von Christoph Links.

Erhard: Das war Keine Opposition. Nirgends? Die Frage ist nun, was hätte man in diesem Sommer konkret tun können, sollen, müssen. 

Sebastian: Konkrete Arbeitsfelder waren oder hätten sein können besetzte Häuser, Kommunegründung, der Ausbau von Diskussionsverbindungen im Antifa-Bereich, Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, da waren Berlin und Halle aktiv, es gab das Bündnis kritischer Gewerkschafter Ost-West, auch daran waren VLer beteiligt.

Erhard: Das war aber in den Betrieben hier im Osten kaum verankert. Und im Sommer 90 wurde im Bereich der VL alles überstrahlt von den Vorbereitungen auf die Bundestagswahl vom 2.Dezember.

Sebastian: Es ging um drei Vorschläge: gar nicht antreten, oder mit der PDS oder, das war die Option, die zunächst diskutiert wurde, mit den Bürgerbewegungen. Es kam bei uns zum klassischen Condorcet-Paradox: Es gab keine rationale Lösung, weil die Konstellation nicht einfach pro/contra war. Deshalb der Kompromiss: Alle dürfen ihr Projekt betreiben, sie sollten alle miteinander praktisch vereinbar sein, aber das war eine Illusion. Die besondere Illusion der VLer, die stärker bei Linke Liste/ PDS engagiert waren: Man wollte mit Westlinken einschließlich der linken Grünen vom Bundestag aus eine neue Linke bilden. Die besondere Illusion beim Wahlbündnis Bürgerbewegungen: Eigentlich so etwas Ähnliches, nur mit weniger PDS und mehr alten Bekannten aus der Opposition. Beide Optionen waren aber klar nicht basisorientiert, sondern schon ziemlich hinterzimmermäßig – bis hin zur gescheiterten Oppositionskonferenz 1991.

Option 3, Nichtwahl, war illusorisch, weil die nötigen Ressourcen für die unabhängige Selbstorganisation (Räume, Geld usw.) romantisch unterschätzt wurden. Die Wahlteilnahme hat nicht unwesentlich zur finanziellen Stabilisierung der Rest-VL beigetragen: Wahlkampfkostenrückerstattung, ein paar Mandate usw.

Erhard: Das ist schon richtig, es gab keine optimale Lösung. Und trotzdem denke ich heute, dass diese Wahlbeteiligung der größte Fehler war, den die VL gemacht hat: Wir hätten uns zu der Zeit ganz intensiv um konkrete Projektarbeit kümmern müssen, als Teil eines Arbeitsprogramms der VL. Das wäre die Hauptaufgabe gewesen, wahrscheinlich war es die letzte Chance für uns. Aber so richtig bewusst war mir das damals noch nicht. Die Wahlen haben uns sehr in Beschlag genommen, uns aber inhaltlich nicht vorangebracht. Außerdem hat diese Spaltung das Klima in der VL doch erheblich verschlechtert.

Sebastian: Das lag aber auch daran, dass beide Seiten die große Keule vorgeholt haben. Wir waren nicht darauf vorbereitet, in Grenzen zumindest pragmatische Entscheidungen zu treffen. 

Erhard: Ein wichtiger Satz, darauf komme ich nachher noch einmal zurück. Auf alle Fälle ging es ab 1991 mit der VL und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung steil bergab. 

Sebastian: Es gab aber doch eine ganze Reihe von Folgeprojekten, Bunte Republik Neustadt, die Häuser der Demokratie in Rostock, Leipzig und Berlin – vielleicht noch mehr, die Erinnerung an die VL ist eben stark berlinzentriert.

Erhard: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung bereitet jetzt ein Materialienheft vor, da wird es dann hauptsächlich um die VL im Norden gehen.

Sebastian: Es gibt also Hoffnung auf Änderung.

4. Versuch eines Resümees

Erhard: Letzter Punkt: Was war diese VL, was haben wir mit ihr verloren?

Sebastian: Die VL war, würde ich mal sagen, der verbal-revolutionäre Flügel der Bürgerbewegungen vom Herbst 1989, also einer breiten Bewegung zur Umgestaltung der DDR. 

Erhard: Vielleicht doch etwas mehr. Zunächst mal: Sie war keine Avantgarde-Organisation im klassischen Sinne, als Vorbild haben wir uns schon verstanden, aber nicht als solche Avantgarde, und trotzdem sollte man die Bedeutung der VL nicht allein oder vor allem am Wahlergebnis vom 18.März messen, diesen 0,18%.

Und das andere: Da möchte ich mal an das anknüpfen, was Du eben gesagt hast, dass die VL nicht darauf vorbereitet war, bestimmte pragmatische Entscheidungen zu treffen. Ich würde das noch erweitern: Die VL war, so scheint mir, grundsätzlich nicht darauf vorbereitet, Politik im engeren Sinne zu machen, es war, unter den gegebenen Umständen, auch gar nicht Aufgabe der VL, Politik zu machen. Dazu fehlten ihr die Möglichkeiten. Und zu umfangreicher Basisarbeit, Aufbau von Volksausschüssen usw., was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre, fehlten ihr wiederum, alles in allem, die Fähigkeiten. Ich denke, die Bedeutung der VL lag im Organisationsmodell, das wirklich gelebt wurde, und im Programmatischen, siehe Volkskammer-Wahlprogramm. Da ist einmal wenigstens klar gesagt worden, welchen Sozialismus wir wollen. Insofern war es auch gut, dass wir nicht im Bündnis ’90 geblieben sind. Mit den Tagesaufgaben hatte das aber nicht viel zu tun, obwohl die Grundorientierung natürlich die gleiche war. 

Sebastian: Und Bedeutung hatte sie auch durch ihr Fortwirken in anderen Projekten, siehe oben. 

Erhard: Ich will noch mal auf einen wichtigen Versuch hinweisen, das Scheitern der VL zu erklären: Thomas Klein schrieb im ND vom 3./4. November 2014, dass die VL „nicht imstande war, eine überzeugende Alternative gegenüber den ‚Wendehälsen’ in der SED/PDS und den neuen politischen Vereinigungen zu formulieren.“ Das ist meines Erachtens problematisch: Nicht imstande sagt man, wenn jemand versagt hat, aus subjektiven Gründen das Mögliche nicht wirklich geworden ist. Doch was die VL bieten konnte, hat sie geboten. Ich bezweifele, dass es zu dem Zeitpunkt überhaupt eine Alternative gegeben hat, die überzeugend war.  

Sebastian: Was Thomas schreibt, klingt so, als wäre die VL am Fehlen des „richtigen“ programmatischen Textes gescheitert. Das ist kein Zufall oder sprachlicher Ausrutscher, sondern präziser Ausdruck eines wenig realistischen politischen Avantgardekonzepts. Politische Selbstorganisation braucht aber nicht nur eine Idee von „der Gesellschaft“, „den Kräfteverhältnissen“ und dem richtigen Aktionsprogramm. Zur Orientierung im Gelände ist eine Landkarte nur hilfreich, wenn man die eigene Position mit ihr bestimmen kann. Die VL war 1989/90 keine verhinderte Avantgarde, sondern viel mehr: ein lebendiger politischer Zusammenhang, der Widerständigkeit geübt und unterstützt hat. 

Das Gespräch wurde Ende April und Anfang Mai 2020 geführt, und zwar wegen der Corona-Pandemie telefonisch.  

***

Sebastian Gerhardt, geb. 1968 in Rostock, 1990/91 Vertreter der Neustrelitzer VL im DDR-Sprecherrat bzw. einer der Sprecher der VL Berlin, später Vorstand der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte, Autor (https://planwirtschaft.works), freiberuflicher Bildungsreferent und Gewerkschafter (https://geschichte-wird-gemacht.org), Arbeitsschwerpunkt: Wohnungspolitik. Lebt in Berlin.

Erhard Weinholz, geb. 1949 in Brandenburg a. d. H., Hochschul-Ökonom, Dr. phil., 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter des VL-Volkskammerabgeordneten Thomas Klein,  Mitarbeiter im Arbeitssekretariat des DDR-Sprecherrates der VL, VL-Vertreter in der Podium-Redaktion der Berliner Zeitung, 2001 bis 2007 Mitglied der Redaktion von Horch und Guck, arbeitet publizistisch und literarisch, letzte Buchpublikation: Lokaltermin. Berliner Ansichten (2018). Lebt in Berlin. 


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