Rainer Werner Fassbinder (1945–1982)


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2020/07/rainer-werner-fassbinder-19451982/
Veröffentlichung: 01. Juli 2020
Ressorts: Film, Kunst, Zur Person

«Schlafen kann ich, wenn ich tot bin»
von Paul B. Kleiser

Am 31.Mai vor 75 Jahren wurde Rainer Werner Fassbinder in Bad Wörishofen geboren. Ab den späten 60er Jahren wurde er zu einem der produktivsten Autoren und Filmemacher der alten BRD.

In nur einem guten Dutzend Lebensjahren drehte er über 40 Spielfilme und schrieb etwa zwei Dutzend Theaterstücke. «Schlafen kann ich, wenn ich tot bin», war sein Lebensmotto. Zu viel Arbeit, Alkohol und Kokain brachten ihn schließlich um.
Er begann als Schauspieler beim Münchner Action-Theater und gründete dann – vor dem Hintergrund der politischen und kulturellen Umbrüche von 1968 – zusammen mit Hanna Schygulla, Ingrid Caven, Irm Hermann, Peer Raben und Kurt Raab das anti-theater, das auch einige seiner Stücke herausbrachte. Sie versuchten sich in einer neuen Art des Schauspiels, um sich von den Gewohnheiten der 1940er und 1950er Jahre abzusetzen. Allerdings konnten sie den Leistungen der Ostberliner Ernst-Busch-Schauspielschule in der Brechtschen Tradition nie das Wasser reichen. Die besten Schauspieler (Mario Adorf, Romy Schneider) arbeiteten damals im Ausland.
Der westdeutsche Film befand sich damals in einer tiefen Krise, nachdem die Welle der Heimatfilme vorbei war und auch die Karl-May-Verfilmungen kein Massenpublikum mehr anzogen. Häufig wandte man sich sodann verdrucksten Sex-Klamotten zu. Alois Brummer drehte seine spießigen «Erotikfilme» am Fließband in seiner Pasinger Villa. Die wenigen Regisseure, die nach alternativen Wegen suchten, hatten wenig Erfolg: Will Tremper schuf 1963 Die endlose Nacht und 1966 Playgirl, die in ihrer reflektierten Andersartigkeit noch heute beeindrucken.
1962 veröffentlichten angehende Jungregisseure wie Alexander Kluge, Edgar Reitz, Franz-Josef Spieker oder Haro Senft das «Oberhausener Manifest» das verkündete: «Opas Kino ist tot.» Mitte des Jahrzehnts kamen die ersten Filme des «jungen deutschen Films»: Volker Schlöndorffs Der junge Törless oder Alexander Kluges Abschied von gestern heraus.
Fassbinder war im Grunde keiner dieser Gruppen zuzurechnen. Sein Markenzeichen war, dass er eine Gruppe von (zumeist jungen) SchauspielerInnen um sich scharte, eine Art «stock company», die in den meisten seiner Filme auftauchen. Später integrierte er jedoch auch ältere SchauspielerInnen, so Brigitte Mira (Angst essen Seele auf) oder Karlheinz Böhm.
Sein erster Film, Liebe ist kälter als der Tod, war eine Kleingangstergeschichte nach dem US-amerikanischen Vorbild des film noir. Auch Godards frühe Filme Außer Atem oder Der kleine Soldat übten einen sichtbaren Einfluss aus. Man konnte aber – etwa am Spiel der Protagonisten – sehen, dass es sich um eine Erzählung aus «zweiter Hand» handelte, und dass die Münchner Vorstädte natürlich nicht mit Los Angeles konkurrieren konnten. (Die für mich beste Einstellung ist ein nächtliches Travelling durch die Landsberger Straße, die Jean-Marie Straub Fassbinder für seinen «Erstling» geschenkt hat. Fassbinder hatte in einem Straub-Film mitgewirkt.) Auch in anderen frühen Filmen scheinen Verweise auf und Anleihen beim US-amerikanischen Gangsterfilm deutlich durch.
Der zweite Film, Katzelmacher, beruhte auf einem eigenen Theaterstück und brachte erstmals das Thema «Migration» ins deutsche Kino. Fassbinder spielt den griechischen «Gastarbeiter» Jorgos, für den sich einige Mädchen interessieren, der aber gerade deswegen auch auf starke Ablehnung, vor allem von männlichen Konkurrenten, stößt. Der tiefsitzende Rassismus der deutschen/bayerischen patriarchalischen Gesellschaft tritt in aller Deutlichkeit zutage. Fassbinder spielt den Griechen selbst, was heute durchaus als problematisch empfunden würde.
Bald darauf bekam das Melodram in seinem Werk eine immer größere Rolle. Mit Händler der vier Jahreszeiten und Die bitteren Tränen der Petra von Kant setzte er sich mit dem großen deutsch-amerikanischen Regisseur Detlef Sierck (Douglas Sirk) auseinander, der in den 30er Jahren Zarah Leander entdeckt und zum Star gemacht hatte. In Hollywood schuf Sirk in den 50er Jahren eine Reihe von Melodramen, die als stilbildend gelten können, so In den Wind geschrieben (mit Rock Hudson und Lauren Bacall) und Zeit zu leben und Zeit zu sterben.
Stärker als bei Sirk spielen bei Fassbinder psychosoziale und sexuelle Machtverhältnisse eine große Rolle. Der «Händler der vier Jahreszeiten» scheitert am Erwartungsdruck von Frauen und säuft sich schließlich zu Tode. Aber auch Frauen sind bei Fassbinder zumeist Konkurrentinnen. In der kleinbürgerlichen Gesellschaft sind Neid und Missgunst die Regel und Solidarität selten.
Nach der Ermordung von Hanns Martin Schleyer und der «Todesnacht von Stammheim» (1977) drehten elf Regisseure den Episodenfilm Deutschland im Herbst. Einen der eindringlichsten Teile stellt die Debatte von Fassbinder mit seiner Mutter dar, in dem die Herzlosigkeit und der Konformismus der älteren Generation deutlich werden. Fassbinder spricht auch von seiner großen Angst, dass der unzureichend aufgearbeitete Faschismus wiederkehren könnte. Das war damals ein weit verbreitetes Gefühl.
Mit der Verfilmung des Fontane-Romans Effi Briest (1974) wandte er sich immer häufiger literarischen Stoffen zu; 1980 wagte er sich an ­Döblins großen Roman Berlin ­Alexanderplatz (1929) heran, aus dem er einen erfolgreichen 15stün­digen Episodenfilm machte.