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Corona, Klima, Krisenlogik

Saufgelage mit Mundschutz
von Gerhard Klas

Die Corona-Krise geht vorbei. Irgendwann ist ein Impfstoff gefunden – bis das nächste Virus kommt. Dennoch wurden, um viele tausend Tote zu verhindern, Grundrechte massiv eingeschränkt und finanzielle Mittel im kaum erwarteten Ausmaß locker gemacht.

Gegen die Erhitzung des Klimas gibt es keinen Impfstoff – und sie ist weitaus gefährlicher als COVID-19: Derzeit steuern wir auf eine Erwärmung von mindestens 3 Grad in diesem Jahrhundert zu. Dann wird das Eis der Antarktis geschmolzen, die Küstenstädte werden von der Weltkarte verschwunden sein. 5 Grad bedeuten ein Ende der Zivilisation, bei 8 Grad wird kein menschliches Leben mehr möglich sein.
Im Vergleich zu Corona passiert wenig bis gar nichts, um solche Szenarien abzuwenden – im Gegenteil: Der Amazonas brennt immer noch, RWE fördert und verbrennt weiter Braunkohle, Uniper ging sogar erst vor wenigen Tagen mit dem neuen Steinkohlekraftwerk Datteln IV ans Netz, und die Autoindustrie verkauft weiter ihre fossilen Vehikel. Der grüne Ministerpräsident Kretschmann und die IG Metall fordern sogar, ihren Absatz mit einer staatlichen Abwrackprämie zu steigern.
«Saufgelage, aber bitte mit Mundschutz», hätte das Motto gelautet, wäre diese Krisenlogik auf Corona angewendet worden. Alkoholbeschwingte Ballermänner, unfähig, irgendeinen Mindestabstand einzuhalten, hätten dann das Virus weiter verbreitet – so wie gierige Konzernvorstände diese Welt verbrennen, ob nun mit oder ohne ökologisches Lippenbekenntnis.
Aber das Virus hat die Eliten der westlichen Welt unmittelbar bedroht – deshalb das konsequente Handeln, das sogar eine Rezession der Wirtschaft in Kauf nahm.
Zeitrahmen und Ausmaß der existenziellen Bedrohung sind die größten Unterschiede zwischen Klimaerhitzung und Coronavirus. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Beide Krisen haben sowohl einen Klassen- als auch einen Generationenaspekt.

Die Klassenfrage
Homeoffice im eigenen Haus mit Garten ist erträglicher als eine Kontaktsperre in der Mietwohnung mit kleinen Kindern. Noch schlimmer steht es um diejenigen, die im Lebensmitteleinzelhandel, in Pflegeeinrichtungen, bei Amazon, anderen Paketlieferdiensten und in der Fleischindustrie unter widrigen Arbeitsbedingungen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Ganz zu schweigen von den Geflüchteten, die bei Quarantänemaßnahmen in ihren Lagern eingesperrt werden.
Bei der Klimaerhitzung hat die Klassenfrage vor allem eine internationale Dimension, denn sie wirkt sich regional sehr unterschiedlich aus: In den gemäßigten Klimazonen, in denen die wohlhabenderen Nationen angesiedelt sind, sind die Auswirkungen noch größtenteils erträglich. In den Slums des Südens, oft gelegen an erosionsgefährdeten Hängen oder an verseuchten Flüssen, wird jedes Unwetter und jede Überschwemmung schon heute zur Existenzbedrohung. Die Ungerechtigkeit der Klimaerhitzung könnte nicht frappierender sein: Wo die wenigsten Treibhausgase ausgestoßen wurden, dort machen sich die Folgen der Klimaerhitzung besonders drastisch bemerkbar. Im globalen Süden, vor allem in Asien und Afrika, lebt noch knapp die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft bzw. vom Jagen, Fischen und Sammeln. Von Wetterextremen sind sie weit mehr betroffen als Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften.

Die Generationenfrage
Das Bild vom Hass der Jungen auf die Alten, das willfährige Medien und einige Rechtsradikale zur Jahreswende zeichnen wollten, als ein Kinderchor das Lied «Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau» intonierte, hat sich während der Corona-Krise ins Gegenteil gewandelt: Aus Rücksicht auf die ältere, durch COVID-19 besonders gefährdete Generation hat Fridays for Future seinen globalen Klimastreiktag ins Virtuelle verlegt und dazu aufgerufen, sich an Nachbarschaftsinitiativen zu beteiligen, die Hilfe für ältere und kranke Mitmenschen organisieren. So viel Empathie würde man sich manchmal von dem nicht kleinen Teil der wohlhabenden Rentnergeneration wünschen, der mit Kreuzfahrten und Fernreisen sein Desinteresse an der Welt unterstreicht, die sie den nachfolgenden Generationen hinterlassen wird.
«Verbotsgesellschaft», «Umerziehungskultur» und «Ökodiktatur» lauten die Vorwürfe, die Gegner der Klimagerechtigkeitsbewegung hin­aus­posaunen, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Diese «Täter-Opfer-Umkehr» dürfte allerdings nach der Corona-Krise kaum noch verfangen. Es wird sich dann wohl der Lächerlichkeit preisgeben, wer ein Fahrverbot in Innenstädten oder Tempo 130 auf Autobahnen dann noch als fundamentalen Eingriff in die Freiheitsrechte bezeichnet.
Dennoch werden die tiefgreifenden kollektiven Erfahrungen der Verletzbarkeit nicht automatisch zu den bitter notwendigen politischen Veränderungen der globalen Weltordnung führen. Die Marktwirtschaft hat zwar angesichts einer Krise mal wieder offensichtlich versagt. Aber geht es nach dem Willen der meisten Banken, Konzerne und Regierungspolitiker, soll der fossile Kapitalismus mit Milliardensubventionen wiederhergestellt werden. Um ihm das Wasser abzugraben, müssten nicht nur diese Subventionen gestoppt, auch internationale Verträge wie der 1998 in Kraft getretene Energiecharta-Vertrag müssten aufgekündigt werden. Der Vertrag verpflichtet 53 Staaten, Energiekonzernen Entschädigungen zu zahlen, wenn sie fossile oder nukleare Energiequellen trockenlegen – so geschehen etwa beim Atomausstieg in Deutschland, dem Moratorium für Offshore-Bohrungen in Italien oder der Schließung von Kohlekraftwerken in den Niederlanden.

Radikalisierung
Von der Bundesregierung ist kaum etwas zu erwarten – sie wird versuchen, die Kosten der Corona-Krise auf die Allgemeinheit umzuwälzen und das mit ein paar Almosen zu kaschieren. Ihre Lobgesänge auf Pflegekräfte, Kassiererinnen und die vorbildliche Bevölkerung werden sich nicht in ihrem Handeln widerspiegeln – eine Erfahrung, die auch die Klimagerechtigkeitsbewegung machen musste. Für sie war das Klimapaket vom vergangenen September ein «Schlag ins Gesicht», wie es Kira Geadha von Fridays for Future formulierte. Das habe zu einer Radikalisierung geführt. «Wenn ich in die Zukunft blicke, dann sehe ich häufige Pandemien, Wirtschaftskrisen und Ignoranz gegenüber dem Schicksal von Flüchtenden», sagte sie in einem Interview mit der SoZ. «Die Frage, wen man auf der Intensivstation behandelt, stellt sich auf globaler Ebene. Das gilt für Pandemien wie für die Klimakrise.»
Der dritte Dürresommer in Folge wird auch hierzulande die Klimapolitik wieder auf die politische Tagesordnung setzen. Dem Saufgelage wird dann erneut der Kater folgen. Die Rezepte für den Entzug liegen auf dem Tisch: Degrowth, Ökosozialismus und Ernährungssouveränität.

Der Autor ist Hörfunkfeature- und ­Sachbuchautor.


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