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Diese Gesellschaft macht krank

Gesundheitskollektiv Berlin plant Lösungen
Interview mit Kirsten Schubert

Nach etwa sieben Jahren Vorbereitung will das Berliner Gesundheitskollektiv im April kommenden Jahres in Berlin-Neukölln ein Stadtteilgesundheitszentrum eröffnen. Dass die Verzahnung medizinischer Versorgung mit politischer Arbeit im Stadtteil möglich ist, hat bereits die Poliklinik Veddel in Hamburg unter Beweis gestellt.

Wie verändert sich die Versorgung in der Arztpraxis, wenn Krankheit als ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden wird? Stefan Schoppengerd sprach mit der angehenden Fachärztin für Allgemeinmedizin KIRSTEN ­SCHUBERT über die Pläne und den Stand der Dinge.

Mit der Kritik an den Krankenhausprivatisierungen im Ohr könnte man meinen, dass es um die ambulante medizinische Versorgung nicht so schlecht bestellt ist. Sie ist keine Spielwiese für die Profitinteressen großer Konzerne, und die große Zahl an kleinen Praxen sorgt für wohnortnahe Angebote. Warum habt ihr euch trotzdem als Gesundheitskollektiv zusammengefunden, das ambulante Versorgung anders machen will?

Wir beobachten im ambulanten Bereich deshalb keinen großen Privatisierungsschub, weil er von Grund auf privat organisiert ist. Ärztinnen, Apotheker, Therapeutinnen arbeiten als private Kleinunternehmer. Ihre medizinischen Entscheidungen und die Art, wie sie arbeiten, wirken sich direkt auf ihr Einkommen aus, und wie die Krankenhäuser soll auch die ambulante Versorgung über finanzielle Anreize gesteuert werden. Die dabei herrschende Konkurrenz führt aus Patientensicht zu einem Versorgungsdschungel, dessen verschiedene Teile nicht interagieren und nicht miteinander kommunizieren. Das wollen wir anders machen.
Außerdem sehen wir Krankheit im Sinne von Public Health im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse: Armut, Rassismus, Kapitalismus, Diskriminierung aufgrund von Sprache oder Geschlecht… Die Gesellschaft, wie sie ist, macht krank. Symptome zu behandeln und Menschen dann wieder in die krankmachenden Verhältnisse zu schicken, ist weder für das medizinische Fachpersonal noch für die PatientInnen befriedigend.
Menschen sind komplexe, biopsychosoziale Wesen. Die meisten Erkrankungen sind bedingt durch Stress, durch Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Lebenserwartung hängt nur zu einem Drittel von der medizinischen Versorgung ab, größtenteils aber von gesellschaftlichen Verhältnissen und persönlichem Verhalten. Daher rührt unsere Absicht, im Stadtteilgesundheitszentrum ärztliche mit pflegerischen, therapeutischen und psychi­schen Versorgungsstrukturen zusammenzubringen, und das im Rahmen eines Nachbarschaftszentrums, in dem Sozialberatung, Stadtteilarbeit, ein Café und konkrete politische Arbeit im Stadtteil stattfinden können.

Was schwebt euch vor, wie können diese Problemlagen in der alltäglichen Arbeit aufgegriffen und bearbeitet werden? Angenommen, eine Patientin kommt mit Rückenschmerzen – was ist eure Herangehensweise?

Standard wäre in einer solchen Situation ja gegenwärtig: ein Schmerzmittel, vielleicht noch eine Verordnung für die Physio, fünf Minuten und fertig. Um zu vermeiden, dass solche Rückenschmerzen öfter auftreten, müsste sich aber eine ganze Kette von Fragen anschließen: Wie sind die Arbeitsbedingungen – sitzend, stehend? Ist viel zu tragen, gibt es viel Stress? Gibt es andere Belastungen, zum Beispiel Geldsorgen oder psychische Vorerkrankungen?
Diesem Kontext einer Erkrankung wollen wir in unserem zukünftigen Zentrum gerecht werden. Von der individuellen Beratung durch eine Sozialarbeiterin oder Psychotherapeutin, bis hin zu politischen Auseinandersetzungen mit Wohnsituationen oder prekären Arbeitsverhältnissen. Unser zentraler Ansatz ist dabei, «lebensweltbezogen» zu arbeiten. Dabei sehen wir den Stadtteil bzw. Kiez, wie man hier in Berlin sagt, als unseren Bezugsrahmen. Wir machen auch jetzt schon viel Stadtteilarbeit und sind gut vernetzt, machen Projekte, die die Lebensbedingungen der Menschen verbessern können, also im Sprechzimmer oder Kiez beginnen. Es geht dabei immer um die Veränderung der Verhältnisse über ein Empowerment, die Selbstermächtigung der Menschen. Das ist dann echte Gesundheitsförderung.

Wie ist der derzeitige Stand des Vorhabens? Was läuft bereits, welche (unerwarteten) Hürden hattet ihr zu nehmen, welche Probleme stellen sich noch?

Gerade ist unser zukünftiges Domizil im Bau. In das Gebäude im Rollbergkiez werden verschiedene öffentliche Träger einziehen, wir werden dort zwei Etagen haben. Verschiedene unserer Angebote haben wir schon dezentral begonnen. Seit über einem Jahr ist die Kinderarztpraxis geöffnet, die später Teil unseres Zentrums sein wird. Unsere zukünftige Hausärztin und unsere Kinder- und Jugendpsychotherapeutin arbeiten bereits in anderen Praxen und werden nächstes Jahr umziehen. Zudem haben wir eine mobile Gesundheitsberatung, mit der wir in die Moschee, in Büchereien, in Jugendeinrichtungen und zu Elterncafés gehen. Außerdem haben wir vier Stellen mit unterschiedlichen koordinierenden Funktionen. In einem Forschungsprojekt haben wir mittels Haustürbefragung Gesundheitsprobleme im Stadtteil erhoben.
Leider sind wir bei der Umsetzung gezwungen, einen Plan B zu verfolgen. Im aktuellen Gesundheitssystem ist die direkte Kooperation von Ärztinnen, Physiotherapeuten, Apothekerinnen usw. nicht zulässig, weil das eine Wettbewerbsverzerrung bedeuten würde – das ist folgerichtig in einem privat verfassten System, aber absolut unsinnig, wenn man mehr sinnvolle Kooperation anstrebt. Dennoch werden wir jetzt wohl oder übel zunächst eine Praxisgemeinschaft gründen müssen, und abgekoppelt davon ein Sozialzentrum, das der Form nach nichts mit der Praxis zu tun hat, aber dennoch räumlich nah ist.
Eine lauwarme Lösung, aber mehr lässt der politische Rahmen nicht zu. Um den zu ändern, haben wir uns mit Schwesterprojekten aus anderen Städten im Poliklinik-Syndikat zusammengeschlossen. Hier freuen wir uns auch auf Kontaktaufnahme mit Leuten, die in ihren Städten was ähnliches vorhaben, und stehen gern mit Rat und Tat zur Seite.

Siehe auch: www.poliklinik-syndikat.org.


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