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Endstation Burnout

Erfahrungen eines Facharbeiters und Technikers
Gespräch mit Lars Gronau*

Wie ist es möglich, nach drei Jahren Anstellung in einem Betrieb völlig ausgebrannt zu sein und arbeitsunfähig zu werden? Die Erfahrungen von Lars Gronau sind ziemlich typisch für die heutigen Zustände in weiten Teilen der Arbeitswelt.

Die Art und Weise, wie sich die Firmen organisieren und die verbreitete Praxis der Fremdvergabe von Aufträgen schränken die Möglichkeiten der Beschäftigten, ihre Interessen wahrzunehmen, drastisch ein.

MK: Welche Berufsausbildungen hast du?

LG: Also mit Qualifikation, gehe ich mal davon aus, mit Abschluss?

MK: Ja.

LG: Ich bin mit Abschluss Wasserbau-Facharbeiter, dass heißt Ausbildung zum Wasserbauwerker beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Duisburg, dann aus einer beruflichen Weiterbildung heraus Ausbildung zum staatlich geprüften Bautechniker, Fachrichtung Tiefbau, abgeschlossen an der Rheinischen Akademie in Köln. Das sind die ursprünglichen Qualifikationen; jetzt ist als Neuestes hinzugekommen: Triebfahrzeugführer für E-Lokomotiven im Cargo- und Personenbereich.

MK: Heute wollen wir über deine Erfahrungen im vorherigen Arbeitsverhältnis sprechen. Was war das für ein Betrieb, da gab es doch eine Verschachtelung von Firmen?

LG: Es war eine extreme Verschachtelung, ja. Ich war angestellt bei einer Gesellschaft für Personal-Leasing und Sicherheit. Die haben mich, so wie anderes Personal, an ein Facility-Management verliehen, an eine Firma, die diese Leistungen anbietet, und diese Firma wiederum hat im Gesamtpaket für einen großen Telecom-Anbieter in Deutschland und in Europa gearbeitet.

MK: Und wie viele Jahre warst du da angestellt?

LG: Vier Jahre.

MK: Zu normalen tariflichen Bedingungen, oder gab’s da irgendwelche Sondertarife?

LG: Wie es für das Wachgewerbe, da kamen sie ja ursprünglich her, üblich ist für technisches Personal, ja. Plus dann natürlich die üblichen Bereitschaftszuschläge usw., das ist klar.

MK: Nun bist du ja nach vier Jahren aus dieser Firma ausgeschieden. Was war denn dafür ausschlaggebend?

LG: Ausschlaggebend dafür war, dass ich nach drei Jahren im Grunde genommen so ausgelutscht war durch die dauernde Beanspruchung in diesem Job, dass ich ein Burnout bekommen habe, und hab mich dann knapp ein Jahr lang im Krankenstand bzw. dann in einer Reha-Maßnahme wiedergefunden.

MK: Was war denn ausschlaggebend für dieses Burnout, für diese Überlastung nach verhältnismäßig kurzer Zeit, was war die Art deiner Tätigkeit?

LG: Ich war, um es kurz zu umreißen, in der Haustechnik tätig und hab da sowohl den Einkauf gemacht, wie dann auch unseren Kunden gegenüber Angebotserstellung, Auswertung, Bauüberwachung, das Ganze auf Englisch, muss ich dabei sagen, die Verkehrssprache bei diesem Arbeitgeber war neben dem Deutschen auch Englisch. Dann außerhalb der Arbeitszeit für die restlichen Stunden des Tages eine Rufbereitschaft und natürlich auch eine Vorort-Bereitschaft, das heißt, ich musste dann innerhalb von einer halben Stunde bei Vorkommnissen vor Ort sein, auch über das Wochenende. Und da wir als Techniker nur zu zweit waren, kannst du dir vorstellen, wieviel Freizeit dir eigentlich bleibt. Die eine Woche hat sieben Tage mit 24 Stunden, da kannst du im Prinzip nur eine halbe Stunde von diesem Bürogebäude entfernt sein, und in der anderen Woche bist du so am schlafen, da gehst du nicht weg. Plus natürlich noch die Situation vor Ort: Alles war auf den letzten Heller und Pfennig, auf den letzten Cent gerechnet und gestrickt, dementsprechend nervös waren die Vorgesetzten, dementsprechend war auch deren Umgangston und die Stimmung da vor Ort.

MK: Vielleicht kannst du nochmal etwas genauer sagen, was war die offizielle Arbeitszeit…

LG: 8 bis 17 Uhr vor Ort, eine ganz normale Arbeitszeit, eine Mittagspause von einem halben Stündchen, und dann hast du in der einen Wochen von 17 Uhr an bis zum nächsten Tag um 8 Uhr deine Bereitschaft gehabt, wo man innerhalb einer halben Stunde da sein muss, zuzüglich des Wochenendes, Samstag und Sonntag jeweils 24 Stunden, und die nächste Woche hat dann der Kollege den Dienst, der auch von 8 bis 17 Uhr da ist.

MK: Aber die nächste Woche hattest du dann den normalen Dienst ohne Bereitschaft?

LG: Genau. Die nächste Woche dann den normalen Dienst von 8 bis 17 Uhr. Natürlich dann, wenn jemand ausgefallen ist, wir waren nur zu zweit, der Kollege war vielleicht mal im Urlaub oder war krank, dann hängst du dann die ganze Zeit da, ununterbrochen.

MK: Wie viele Beschäftigte gab es in dem Betrieb, also sowohl in dem, wo du formell angestellt warst, wie in dem gesamten Betrieb, an den du ausgeliehen warst?

LG: In dem Komplex, den wir verwaltet haben, in dem Bürogebäude waren in den drei Jahren, das schwankte bei der Telecom-Branche immer wieder ein bisschen, also zwischen 800 und 950 Leute. Also in der Größenordnung. Der Betrieb, in dem ich jetzt persönlich angestellt war, dieses Personal-Leasing und Wachgewerbe, da bin ich mir nicht sicher. Das müsste man nochmal herauskriegen, ich weiß es nicht mehr.

MK: Aber vor Ort?

LG: Vor Ort? Ja, das kann ich sagen. Meine Firma hat da gestellt: zum einen Wachpersonal, sowohl für den Rezeptionsdienst als auch dann für die Nachtwache, also für eine 24-Stunden-Bewachung, plus noch Rezeptions- und Empfangspersonal für die Lobby, plus zwei Haustechniker.

MK: Als du im Lauf der Monate gemerkt hast, dass diese Art zu arbeiten anfing dir nicht mehr gut zu tun, dich aufgerieben hat, hattest du da die Möglichkeit, das gegenüber Vorgesetzten anzusprechen?

LG: Nein, hatte ich nicht, nein, im Gegenteil. Das gab es nicht, definitiv nicht. Keine Chance.

MK: Warum gab es dafür keine Chance?

LG: Keine Chance, weil der Druck zum Beispiel auf meine Chefin, wenn die da vor Ort war, so hoch war, dass selbst die vorher mit mir gesprochen hat oder mit anderen Angestellten und dann auch schon teilweise heulend aus dem Büro des Facility-Managers rausgekommen ist. Da hast du keine Chance. Die kommt heulend da raus, und dann gehe ich zu der und sag, ich habe Probleme mit dem, oder da und damit – keine Chance. Oder wenn du sonst da bist: Um Gottes Willen, seien Sie ruhig, wir brauchen das Geld.

MK: Also der Druck war sehr hoch. Aber zum Betriebsrat zu laufen hätte jetzt auch keinen Sinn gemacht aus deiner Sicht.

LG: Also, ich hätte gar nicht gewusst, dass es da so etwas wie einen Betriebsrat gibt in dieser Firma, bei der ich angestellt war. Wurde ich nicht drüber informiert. Und, ehrlich gesagt, war ich auch so weit weg von dieser Firma, es kamen so wenig Infos durch, dass es zumindest nicht zu mir durchgedrungen ist, dass es da einen Betriebsrat gibt. Weiß ich gar nicht.

MK: Und wenn, dann wäre er wahrscheinlich auf die Belange von euch Technikern kaum eingestellt gewesen.

LG: Da gehe ich mal von aus. Die ganze Firma, bei der ich angestellt war, hat zu 98% vom Wachgewerbe gelebt, und vielleicht hatte sie vier oder fünf Haustechniker, die sie dann verliehen haben. Das hätte so nichts gebracht. Das war für uns doch schon eine Ausnahme, dass wir nur bei der Berechnung des Urlaubs, dass da eigentlich nur von einer 5-Tage-Woche ausgegangen wurde. Bei dem ersten Entwurf des Arbeitsvertrags, den ich habe zurückgehen lassen, da wollten die mir pro Urlaubswoche, ich glaube sechs oder sieben Urlaubstage abziehen. Da habe ich gesagt: nein, das geht nicht.

MK: Also ist eigentlich die Zersplitterung in verschiedene Arbeitgeber-Strukturen ein großes Hindernis dafür gewesen, irgendwelche Belange der Beschäftigten zur Geltung zu bringen.

LG: Ja, natürlich. Anstatt wie technisches Personal bist du zum Beispiel nach dem Tarifvertrag für Wachgewerbe berechnet worden. Und das ist natürlich eine andere Nummer als die Arbeit technischer Service vor Ort, das war von – kann ich nur so umreißen – von Service und Bedienung von großen Kältemaschinen, 5 KW, 8 KW-Maschinen auf dem Dach, die ganze Wasserregulierung, dann war noch eine große Kantine mit Küche im Haus, bis hin zur Wartung der Notstromaggregate, drei Riesendiesel auf dem Hof, und natürlich bist du dann bis zuletzt auch für die Auslieferung von Büromaterial für Angestellte zuständig, die ergonomische Stühle haben, dann aber selber den Bürostuhl nicht adäquat einstellen können, ja, dann stellst du denen das auch ein. Das hat es alles umrissen. Plus natürlich noch die Büroarbeit. Die habe ich eigentlich auch nicht gelernt; da habe ich mich eingefuchst, rein ins kalte Wasser, und dann musst du schwimmen.

MK: Auch ist diese Arbeit gemessen an deinen eigentlichen Berufsqualifikationen eher unterqualifizierte Arbeit gewesen, oder?

LG: Eher ja. Aber dafür, dass ich, was meine Fähigkeiten und meine bisherigen Tätigkeiten betrifft, eher generalistisch angelegt bin, war ich definitiv in der Lage, und mir auch nicht zu schade dafür, so etwas Neues mal anzugehen. Abgesehen davon kam es mir damals vorteilhaft vor, eine Arbeitsstelle zu haben, die quasi fußläufig zu erreichen ist. Das darf man nicht vergessen. Es war bei uns im Ort. Das ist natürlich schon ein Vorteil, heutzutage. Wenn man sagen kann, ich brauche eine Viertelstunde zu Fuß zur Arbeit, dann wirst du nicht so viele finden, bei denen das möglich ist.

MK: Wir hatten ja schon über den Betriebsrat gesprochen, der dir nicht aufgefallen ist, gab es denn einen in dem Betrieb vor Ort?

LG: Ja. Den gab es definitiv. Ich bin auch damals von denen auf einige Missstände angesprochen worden. Von denen kann ich nur gut reden, muss ich ehrlich sagen. Ein sehr aktiver Betriebsrat, sehr aktive und offene Leute, und ehrliche Leute, die mich auch zum Beispiel angesprochen haben: ja, was ist da los, das kann doch so nicht sein, und wenn du möchtest, bitte komm zu uns. Aber das kann ich nicht machen, da ich…

MK: Sie waren formal nicht für dich zuständig.

LG: Sie waren überhaupt nicht für mich zuständig, und ich habe meinem wirklichen Arbeitgeber, der jeden Monat für mich Geld überwiesen hat, natürlich eine Verschwiegenheitserklärung und Vertraulichkeitserklärung unterschrieben. Das heißt, hätte ich mich mit dem Betriebsrat da vor Ort unterhalten, wäre ich ja vertragsbrüchig geworden. Und das wäre mir, glaube ich, wirklich nicht gut bekommen. Da wären dann auf einmal zwei Firmen gegen mich gewesen, und ich hätte da bestenfalls mal Zuspruch von einer Firma gehabt, die mir rein formal gar nicht hätte helfen können oder dürfen.

.

M.K.: Wie hat sich das denn abgespielt, als du gemerkt hast, du hältst das nicht mehr durch? Du warst beim Arzt, du hast eine Diagnose gekriegt und wie ist das dann abgelaufen? Hattest du vorher Gespräche mit Vorgesetzten?

LG: Nein, gar nicht. Ich hab‘ mich krankgemeldet, und zwar, das weiß ich, am ersten Arbeitstag des Kalenderjahres bin ich zur Arbeit gegangen, und dann war nach zwei, zweieinhalb Stunden die Stimmung da schon wieder so mies, es wurde sich gegenseitig angeschrieen, und da hat sich mir der Magen umgedreht, dass ich kurz auf die Toilette musste, und dann gesagt habe, ich muss mal eben zum Arzt, und dann bin ich auch nicht mehr zurück… Mein Hausarzt, bdi dem ich wegen solcher Symptome schon mehrmals gewesen war, hat mich sofort krankgeschrieben, er sagte um Gottes Willen, nein, raus da jetzt. Im Laufe des Jahres, da schlossen sich dann Gespräche erstens mit dem mich behandelnden Arzt, dann mit Psychologen und zum Schluss dann die stationäre Reha-Maßnahme an.

MK: Da hattest du ja erstmal sechs Wochen Lohnfortzahlung und danach Krankengeld.

LG: Richtig, Lohnfortzahlung und dann Krankengeld.

MK: Beinhaltete das nicht eine empfindliche Einkommenseinbuße?

LG: Ja klar; es heißt ja nicht umsonst, dass sind so in etwa 60 % von deinem üblichen Lohn…

MK: Und ohne jede Zulage.

LG: Ohne alles, na klar. Die Prozente nur von deinem Grundlohn.

MK: Wurdest du mit dem Ende der Reha dann gesundgeschrieben?

LG: Das haben die nicht sofort gemacht. Nachdem ich die sechs Wochen stationär in der Einrichtung untergebracht war, die diese Reha-Maßnahme durchgeführt hatte, plädierten sie erstmal dafür, mich weiterhin zumindest am Anfang nochmal krankzuschreiben, damit man sich auch wieder zuhause wieder eingewöhnen kann nach dieser ganzen Zeit. Und dann wurde schon zum Ende der Reha-Maßnahme in dieser Einrichtung ein Plan erstellt, der dann Vorschlagsgrundlage sein sollte für eine stufenweise Wiedereingliederung, der dann aber überhaupt nicht zum tragen kam, weil ich, sobald ich zuhause war und gesagt habe, so ab dann und dann könnte es gehen, und dann habe ich Kontakt mit meinem Arbeitgeber aufgenommen und habe gesagt, dass ich ab dann und diesen stufenweisen Wiedereingliederungsplan gerne in Anspruch nehmen würde. Die Folge war, dass es dann ein Gespräch gab, zu dem ich eingeladen wurde, und da wurde mir quasi die Kündigung ausgesprochen. Wozu ich dann nach einer kurzen Bedenkzeit gesagt habe, o.k., dann soll es für mich so sein, denn dieses Arbeitsverhältnis wieder neu aufzuwärmen, wenn es gleich so komisch losgeht, dafür war ich mir ehrlich gesagt zu schade. Dafür war der doch vorhandene Erfolg in der Reha-Maßnahme doch zu gut, als dass ich bereit gewesen wäre, das aufs Spiel zu setzen. Dann lieber das Ganze beenden.

MK: Wie hat der Arbeitgeber denn die Kündigung begründet?

LG: Ja, mein Arbeitsplatz war vergeben… Das hat damit zu tun, wie ich schon gesagt habe, dass sie nur 2 Prozent Techniker vermietet haben, und die natürlich auch nur, wenn sie dafür Stellen, also Arbeitsplätze hatten. Für Wachleute, ihr eigentliches Kerngeschäft, da haben sie dann auch vier, fünf Leute in Reserve gehalten, weil für die immer wieder Anfragen kamen. Aber Techniker nur so viele, wie sie gerade brauchen. Das heißt, meine Stelle, die ich ja knapp ein Jahr nicht ausfüllen konnte, war schon wieder mit jemand anderem besetzt.

MK: Sie hätten dich also woanders einsetzen müssen?

LG: Ja genau, aber das konnten oder wollten sie nicht. Jedenfalls war mir nach diesem Gespräch klar, dass es da keine Arbeit für mich geben wird, noch nicht mal eine Wiedereingliederung. Und wieso sollte ich mich an etwas festhalten, wo nichts zum Festhalten ist.

MK: Und dann hast du entschieden, dich nicht einfach irgendwo zu bewerben, sondern hast die Gelegenheit genutzt, einen neuen Weg zu gehen, eine weitere Berufsqualifikation zu erwerben.

LG: Richtig. Da habe ich mich entschlossen, nochmal etwas Neues zu machen, das geht auch in meinem Alter noch. Anstatt an dem Alten anzuknüpfen, wo ich ja einiges erlebt hatte. Das war wieder eine vollwertige Ausbildung, und das hat mir auch gutgetan. Die Ausbildung habe ich abgeschlossen, und seitdem bin ich angestellt, am Tag nach meinem Abschluss hatte ich den Vertrag unterschrieben.

MK: Abschließend nochmal, was sind aus deiner Sicht die Gründe dafür, dass Beschäftigte in einer solchen Firmenkonstellation, wie du sie beschrieben hast, derartig in den Stress getrieben werden?

LG: Ganz einfach. Meiner Meinung nach sind da zu viele Einzelfirmen, die hintereinandergeschaltet sind. Wenn das ursprüngliche Unternehmen, das jetzt da einen Service vor Ort braucht für ihre Gebäude, dafür ein Budget aufstellt von, sagen wir, einer Million Euro im Jahr, für die ganze Haustechnik einschließlich des erforderlichen Personals, und was das im Rahmen dieses Budgets kosten darf. Nun haben sie diese Summe errechnet, wollen aber auch ein bisschen sparen und nur 900.000 dafür ausgeben. 900.000 oder auch nur 850.000 kriegt das nachgeordnete Unternehmen, dieses Facility-Management, das irgendwo in Irland sitzt. Das will aber auch noch etwas verdienen und sagt, wir wollen dieselbe Leistung von dem uns wiederum nachgeordneten Unternehmen für 600.000 bis 650.000 Euro haben. Letztendlich ist das dem Büroangestellten dieses Telecom-Unternehmens völlig egal. Der braucht einen warmen, trockenen Arbeitsplatz, mit Schreibtisch, Stuhl und Licht. Wie das zustande kommt, ob das ein Hausmeister und ein dafür zuständiger Abteilungsleiter machen, die direkt bei diesem Telecom-Unternehmen angestellt sind, oder ob das der Angestellte des Sub-, Sub-, Subunternehmers macht, das ist dem Angestellten völlig egal, er sieht das auch gar nicht. Auf allen Ebenen wird dabei gespart, und das ist falsch meiner Meinung nach. Das dürfte es so nicht geben.

MK: Wenn ich mich daran erinnere, wie das früher war, in den 70er, vielleicht noch in den 80er Jahren, da war eine Belegschaft eher noch eine Einheit in dem selben Unternehmen, entsprechend waren die Mitspracherechte geregelt. Das ist ja heute vielfach nicht mehr so.

LG: Das gibt es gar nicht mehr. Sogar die Putzkräfte da waren von einer externen Firma, die auch über dieses Facility-Management vermittelt wurde. Früher hatte jede Behörde, jedes Unternehmen einen Hausmeister, da waren zwei, drei Reinigungskräfte angestellt, da bleibt eine davon den ganzen Tag und am Abend kommen zwei, drei und machen nach Feierabend alles klar Schiff. Aber heutzutage ist alles zerfasert. Mit Fremdvergabe, und übrigens mit lausigen Zahlungsbedingungen.

MK: Wie meinst du das?

LG: Stell dir vor, da kommt ein Angestellter zu dir und sagt, hallo Gebäudemanagement, hör mal, da hinten an der Toilette ist die Tür kaputt, aus den Angeln gebrochen, was ja durchaus passieren kann. Jetzt kann ich natürlich probieren, für diese Tür von den ein oder zwei Schreinereien, die wir hier am Ort haben, eine zu beauftragen: Leute, baut mir hier mal bitte eine Tür ein, könnt ihr kommen, guckt euch das mal an. Und dann sagt der Handwerker: o.k., ich fertige dir diese Tür an und baue sie dir auch ein, und das kostet 450 Euro. Auf diese 450 Euro wartet der Mann ein halbes Jahr. Zahlungsfrist sechs Monate. Dann sagt er, Gronau, ist schön, dass du an mich gedacht hast, aber ich arbeite um Geld zu verdienen, nicht um auf das Geld zu warten. Ich habe also gar nicht die Chance, auf kleine Unternehmen vor Ort zurückzugreifen. Es waren sehr, sehr wenige, die sich das leisten konnten, sechs Monate auf ihr Geld zu warten.

MK: Und das betrifft ja verschiedene Gewerke…

LG: Selbst, wenn z.B. der Installateur nur einen neuen Spülkasten eingebaut hat. Das wäre eine Sache von 120, 150 Euro gewesen. Aber ich muss dann auf große Firmen zurückgreifen, die weiter weg sind. Die haben dann teilweise für eine Arbeit von zweieinhalb Stunden eine Anreise von 120 oder 150 Kilometern plus Rückfahrt, mit zwei Leuten. Für dasselbe Geld, was der Handwerker vor Ort auch genommen hätte, vielleicht sogar noch für etwas weniger. Da kann mir niemand erzählen, dass das wirtschaftlich wäre. Natürlich hätte ich lieber den kleinen Handwerker vor Ort genommen, denn wenn da Probleme aufgetaucht wären, hätte man sich gekannt, und zweitens ist die Motivation des Handwerkers vor Ort viel größer, gute Arbeit abzuliefern, als diejenige des Menschen, der vielleicht vom Ruhrgebiet hier zur Region Aachen runterkommt. Aber der vor Ort, den sieht man gelegentlich auf dem Wochenmarkt oder beim Spazierengehen, und der hätte, wenn ein Problem da ist, mal eben jemanden von einer anderen Baustelle abziehen und schicken können, auch ganz kurzfristig.

* Zum Schutz ehemaliger Kolleg*innen ist Lars Gronau ein Pseudonym und die Firmenbezeichnungen werden nicht genannt. Die Klarnamen sind der Redaktion bekannt. Das Gespräch führte Manuel Kellner.


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