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Palmöl und Marderhund

Wo Wälder für Plantagen abgeholzt werden, bleibt Einheimischen oft nur die Wilderei
von Kathrin Hartmann

Die Corona-Krise hat auf beunruhigende Weise etwas geschafft, woran sich viele Organisationen die Zähne ausgebissen haben: Sie hat soziale und ökologische Verheerungen sichtbar gemacht, die lange bekannt waren, aber ignoriert wurden.

Dazu gehören neben dem kaputtgesparten öffentlichen Gesundheitssystem und den unterbezahlten, neuerdings als «systemrelevant» erkannten Berufen auch die Sklavenarbeit, die migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter auf deutschen Gemüsefeldern und in den Schlachtbetrieben verrichten. Auch der Zusammenhang zwischen der zunehmenden Zerstörung von Ökosystemen und dem Ausbruch von Pandemien ist zwar bestens erforscht. Doch erst die Viruspandemie hat ihn prominent gemacht.
Anfang April hatte die Bundesumweltminsterin Svenja Schulze eine Pressekonferenz mit der Virologin Sandra Junglen von der Charité und Josef Settele, Biologe am Helmholtzzentrum für Umweltforschung, einberufen. Titel: «Bekämpfung von Seuchenursachen – welche Rolle spielt die Natur?» Darin wurde dargelegt:
Mehr als zwei Drittel der Erreger, die Epidemien wie Ebola, Zika oder die Vogelgrippe auslösen, stammen ursprünglich von Wildtieren, die in tropischen Regionen heimisch sind. Werden diese Lebensräume zerstört, «führt das zu einem Verlust der Artenvielfalt und verändert die Zusammensetzung der Säugetierpopulationen. Weniger Artenvielfalt bedeutet mehr Tiere einer Art. Wenn mehr Tiere einer Art in demselben Lebensraum vorkommen, können sich Infektionskrankheiten zwischen den Tieren einer Art besser verbreiten», beschrieb Sandra Junglen die Situation. Sie erforscht Viren, die noch keinen Kontakt zu Menschen hatten. Die verbliebenen Tiere verlagern außerdem ihre Lebensräume und nähern sich denen der Menschen an.

Die Vernichtung der Wälder
Verantwortlich für den Verlust der Biodiversität ist vor allem die dramatische Zerstörung der Wälder: Jedes Jahr wird weltweit Wald der Größe von Großbritannien und Nordirland vernichtet. Seit der Faschist Jair Bolsonaro an der Macht ist, wurde in Brasilien so brutal abgeholzt, dass der Amazonas-Regenwald vor dem Kollaps steht. Diese Wälder wurden und werden für die industrielle Landwirtschaft beseitigt – für gigantische Monokulturen von gentechnisch verändertem Soja und Mais, von Palmöl und Zuckerrohr für den Export.
Vorangetrieben wird deren Anbau von multinationalen Agrar- und Lebensmittelkonzernen, von Spekulanten und Finanzinvestoren. Nicht nur der Handel mit schwindenden Flächen von Agrarland ist für letztere lukrativ, sondern auch der Anbau von solchen Flexcrops, die, je nach Börsenpreis, entweder der Lebensmittel-, Futter- oder der Biosprit-Produktion zugeführt werden können. So wird die landwirtschaftliche Produktion von der Lebensgrundlage zunehmend zum Finanzprodukt.
Im Schatten der Corona-Krise hat die Waldvernichtung sogar noch zugenommen. Laut einer aktuellen Untersuchung der Naturschutzorganisation WWF in 18 Ländern sei diese im Vergleich zu den Vorjahren um 150 Prozent gestiegen. Allein im März verschwanden Tropenwälder der siebenfachen Größe Berlins, vor allem in Indonesien, in der Republik Kongo und in Brasilien.

Farmen züchten Grippe
Der britische Biologe Rob Wallace, schreibt in seinem Buch Big farms ­make big flu, dass auch die intensive Tiermast für die wachsende Fleischproduktion dafür sorgt, dass sich Erreger auf Nutztiere und Menschen übertragen und ausbreiten können:
«Durch Züchtung genetischer Monokulturen von Nutztieren werden alle eventuell vorhandenen Immunschranken beseitigt, die die Übertragung verlangsamen könnten. Eine große Tierpopulation und -dichte fördert hohe Übertragungsraten. Solche beengten Verhältnisse beeinträchtigen die Abwehrkräfte des Immunsystems der Tiere. Ein hoher Durchlauf von Tieren, der Teil jeder industriellen Produktion ist, versorgt die Viren mit ständig neuen Wirtstieren, was die Ansteckungsfähigkeit der Viren fördert», sagt Wallace in einem Interview mit der Zeitschrift Marx21 (1/2020). «Mit anderen Worten: Die Agrarindustrie ist so auf Gewinn ausgerichtet, dass die Entscheidung für ein Virus, das eine Milliarde Menschen töten könnte, das Risiko wert zu sein scheint.»
Vor drei Jahren wurden Hunderttausende Tiere getötet, nachdem sich das durch Zugvögel eingeschleppte Vogelgrippe-Virus H5N8 in den Geflügelmastanlagen rasant ausgebreitet hatte. Auf den Menschen wurde es nicht übertragen, weswegen Wallace’ These auch kontrovers diskutiert wird. Jedoch: Ende April war das Coronavirus SARS-CoV-2 bei Nerzen in niederländischen Pelzfarmen nachgewiesen worden. Die Tiere haben das Virus sehr wahrscheinlich auf einen Mitarbeiter übertragen. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher und das niederländische Gesundheitsministerium. Auch der Marderhund, der massenhaft in Pelztierfarmen in China gezüchtet wird, geriet als Zwischenwirt von COVID-19 in Verdacht.
Die Zerstörung von Wäldern, die Ausbreitung von Monokulturen und der Landraub, der damit einhergeht, führt dazu, dass Indigene sowie Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihre Lebensgrundlage verlieren und in die Städte fliehen. Die Urbanisierung ist ein weiterer Faktor, der die Verbreitung von Viren begünstigt, die sich über Reisende schließlich global verbreiten. Seit dem Ausbruch des Coronavirus SARS-2003 sind doppelt so viele Touristinnen und Touristen weltweit unterwegs.

Hunger und die Jagd auf wilde Tiere
Lange galt der Fischmarkt in Wuhan als Quelle von COVID-19. Boulevardmedien überboten sich mit rassistisch angehauchten Schauergeschichten, welche Tiere dort angeblich verkauft und gegessen würden, von lebenden Koalas über Wolfsbabys bis zu Fledermaussuppe. Belegt ist dieser Ursprung nicht. Doch es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Wildtieren – sogenanntes «Bush­meat» –, dem Ausbruch von Krankheiten und dem Konsum reicher Länder. So wird laut der Weltgesundheitsorganisation WHO das Ebolavirus durch Fangen, Schlachten und Verzehren von infizierten Primaten auf den Menschen übertragen. Weil chinesische, japanische und auch europäische Fangflotten die Küsten Westafrikas leerfischten, waren die Menschen dort vermehrt dazu gezwungen, Wildtiere in den Wäldern zu jagen.
Ich habe das selbst bei meinen Palmöl-Recherchen in Indonesien erlebt, als ich auf Sumatra indigene Männer und Frauen traf, die ihr Land besetzten, das eine Palmölfirma illegal abgeholzt hatte. An ihr Lager grenzte ein Rest geschützter Wald – finanziert mit dem Geld internationaler Organisationen, darunter das deutsche Umweltministerium. Es war ihnen verboten,diesen Wald zu betreten. Aber der Hunger zwang sie, dort illegal zu jagen. Die Indigenen durften diesen Wald also nicht mehr so nutzen, wie es ihre Tradition ist. Viele klauten auch in der angrenzenden Palmölplantage Früchte, um sie zu verkaufen.

Naturschutz kann auch autoritär sein
Manifeste Armut und die Kriminalisierung von Indigenen sind das Ergebnis eines autoritären Naturschutzes auf Kosten von Menschen. Ein «Festungsnaturschutz», der die romantische Vorstellung von der «unberührten Natur» umsetzt, etwa in Nationalparks, geht fast immer mit direkter oder indirekter Vertreibung und Gewalt gegen Indigene einher. Denn 80 Prozent der biologisch vielfältigsten Gebiete der Welt sind gleichzeitig Heimat indigener Gemeinden. Die westliche Überzeugung aber, die Natur müsse ausgerechnet vor denen bewahrt werden, die in und mit ihr leben, hat bereits geschätzte 130 Millionen Indigene weltweit ihrer Lebensgrundlagen beraubt und sie zu Naturschutzflüchtlingen gemacht.
Wälder und Ökosysteme müssen geschützt werden – das ist die zwangsläufige Antwort darauf, dass die Zerstörung von Biodiversität eine bedeutende Ursache für die Entstehung von Pandemien ist. Das birgt aber wiederum die Gefahr eines gewalttätigen Naturschutzes. Viele solche Schutzprogramme werden von internationalen Organisationen in Kooperation mit Großkonzernen durchgeführt, die Teil dieser Zerstörung sind – denn es geht dabei nie um einen Rückbau von Monokulturen wie Palmöl, Soja oder Zuckerrohr, sondern immer nur um den vermeintlichen Ausgleich entstandener Schäden und eine Legitimation dieser Industrien.
Europa und vor allem Deutschland spielen eine fatale Rolle in diesem ungerechten Spiel. Kein anderer Kontinent konsumiert derart auf Kosten der Länder im globalen Süden wie die Europäische Union. Sie beansprucht für ihre Grundnahrungsmittel und andere Konsumgüter aus landwirtschaftlicher Produktion anderswo in der Welt eine Fläche, die mit 6,4 Millionen Quadratkilometer eineinhalbmal grö­ßer ist als alle 28 Mitgliedstaaten zusammen.
Die EU gehört weltweit zu den größten Importeuren von Soja und Palmöl. Deutschland ist der drittgrößte Importeur von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln in der Welt, obwohl sich dieses Land theoretisch zu mehr als 90 Prozent selbst versorgen könnte. Doch die deutsche Landwirtschaft ist wesentlich auf die Produktion und den Export von Fleisch und Milchprodukten konzentriert. Das okkupiert zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche, während nur auf einem Prozent Obst und Gemüse wachsen.
Das beschreibt, wie abhängig unser System und unser Alltag von der Ausbeutung von Menschen und Natur ist. Nichts zeigt derzeit so deutlich, wie krisenanfällig der Kapitalismus ist und wie sehr die ökologische und die soziale Frage zusammenhängen.

Die Autorin ist Journalistin und Buch­autorin in München. Mit dem österreichischen Regisseur Werner Boote wirkte sie am und im Dokumentarfilm Die grüne Lüge mit und schrieb dazu das gleichnamige Buch zum Thema Greenwashing.
Gerade ist im Blessing-Verlag München ihr neues Buch
Grüner wird’s nicht. Wa­rum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen erschienen (174 S., 14 Euro). Darin beschreibt sie an vielen Beispielen, warum die ökologische und die soziale Frage zusammenhängen.


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