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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2020 |

«Es müssen die Konzerne blockiert werden»

Panorama eines Aktionswochenendes gegen den fossilen Kapitalismus
dokumentiert

«Aufstand mit Abstand – Klima retten, Kapitalismus überwinden». Unter diesem Motto fanden am Wochenende vom 8. und 9.August bundesweit in über zehn Städten mehr als 15 Aktionen für ein Ende des fossilen Kapitalismus und für Klimagerechtigkeit statt.

Die AktivistInnen kritisierten, dass in bezug auf die Klimakrise auf politischer Ebene so gut wie nichts passiert ist. «Das heißt für uns: Demonstrieren allein reicht nicht. Wir müssen jetzt die Verursacher der Klimakrise blockieren.»
Die Kampagne wurde vom Aktionsbündnis Zucker im Tank ins Leben gerufen. Daran beteiligt waren u.a. Ortsgruppen von Fridays for Future, Extinction Rebellion, Ende Gelände sowie lokale Antifa-Initiativen. Das Bündnis hat auch einen Bogen zu Corona geschlagen: Die Coronakrise habe gezeigt, dass es möglich ist, schnelle Veränderungen im Verhalten der Menschen, im Wirtschaften und in der Politik zu erreichen. Deswegen müsse die Klimakrise endlich auch wie eine Krise behandelt und große Konzerne zur Rechenschaft gezogen werden. Das Aktionswochenende sollte neuen Schwung in die Klimagerechtigkeitsbewegung bringen, die durch Corona sehr gelitten hat.
Nachstehend einige Beispiele.

Shell Köln
«No Shell on Earth». Rund 50 Menschen blockieren zwei Eingänge zur Raffinerie in Wesseling. Sie haben sich zum Teil festgekettet. Gleichzeitig sperren Kajaks die Zufahrt zum Godorfer Hafen und hindern Schiffe daran, zum Gelände der Raffinerie zu gelangen. Den Protestierenden geht es vor allem um die Abschaffung des motorisierten Individualverkehrs. «Shell muss geschlossen werden!» Auch die hohe Umweltbelastung, etwa durch Wassereinleitungen durch die Raffinerie ist Thema.

Berlin-Moabit
Rund 20 Menschen verschaffen sich am frühen Samstagmorgen des 8.August Zugang zum Heizkraftwerk von Vattenfall. Sie klettern auf zwei Förderkräne und ein Aschesilo und bleiben dort den ganzen Tag über. Vier Besetzer harren bis Sonntag nachmittag aus. Geräumt werden sie nicht, weil das Kraftwerk wegen Wartungsarbeiten momentan nicht im Betrieb ist. In dem Kraftwerk wird Steinkohle und seit 2013 auch Biomasse verfeuert. Die Besetzer protestieren mit ihren Transparenten gegen den Import von Kohle und für einen schnelleren Ausstieg aus der Kohle. Verantwortlich für die Aktion zeichnete die Direkte Aktion. Parallel findet am Samstag vormittag eine Demonstration gegen Steinkohle-Abbau statt.

Heidelberg
Vor der Hauptverwaltung der Fa. HeidelbergCement hat sich eine Gruppe junger Menschen hingesetzt, die Füße teilweise einbetoniert. Mehrere Menschen steigen auf das Gebäudedach und versperren den Eingang. Die Aktion wird getragen von der Gruppe «Wurzeln im Beton». Der Protest richtet sich gegen die großen Emissionen der Zementindustrie und Landenteignungen, die für den Abbau von Kalk, der für Zement nötig ist, vorgenommen werden. Die Zementindustrie setzt im Jahr 72,6 Mio. Tonnen CO2 frei.

Mannheim
Fünf AktivistInnen der Gruppe «GKM abschaffen» haben das Förderband von Block 6 des Grosskraftwerks Mannheim besetzt. Hier wird Steinkohle verfeuert. Sie protestieren den Import von Steinkohle aus Kolumbien und Russland, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen und zu miserablen Löhnen abgebaut wird. «Die Menschen in Deutschland müssen sich bewusst werden, wo die Kohle herkommt, die sie konsumieren. Und über die Konsequenzen», sagt die kolumbianische Aktivistin Luz Angela Uriana Epiayu. Die Kohle für Datteln 4 kommt auch aus Kolumbien. Drei Frauen und zwei Männer kletterten mehrere Meter auf das Dach der Kohleförderanlage. Erst nach fünf Stunden können sie festgenommen werden.

Bremen
20 AktivistInnen haben das Mercedes-Werk blockiert. Quer über die Einfahrt von Tor 8 des Mercedeswerks haben sie ihre Fahrräder aneinandergeschlossen. Vor der Barrikade stauen sich die Lkw, die sonst im Minutentakt durch das Werkstor fahren. Dass der Autokonzern Mercedes jetzt staatliche Hilfen kassiert, findet Silke Fuchs, Pressesprecherin der Blockade, «völlig absurd». Es sei ein Beweis dafür, dass man sich auf Parlamente und Regierungen in der Klimakrise „ganz offensichtlich nicht verlassen kann». Faber, die hinter ihr in der Blockade sitzt, sieht das ähnlich: «Radikalisierung ist die einzig logische Konsequenz.» Ziel ist es, ein bisschen mehr zu nerven, ein bisschen mehr Druck aufzubauen als andere Kundgebungen.
Mit Mundschutz und Handschuhen werden Kaffee und Flyer an die Lkw-Fahrer verteilt, um zu zeigen, dass sich der Protest nicht gegen sie richtet. Die Fahrer reagieren teils milde genervt, teils verständnisvoll.
Später gesellt sich eine Fahrradrallye zur Blockade. 250 Personen sind zuvor in langen Ketten die Bremer «Tatorte der Klimakrise» abgefahren.

Kiel
Die Aktionsgruppe «Südspange stoppen» hat ein Waldstück besetzt, um gegen den Ausbau der A21 zu protestieren. Fünf Menschen richten sich in den Bäumen ein, nach dem Vorbild der Besetzung des Hambacher Waldes. Mahnwachen und ein Infostand werden organisiert. Rodungsmaßnahmen stehen noch nicht unmittelbar bevor, die Aktion will Aufmerksamkeit schaffen und Protest gegen Zerstörung eines Naherholungsgebiets mobilisieren.

Hessen
Der Dannenröder Wald wird besetzt, um gegen den Bau der A49 zu protestieren. Die Autobahn soll Gießen und Kassel verbinden und westlich von der bereits bestehenden Verbindung durch die A5/A7 gebaut werden. Seit der Anfangsphase des Großprojekts vor 40 Jahren gibt es Widerstand gegen das Bauvorhaben. Die BesetzerInnen wollen verhindern, dass der Wald gerodet wird. Für Ende September wird die Räumung erwartet, die Aktion jetzt hat den Zweck, Unterstützung gegen die Räumung zu mobilisieren.
waldstattasphalt.blackblogs.org

Würzburg
Ende Gelände und Fridays for Future organisieren eine Bootsdemo gegen Steinkohletransporte.
Cottbus (am 6.8.): Banner-Aktion vor der Zentrale der LEAG (Lausitz Energie Bergbau AG), die die Braunkohle in der Lausitz abbaut.


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