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Heimat und Vertreibung in Deutschland

Ein Bericht aus dem Rheinischen Revier
dokumentiert

Sabine Schölermann stammt aus Garzweiler. Auf einer Veranstaltung der Naturfreunde Köln im Vorfeld der Großdemonstration am 30.8. hat sie berichtet, wie sie in ihrer Jugend die Vertreibung aus dem Dorf erlebt hat.
Garzweiler war ein alter Ort, urkundlich erwähnt schon im 12.Jahrhundert.

Meine Eltern sind 1990/91 auf den Hof meines Großvaters mütterlicherseits in Garzweiler gezogen, da war ich ein Jahr alt. Es war ein großer Vier-Seiten-Hof, mit viel Land, Gärten, unzähligen Möglichkeiten spielen zu können, sich zu verstecken, für uns Kinder eine geschlossene Burg, uralter Baumbestand, viele Obstgärten, und überall Felder. Der Ort lag auf einem sehr fruchtbaren Lössboden, Weizen und Rüben wurden angebaut, früher Flachs, die Gegend galt von alters her als Kornkammer des Hl.Römischen Reiches.
Der Tagebau Garzweiler I entstand 1983. Im Ort selbst tat sich lange Zeit erst einmal nichts, abgedeckt wurde es erst 2003, es war also ein langsames Sterben. Ich bin mit diesem Loch in Sichtweite groß geworden. Als ich das erstemal allein aus dem Badezimmer im 3.Stock schauen konnte, so mit fünf, sechs Jahren, konnte ich in die Grube gucken und fand am Anfang alles ganz spannend, die Riesengeräte und die kleinen Jeeps, die da immer rumflitzten. Irgendwann habe ich verstanden, wenn diese Grube sich weiter ausdehnt, würde die Kohle unter unserem Haus weggenommen. Und es würde nicht nur uns betreffen, sondern auch unsere Freunde und Bekannte. Das war für mich unvorstellbar, zumal die Grube sich auch nicht weiter bewegte. Wenn man nachfragte, hieß es: Nee, dann bist du schon groß, das dauert noch ganz lange, vielleicht passiert das ja auch gar nicht.

Laut Duden ist Heimat ein Ort, in dem man geboren oder aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt. Für mich bedeutet Heimat dörfliches Idyll, vertraute Umgebung, jeder kennt jeden, unzählige Geschichten, irgendwie ist man mit allen verwandt. Bis heute ist in den Dörfern, die von der Umsiedlung nicht betroffen sind, eine komplette Infrastruktur vorhanden, es gibt den Bäcker, den Metzger, eine kleine Dorfschule, Kindergarten, Altenheim, Dorfarzt, Schreinerei, Schuster, Feuerwehr, Kneipe, Kirche, alles relativ autark.
Heimat ist für mich aber auch devastierte, sich ständig verändernde Landschaft, kein Grün mehr, überall nur Staub, Staub… Außerhalb des Dorfes war alles kaputt, der kulturelle Raum verkleinerte sich zusehends, Straßen wurden unterbrochen, plötzlich musste man riesige Umwege machen. RWE, früher Rheinbraun, trat dann irgendwann auch als Eigentümer auf, es wurde verboten, bestimmte Straßen zu benutzen, uns Kindern und Jugendlichen wurde klar gemacht, hier habt ihr nichts mehr verloren.
Damit sind wir groß geworden, aber als es dann plötzlich losging, waren die meisten doch völlig unvorbereitet und empfanden Schmerz über die plötzliche Radikalität der Veränderung. Wahrzeichen, an denen wir uns früher orientierten, waren plötzlich verschwunden, da war auf einmal eine Leere, das war auch ein seelisch spürbarer Bruch.
Rheinbraun hat gezielt versucht, im Ort Multiplikatoren anzusprechen, um möglichst große Akzeptanz zu finden, ging auf Geschäfte und Kneipen zu und machte die Inhaber wichtig, wenn sie mit umziehen würden. Das ist bis heute so. Sie sagen den Leuten, sie sollen über die Verhandlungen schweigen, nicht über Verkaufspreise reden. Es wurde auch Angst geschürt, bist du gegen Rheinbraun, kann sich das nachteilig auf deinen Platz im neuen Dorf auswirken. In der weiterführenden Schule in Mönchengladbach, 25 Kilometer von Garzweiler entfernt, wurden wir über den Steinkohletagebau in Südafrika informiert, über das Riesenloch vor unserer Haustür hat niemand gesprochen. Da war Schweigen. Zuhause war eine Parallelwelt. So werden Strukturen langsam aufgebrochen.
Hinzu kam, dass etliche Dorfbewohner bei Rheinbraun beschäftigt waren. Ich habe noch erlebt, dass die Kumpels teilweise mit Reisebussen angefahren wurden, mit Plakaten und Transparenten durch die Dörfer gezogen sind und uns, die wir aus den Häusern kamen, sehr aggressiv entgegengeschleudert haben, wir seien schuld, wenn ihre Arbeitsplätze verloren gehen. Dabei war es damals schon so, dass RWE selber durch neue Kraftwerkstechnik viele Arbeitsplätze abgebaut hat, das wollte natürlich keiner hören.
Neu-Garzweiler, nördlich von Jüchen, wirkt auch heute noch wie eine Neubausiedlung. Eine Bäckerei ist mit umgezogen, eine Gaststätte, kein einziger Bauer. Das lag daran, dass RWE keine ausreichenden Flächen zur Verfügung gestellt hat. Adäquate Entschädigung, von der immer gesprochen wird, die gibt es nicht. Mit der Entschädigung, die meine Eltern bekommen haben, hätten sie nie und nimmer so etwas wie ihren alten Hof wiederaufbauen können. Meine Eltern haben dann mit einem Kredit in Neu-Garzweiler ein neues Haus gebaut, das war aber überhaupt nicht vergleichbar. Meine Mutter lebt noch da, sie betont auch nach 20 Jahren noch, dass das neue Haus doch viel bequemer sei, das Dorf sich gut entwickelt hat. Wenn sie aber alte Bilder sieht oder sie wird gefragt, ob sie lieber in Alt-Garzweiler geblieben wäre, fängt sie meistens an zu weinen…
Heute genießt das Thema Garzweiler große Medienöffentlichkeit, das war früher nicht so. Da waren nicht einmal die Dörfer untereinander vernetzt. Tiefen Dank an die Hambis, dass sie jahrelang das Thema in die Öffentlichkeit gebracht haben.


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