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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2020 |

Libanon – Produkt eines wilden Kapitalismus

Die Katastrophe von Beirut und die herrschenden Cliquen
Interview mit Gilbert Achcar

Am 4.August explodierten im Hafen von Beirut 3000 Tonnen Ammoniumnitrat, ein Gemisch aus Ammoniak und Salpetersäure, das zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoffen verwendet wird. Die Explosion löst ein Erdbeben aus.

Suzi Weissman von Radio Jacobin sprach darüber am 8.August mit ­GILBERT ACHCAR. Er lehrt an der School for Oriental and African Studies (SOAS) der Universität London und ist Autor mehrerer Bücher, die auch auf deutsch erschienen sind. Achcar stammt aus Beirut und hat dort Familie. Wir geben das Interview gekürzt wieder.

Suzi Weissman: Was ist da passiert?

Gilbert Achcar: Es ist ein Lager mit 3000 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert, das wird für die Herstellung von Düngemitteln, unter bestimmten Umständen aber auch als hochexplosiver Sprengstoff gebraucht. Fachleute schätzen, dass die Sprengkraft bei 1500 Kilotonnen TNT lag – ein Zehntel der Sprengkraft von Hiroshima, allerdings ohne die nukleare Strahlung, zum Glück. Es sah aber aus wie eine Atomexplosion, weil die Schockwelle die dafür typische Form eines Pilzes hatte.

Menschen auf der Straße haben auch gesagt, sie hätten gedacht, es sei ein Erdbeben.

In den USA und anderswo haben die Seismografen eine Erschütterung von 3,5 auf der Richterskala gemessen. Aber im Libanon sah es nicht nach einem Erdbeben aus. Man hat die Explosion noch im 150 Meilen entfernten Zypern gesehen. Eine der größten nichtnuklearen Explosionen aller Zeiten.

Deine Familie lebt in Beirut, auch sie war betroffen…

Ja, fast 300000 Menschen sind obdachlos geworden. Ich hatte Glück, keiner aus meiner Familie wurde verletzt, bei niemandem wurde die Wohnung so zerstört, dass sie obdachlos geworden sind, aber natürlich ist auch bei ihnen vieles in die Brüche gegangen. Das Ausmaß der Zerstörung ist unbeschreiblich. Das ist, als wäre alle 100 oder 200 Meter eine Autobombe hochgegangen. Im Libanon ist man an Autobomben gewöhnt. Beirut war so oft Schauplatz jeder Sorte von Gewalt, aber so etwas hat es noch nicht gegeben.

Schlimmer hätte es für das Land nicht kommen können – inmitten der Pandemie und der Wirtschaftskrise. Es ist ja auch bekannt, dass Ammoniumnitrat brandgefährlich ist, es hat schon mehrfach Explosionen damit gegeben, jedesmal mit katastrophalen Folgen und immer wegen Unachtsamkeit. Einer der schlimmsten Unfälle in der US-Geschichte war eine Explosion auf einem Schiff im Hafen von Texas 1947, das voll mit Ammoniumnitrat beladen war. 2013 ereigneten sich, ebenfalls in Texas, weitere Explosionen. Woher kommt diese Unachtsamkeit?

Es ist mehr als Unachtsamkeit, es ist kriminelle Fahrlässigkeit, so etwas im Herzen der Stadt jahrelang zu lagern. Zum Glück hat sich das am Rand des Meeres abgespielt, man mag sich nicht vorstellen, was es bedeutet hätte, wenn es mitten in der Stadt passiert wäre…
Es ist nicht zu fassen, dass eine so große Menge hochexplosiven Materials an einem solchen Ort so lange ohne die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen gelagert werden konnte, ohne dass irgendjemand interveniert wäre. Nicht einmal die Arbeiter haben gesagt: Wir können hier nicht arbeiten und wir werden hier auch nicht arbeiten, solange das Problem nicht behoben ist. Nichts ist geschehen. Dabei gab es anscheinend über Jahre alle paar Monate Berichte an die Behörden über die Lagerung dieses Materials und die Dringlichkeit, etwas zu tun, aber nichts ist geschehen.
Die libanesische Regierung ist sehr korrupt, wahrscheinlich eine der korruptesten der Welt. Sie stützt sich auf die Aufteilung von Macht zwischen Religionen und Konfessionen. Das politische System im Libanon ist sehr konfessionalistischt, es basiert auf der Verteilung von Pfründen und Machtpositionen unter Kriegsherren und Politikern. In der Wirtschaft dominieren die Banken, und die sind mit der politischen Klasse verbandelt, die das ganze System kontrolliert.
In diesem Land verstecken die Herrschenden ihr Geld im Ausland. Sie machen Milliarden über Milliarden Dollar mit allen Tricks, die man sich vorstellen kann, einschließlich aller möglichen Geschäfte mit umliegenden Ländern wie Syrien usw.
Das ist ein Land der Geldwäsche, Geld, das aus dem Drogenanbau und dergleichen kommt. Jede Sorte krimineller Aktivität lässt sich hier finden, mit dem Unterschied, dass es hier die herrschende Klasse selbst ist, die in diese Geschäfte verwickelt ist, die führenden Familien des Landes. In der Bevölkerung hat sich darüber lange vor der Explosion großer Ärger aufgestaut. Er hat sich im vergangenen Jahr am 17.Oktober in einem Aufstand entladen, dessen Hauptmotto war: «Sie alle meint ‹sie alle›.»

Ich würde gern auf die Fahrlässigkeit zurückkommen. Viel Beachtung hat die Tatsache gefunden, dass die führenden Politiker sich am Ort der Katastrophe nicht haben blicken lassen, sie haben nicht mit den Betroffenen gesprochen, ihnen keinen Trost angeboten. Selbst Machiavelli sagt, du kannst nicht dauerhaft herrschen, wenn du nicht den Kreisen, die dich unterstützen, etwas anbietest. Aber hier sieht es so aus, als wären diese Gesetze außer Kraft. Das ist unglaublich! Was ist das für ein Regime? Macron ist aus Frankreich gekommen und die Leute auf der Straße haben ihn umarmt und gebeten, Frankreich solle doch wieder das Mandat über den Libanon übernehmen. Was hat sich da aufgestaut?

Ja, das hat mich auch überrascht, dass Zehntausende eine Petition unterzeichnet haben, dass der Libanon für zehn Jahre wieder französischer Kolonialherrschaft unterstellt werden soll. Wahrscheinlich wissen die Initiator*innen selbst, dass das nicht geht, aber es zeigt den Grad der Verzweiflung. Andere würden lieber die Vereinten Nationen bitten, das Land zu regieren, auch solche Forderungen gab es. Aber das führt ja nirgendwo hin.
Es ist in der Tat so: Diejenigen, die im Libanon das Sagen haben, interessiert es nicht, ob sie die Unterstützung der gesamten Bevölkerung haben. Jeder schaut nur auf seinen eigenen Einflussbereich. In einem religiös-konfessionellen System ist jeder politische Führer – es sind tatsächlich alles Männer – nur daran interessiert, die eigene Gefolgschaft zu pflegen. Es gibt viele Gefolgschaften, aber keine, die die gesamte Bevölkerung umfassen würde.
Mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und dem enormen Wertverlust der lokalen Währung im Gefolge der Finanzkrise ist das Land in zwei Teile zerfallen. Der Maßstab für den eigenen Status ist nicht mehr das Bankkonto oder das Einkommen. Der Maßstab ist, ob es in libanesischen Lira oder in Dollar ist. Wenn du regelmäßig Dollars aus dem Ausland bekommst – sie nennen das «frische Dollars» – kannst du sie von der Bank abheben. Wenn deine Dollars nicht «frisch» sind, wenn du z.B. vor einem Jahr 100000 Dollar zur Bank getragen hast, kannst du sie nicht abheben – nur in libanesischer Währung und zu einem Kurs, den die Regierung festgelegt hat, weit unterhalb des Marktkurses. Du kannst dir vorstellen, was das für diejenigen bedeutet, die ihr Einkommen in libanesischer Währung beziehen.
Das hat einen großen Teil der Bevölkerung in Armut gestürzt. Die halbe Bevölkerung lebt heute schätzungsweise unter der Armutsgrenze, doppelt so viel wie vor dem Herbst 2019. Der Libanon galt bislang im Vergleich zu anderen Ländern des globalen Südens nicht als armes Land, aber es hat einen ökonomischen Kollaps erlebt, wie früher Argentinien. Die libanesische Wirtschaft ist dollarisiert und viele Herrschende bunkern ihr Geld in Dollars im Ausland. Viele von ihnen bekommen ihr Geld auch von ausländischen Staaten – Saudi-Arabien, Iran oder andere. Da interessiert sie der Rest der Bevölkerung wenig.

Kannst du diesen Kollaps einmal in den Kontext der neoliberalen Entwicklung in der Region stellen?

Nun, der Libanon war schon vor dem Neoliberalismus neoliberal. Hier herrscht seit langem ein wilder Kapitalismus. Es galt lange als eines der bedeutendsten Steuerparadiese der Welt.
1975 begann im Land ein fünfzehnjähriger Bürgerkrieg, der offiziell erst 1990 beendet wurde, und zwar durch ein Abkommen zwischen dem syrischen Regime und der saudischen Monarchie, unterstützt von den Vereinten Nationen. Der Wiederaufbau des Landes geschah dann auf rein neoliberaler Basis. Heute gibt es einen Staat, in dem Mafiamethoden herrschen, und es gibt mehrere Mafiabanden, die miteinander konkurrieren. Das libanesische Pendant zu Gewalten, die einander im Gleichgewicht halten, sind Mafiastrukturen, die sich gegenseitig in Schach halten, aber miteinander kooperieren, wenn es um die Ausbeutung des Landes geht.

Jetzt gehen die Leute wieder auf die Straße…

Am 8.August gab es größere Demonstrationen im Zentrum der Stadt, und zum erstenmal wurden drei Ministerien besetzt und der Sitz des libanesischen Bankerverbands angegriffen. Damit sind sie über bisherige Protestformen hinausgegangen. Schätzungsweise waren es weniger als 10000, nicht viele, aber Entschlossene. Die Leute wissen, wogegen sie ihren Protest richten müssen, dass das ökonomische und das politische System eine einzige Maschine der Ausbeutung und der kriminellen Desinteressiertheit ist. Die Explosion ist dafür ja nicht das einzige Beispiel. Der Grad der Umweltverschmutzung ist haarsträubend, der Müll stapelt sich in den Straßen, es gibt keine reguläre und verlässliche Stromversorgung, elementare Erfordernisse des modernen Lebens sind hier nicht gewährleistet.
Symbolisch wurden Puppen mit dem Konterfei von sechs führenden Politikern im Zentrum aufgehängt – nach der guten alten Tradition des religiös-konfessionellen Modells der Machtaufteilung je zwei für Christen, Sunniten und Schiiten. Aber das ist alles Symbolpolitik, wie auch der Ruf nach einem neuen französischen Mandat. Das macht mir große Sorge. Die Wut ist so groß, dass alles passieren kann. Die Bewegung hat keine organisierte Führung, nicht mal einen minimalen Grad an Koordination und eine Vertretung, die im Namen der Bewegung sprechen könnte.
Kraft liegt nicht nur in der Einheit, sondern auch in der Organisation. Daran fehlt es im Libanon. Es ist schwer zu sagen, was das für Folgen haben wird, zumal Macrons Besuch darauf hindeutet, dass es eine neue internationale Intervention geben soll. Der Westen wird versuchen, aus der Krise Kapital zu schlagen. Ich fürchte, er wird auf dem Rücken des Libanon regionale und internationale Rechnungen begleichen wollen. Bei dem Mangel an Organisation sehe ich nicht, wie es zu einer demokratischen und sozialen Erneuerung des Landes kommen kann. Hoffentlich baut sich jetzt wenigstens eine Bewegung dafür auf.


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