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Fundgrube bis heute

Friedrich Engels (28.11.1820–5.8.1895)
von Manuel Kellner

Friedrich Engels wurde bekannt als Mitstreiter von Karl Marx. Mit ihm zusammen entwickelte er eine bis auf den heutigen Tag gültige Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft und die kommunistische Perspektive der Selbstbefreiung des Proletariats als Hebel für eine umfassende menschliche Emanzipation.

Seine popularisierenden Schriften hatten lange Zeit großen Einfluss auf die Orientierung der ArbeiterInnenbewegung und begründeten die «marxistisch» genannte Denktradition.

Engels’ frühe Schrift von 1844 «Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie» nannte Marx später eine «geniale Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien». Die Volkswirtschaftslehre hinterfragte nicht das Privateigentum, das die Konkurrenz hervorbrachte und die menschliche Gesellschaft zu «zersplitterten Atomen», die Beschäftigten der modernen Industrie zu «Lohnsklaven» machte und Menschen und Erde zu Objekten des allgemeinen «Schachers» herabwürdigte. Engels beschrieb nicht nur das Elend der neuen Lohnsklaven, sondern sah deren Bewegung – wie die der für das allgemeine Wahlrecht agitierenden Chartisten – als das Subjekt, das die bestehenden Verhältnisse umwälzt, mit den sozialistischen Strömungen etwa eines Robert Owen «verschmelzend» die Produktion gemeinschaftlicher Kontrolle unterwirft und den schreienden Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise überwindet, in der gerade der größte Überfluss das größte Elend hervorbringt.
Die Lage der arbeitenden Klasse in England von 1845 ist ein mitreißende Schilderung der Zustände und beruhte ebenso sehr auf eigener Anschauung wie auf der Verarbeitung des verfügbaren dokumentarischen Materials. Auch hier geht es nicht nur um die schamlose und zerrüttende Ausbeutung, sondern auch um die aufflammende Gegenwehr und die Solidarität, in der Engels die Zukunft sah.
Im Rückblick sagt Marx viel später, das «Wiederlesen dieser Schrift» habe ihn «mit Bedauern das Altern merken lassen. Wie frisch, leidenschaftlich, kühn vorausgreifend und ohne gelehrte und wissenschaftliche Bedenken wird hier die Sache gefasst! Und die Illusion selbst, dass morgen oder übermorgen das Resultat auch geschichtlich ans Tageslicht springen wird, gibt dem Ganzen eine Wärme und lebenslustigen Humor – wogegen das spätere ‹Grau in Grau› verdammt unangenehm absticht.»
Noch hundertzehn Jahre nach dem Erscheinen dieser Schrift, im Jahr 1955, nannte die UNESCO sie ein Modell für die sozialwissenschaftliche Forschung. Sie ist aber auch ein Aufruf zur Massenaktion. Wenn «die Lawine» in Bewegung gerät, heißt es da, «wird allerdings der Schlachtruf durch das Land schallen: Krieg den Palästen, Friede den Hütten!» – was ja noch heute als Motto über jeder Ausgabe unserer Sozialistischen Zeitung steht.

Zersplitterte Atome
Unmittelbare frühe Gemeinschaftsarbeiten von Marx und Engels waren insbesondere die Texte zur «deutschen Ideologie» (1846), die Heilige Familie (eine polemische Abrechnung mit den Junghegelianern) und das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848.
Der erste Teil der «zur Selbstverständigung» geschriebenen «Deutschen Ideologie» entwickelt die historisch-dialektisch-materialistischen Grundüberzeugungen der beiden, das «Manifest» ihr politisches Credo – es ist nicht umsonst die global am weitesten verbreitete politische Schrift. Eine wichtige Vorarbeit dazu waren die Grundsätze des Kommunismus von Engels, mit Fragen und Antworten stilistisch an katholische Katechismen angelehnt. Manche Aussagen beider Schriften wurden von Marx und Engels später revidiert, wie die vom «Verkauf der Arbeit» (statt der «Arbeitskraft»), andere, wie das Feiern der rasanten Produktivkraftentwicklung durch die kapitalistische Produktionsweise, auf der das ganze emanzipatorische Vorhaben beruhte, erregen heute angesichts des katastrophalen Umschlags der Produktiv- in Destruktivkräfte ein Schaudern. Und doch bleiben diese Schriften auf ihre Weise brandaktuell – denn die Geschichte der Klassenkämpfe, von denen sie ausgeht, ist nicht zu Ende und treibt ihrer Entscheidung entgegen, zum Guten oder zum Schlechten.
Sehr bekannt ist die Rolle von Engels für die Herausgabe der Bände II und III des Kapitals von Karl Marx, gestützt auf dessen handschriftliche Entwürfe und Notizen. Das ebenso große Verdienst der Marx-Tochter Eleanor, die daran kongenial mitwirkte, wird sehr viel seltener hervorgehoben (vgl. Lady Liberty, SoZ 5/2018). Vor allem Band III ist nur ziemlich bedingt «von Marx». Wie die neuere Forschung zeigt, beschäftigte er sich in seinen letzten Jahren intensiv mit der Landwirtschaft und den verheerenden Folgen menschlicher Produktionstätigkeit für die Erde (vgl. «Der grüne Marx», SoZ 3/2018). Nur wenn er damit nach eigenem Urteil weit genug gekommen wäre, hätte er Band III veröffentlichungsreif gemacht, und der wäre wahrscheinlich in manchem anders geraten, als wir ihn heute kennen.
Die späteren eigenständigen Schriften von Friedrich Engels sind auch heute noch eine Fundgrube für Elemente der Erklärung und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse. Hierbei wird ein gewisses Spannungsverhältnis deutlich zwischen seinem Verständnis der dialektisch-materialistischen Geschichtsauffassung als Forschungsprogramm und als – die Philosophie hinter sich lassende – «Weltanschauung». Besonders die von ihm hinterlassenen Fragmente zur «Dialektik der Natur», gestützt auf naturwissenschaftliche Resultate seiner Zeit, machen das deutlich. Ist im dialektischen Verständnis möglich, aus dem Subjekt-Objekt-Verhältnis herauszuspringen? Eigentlich nicht, wenn die achte der Thesen über Feuerbach ernstgenommen wird: «Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis» – eine von dieser Praxis getrennte, im Sinne eines erkenntnistheoretischen Realismus ontologisch fixierte Natur findet sich hier nicht.

Forschung und Lehre
Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft und die spätere Kurzfassung Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft sind laut dem Urteil von Helmut Fleischer das «problematischste Stück ‹marxistischer Philosophie›» (1974). Sie erscheinen zumindest als Vorentwurf späterer Dogmatisierungen und beanspruchen eine «Lehre» zu fixieren. Dessen ungeachtet enthalten sie brillante Passagen, zum Beispiel zur Zurückweisung von Geschichtsauffassungen, die «die Gewalt» in den Mittelpunkt stellen. So unterwirft sich der gestrandete Robinson Freitag mithilfe seines «Degens», also mit «Gewalt»! Eben der Degen, wandte Engels spitzzüngig ein, verweist auf den Vorrang der Ökonomie und der Produktionsweise, ohne die Robinson gar keinen Degen gehabt hätte.
Seine militärpolitischen Schriften und Kriegskorrespondenzen (sein einschlägiges lebhaftes Fachinteresse hatte ihm den – englisch ausgesprochenen – Spitznamen General eingetragen), und die Arbeiten zu verschiedenen Themen der menschlichen Vor- und Frühgeschichte zeigen Engels als einen Autoren, der keineswegs so tut, als habe er mit seiner «Anschauung» schon die Wahrheit gepachtet. Vielmehr stützt er sich jeweils auf profunde Fachkenntnisse, und zumindest seine zentralen Aussagen bleiben bis heute beachtlich.

Klasse und Patriarchat
Das gilt zum Beispiel für seinen Aufsatz «Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen» (geschrieben 1876, veröffentlicht erst 1896). Er basiert auf den Arbeiten von Lamarck, Darwin, Wallace und Haeckel und ist in einzelnen Aussagen natürlich seit langem schon überholt (zum Beispiel sind in der modernen biologischen Systematik Menschen im selben Sinne Affen, wie sie Säugetiere sind). Doch die grundlegende Erkenntnis des Zusammenhangs von Händen, aufrechtem Gang, hoch entwickeltem Gehirn, Sprache, Werkzeugproduktion und Vergesellschaftung mit gemeinschaftlicher Arbeit ist heute wissenschaftlich unumstritten.
Die Schrift von 1884 Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen, angeregt durch nachgelassene Notizen von Marx, war epochemachend. Auch hier sind einzelne Befunde durch neuere Forschungen widerlegt. Doch sozialistisch-feministisches Forschungsinteresse wird auch heute noch inspiriert von Sätzen wie diesem: «Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte austritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Frau in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechtes durch das männliche.»
Ich empfehle allen, die einen ersten Eindruck vom theoretischen Erbe des Friedrich Engels gewinnen wollen, ein neues, von Bruno Kern herausgegebenes Buch*. Es handelt sich um eine kritische Würdigung, eine gelungene, klug eingeleitete und kommentierte Sammlung von Auszügen wichtiger Schriften von Engels. Kerns Kommentare mögen an der einen oder anderen Stelle Kontroversen auslösen – informativ und anregend sind sie allemal.

*Bruno Kern (Hrsg.): Friedrich Engels. Im Widerspruch denken. Ansichten eines smarten Revolutionärs. Wiesbaden 2020. 158 S., 6 Euro.


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