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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2020 |

Nawalny und die Moral von der Geschichte

Was steckt wirklich dahinter?
von Anton Holberg

Es gibt den Spruch: «Doppelte Moral ist schlimmer als gar keine Moral». Ich weiß nicht, ob das so stimmt, aber dass doppelte Moral widerlich ist und auch die wahre Moral in ihrem Ansehen untergräbt, ist offensichtlich.

Ich möchte hier nicht darüber diskutieren, ob «Putin» oder wer auch immer Nawalny vergiftet hat. Wir alle wissen es nicht und werden es vermutlich auch nicht mehr erfahren – vielleich in 30 Jahren oder so. Was wir aber wissen, ist dass nicht nur die westliche Presse à la Bild, Express und Spiegel, sondern führende Politiker – darunter nicht zuletzt «unser» Außenminister Maas (von solchen wie dem CDU-Röttgen wollen wir gar nicht erst reden) – kaum war die Meldung von der Vergiftung bekanntgeworden – schon Zeter und Mordio schrien und sich Gedanken über neue Sanktionen gegen Russland machten – obgleich sie natürlich auch nichts wissen konnten (außer sie haben es selbst getan).
Das Ganze läuft unter dem Hashtag «Moral». Und so muss man taub und blind sein, wenn man sich nicht fragt, wie es bei diesen Herrschaften ansonsten mit Moral und entsprechenden Reaktionen bestellt ist. Innerhalb der EU, wo die BRD doch vielleicht größere Druckmöglichkeiten hätte als gegenüber Russland, sind in den vergangenen Jahren oppositionelle Journalisten ermordet worden – so auf Malta und in der Slowakei, und das mit größerer Wahrscheinlichkeit im Auftrag oder zum Wohlgefallen der jeweiligen Regierungen, als das nach bisherigem Kenntnisstand im Fall Nawalny der Fall ist. Die Reaktion unserer Regierung darauf?
Herr Maas erklärte verschiedentlich, dass er wegen der faschistischen Judenmorde in die Politik gegangen sei und betont (wie ja auch die Regierungen von CDU bis SPD immer wieder) seine besonderen unverbrüchlichen Beziehungen zu Israel (sic!, und nicht etwa allgemein zu «den Juden», was ja beileibe nicht dasselbe ist). Nun ist Israel nicht nur entstanden auf der Grundlage der Vertreibung eines Großteils der seit Jahrhunderten, wenn nicht zwei Jahrtausenden, einheimischen Bevölkerungsmehrheit, sondern diese Vertreibung war von Anfang an mit umfassendem Blutvergießen verbunden. Seither sind dem Tausende Palästinenser und Bürger umliegender Staaten zum Opfer gefallen, weit mehr als dem palästinensischen Befreiungskampf oder Terrorismus. Hat jemand schon mal was davon gehört, dass die BRD und ihre Regierungen dagegen wenigstens lautstark protestiert hätten, von Sanktionen ganz zu schweigen? Oder: was war mit dem saudischen Journalisten Kashoggi, der vom saudischen Geheimdienst in der Türkei gekillt und dann zersägt in die «Heimat» zurücktransportiert worden war. Ja, da wurde zart protestiert, und das war’s.
Wäre es nicht schon ein Gewinn, wenn diese Herr- und Damenschaften unsere Intelligenz oder zumindest unser Gedächtnis nicht auch noch beleidigten und uns wenigstens mit dem Moralgeseire verschonten? Mögen sie doch bitte so nett sein und einfach sagen: «Wir haben ökonomische und geostrategische Interessen. Punkt!» Dann könnte man über etwas Reales diskutieren – nämlich, ob die angedrohten und teilweise umgesetzten Maßnahmen diesen Zielen (die wohlbemerkt keineswegs im Interesse der hiesigen Bevölkerungsmehrheit sein müssen und meist auch nicht sind) zuträglich sind.


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