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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Corona und (k)ein Ende?

Vom Versagen der Kritik
von Albrecht Kieser

Das Corona-Management hat die Welt in einen Taumel gestürzt, der nach Einschätzung des UNO-Welternährungsprogramms die Zahl einer Hungersnot ausgesetzten Menschen um 130 Millionen steigern und damit verdoppeln wird.

Demgegenüber muten die Folgen der Corona-Pandemie in Deutschland geradezu freundlich an. Nun gut, die Regierung entscheidet in Sachen Corona seit Monaten mit Notverordnungen, gestützt auf ein mehrfach verschärftes Seuchengesetz. Versammlungs- und Bewegungsfreiheit sind eingeschränkt oder werden vorübergehend abgeschafft, das Recht auf und die Pflicht zum Schulbesuch waren zeitweise ausgesetzt, die Begrenzung des Normalarbeitstags wurde gecancelt; der Alltag, der sonst durch kollektive Erlebnisse von Kunst, Musik und Tanz und durch spontane Begegnungen erhellt wird, wurde ins Graue verordnet. Und die Arbeitslosenzahlen werden erst noch hochschnellen, die Insolvenzen, die psychischen Erkrankungen. Kollateralschäden, die mit dem Argument gerechtfertigt werden, nur ein harsches Ordnungsregime könne noch mehr Tote verhindern.
In Deutschland sterben jeden Tag etwa 2700 Menschen, eine knappe Million im Jahr, davon etwas mehr als 120 an Lungenentzündung. Die drei größten Sensen des Todes sind Herz- und Kreislauferkrankungen (345000), Krebs (230000) und Atemwegserkrankungen (72000, ohne Corona). Auch wenn wir das Rauchen, den Alkohol, chemische Gifte in den Nahrungsmitteln und den Feinstaub in der Luft verbieten – den Tod können wir nicht abschaffen. Er wird andere Wege finden, uns zur Strecke zu bringen.
Trotzdem kümmern wir uns zu Recht darum, Todesursachen zu bekämpfen, soweit sie menschengemacht sind, besonders wenn sie den verfrühten Tod herbeiführen – wie etwa die Armut. Arme Menschen sterben in Deutschland 10 Jahre früher als reiche. Beim Alkoholismus wägen wir ab: das Recht auf Rausch gegen die Selbstzerstörung und ihre sozialen, psychischen und ökonomischen Ursachen.
Nur beim Corona-Management tun wir so, als könnten wir jeden Toten vermeiden. Wenn wir nur streng genug Distanz einhalten, Masken tragen, in Hotspots hocken bleiben und zu dritt nur noch zusammensitzen, wenn wir höchstens in zwei Haushalten leben. Um diese und noch mehr Schutzmaßnahmen zu begründen, werden wir mit absoluten Zahlen von ihrer Alternativlosigkeit überzeugt.

Panik ist allerdings unangebracht, wenn wir auf die Opferzahlen blicken. Das RKI sagt in seinem Lagebericht vom 12.10.: «Der Anteil der Verstorbenen unter den seit der 30.Kalenderwoche gemeldeten COVID-19-Fällen liegt kontinuierlich unter 1 Prozent.» Dabei geht das RKI davon aus, die Zahl der tatsächlich Infizierten sei «um einen Faktor 4,5–11,1 unterschätzt. Damit würde sich auch die (näher an der Wirklichkeit liegende) Letalität vermutlich um einen ähnlichen Faktor senken». Rechnen wir den vom RKI genannten Faktor ein, dann liegt die Letalität bei 0,22 bzw. 0,09 Prozent, d.h. ähnlich wie bei einer «normalen» Grippewelle. Was Leid und Trauer, die der Tod bringt, nicht leugnet. Sondern den Tod durch Corona in Beziehung setzt zu den anderen Waffen, derer er sich bedient.
Corona kann töten wie andere Krankheiten auch. Und selten ist das Sterben ein Spaziergang. Aber Corona ist kein Killervirus. Auch eine Übersterblichkeit hat es bislang in 2020 nicht gegeben. Darauf verweist der Leiter im Frankfurter Gesundheitsamt, René Gottschalk, wenn er anhand der Daten in Frankfurt, aber auch bundesweit feststellt: «Die Sterbestatistik zeigt im ersten Halbjahr 2020 keine Auffälligkeiten.»
Same procedure as every year and day: 2700 Tote pro Tag, 1 Million pro Jahr. Hätten wir Ebola hier oder Gelbfieber, würden die Pocken wieder ausbrechen oder die Pest, wäre das anders.

Folgt angesichts dieser Zahlen das harsche Corona-Regiment in Deutschland noch dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit? – eine wichtige demokratische Errungenschaft gegenüber dem Grundsatz «Der Zweck heiligt die Mittel»? Oder zugespitzt gefragt: Meint man den Tod besiegen zu können, wenn man das soziale und kulturelle Leben erwürgt?
Matthias Burchardt lässt in einem Text über den «Homo hygienicus» im Sammelband Lockdown 2020 Hannah Arendt zu Wort kommen, die den Gegensatz von Gesellschaftlichkeit und Tod unterstreicht: «‹Für Menschen heißt Leben so viel wie unter Menschen weilen und Sterben so viel wie aufhören unter Menschen zu weilen.› Der Lockdown beraubt uns vieler Möglichkeiten und Wirklichkeiten, unser Menschsein im Sozialen zu realisieren. Menschlichkeit und Lebenssinn werden uns amputiert. Als Prothese wird die Digitalisierung angepriesen.»
René Gottschalk schreibt: «Die teilweise sehr einschneidenden Maßnahmen bei dieser Pandemie wurden von politisch Verantwortlichen angeordnet, ohne dass die Erfahrungen früherer Pandemien ausreichend berücksichtigt wurden. Auch jetzt muss man feststellen, dass man von den (richtigen) Strategien ‹Containment› (Eindämmungsstrategie), ‹Protection› (Schutzstrategie für vulnerable Gruppen) und ‹Mitigation› (Folgenminderungsstrategie), die im nationalen Pandemieplan des Robert-Koch-Instituts (RKI) beschrieben sind, komplett abweicht und derzeit ausschließlich ‹Containment› betreibt, was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte.»
Warum nehmen wir solche Ausführungen nicht zur Kenntnis? Halten wir es für ungebührlich, darüber nachzudenken, welche Corona-Maßnahmen vielleicht einem ordnungspolitischen Übermut von Leuten entspringen, die aus der Gesundheitskrise gesellschaftsveränderndes Kapital schlagen wollen?
Rolf Gössner sieht es ähnlich: «Das Corona-Virus gefährdet nicht allein Gesundheit und gar Leben von Menschen, sondern schädigt auch elementare Grund- und Freiheitsrechte, Rechtsstaat und Demokratie … Ein Warnhinweis für die Zukunft: Der Ausnahmezustand im modernen Präventionsstaat tendiert dazu, auch nach erfolgter Krisenbewältigung zum rechtlichen Normalzustand zu werden.»

Das Einmaleins gesellschaftskritischer Analyse, nämlich zu fragen, was wem nutzt, scheint seit Corona über Bord gegangen zu sein. Warum überlässt die Linke den rechten Idioten wie Trump und Bolsonaro oder den deutschen Rechtsradikalen das Fragen und das Antworten? Sind wir Hilfstruppen der Innen- und Gesundheitsminister? Warum treiben wir den fragenden und kritischen Teil der Zivilgesellschaft direkt in die Arme rechtsradikaler Welterklärer?
Der Sammelband Lockdown 2020* nimmt, meist aus antikapitalistischer Sicht, das Corona-Management kritisch unter die Lupe und fragt nach der Sinnhaftigkeit zahlreicher Maßnahmen und ihrer Begründung. Auch die Frage, was nutzt wem, wird gestellt. Der ungeheure Vorteil, den die IT-Industrie und die Pharmaindustrie aus der Krise schlagen, wird herausgearbeitet. Einer der Autoren hängt die Antwort auf das «Cui bono?» etwas tiefer und vermutet, dass sich die Entscheider einfach nicht mehr aus der von ihnen selbst produzierten Dynamik befreien können: «Medien und Politik sind derzeit bemüht, die Angst in der Bevölkerung mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten … um den Gesichtsverlust wegen des überzogenen Lockdowns und seiner katastrophalen Auswirkungen zu vermeiden.»
Mag sein, dass es so ist. Mag sein, dass große Lobbyisten am großen Krisenrad drehen. So oder so: die Linke muss endlich offen über die gesellschaftliche Krise diskutieren, die das Corona-Management hervorgerufen hat. Es ist höchste Zeit, sich aus dem Lockdown des kritischen Verstandes zu befreien.

* Lockdown 2020. Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu verändern. (Hrsg. Hannes Hofbauer, Stefan Kraft.) Wien: Promedia, 2020.


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