Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 11 > Die-fahrer-sterben-aus

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2020 |

Die Fahrer sterben aus

BusfahrerInnen streiken, weil ihr Beruf dringend attraktiver werden muss
Gespräch mit Patrick Mellor

PATRICK MELLOR ist Busfahrer am Niederrhein. Er fährt dort für einen kleinen privaten Betrieb, der die städtischen Linien bedient. Bis vor einem Jahr war der Betreiber noch öffentlich, doch dann hat die Niederrheinische Verkehrs AG die Aufgaben des Verkehrsbetriebes übernommen.

Violetta Bock sprach mit ihm über Arbeit, Verkehrswende und wieso die Busfahrer vom Aussterben bedroht sind.

Was heißt es eigentlich, als Busfahrer zu arbeiten?

Nun, das ist ein bisschen mehr als am Lenkrad zu sitzen, aus dem Fenster zu gucken, Tür auf, Tür zu. Es kommt natürlich ganz auf den konkreten Betrieb an. Manche haben extra Reinigungskräfte. Wir machen die Wagenpflege selber, wir packen auch alle in der Werkstatt mit an. Die letzten Wochen hatte ich Schichtzeiten von elf bis zwölf Stunden, das sind sog. geteilte Dienste. Das bedeutet, ich fang morgens um halb sechs an, bin dann gegen zehn Uhr wieder auf dem Hof, geh nach Hause – ich habe den Vorteil, dass ich mit dem Rad in zehn Minuten zu Hause bin – und dann geht es um 14 Uhr wieder weiter. Seit Corona muss ich sogar etwas früher los, weil die Schüler sich alle so dicht in den Bussen drängen. Dann haben sich Eltern beschwert und Nordrhein-Westfalen hat zusätzliche Busse gestellt. Die letzten Wochen war ich zweieinhalb Stunden zu Hause und dann wieder von Viertel vor eins bis etwa 17.20 Uhr unterwegs – also von halb sechs Uhr morgens bis kurz vor halb sechs abends.

Hast du dir das so vorgestellt?

Nee, das haben wir in der Kraftfahrerschule auch nicht so vermittelt bekommen. Wir wussten um die Schichtzeiten. Bis zu 15 Stunden Schichtzeit sind zulässig, von denen darf man zehn Stunden arbeiten. Im Linienbetrieb müssen wir ein Sechstel der vorgesehenen Lenkzeit Pause haben. Es sei denn, die Linie ist länger als 50 km und der durchschnittliche Haltestellenabstand beträgt mehr als 3 km, dann gelten Regeln wie im Lkw-Verkehr.
Im öffentlichen Dienst ist die Schichtzeit auf 12 Stunden begrenzt. Soweit ich weiß, sind die Arbeitszeiten noch aus den 70er Jahren. Das ist heute nicht mehr zu stemmen. Der Verkehr hat zugenommen, die Gesellschaft ist schnelllebiger und gestresster. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich den Mittelfinger gezeigt kriege. Und die Fahrpläne sind immer strammer geworden. Ich fahre des öfteren einen Dienst, bei dem ich unter Einhaltung der StVO nicht pünktlich sein kann. Auf der Strecke hab ich schon nach vier bis fünf Haltestellen eine Verspätung von fünf Minuten, man hat kaum Wendezeiten, und das addiert sich dann über den ganzen Tag.

Dass die Taktzeiten so eng gehalten werden, wie erklärst du dir das?

Das hängt mit dem Verkehr zusammen. Das sind Linien, die immer die gleichen Zeiten haben, und zwar unabhängig davon, ob Berufsverkehr ist oder nicht. Man müsste da flexibler sein, um Entspannung und Entzerrung reinzukriegen, gerade bei uns auf dem Land. Da verpassen manche ihren Zug, weil ich am Bahnhof immer knapp ankomme. Das bedeutet Stress für die Fahrer und die Fahrgäste. Die Fahrpläne werden mit einem Programm erstellt, aber das ist unflexibel. Das kommt mir manchmal so vor, als würden die für Sonntag zwei Uhr planen. Und wir wollen doch eigentlich den Nahverkehr für die Verkehrswende attraktiver machen.
Wenn die Leute aber regelmäßig ihren Zug verpassen, weil der Bus so knapp ankommt, ist das nicht attraktiv. Und wenn wir als Fahrer was sagen, da kann ich auch mit einer Wand reden. Wir sollen fahren und die Klappe halten. Wenn ich zu meinem Juniorchef gehe und sage, die Zeiten gehen so nicht, dann sagt der, das weiß ich und das hab ich auch schon dem Betreiber weitergegeben, aber da kommt nichts zurück. Mein Chef ist ja auch nur Auftragnehmer.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

In den nächsten fünf Jahren wird sich herauskristallisieren, wo es mit dem ÖPNV hingeht, denn die Fahrer sterben aus. Wenige von denen, die anfangen, bleiben dabei. Dass wir Busfahrer brauchen, ist seit Jahren klar, das durchschnittliche Alter liegt bei 49 Jahren. Man muss den Beruf attraktiver machen. Ich erhalte nach sechs Jahren etwa 13 Euro Stundenlohn brutto. Durch die europaweiten Ausschreibungen rechnen die privaten Unternehmen mit dem spitzen Bleistift. Das ist nicht viel Geld für die Verantwortung, die man hat, die langen Arbeitszeiten, auch am Wochenende, die geteilten Dienste… Am Bau würde ich mehr verdienen.
Bei uns laufen ja derzeit auch Tarifverhandlungen, aber da habe ich von Ver.di noch nicht viel gehört. Ursprünglich war geplant, erst den Tarifvertrag Nahverkehr zu verhandeln und dann bei den Privaten zu nachzuziehen.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren