Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2020 > 11 > Us-wahlen

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2020 |

US-Wahlen

Insolvenzverschlepper gesucht
von Ingo Schmidt

Aufmerksamkeit erregen. Das kann er. Muss er auch. Täglich muss er dem Publikum etwas zum Aufregen, Kopfschütteln oder begeistert Zustimmen geben. Sonst könnten sich weder Anhänger noch Gegner vor der einfachen Wahrheit drücken, dass Trump Amerika nicht wieder groß gemacht, sondern zu dessen Niedergang beigetragen hat.

Seine Anhänger müssten sich dann eingestehen, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt haben. Müssten sich aber auch fragen, was sie von Amerikas Größe erwartet haben. Seine Gegner müssten sich fragen, ob sie Trump nicht mögen, weil er ein Loser ist und sie sich einen Präsidenten wünschen, der das Versprechen eines großen Amerika wahr machen könnte. Oder ob sie das Rumgekasper stört, mit dem er von der Bereicherung der besitzenden Klassen in Zeiten allgemeinen Niedergangs ablenkt. Und ob sie zu politischer Oppositionsarbeit bereit sind, statt Wut-Emojis unter Trump-Tweets zu setzen.

Verdrängte Fragen und Wahrheiten
Unbequeme Fragen werden gerne vermieden. Deshalb ziehen sich große Teile des Wahlvolkes nur allzu gern auf die Rolle eines Trump liebenden oder hassenden Publikums zurück. Und die besitzenden Klassen sind froh, dass Trump für sie den Klassenkasper gibt. Eine den Ansprüchen repräsentativer Demokratie genügende Debatte würde deutlich machen, dass die Bereicherungsmethoden dieser Klassen ihr eigenes Wirtschaftsimperium in einen Sanierungsfall verwandelt haben – weit über die Anhängerschaft von Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez hinaus. Trotz fortgesetzter Ausbeutung der arbeitenden Klassen gibt es selbst Profite nur noch auf Pump.
Das darf aber nicht gesagt werden. Sonst könnte man ja gleich einen Insolvenzverwalter bestellen, der Vermögen und Verbindlichkeiten bilanziert, notwendige Abschreibungen vornimmt und weiter verwendungsfähige Anlagen und Infrastruktur an neue Eigentümer übergibt. Nachdem die Alteigentümer den Laden runtergewirtschaftet haben, kämen als Neueigentümer nur diejenigen in Frage, die in dem Laden unter immer schwierigeren Bedingungen arbeiten und leben mussten. Das wäre Sozialismus, amerikagefährdende Umtriebe, deren Gefahr Trump in schrillen Tönen beschwört.
Daneben wirkt Biden, von Trump treffend als Sleepy Joe bezeichnet, eher wie ein Insolvenzverwalter als ein Präsidentschaftskandidat. Für den Job kann er sich aber nicht bewerben. Mit dem Versprechen, Amerika abzuwickeln statt es groß zu machen, gewinnt man keine Präsidentschaftswahl. Außerdem hat er als Senator und Vizepräsident unter Obama sein Scherflein zum Herunterwirtschaften der USA beigetragen.

Der Traum vom zweiten Amerikanischen Jahrhundert
Mittlerweile scheint es ewig her: Der American Way of Life and Business galt nicht nur als bester, sondern auch einziger Weg. Jedes andere Land musste ihn beschreiten, auch wenn sich niemand einbilden sollte, das große Vorbild je zu erreichen.
In den 1970er Jahren war der Ruf des US-Kapitalismus ziemlich angekratzt. Die Golddeckung des Dollars wurde von der US-Regierung aufgekündigt, das an Gold und Dollar gekoppelte System fester Wechselkurse brach zusammen. Der ebenfalls von den USA garantierte Zustrom billigen Öls versiegte infolge zweier Ölpreisschocks. US Army und Air Force waren unfähig, schlecht bewaffnete Guerillas in Vietnam zu besiegen. Amerikanische Firmen verloren Marktanteile an Konkurrenten aus Deutschland, Japan und schließlich sogar an industrielle Nachzügler wie Südkorea und Taiwan.
In den 80er Jahren entwarfen die amerikanischen Eliten ein neues Geschäftsmodell, in den 90ern waren sie wieder unangefochtene Nummer eins, Supermacht und Vorbild zugleich. Selbst wer sie nicht mochte, wie die chinesische KP, klopfte an die Tür des von den USA durchgesetzten und garantierten Weltmarkts. Europäische Sozialdemokraten eiferten Bill Clinton nach. Niemand verkörperte das neue amerikanische Erfolgsmodell wie er: Finanzmärkte und Freihandel, Computer und humanitäre Interventionen.
Kapitalisten erkannten darin die Möglichkeit, ihre Profite durch Automatisierung und Standortverlagerungen zu erhöhen. Abhängig Beschäftige, des Schutzes durch Gewerkschaften und Sozialstaat zunehmend beraubt, durften vom Aufstieg in die Klasse der Wissensarbeiter oder gar Symbolanalytiker träumen. Kosteten Standortverlagerungen auch so manchen Job, ermöglichten sie doch allen Zugang zu importierter Billigware.
Wo der Lohn trotzdem nicht reichte, halfen billige Kredite. Wurden sie zum Kauf von Immobilien und Aktien verwandt, waren sie nicht mehr drückende Last, sondern Eintrittskarte in die Klasse der Vermögensbesitzer. Steigende Börsenkurse und Immobilienpreise ließen die aufgenommenen Schulden immer kleiner erscheinen. Aufgewertete Vermögenstitel konnten, wenn das Einkommen zur Deckung der laufenden Ausgaben doch mal nicht reichte, als Sicherheit bei der Aufnahme neuer Kredite hinterlegt werden.
Wer wollte nach Ingangsetzung des ökonomischen Perpetuum Mobiles noch der industriellen Arbeitswelt nachtrauern? Viele. Denn oft genug wurden die in das zweite Amerikanische Jahrhundert gesetzten Hoffnungen auf Sicherheit und Wohlstand schon enttäuscht, als die Börsenkurse noch himmelwärts stiegen und jede Menge Jobs verfügbar waren.

New-Economy-Realitäten
Die meisten dieser Jobs entsprachen allerdings keineswegs dem Bild der Wissensarbeiter, die heute hier, morgen dort an coolen Projekten mitarbeiten, statt sich langfristig in starre Unternehmenshierarchien einbinden zu lassen. Noch weniger entsprachen diese Jobs dem Bild vom Garagentüftler und Unternehmensgründer, dessen brillante Ideen schon bald die Macht etablierter Konzerne erschüttern würden.
Tatsächlich wurde ein Dienstleistungsproletariat geschaffen, das einer kleinen Zahl sozialer Aufsteiger sowie den arrivierten Mittel- und Oberklassen die Arbeit abnahm. Sich um Kinder und Alte kümmern, kochen, putzen, waschen – für alles standen billige, zumeist weibliche und oft gerade eingewanderte Arbeitskräfte zur Verfügung. Ein Teil kam direkt ins Haus oder arbeitete in Dienstleistungsklitschen, die ebenso schnell gegründet wurden, wie sie pleite gingen, oder in den Filialen kleinerer und größerer Dienstleistungsketten. Kranken- und Rentenversicherung waren mit diesen Jobs selten verbunden, Teilzeit und Befristung die Regel.
Hierarchien innerhalb eines Konzerns wurden mehr und mehr durch Subunternehmer ersetzt, die Hierarchien in den entstehenden Unternehmensnetzwerken waren weniger sichtbar, Zuständigkeiten unklarer, Macht immer mehr in den Konzernzentralen konzentriert. Durch Outsourcing, Profit-Center und Just-in-time-Management umstrukturierte Konzerne waren keinesfalls ein Auslaufmodell. Zu den Etablierten wie Boeing, General Motors und ExxonMobil kamen die Aufsteiger Walmart, Apple, Microsoft, Facebook & Google. Über allen thronte das ebenfalls zunehmend in Netzwerken organisierte, aber zugleich immer stärker konzentrierte Finanzkapital.
Neben einer kleinen Zahl von Aufsteigern gibt es viele, die es probiert haben, aber nicht weit gekommen sind. Ihre Einkommen blieben hinter den Erwartungen zurück, dafür waren die Ausbildungskosten oft höher als erwartet, und so reichte das Projekt «Aufstieg durch Ausbildung» oft gerade dazu, den Abstand in Lohn und Status gegenüber den neuen Dienstleistungsproletariern zu wahren. Was durch Studiengebühren und studienbegleitende Niedriglohnjobs mühsam erkauft wurde, konnten sich gewerkschaftlich organisierte Arbeiter zur Zeit des ersten Amerikanischen Jahrhunderts auch ohne Hochschulabschluss leisten. Von denen gibt es aber nicht mehr viele.

Ein Sanierungsfall
Auch den Aufstieg in die Klasse der Vermögensbesitzer schafften nur sehr wenige. Neulinge, die sich in den 90er Jahren mit ihrem Erspartem oder Gepumpten an die Börse wagten, verloren ihren Einsatz schon beim Platzen der Dot.com-Blase 2001. Danach gab es zwar weitere Spekulationsblasen, aber die arrivierte Finanzwelt war wieder unter sich. Nur eine Form des Vermögens war weit verbreitet – Wohneigentum. Selbst Dienstleistungsproletarier kauften Häuser. Nicht, weil sie erwarten konnten, die dafür aufgenommenen Kredite jemals zurückzahlen zu können, sondern weil billiger Kredit für Immobilienerwerb hier und heute verfügbar war, bezahlbare Mietwohnungen aber nicht.
Wer schon vor Beginn des langen Immobilienbooms, also in den frühen 90er Jahren, eine Immobilie besaß, konnte sich über Wertsteigerungen freuen und weitere Kredite aufnehmen, um langlebige Konsumgüter zu kaufen oder den Kindern bei der Studienfinanzierung zu helfen. Wer dagegen auf der Suche nach Jobs von niedergehenden Industriegebieten in die boomenden Dienstleistungszentren ziehen musste, hatte oft keine andere Wahl, als Immobilien zu kaufen, auch wenn deren Preise den Einkommen immer weiter davonliefen. Damit war die Immobilienkrise unausweichlich. Angesichts der Größe und Verflechtung des Immobiliensektors mit dem Rest der Wirtschaft war auch deren Ausweitung zu einer allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise unausweichlich.
Immobilien- und Börsenkurse brachen von 2006 bis 2009 massiv ein, die zum Erwerb der entsprechenden Vermögensgegenstände aufgenommenen Schulden blieben. Große Vermögen und Finanzkonzerne wurden mit Staatsgeldern gerettet, alle anderen bezahlten ihre Hoffnungen auf Teilhabe am zweiten Amerikanischen Jahrhundert mit dem Verlust ihrer teils realen, teils erhofften Vermögen.
Enttäuschung, Verbitterung und Verunsicherung waren groß. Einer, der als Erbe eines Immobilienimperiums prächtig an den Hoffnungen anderer verdient hatte, wusste aus diesen Gefühlen politisches Kapital zu schlagen: Donald Trump. Als Klassenkasper hat es der Krisengewinnler zum Präsidenten gebracht. Für ihn ist das Spiel prächtig gelaufen, für ihn kann es so weitergehen. Ebenso wie für seinen Herausforderer Biden. Auch wenn er nur zweite oder dritte Geige gespielt hat, war auf seinen Einsatz immer Verlass. Vorschläge, den Sanierungsfall Amerika mit sozialen und ökologischen Reformen zu retten, hat er bekämpft. Bernie Sanders kann ein Lied davon singen. Seit er aus dem Rennen um die Präsidentschaft gedrängt wurde, ist sicher, was vom nächsten Präsident, Trump oder Biden, zu erwarten ist – die Insolvenzverschleppung.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>



Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren