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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2020 |

200 Jahre Engels

Engels neu entdecken
von Angela Klein / Hans Günter Mull

Elmar Altvater: Engels neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Einführung in die «Dialektik der Natur» und die Kritik von Akkumulation und Wachstum. Hamburg: VSA, 2015. 190 S., 12 Euro

Einen der bislang radikalsten Versuche, den ökologischen Standpunkt in die Kritik der politischen Ökonomie zu integrieren, hat Elmar Altvater vor fünf Jahren vorgelegt.
Der marxistische Ökonom, 2018 gestorben, beschäftigte sich seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mit ökologischen Katastrophen und ihren Ursachen. In Engels neu entdecken, einem seiner letzten Bücher, geht er weit über das hinaus, was der Titel verspricht: Er «entdeckt» Engels nicht nur neu, er schreibt dessen «Dialektik der Natur» auf dem neuesten Stand der Forschung fort.
Engels’ «Dialektik der Natur» ist kein fertiges Werk, sondern ein mehrere hundert Seiten langes Konvolut von teils fertigen Texten, teils Notizen und Fragmenten, das erkennen lässt, wie der Autor sich bemüht, Erkenntnisse der Naturwissenschaft, die er sich angeeignet hat, in einen Zusammenhang zur politischen Ökonomie und anderen Sozialwissenschaften zu bringen, ohne sie miteinander zu vermischen – ein echt multidisziplinärer Ansatz. Die beiden abgeschlossenen Texte aus diesem Konvolut, der «Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen» und «Die Naturforschung in der Geisterwelt», sind im Anhang in das VSA-Bändchen aufgenommen.
Altvater folgt Engels’ Bestrebung, einen «Gesamtzusammenhang von Natur und Gesellschaft» herzustellen, also Natur- und Sozialwissenschaften nicht als getrennte Sphären zu behandeln.
Der Ansatz ist bereits im Frühwerk von Marx und Engels enthalten: «Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet, in die Geschichte der Natur & die Geschichte der Menschen abgetheilt werden. Beide Seiten sind indeß nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur & Geschichte der Menschen gegenseitig», heißt es in den Manuskripten zur Deutschen Ideologie. Folglich macht Altvater den Doppelcharakter der Ware und der Arbeit, der kapitalistischen Produktion überhaupt zum Dreh- und Angelpunkt dieses «Gesamtzusammenhangs», auf diese Taste haut er immer wieder drauf und belegt durch verschiedene Kapital hindurch an mehreren Beispielen, warum der Prozess der Kapitalverwertung ohne seine stoffliche Seite, also ohne dass die Natur (und der Mensch) zur Ware gemacht und damit zerstört wird, nicht möglich ist.
Die «Wertbeziehung käme überhaupt nicht zustande, würde der ‹Träger des Werts›, der Gebrauchswert in Naturform nicht produziert». Engels war klar, «dass die sozialwissenschaftliche Analyse ohne naturwissenschaftliche Expertise angesichts der industriellen Revolution nur eine halbe Sache ist, dass die Naturwissenschaften aber nicht ohne Theorie, nicht ohne Dialektik auskommen. Nicht nur der ökonomische Apparat wird zur Industrie umgewälzt, auch das System der wissenschaftlichen Erkenntnisse verändert sich grundlegend seit der Her­aufkunft der Industriegesellschaft.» Dabei polemisiert Altvater gegen eine Strömung im Marxismus, die die Analyse der Wertform, also der Bewegungen des Tauschwerts, zum Kern der marxistischen Ökonomiekritik macht.
Umgekehrt gilt dann aber auch, dass eine Produktion im Einklang mit der Natur unter kapitalistischen Bedingungen nicht möglich ist. Dies richtet Altvater polemisch gegen Postwachstumstheoretiker, die sich vorstellen, es könne einen Kapitalismus geben, der nicht atemlos dem Fetisch der stets erweiterten Produktion nachjagen würde, da diese doch die Voraussetzung für die Kapitalakkumulation ist. «Wird die Bewegung des Kapitals angehalten, ist die Krise da» – rien ne va plus.
Die Natur ist kein soziales Konstrukt, das für den Verwertungsprozess beiläufig wäre. Sie hat eine eigene Materialität, eigene Gesetze, eigene Grenzen, eine eigene – vom Menschen durch seine Arbeit beeinflusste – Geschichte, einen Zeitpfeil und damit «Kipppunkte», an denen ein erreichter Zustand irreversibel wird. Der «Kipppunkt» ist der Moment, wo eine quantitative Entwicklung, etwa die Anreicherung von CO? in der Atmosphäre, in eine neue Qualität (hier: eine nicht mehr reversible Instabilität des Klimas) umschlägt – der Umschlag von Quantität in eine neue Qualität ist ein Grundsatz der Dialektik.
Altvater weist nach, dass die industrielle Revolution die Beziehungen zwischen Mensch und Natur ähnlich fundamental umgewälzt hat wie Jahrtausende zuvor die neolithische Revolution, war. Dafür führt er mehrere Gründe an:
– weil die Hauptenergiequelle der Industrie, anders als in der Menschheitsgeschichte davor, nicht die Sonne, sondern die fossilen, im Erdmantel eingeschlossenen Vorkommen sind («die industrielle Revolution war zugleich eine energetische, die fossile Revolution», ihre Akteure waren die Bergleute); damit wurde die Geologie der Erde verändert, die in der Periode der sesshaften Landwirtschaft weitgehend unberührt geblieben war;
– wenn fossile Energie gefördert und verbrannt wird, entstehen unvermeidlich «Kuppelprodukte» in Form von Abfällen und Emissionen, die sich nun in die Erdgeschichte einschreiben, weil sie «in den Sphären der Erdkugel verbleiben» und damit u.a. die Erdatmosphäre verändern;
– weil die in der Erde vergrabenen (endlichen) Ressourcen der Natur, im Gegensatz zur Sonne, privatisiert und in Wert gesetzt werden können, ihre Ausbeutung somit ebenso wie die Produktion für den Profit überhaupt zum Selbstzweck wird;
– weil die Abkopplung der Industrie von der Sonnenenergie es erstmals möglich macht, dass die wirtschaftliche Produktion nach den Prinzipien des Kapitals und nicht mehr nach den Erfordernissen der klimatischen Verhältnisse und der Biosphäre organisiert wird;
– weil damit überhaupt erst die ungeheure Steigerung der Produktivkräfte und Wachstumsraten möglich wird, die seit der industriellen Revolution einsetzt – und damit die relative Mehrwertproduktion, vulgo: kapitalistische Ausbeutung.
Das schlagendste Argument gegen die Illusion, es könne Frieden geben zwischen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der Natur, ist das, was Altvater die partielle, nicht den Gesamtzusammenhang von Mensch und Natur in Betracht ziehende Rationalität der kapitalistischen Moderne nennt: Stofflich artikuliert sie sich darin, dass diese Produktionsweise sowohl bei der Beschaffung ihrer Ressourcen wie bei der Entsorgung ihrer Abfallprodukte auf die «Landnahme» von Natur angewiesen ist. Die Natur bleibt ihr extern, sie erscheint nicht und kann nicht als ihr integraler Teil erscheinen. Im Verhältnis zum Ganzen ist diese Produktionsweise irrational.

Michael Krätke (Hrsg.): Friedrich Engels oder: Wie ein «Cotton-Lord» den Marxismus erfand. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2020. 200 S., 7 Abb., 12 Euro

«Ich habe mein Leben lang das getan, wozu ich gemacht war, nämlich zweite Violine spielen, und glaube auch, meine Sache ganz passabel gemacht zu haben. Und ich war froh, so eine famose erste Violine zu haben wie Marx. Wenn ich nun aber plötzlich in Sachen der Theorie Marx’ Stelle vertreten und erste Violine spielen soll, so kann das nicht ohne Böcke abgehn, und niemand spürt das mehr als ich. Und wenn erst die Zeiten etwas bewegter werden, dann wird uns erst recht fühlbar werden, was wir an Marx verloren haben.»
So äußerte sich Friedrich Engels im Oktober 1884, anderthalb Jahre nach Marx’ Tod, in einem Brief an Johann Philipp Becker. Der Politikwissenschaftler und ehemalige Professor für Politische Ökonomie Michael Krätke zeigt mit seinem etwa sechzig Seiten umfassenden einleitenden Essay zu der von ihm herausgegebenen Auswahl von Texten des Mitbegründers des wissenschaftlichen Sozialismus, dass Engels sein Licht hier zu sehr unter den Scheffel stellt. Krätke ist sogar der Auffassung, dass Engels «etliche Jahre die erste Geige gespielt, ja das ganze Orchester der sozialistischen Bewegung dirigiert [hat]».
Der Autor zeigt, dass Engels mehr Einfluss auf die politische und intellektuelle Entwicklung des jungen Marx gehabt hat als umgekehrt. Engels erkannte vor Marx die Bedeutung der politischen Ökonomie. Seine Erfahrungen in Manchester, die er während seiner Ausbildung als Kaufmann und Manager in der von seinem Vater mitbesessenen Firma Ermen & Engels machte, veranlassten ihn zu einem Studium der politischen Ökonomie und zur Lektüre englischer und französischer Ökonomen sowie der sie kritisierenden sozialistischen Schriften. Ein Resultat dieser Beschäftigung waren die im Februar 1844 in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern erschienenen «Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie». Marx, der das Manuskript zuerst zu Gesicht bekam, war sehr angetan davon. Engels’ Schrift brachte ihn dazu, sich mit der Ökonomie zu befassen und noch im selben Jahr entstanden die «Ökonomisch-philosophischen Manuskripte», in denen Marx Engels’ Schrift als eine der beiden «inhaltsvollen und originalen deutschen Arbeiten für diese Wissenschaft» lobte.
Auch auf anderen Gebieten ging Engels Marx voran. So mit dem Studium der Naturwissenschaften und auf dem Gebiet einer engagierten Sozialforschung mit seinem Buch über die Lage der arbeitenden Klasse in England (1844/45). Engels war der erste, der in Deutschland die als «Blaubücher» bekannten Untersuchungsberichte des englischen Parlaments benutzte, die Marx später im ersten Band des Kapitals häufig anführte.
Ausführlich widmet sich Krätke der Rolle von Engels als Herausgeber des zweiten und dritten Bands des Kapitals nach Marx’ Tod. Laut Krätke ist es Engels zu verdanken, dass in mühseliger Arbeit die von Marx hinterlassenen Manuskripte (Marx’ Handschrift zu entziffern war damals nur Engels in der Lage) überhaupt zu lesbaren Werken wurden. Engels hat «ausgewählt, gekürzt und manches nicht aufgenommen … die Texte ergänzt und Zusätze gemacht … Er wollte eine lesbare Fassung für den wissenschaftlichen Hausgebrauch erstellen. Das ist ihm gelungen, ohne den Manuskript- und Entwurfscharakter des Ganzen zu kaschieren.»
Auf die «Engels-Verächter» unter den Marx-Exegeten ist Krätke schlecht zu sprechen. Dass Engels verballhornt und verfälscht habe, lässt er nicht gelten und verweist auf Engels’ Rolle bei der Verfassung gemeinsamer Werke und Marx’ mehrfach geäußerte Wertschätzung für Engels. In diesem Zusammenhang führt Krätke auch die aktive Mitwirkung von Marx an Engels’ Anti-Dühring an. Krätke zeigt, dass Engels – wie Marx – die Theorie «bis zuletzt als ein work in progress, keinesfalls als ein geschlossenes System» betrachtete, jedoch als erster «eine zusammenhängende Darstellung einiger Grundsätze und vieler zentraler Einsichten versucht hat». Aus Meinungsunterschieden oder gelegentlichen Unterschieden im Sprachgebrauch zwischen Marx und Engels einen «Engelsismus» abzuleiten ist für Krätke unhaltbar.
Bei der Auswahl der in Auszügen wiedergegeben Texte von Engels bietet der Herausgeber neben den «Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie» vor allem Schriften zur materialistischen Geschichtsauffassung: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (von Marx als «Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus» bezeichnet) und Ludwig Feuerbach und der Ausgang der deutschen Philosophie sowie zwei Briefe aus den 90er Jahren, in denen sich Engels gegen eine schematische Anwendung des historischen Materialismus wendet.


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