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Filmtipp

Contemporary Past – Die ­Gegenwart der Vergangenheit, Polen 2020, Regie: Kamil Majchrzak
von Peter Nowak

Der Regisseur begleitet in seinem Filmessay eine Gruppe von Jugendlichen aus Rumänien, Deutschland und Polen bei ihrem mehrwöchigen Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald.

Zu diesem Thema gibt es mittlerweile einige Filme, die sich wie etwa Am Ende kommen Touristen kritisch über den Strom der BesucherInnen in ehemaligen deutschen Konzentrationslagern auslassen.
Doch Majchrzak zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die sich für die Opfer des KZ Buchenwald interessieren. Sie studieren Akten und Dokumente der Gefangenen und gravieren ihre Namen auf Gedenksteine, die auf dem Gelände von Buchenwald aufgestellt wurden. Man wolle den Menschen ihren Namen wiedergeben und so an sie erinnern, sagt ein junger Mann. Man sieht die Betroffenheit und Trauer der jungen Leute, nachdem sie das Krematorium besucht haben. In einer Szene sehen sie sich das Interview eines Überlebenden an, der über die unterschiedlichen Stufen der Entrechtung im KZ Buchenwald berichtet. So habe es vor 1940 noch Fußballspiele zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen gegeben. Später habe der Terror so zugenommen, dass solche Abwechslungen im KZ-Alltag undenkbar gewesen wären.
Besonders unterdrückt und gequält wurden die Roma in Buchenwald, die in separate Baracken gepfercht wurden und die geringsten Überlebenschancen hatten. Positiv äußern sich mehrere Jugendliche über das Denkmal für die Buchenwald-Häftlinge und zum Text des Schwurs von Buchenwald, der von den Überlebenden nach ihrer Befreiung verfasst wurde. Hier hat sie der Gedanke der Solidarität unter den Häftlingen aus den unterschiedlichen Ländern, die in Buchenwald zusammengepfercht wurden, beeindruckt. 
«Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.» Dieses Vermächtnis des Schwurs von Buchenwald ist auch für die jungen Leute noch aktuell. Sie erklären, dass sie in ihren Heimatländern gegen Rassismus und Faschismus kämpfen wollen.
Im zweiten Strang des Filmessays zeigt Majchrzak, dass Sinti und Roma in Deutschland, aber auch in vielen osteuropäischen Ländern noch immer für ihre Rechte kämpfen müssen. Die in Würzburg lebende Rita Prigmore berichtet von der Vernichtung ihrer Familie im NS. Auch ihre Zwillingsschwester wurde bei medizinischen Versuchen von KZ-Ärzten getötet. Sie selber überlebte nur, weil ihre Mutter sie aus der Uniklinik Würzburg schmuggelte, in der die gefährlichen Experimente stattfanden. Nach 1945 musste sie jahrelang um eine Entschädigung kämpfen.
Nachkommen von NS-Opfern, die heute vor Verfolgung in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland fliehen, werden nicht als Geflüchtete anerkannt. Manche erhalten eine Duldung, anderen droht die Abschiebung. Majchrzak zeigt in dem Film Roma und Sinti nicht als Opfer, sondern als Kämpfende für ein Europa ohne Rassismus und Abschiebungen.
Auch der Großvater des Regisseurs war ein Auschwitzüberleben­der. Als Student ist er selbst in Frankfurt an der Oder zweimal von Neonazis überfallen worden. Majchrzak engagiert sich seit Jahren für die Auszahlung der Ghettorenten an Überlebende des NS-Regimes, wofür er 2015 in Polen mit der Ehrenmedaille «Aufstand im Warschauer Ghetto» geehrt wurde.  Jetzt ist es Majchrzak mit seinem Filmessay gelungen, die Gegenwart der Vergangenheit sensibel deutlich zu machen.


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