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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2020 |

Tima Kurdi: Der Junge am Strand. Geschichte einer Familie auf der Flucht

Hamburg: Assoziation A, 2020. 256 S., 19,80 Euro
von Albrecht Kieser

Er ruht sich aus, dieser Junge am Strand. Zwei oder drei Jahre mag er alt sein, die blaue kurze Hose, die er trägt, und das rote T-Shirt prahlen mit ihren Farben. Den Kopf hat er weggedreht vom Betrachter. Er ruht sich aus, er ist erschöpft vom Sterben auf dem Meer. Der Tod hat ihn an Land gespült, nahe des türkischen Badeorts Bodrum. Er hat seine Flucht vor dem IS beendet.

Tima Kurdi erzählt in ihrem Buch Der Junge am Strand von Alan, ihrem Neffen. Vier ihrer fünf Geschwister hatten es mit ihren Familien geschafft, dem Bürgerkrieg zu entkommen. Ihr Bruder Abdullah verlor dabei seine Familie. Tima hat Syrien schon Anfang der 90er Jahre verlassen, mit ihrem lange dort schon lebenden Mann, der in Syrien auf Brautschau war und sich in sie verliebte. 1993 bekommt sie in Kanada ihren Sohn, den sie Alan nennt, wie viele Jahre später ihr Bruder den seinen.
Der Bogen des Buches spannt sich zwischen Leben und Tod, zwischen freiwilliger Migration der Liebe wegen und Flucht um des Überlebens willen. Wir werden hineingeführt in eine einfache kurdische Familie in der Region um Kobane, wir erfahren, wie der Krieg die erwachsenen Kinder aus dem Land jagt, wie die Festung Europa sie in der Türkei festsetzt und wie die Familie ihres Bruders Abdullah die Überfahrt ins nahe griechische Kos nicht übersteht – bis auf Abdullah.
Die Tragödie erlebt seine Schwester nicht hautnah mit, aber täglich und manchmal sogar stündlich teilt sie am Handy die Fluchtvorbereitungen mit ihrem Bruder, die scheitern und wieder scheitern und noch einmal scheitern, um dann schrecklich zu misslingen.
Wie sich Abdullah und Tima aus dieser Tragödie herausarbeiten und zu Kronzeugen für die Gnadenlosigkeit des Krieges und der europäischen Flüchtlingsabwehr werden – diese Geschichte nimmt den größten Teil des spannenden Buches ein.
Insbesondere Tima wird zur Chronistin der grausam gescheiterten Fluchtgeschichte, sie schildert auf Podien in Kanada, vor der UNO, gegenüber hochgestellten Politikern und Bürokraten das Geschehene, sie fordert, sie appelliert. Nur selten klagt sie an. Dabei könnte sie herausschreien, welche Gleichgültigkeit und Kälte, welche Brutalität und Arroganz den Flüchtenden widerfahren ist und allen Flüchtenden bis heute widerfährt. Doch die Farbe dieses Buches ist die Trauer um die Opfer, die Bitte um Verständnis für die Fliehenden, die Hoffnung darauf, dass die einfachen Menschen in aller Welt hinschauen, aufwachen, Partei ergreifen – und sich deshalb vielleicht auch die Mächtigen bequemen, Geflüchteten Schutz zu gewähren.
Tima Kurdi hat mit vielen Mächtigen gesprochen und sie war anfangs von deren Empathie beeindruckt. Die Hoffnung, die sie deshalb hegte, schwand, je länger sie zusehen musste, dass den empathischen Reflexen der Mächtigen – ob sie nun ehrlich oder nur eingeübt waren – kein Handeln folgte. Abdullah erobert ein anderes Terrain für sich, er organisiert in den kurdischen Flüchtlingslagern konkrete Hilfe für seine gestrandeten Landsleute.
«Meine Geschichte ist nicht wichtiger als die der anderen», zitiert ihn Tima am Ende ihres Buches. Doch sie zu hören, sie zu lesen, sie zu verbreiten, antwortet ihm Tima, «wird vielleicht verhindern, dass noch mehr Menschen auf der Flucht ertrinken».

Tima und ihr Bruder haben eine Stiftung gegründet, die Kurdi Foundation (www.kurdifoundation.com), um die Hilfe besonders für Flüchtlingskinder zu verstetigen.


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