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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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War Engels der größte Fehler von Marx?

Eine Kritik an Engels’ Kritikern
von Paul Blackledge*

200 Jahre nach seiner Geburt ist der Ruf Friedrich Engels’ als origineller Denker, zumindest unter anglophonen Akademikern, auf einem Tiefpunkt angelangt. Der Hauptgrund für diesen unglücklichen Zustand ist zweifellos ein politischer.

Im Laufe des 20.Jahrhunderts hat eine wachsende Zahl von Kommentatoren behauptet, Engels habe das Denken von Marx grundlegend verzerrt, der «Marxismus» und insbesondere der Stalinismus seien aus eben dieser einseitigen Karikatur der Ideen von Marx hervorgegangen.
Die Behauptung, Engels habe die Ideen von Marx verzerrt, reicht bis ins 19.Jahrhundert zurück. Zu einem vorherrschenden Thema der Sekundärliteratur wurde sie jedoch erst nach 1956, als in Reaktion auf Nikita Chruschtschows Geheimrede, die sowjetische Invasion in Ungarn und die anglo-französisch-israelische Invasion in Ägypten eine Neue Linke entstand, die versuchte, den Sozialismus durch eine kritische Neubewertung des Marxismus zu erneuern. In den Mittelpunkt der darauf folgenden Debatte rückte bald Engels’ Beitrag zum Marxismus.
Eine kleine Minderheit versuchte, Engels’ und Lenins Ansehen neben dem von Marx vor jeder Verbindung mit der Konterrevolution Stalins zu retten. Eine viel größere Gruppe kam jedoch zu dem Schluss, die Erfahrung des Stalinismus mache die gesamte marxistische Tradition bis zurück zu Marx fragwürdig. Eine dritte Gruppe wiederum stellte die jugendlichen, «humanistischen» Schriften von Marx der «wissenschaftlichen» Interpretation des Marxismus durch Engels entgegen.
Ausgehend von einer einseitigen Lesart von Georg Lukács’ frühen kritischen Kommentaren zu Engels’ Konzept einer Dialektik der Natur, neigte dieses Milieu zu der Ansicht, Engels sei der größte Fehler von Marx gewesen. Georg Lichtheim ging 1961 davon aus, Marx habe mit seinem Konzept der Praxis den Gegensatz zwischen Idealismus (autonome Moral) und Materialismus (heteronome Ursache) zu überwinden gesucht, Engels hingegen den Marxismus auf eine positivistische Form von Materialismus reduziert. 1968 lehnte Alasdair MacIntyre Engels wegen seiner angeblichen Konzeption der Revolution als quasineutrales Ereignis ab. Engels habe geglaubt, dass «wir das Herannahen der Revolution abwarten müssen wie das Herannahen einer Finsternis».
Die wohl unbarmherzigste Kritik an Engels’ Denken formulierte Norman Levine: Der Marxismus habe den Stalinismus hervorgebracht, denn der Marxismus des 20.Jahrhunderts sei am besten als eine Form von «Engelsismus» zu verstehen, als Reduktion der ursprünglichen Ideen von Marx auf eine positivistische, mechanische und fatalistische Karikatur. «Es gab», so Levine, «eine klare und stetige Entwicklung von Engels über Lenin zu Stalin», «Stalin trieb die Tradition von Engels und der Engelsschen Seite Lenins auf die Spitze».

Der Anti-Dühring
Der rationale Kern der Behauptung, Engels habe den Marxismus erst erschaffen, liegt darin, dass Engels die einflussreichste Popularisierung seiner und der Ideen von Marx verfasst hat – durch seine Schrift mit dem ironischen Titel Herr Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Dieses Buch, allgemein als Anti-Dühring bekannt, spielte eine Schlüsselrolle für die Gewinnung der Führung der deutschen Sozialdemokratie zum Marxismus in der Zeit der Sozialistengesetze Bismarcks.
Der Anti-Dühring ist Engels’ umstrittenstes Werk. Das liegt zum großen Teil daran, dass es, wie Hal Draper sagt, «die einzige mehr oder weniger systematische Darstellung des Marxismus» ist, die von Marx oder von Engels geschrieben wurde. Folglich muss jeder, der den Gedanken von Marx neu interpretieren will, zuerst diesem Buch sein Gütesiegel entreißen. Die Debatten über das Verhältnis von Marx zum Marxismus Engelsscher Prägung drehen sich also um den Anti-Dühring, um den kürzeren Auszug daraus (Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft) und um andere verwandte Werke, vor allem um Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie sowie um die unvollendete und zu Lebzeiten unveröffentlichte «Dialektik der Natur».
In seinem Beitrag zu dieser Literatur argumentiert John Holloway, es sei zwar falsch, die Unterschiede zwischen Marx und Engels überzubewerten, doch gereiche dies eher zum Nachteil des Ersteren als zum Vorteil von Engels. Laut Holloway «wird Wissenschaft in der Engelsschen Tradition, die als ‹Marxismus› bekannt wurde, als Ausschluss von Subjektivität verstanden».
Holloway ist ehrlich genug zu erkennen, dass die Ideen von Marx nicht leicht von denen von Engels getrennt werden können. Paul Thomas hingegen nimmt Marx von der Kritik an Engels völlig aus: «Engels’ postmarxistische Lehren verdanken dem Mann, den er seinen Mentor nannte, wenig oder gar nichts.» Thomas zufolge war Marx mit Engels’ Ansicht, dass «Menschen … in letzter Instanz physische Objekte sind, deren Bewegung denselben allgemeinen Gesetzen unterliegt, die die Bewegung aller Materie regeln», nicht einverstanden.
Holloway, Thomas, Levine und Lichtheim sind prominente Vertreter von dem, was John Green eine «neue Orthodoxie» nennt, die Engels vorwirft, er habe Marx’ Konzept der revolutionären Praxis zu einer Art mechanischen Materialismus und politischen Fatalismus umgedeutet, gegen die er und Marx sich in den 1840er Jahren aufgelehnt hatten.
Die Behauptung, Engels’ Anti-Dühring sei ein mechanisch materialistischer und politisch fatalistischer Text hat jedoch etwas Absurdes, beabsichtigte Engels’ Polemik gegen Dühring doch ausdrücklich, die revolutionäre Praxis gegen dessen moralisierenden Reformismus zu verteidigen – kein Geringerer als der marxistische Interventionist Lenin würdigte die Schrift als «Handbuch für jeden klassenbewussten Arbeiter». Dass der Anti-Dühring ein fundamentaler Bruch mit Marx’ Philosophie gewesen sein soll, beruht auf einer wenig überzeugenden Karikatur von Engels’ Ansichten. Und der damit zusammenhängende Versuch, die Wesenseinheit im Denken von Marx und Engels herunterzuspielen, kann einer kritischen Prüfung nicht standhalten.

Die Dialektik der Natur
Ähnliches wäre in bezug auf Engels’ viel geschmähtes Konzept einer Dialektik der Natur sagen. Seit der Veröffentlichung von Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) gehört die Ablehnung von Engels’ Versuch, die marxistische Theorie auf ein dialektisches Verständnis der Natur zu gründen, zu den bestimmenden Merkmalen eines westlichen Marxismus.
In Geschichte und Klassenbewusstsein meinte Lukács, Engels’ unglückliche Übertragung des Begriffs der Dialektik vom gesellschaftlichen Bereich auf den der Natur habe ihn dazu geführt, die «entscheidenden Bestimmungen der Dialektik: Wechselwirkung von Subjekt und Objekt» zu ignorieren. Später schrieb Lukács aber viel positiver darüber: «Selbstverständlich konnte die Dialektik als objektives Entwicklungsprinzip der Gesellschaft unmöglich wirksam werden, wenn sie nicht bereits als Entwicklungsprinzip der Natur vor der Gesellschaft wirksam, objektiv vorhanden gewesen wäre» (Chvostismus und Dialektik, 1926).
Der westliche Marxismus tendiert dazu, die Existenz einer Dialektik in der Natur zu verneinen. Das aber steht nicht nur im Widerspruch zu den allgemein positiven Kommentaren von Marx über Engels’ Arbeiten zu dem Thema, sondern zeigt auch einen starken Hang zu Formen des philosophischen Idealismus. Folglich befreit er den Marxismus nicht aus der doppelten Falle seiner entweder mechanisch materialistischen oder philosophisch idealistischen Deutung, sondern verstärkt die Tendenz, Marx idealistisch, Engels aber mechanisch materialistisch zu interpretieren.
Im Gegensatz dazu hat John Bellamy Foster dargelegt, wie Marx mit dem Konzept der sinnlichen Tätigkeit des Menschen die notwendige und dialektische Vermittlung zwischen Natur und Gesellschaft schafft. Nach Foster geht Marx von einer, wie er es nennt, «natürlichen Praxis» aus, welche die menschliche sinnliche Praxis als in der sinnlichen Welt selbst wurzelnd versteht. Unsere Wahrnehmung der Welt wurzelt in unseren natürlichen Sinnen, aber im Gegensatz zum Empirismus sind die Sinne, durch die die Natur sich selbst wahrnimmt, nicht nur passive Empfänger von Informationen aus der Außenwelt, sondern aktive und fortschreitende Prozesse, die sich durch die produktive Wechselwirkung des Menschen mit der Natur fortsetzen und vertiefen. Foster besteht darauf, dass das Konzept der «natürlichen Praxis» mit Engels’ Auffassung von Wirklichkeit vereinbar ist.
Darüber hinaus argumentiert er, dass diese Konzeption der Praxis mit den heutigen ökologischen Anliegen übereinstimmt. Engels’ Konzeption einer Dialektik der Natur nimmt die Sorge der modernen Ökologie um die Einheit des Menschen mit der Natur vorweg und öffnet dadurch den Raum, um ökologische Krisen im Zusammenhang mit dem entfremdeten Charakter kapitalistischer Gesellschaftsbeziehungen zu verstehen. Da Produktion in erster Linie ein Stoffwechsel mit der Natur ist, beinhalten entfremdete Produktionsverhältnisse auch ein entfremdetes Verhältnis zur Natur. Folglich erzeugen dieselben Kräfte, die die kapitalistischen Wirtschaftskrisen generieren, parallel dazu auch Umweltkrisen.
Das Verständnis von Marx und Engels von der Einheit von Mensch und Natur suggeriert daher eine revolutionäre Perspektive, die zugleich politisch, sozial und ökologisch ist: Die sozialistische Revolution würde nicht nur die gesellschaftlichen und politischen Beziehungen umwälzen, sondern notwendigerweise auch zu einer radikalen Veränderung im Verhältnis der Menschen zur Natur führen. Während Engels’ Kritiker dazu tendieren, Marx als bloßen Sozialtheoretiker vorzustellen, erhellen die philosophischen Schriften von Engels die starke ökologische Dimension seines und Marx’ Denkens und folglich die innere Verbindung zwischen ökologischen Anliegen und Antikapitalismus. Die Linke würde von einer ernsthaften Neubewertung seines Werkes enorm profitieren.
Natürlich gibt es auch zahlreiche Probleme mit Engels’ Beitrag zum Marxismus: In bezug auf Reformismus, Werttheorie, Nationalismus und auf die Aufgabe, eine geschlossene Theorie der Frauenunterdrückung zu formulieren, gibt es in seinem Denken große Lücken und richtige Fehler. Aber es wäre falsch, ja fahrlässig, wenn diese Schwächen unser Urteil über Engels’ Beitrag zum Marxismus trüben würden. Was Lenin einmal über Rosa Luxemburg sagte, könnte man auch über Engels sagen: «Adler mögen zuweilen niedriger fliegen als Hühner, aber Hühner können niemals die Höhe von Adlern erreichen.»
1.Mai 2020

Quelle: https://monthlyreview.org/ 2020/05/01/engels-vs-marx-two-­hundred-years-of-frederick-engels/ (von der Redaktion stark gekürzt).

*Paul Blackledge lehrt an der Northumbria University und an der Universität Shanxi. Dieser Artikel ist eine Adaption der Einleitung zu Blackledges jüngstem Buch Friedrich Engels and Modern Social and Political Theory (Albany, N.Y.: Suny Press, 2019).


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