Abschiedsbrief einer Betriebsrätin


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2021/01/abschiedsbrief-einer-betriebsraetin/
Veröffentlichung: 05. Januar 2021
Ressorts: Arbeitskämpfe, Arbeitswelt

Eine engagierte Bauhaus-Angestellte appelliert an ihre ehemaligen KollegInnen
dokumentiert

Mehr als zehn Jahre hat sie in einer Bauhausfiliale gearbeitet, die letzten drei davon als Betriebsrätin. Solche gibt es bei Bauhaus nur sehr wenige. Nach zahllosen Klagen und Schikanen entschied sie sich, aufzuhören und sich anderswo zu bewerben. Sie ist nicht gerne gegangen.

Sie will aber ihren ehemaligen KollegInnen Mut machen, weiter gegen unakzeptable Arbeitsbedingungen zu kämpfen und für einen Betriebsrat, der den Namen verdient. Hier ihr Abschiedsbrief.
Ich gehörte zur ersten Belegschaft, als das Haus eröffnete. Von meinen alten KollegInnen blieben nicht viele übrig. Denn: Die Geschäftsführung hatte mehr MitarbeiterInnen eingestellt, als wir brauchten. Diejenigen, die dem Geschäftsführer nicht in den Kram passten, wurden gekündigt. Einige fristlos, andere aus fadenscheinigen Gründen, manche wurden sogar zur Selbstkündigung genötigt.
Auch die Auszubildenden wurden verheizt. Die «Ausbildung» stand nicht an erster Stelle. Einige mussten tagelang Regale ein- und ausräumen oder Reinigungsarbeiten verrichten – Unterweisungen erhielten sie kaum. Sie sahen ihr Ausbildungsziel in Gefahr. Wer nicht mitspielte, wurde nicht übernommen. Andere kamen beim ersten Konflikt mit der Geschäftsführung schnell auf die Abschussliste.

Kampf um einen Betriebsrat
Trotz der Angst um den Arbeitsplatz regte sich Widerstand: Wir wollten diese Willkür der Geschäftsführung ändern und trafen uns mit dem erfahrenen Betriebsrat einer anderen Filiale. Unser Ziel: Selbst einen Betriebsrat gründen. Unsere KollegInnen aus der anderen Filiale und unser Anwalt warnten uns, das würde kein Spaziergang werden.
Auf der ersten, von uns angeleierten Betriebsversammlung haben wir einen Wahlvorstand gewählt. Aber die Geschäftsführung wollte alles im Keim ersticken und hat diese Wahl sofort angefochten. Sie haben behauptet, wir wollten dem Betrieb schaden und die Abstimmung sei nicht rechtens gewesen.
Wir zogen vor Gericht und prozessierten fast eineinhalb Jahre, um einen Wahlvorstand gründen zu dürfen. Der Prozess wurde in die Länge gezogen. In der Filiale streute man Gerüchte gegen einzelne von uns. Personen aus der Geschäftsführung wurden auf uns angesetzt. Ein Geschäftsleiter sagte mir, er werde mich und alle anderen Betriebsratskandidaten «vernichten». Ich entgegnete ihm, dass ich für unser Recht auf einen Betriebsrat bis vor das Bundesarbeitsgericht ziehen würde.
Als wir endlich Recht vorm Arbeitsgericht bekamen, organisierten wir eine Betriebsratswahl. Die Wahlbeteiligung war überwältigend: 100 Prozent. Die Zeit war also reif für einen Betriebsrat (BR). Von unserer Liste kamen zwei als ordentliche Mitglieder in den BR, eine war Nachrückerin.

Mobbing
Nach der Wahl ging es gleich weiter mit Angriffen durch die Geschäftsleitung. Die Dienstpläne wurden oft so erstellt, dass sie mit unseren BR-Sitzungen kaum vereinbar waren. Die Schichten waren so knapp geplant, dass wir den Zorn einiger KollegInnen auf uns zogen, wenn wir zur BR-Sitzung gingen. Sie mussten dann ja unsere Arbeit mitmachen.
Nach und nach entpuppten sich die meisten BR-Mitglieder als U-Boote der Geschäftsführung. Die Sitzungen zogen sich in die Länge, weil wir immer gegen die Betriebsratsmehrheit argumentieren mussten. Das heizte den Unmut weiter an. Alles, was für die Beschäftigten vorteilhaft war, lehnten diese Mitglieder ab. Anstatt bei schwierigen Konflikten die Einigungsstelle anzurufen, schonten sie lieber den Geldbeutel unseres Chefs.
Mehrere Auszubildende hatten sich an einzelne BR-Mitglieder gewandt. Aus Angst wollten sie ihre Probleme nicht bei einer BR-Sitzung vortragen. Also regten wir Berichte ohne Namensnennung an. Ich half dabei. Der BR war mit der anonymen Bearbeitung einverstanden und berichtete der Geschäftsleitung. Diese gab Fehler zu und gelobte Besserung. Doch nach einigen Wochen behaupteten die Azubis, ich hätte alles frei erfunden. Die Geschäftsführung, so stellte sich heraus, hatte den Azubis versprochen, sie nach der Ausbildung zu übernehmen.

Kündigungen
Die Folge: Man legte mir einen Aufhebungsvertrag vor, forderte die Niederlegung des BR-Mandats. Das tat ich nicht und informierte meine KollegInnen in einem Aushang über diesen Vorfall – dieser wurde mehrmals umgehend wieder vom schwarzen Brett entfernt. Die Geschäftsleitung beschwerte sich schriftlich: ich verbreite Lügen und solle das künftig unterlassen. Kurz vor Weihnachten bekam ich dann die erste fristlose Kündigung wegen «Störung des Betriebsfriedens».
Es wurde das Gerücht gestreut, ich hätte Hausverbot. Trotzdem suchte ich weiterhin die Filiale auf. Niemand warf mich raus und ich erfuhr mehr über die Sorgen und Nöte meiner KollegInnen als der eigentliche Betriebsrat. Sie beschwerten sich bei mir über Abmahnungen, Dienstpläne, Überstunden und angebliche «Eigenkündigungen» von MitarbeiterInnen.
Der Bundesgerichtshof in Erfurt gab mir Recht, Bauhaus musste mich wieder einstellen. Dafür rächte sich die Geschäftsleitung an mir, indem sie mich an die Kasse strafversetzte, obwohl ich das laut Arbeitsvertrag nur gelegentlich tun sollte. Fast immer musste ich an einer Kasse sitzen, obwohl stundenlang so gut wie keine Kunden kamen. Andere MitarbeiterInnen wurden von mir ferngehalten, ich saß immer an einer Kasse in Randlage und durfte mich nicht weg bewegen.
Gegen diesen Zustand habe ich geklagt. Ich wollte einfach wissen, ob das rechtens ist, was die Geschäftsleitung da mit mir macht. Auch andere KollegInnen wurden an die Kasse «strafversetzt», wenn sie in Ungnade gefallen waren.
Die Betriebsratsarbeit lief schleppend. Zu notwendigen Seminaren schickte man mich nur widerwillig – auch weil diese von der Gewerkschaft organisiert waren. Übernachtungen wurden mir verweigert. Die Mehrheit im BR vertrat die Interessen der Geschäftsführung, wir kamen dagegen kaum an. Unsere Betriebsvereinbarungen gingen nie über die gesetzlichen Mindestregelungen hinaus. Trotzdem habe ich weiterhin versucht, die Probleme der MitarbeiterInnen zur Sprache zu bringen. Das brachte mir dann meine letzte Kündigung ein.
Auch wenn ich mich entschieden habe, nicht mehr ins Unternehmen zurückzukehren, bin ich dennoch überzeugt: Es hat sich gelohnt, diesen Kampf aufzunehmen. Mit Betriebsratsarbeit machst du dir bei vielen Geschäftsleitungen sicher keine Freunde, aber du kannst MitarbeiterInnen zum Zusammenhalt bewegen. Das ist uns ansatzweise gelungen. Nur waren wir leider zu wenige.
Die permanenten Drohungen der Geschäftsleitung mit Jobverlust oder Zwangsversetzung haben viele MitarbeiterInnen in Angst versetzt. Ich kann jeden verstehen, der Angst hat. Aber die kann nur dann wirklich greifen, wenn man alleine steht, keinen Rückhalt in der Belegschaft hat. Hätten mehr von uns an einem Strang gezogen und für ihre Rechte gekämpft, wären wir sicher erfolgreicher gewesen und hätten mehr bewegen können.

Dies ist die gekürzte Fassung eines ­Beitrags von work-watch.de.