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Schule und Corona

Wo bleibt der Schutz?
von Katja Siebert-Lüer*

Menschenrecht auf Bildung und Gesundheitsschutz für alle in Schule und Kita darf sich nicht ausschließen. Das ist ein Grundsatz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Unverständlich bleibt, wieso die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) nicht vollständig auch in den engen und vollen Klassenräumen der Schulen gelten. Überall sonst, auf dem Schulhof, auf den Fluren der Schule und in gemischten Gruppen sowie im Alltag müssen die Regeln eingehalten werden, Menschen mit vielen Kontakten sind zusätzlich mit Plexiglasscheiben und mobilen Luftreinigern geschützt. Nur nicht die Lehrkräfte und ihre Schüler­Innen. Auch dann nicht, wenn die Infektionszahlen immer weiter steigen.
Seit einigen Wochen ist bekannt, dass auch Kinder und Jugendliche viermal ansteckender sind als im März, zu Beginn der Pandemie. Kritisch dabei: Bei vielen Kindern und Jugendlichen verläuft die COVID-19-Ansteckung symptomfrei, sodass sie unbemerkt andere anstecken und das Virus in ihre Familien tragen. Diese Erkenntnis verunsichert die gesamte Schulgemeinde und man ist in großer Sorge.
Auch liegt inzwischen die Inzidenz in Hessen über 50. Das Robert-Koch-Institut (RKI) fordert ab diesem Wert nicht nur eine Maskenpflicht im Unterricht, sondern auch ein Abstandsgebot von 1,5 Metern und eine Teilung der Klassen oder Wechselunterricht. Aufgrund dessen erarbeiteten einige Schulen in Absprache mit dem Schulträger, dem Gesundheitsamt und dem Schulamt Pläne dafür, die jedoch von den Kultusministerien geblockt wurden. Wo bleiben da der Gesundheitsschutz und die Fürsorgepflicht des Dienstherrn?

Die Petition
Wer sich die Homepage der GEW Hessen und GEW Nordhessen anschaut, wird merken, wie wichtig dieser Gewerkschaft das Menschenrecht Bildung für alle ist und seit wie vielen Jahren sie für kleinere Klassen, Doppelsteckungen u.ä. plädiert, um SchülerInnen bestmöglich Bildung zu vermitteln. Hätten wir diese Kleingruppen bereits, wären genügend Räume und Personal vorhanden und es wäre auch zur Corona-Zeit ein täglicher Unterrichtsbesuch möglich.
Es bleibt unverantwortlich, dass Kitas und Schulen während eines inzwischen teilweise Lockdowns offen gehalten werden, ohne Einführung eines Abstandsgebots, ohne Teilung der Lerngruppen, ohne Luftreiniger, ohne Reduzierung der Kontakte – während im privaten Bereich wie auch im Alltag Kontaktbeschränkungen gelten und zunehmend verschärft werden.
Um Schulen nicht zu neuen Hotspots werden zu lassen, hat die GEW Hessen eine Petition gestartet.** Darin fordert sie die Regierung auf, endlich verantwortungsvoll zu handeln und Schulen während einer Pandemie so zu unterstützen, dass das Menschenrecht auf Bildung und der Gesundheitsschutz gewahrt sind. Dazu gehören die Anpassung des Lernstoffs an die besondere Situation; eine digitale Anbindung aller, ein pädagogisch sinnvolles Medienkonzept sowie die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte und SchülerInnen; die Unterstützung aller in schwierigen, häuslichen Arbeitsbedingungen Benachteiligter sowie eine Betreuungsmöglichkeit seitens der Landesregierung bei Inkrafttreten eines Wechselmodells oder Distanzlernunterrichts, sodass die Eltern planen können und entlastet sind. Auch sollten Luftreinigungsgeräte für alle Schulen angeschafft werden, wie es in den Ministerien längst selbstverständlich ist, um sich in geschlossenen Räumen vor einer Aerosol-Konzentration zu schützen. Ebenso gilt es, auch bei Lehrkräften das Arbeitszeitgesetz im Blick zu behalten, sodass eine Doppelbelastung bei Präsenz- und gleichzeitigen Distanzlernunterricht nicht zur Regel, sondern möglichst gering gehalten wird.
SchülerInnen aus dem Raum Kassel sind aktiv, haben Angst vor einer Ansteckung und fühlen sich nicht sicher in schlecht belüfteten Räumen und mit zig Haushalten in engen Klassenräumen; sie starteten die Kampagne www.unverantwortlich.org.
Elternverbände fordern, dass die Empfehlungen des RKI für Schulen eingehalten werden – bislang blieb auch dies ungehört.
Unverständlich bleiben außerdem die nicht einheitlichen Quarantäne-Anordnungen seitens der Gesundheitsämter: Klassen, in denen es einen positiven COVID-19-Fall gibt, bleiben zu Hause oder nur teilweise, während die dort unterrichteten Lehrkräfte weiterhin in der Schule eingesetzt sind oder nur vereinzelt in Quarantäne geschickt werden. Das verunsichert, und der täglich vernachlässigte Gesundheitsschutz gefährdet alle bislang getroffenen Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen.
Die Verantwortlichen sollten endlich mit den ExpertInnen (Gewerkschaften, Verbände, Lehrkräfte, Schü­lerInnen, Eltern, ÄrztInnen und VirologInnen), die täglich in Schule und Kita arbeiten und somit die Lage, die Arbeits- und die Gesundheitsbedingungen vor Ort kennen, zusammenarbeiten und deren Expertise in ihre Maßnahmen einbeziehen.

*Die Autorin ist Grund-, Haupt- und Realschullehrerin, GEW-Vertrauensperson an der Integrierten Gesamtschule Wilhelm-Leuschner, Niestetal, sowie GEW-Fraktionsmitglied im Gesamtpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer (GPRLL) Kassel.

**www.openpetition.de/petition/online/hessen-braucht-ein-konzept-fuer-den-unterricht-unter-pandemiebedingungen.


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