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Eine Schule für alle

Wer hat den Impfstoff gegen Corona entwickelt?
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Einst waren «Gastarbeiterkinder» nicht willkommen, heute sind sie die Helden deutscher Erfolgsgeschichten wie des Impfstoffs gegen Corona.

«Wir sind sehr stolz darauf, dass der erste Impfstoff gegen das Coronavirus in Deutschland entwickelt wurde», jubelten im November 2020 viele Politiker und natürlich die Medien, als bekannt wurde, dass es in Rekordzeit gelungen war, ein hochwirksames Anti-Corona-Serum zu entwickeln. Die Betonung lag dabei auf «Deutschland», aber entwickelt hat es das Forscherpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci in ihrer Firma Biontech in Mainz.
Beide sind türkischstämmig, aufgewachsen in Deutschland. Ugur Sahin ist vierjährig mit seiner Familie aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er ist in Köln zur Schule gegangen. Sein Vater arbeitete bei Ford am Band. In einem Kölner Gymnasium hat er 1984 sein Abitur als Jahrgangsbester abgelegt und war der erste türkisch-stämmige Absolvent an dieser Schule.
Ein solcher Abschluss war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, denn die türkischen SchülerInnen waren in unserem Schulsystem nicht willkommen und hatten kaum eine Chance auf einen qualifizierten Schulabschluss. Das aber wird im Rahmen dieser «Erfolgsstory» nicht erwähnt, denn es würde auf unser Schulsystem ein schlechtes Licht werfen, was den Umgang mit den «Gastarbeiterkindern» betrifft. Aber genau das soll hier um der Wahrheit willen näher beleuchtet werden.
Nach meinem Referendariat wurde ich 1979 als Angestellte mit 18 Stunden eingestellt, eingesetzt an einer katholischen Grundschule in Köln-Ehrenfeld, ein Vorort mit hohem Migrantenanteil, in einer rein türkischen Klasse. Ich war nicht katholisch, aber es ging ja um Unterricht für türkische Kinder. Sie wurden ebenso wie die türkische Parallelklasse abgesondert von den deutschen Kindern unterrichtet, ganz oben im Schulgebäude am Ende eines Flurs. Es gab kein Lernmaterial, was auf ihre Situation ausgerichtet war. So wurde ich zur besten Kundin in den Copy-Shops. Wirklich hilfreich waren da die zahlreichen Fortbildungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und der damit verbundene Erfahrungsaustausch.
Eine Durchlässigkeit zwischen den türkischen und deutschen Klassen gab es nicht. Die Kinder bekamen auch Unterricht in ihrer Muttersprache durch türkische LehrerInnen. Aber sie blieben volle vier Jahre unter sich und wechselten dann an eine Hauptschule. Als ich meine ehemaligen SchülerInnen dort besuchen wollte, musste ich entsetzt feststellen, dass sie wieder in einer reinen Nationalklasse untergebracht waren.
Die Eltern kannten aus der Türkei ein additives Schulsystem, d.h. nach jeder Abschlussstufe kann die nächsthöhere Schulstufe gewählt werden.
In unserem Schulsystem trennen sich die Wege nach der 4.Klasse. Die Wahl der Schulform entscheidet also sehr früh über den weiteren Bildungsweg und ein Wechsel zwischen den Schularten ist nicht vorgesehen, es sei denn, es ist ein Wechsel nach unten, also von Realschule oder Gymnasium zur Hauptschule, das geht immer. Eine Realschullehrerin hat das mal sehr klar ausgedrückt: «Den haben wir gleich nach unten weitergereicht.»
Ich war eine der ersten, die türkische Kinder nach der 4.Klasse als geeignet für Realschule oder Gymnasium empfahl. Obwohl es wirklich fleißige SchülerInnen mit guten Deutschkenntnissen waren, hat es niemand bis zum Abitur geschafft. Sie bekamen keinerlei Unterstützung seitens der Schule, und ihre Eltern waren verständlicherweise nicht in der Lage, ihnen zu helfen. Die einzige Ausnahme bildete später die Gesamtschule.
Vier Jahre habe ich in rein türkischen Klassen jeweils im 3./4.Jahrgang unterrichtet, aber ein so erfolgreicher Schüler wie Ugur Sahin ist mir leider auch in späteren Jahren nie begegnet. Die soziale Kluft ist im wesentlichen bis heute die gleiche geblieben.
Deshalb ist nach wie vor die Forderung «Eine Schule für alle» die einzig richtige Antwort.


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