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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Film: Komm und sieh (Idi i smotri)

UdSSR 1985, Regie: Elem Klimow, 146 min., erschienen bei ­Bildstörung, 20 Euro
von Gaston Kirsche

Der sowjetische Historiker Ales Adamowitsch hat jahrelang kreuz und quer durch Belarus Zeugenaussagen aufgezeichnet von Überlebenden des deutschen Vernichtungsfeldzugs.

Seine Dokumentation «Ich komme aus dem Feuerdorf» las der Regisseur Elem Klimow. So entstand die Idee zu Komm und sieh. Der Filmtitel geht auf ein Bibelzitat zurück. Da der Film nicht «Tötet Hitler» heißen durfte, bat Klimow seinen Bruder, einen Titel aus der Bibel herauszusuchen – aus der Apokalypse.
Klimow legt dies so lakonisch wie präzise in dem Interview dar, das auf der Bonus-DVD bzw. auf Bluray zu Komm und sieh enthalten ist. Unter dem knapp 200 Minuten Zusatzmaterial sind auch drei Zeugnisse, in denen Überlebende aus überfallenen Dörfern vor der Kamera unsicher, mit stockender Stimme, aber gefasst berichten, was ihnen durch die Deutschen, ob Wehrmacht, Polizeireserve oder SS, widerfahren ist. An den Kurzdokus von Wiktar Daschuk war Ales Adamowitsch beteiligt, sie tragen den Obertitel «Aus dem Feuerdorf».
Eine große lebenslange Trauer spricht aus diesen Zeugnissen, Traumatisierungen, die der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion bewirkt hat. Die Ukraine und Weißrussland, das heutige Belarus, waren die beiden Sowjetrepubliken, in denen die Deutschen am schlimmsten gewütet haben. Ein Viertel der Bevölkerung wurde dort ermordet. Erst Mitte der 80er Jahre, als Komm und sieh in die sowjetischen Kinos kam, hatte Weißrussland wieder die Bevölkerungszahl von vor dem deutschen Überfall erreicht. Die Zeugnisse «Aus dem Feuerdorf» sind eine mögliche Vorbereitung auf Komm und sieh.
Elem Klimow hat den Vernichtungskrieg der Deutschen selbst als Kind in Stalingrad erlebt, wo er aufgewachsen ist. Als er acht war, kam die Wehrmacht. Seine Mutter floh mit ihm nachts über die Wolga. Die Fähre wurde beschossen, seine Mutter schützte ihn mit ihrem Körper. Auf der ganzen Uferlänge brannte die Stadt nieder unter deutschem Beschuss. Es sah aus, als ob selbst der Fluss brannte, weil getroffene Treibstofftanks in den Fluss ausliefen. Als er zehn war, kapitulierten die deutschen Armeen in Stalingrad – der Beginn der Befreiung Europas von der deutschen Besatzung. Elem Klimow spielte mit seinen Freunden zwischen den Trümmern, überall lagen Munition und Waffen. Seine Eltern mussten arbeiten, die Kinder spielten alleine. Im Interview zeigt er Narben am Hals von Unfällen beim Spielen.
Der Drehbuchcoautor Ales Adamowitsch war ein paar Jahre älter – er erlebte mit, wie die Wehrmacht Weißrussland überfiel und schloss sich den Partisanen an. Er war genau so alt wie der Protagonist in Komm und sieh, hat die Ermordung ganzer Dorfbevölkerungen mitbekommen. Klimow und Adamowitsch haben die Traumata ihrer Kindheit in diesem Film ausgeprochen.
Komm und sieh ist ein Film, in dem es keine sicheren Orte gibt. Selbst im Wald sind sie nicht vor den Deutschen sicher. Das Partisanenlager wurde entdeckt, Flugzeuge dröhnen dumpf am Himmel, Sprengbomben fallen auf das Waldstück, Bäume werden zerrissen, Fallschirmspringer schweben vom Himmel. Flüchten. Nur, wohin? Plötzlich MG-Salven, Kugeln pfeifen von irgendwo. Sie verstecken sich in einem Bombentrichter. Dann sind die Deutschen weg, für den Moment.
Fljora macht sich zusammen mit Glascha auf den Weg zurück in sein Dorf. Dort ist es still. Fljora geht unbeirrt in das kleine Haus seiner Familie. Niemand da. Nur überall Fliegen. Es ist noch Suppe da, die hat meine Mama gekocht, Glascha. Die Puppen seiner kleinen Schwestern liegen vor deren Bett verstreut auf dem Boden. Auf ihnen sitzen Fliegen wie auf Toten. Glascha will weg. Fljora stürmt los, er wisse jetzt wo seine Familie sei. Beim Wegrennen sieht Glascha einen Leichenberg hinter einem der Holzhäuser. Die ermordete Dorfbevölkerung. Die Wehrmacht war schon da. Fljora läuft weiter. Ins Moor, wo sie einsinken. Bloß weg von den Deutschen. Verzweifelt, rastlos kämpfen sich Glascha und Fljora durch das Moor. Er will den Tod seiner Familie nicht wahrhaben.
Solche starken, allegorischen Bilder sind in Komm und sieh verflochten mit ebenso naturalistischen wie erschütternden Bildern des deutschen Vernichtungskrieges gegen die slawische Bevölkerung. Die Natur leidet mit. Es gibt kein Entkommen. Nur zurückschlagen, sich wehren.
Die Texttafel, die im Abspann gezeigt wird, stand schon 1985 in der Sowjetunion, 1987 schon in der BRD bei den damaligen Kinovorführungen am Schluss: «628 weißrussische Dörfer wurden mit allen Bewohnern niedergebrannt». Das war kein Zufall, sondern die Umsetzung des «Generalplans Ost» Nazideutschlands zur Germanisierung Mittel- und Osteuropas: Die Bevölkerung sollte vernichtet, ausgehungert oder vertrieben werden, um Platz für deutsche Siedlerfamilien zu schaffen. Wäre die Bundeswehr eine antifaschistische Armee, dann würde Komm und sieh in die Grundausbildung gehören, zur Kritik des Vernichtungskrieges im Osten. Die jetzt neu erschienene, sorgfältig restaurierte Fassung plus Bonusmaterial böte sich dafür an.


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