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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Volkseigentum

An den Rand notiert
von Rolf Euler

«Ich denke, Sozialismus ist der einzig mögliche Ausgang aus der Geschichte. Weil, wenn die Probleme mittlerweile Volkseigentum geworden sind, also ausnahmslos alle betreffen, müssen auch die Mittel zur Lösung der Probleme Volkseigentum werden. Wobei ich unter Sozialismus keine Ideologie verstehe, sondern einfach das Gegenteil von Egoismus.»

Das sagte der Liedermacher und Braunkohlekumpel Gerhard Gundermann aus Hoyerswerda in einem Interview Mitte der 90er Jahre (aus: Hans-Dieter Schütt: Tankstelle für Verlierer, Berlin 2018). Der nach seinen Erfahrungen aus der SED ausgeschlossene Sänger und Bandleader, nach der Wende stillgelegte Baggerfahrer wurde auch «im Westen» durch einen eindringlichen Film bekannt. Diese «einfache» Gewissheit über einen vielfach gebrochenen und verwahrlosten, vergrabenen und wieder hervorgeholten Begriff «Sozialismus» mag aus der Zeit gefallen sein. Aber sie enthält einen Kern, den zu verfolgen sich lohnt, auch wenn nicht in Staatsformen, Parteiprogrammen oder Ideologien eingepfercht gedacht wird.
«Das Gegenteil von Egoismus» verschiebt den Blick auf das, was praktisch alle selber in Angriff nehmen könnten, allerdings ohne zu vergessen, dass Egoismus die von Wirtschaft und Gesellschaft positiv sanktionierte Verhaltensweise ist. «Der Mensch, der ökonomisch denkt und handelt» ist seit dem Aufkommen des Kapitalismus der Maßstab für Markt, Beruf, Akkumulation. Aber nur anders denken, oder sich persönlich ändern, kann nicht der gesellschaftliche Ausweg sein. Hier benutzt Gundermann den Begriff des «Volkseigentums», der ja in und nach der Wende zum Gegenstand der Treuhandanstalt und der Abwicklung auf allen Ebenen wurde. Daniela Dahn hat zu den 30 Jahren seither das Buch Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute beigetragen.
Sie hat noch mehr Erfahrungen in der Nachwendezeit erlebt als Gerhard Gundermann, der 1998 starb. Aber schon in seinem Interview sind erhellende Sätze zum Konflikt zwischen Braunkohle, Arbeitsplätzen, Umwelt und Ressourcenverschwendung enthalten. «Ich weiß, dass Braunkohleförderung eine erd- und menschenschädigende Arbeit ist, zugunsten eines aktuellen menschlichen Nutzens … Weil dieser Konflikt unsere einzige Chance ist zu begreifen, daß wir nur das verbrauchen sollten, was wieder nachwächst, und davon auch nur so viel, dass es wieder nachwächst … Seit den 50er Jahren sind (nach Hoyerswerda) über 60000 Leute hergekommen, um Energiearbeiter zu werden. Eine Stadt voller Leute, die heute nicht mehr gebraucht werden. Dabei hängt ihr Herz nicht so sehr an der Kohle, denke ich, die würden auch aus Solarzellen die Energie holen … Lediglich Aufbau ist nicht angesagt. Nur Abriss, Marktbereinigung … Die einen rackern sich tot. Die anderen langweilen sich tot. Das ist idiotisch. Das ist krank.»
Und nochmal zum Volkseigentum: «Volkseigentum hat nachgewiesenermaßen landesweit nicht funktioniert, aber auf nachbarschaftlicher oder kommunaler Ebene funktionierte es doch immer wieder hervorragend. Wenn einer eine Bohrmaschine hatte, hatten alle eine. So war das. Es war vernünftig. Und ich finde, so kann es wieder werden.»
Dieses Beispiel mag als Diskussionsbeitrag zur Nacherfindung (denn vieles war schon erfunden) der zu fördernden Zukunft nicht nur der SoZ dienen. Im übrigen empfehlen sich vor allem auch die Liedertexte des Gerhard «Gundi» Gundermann.


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