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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2021 |

«Wir müssen unsere Solidarität mit den jungen Leuten zeigen»

Auch Christinnen und Christen sind aktiv im Widerstand gegen den
Abriss der Dörfer im Rheinischen Revier

Gespräch mit Negen Jansen

Seit Jahrhunderten sind die Kirchen in den ländlichen Gebieten eine wichtige Institution. Dorfbewohner werden dort getauft, heiraten und beerdigen ihre Angehörigen auf dem kirchlichen Friedhof. In den Braunkohleregionen werden die Kirchen – viele stehen unter Denkmalschutz – zusammen mit den Dörfern zerstört.

Seit mehr als zwei Jahren gibt es nun im Rheinland die Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“. Mit Gottesdiensten, Andachten und Öffentlichkeitsarbeit stellt die Initiative ihren Widerstand gegen die Entwidmung und Zerstörung der Kirchen in einen politischen Kontext und unterstützt auch Aktionen des zivilen Ungehorsams.

Angela Klein sprach mit Negen Jansen von der Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“. Sie ist seit langem in unterschiedlichen linken Zusammenhängen unterwegs.

Nachtrag der Redaktion:

Das Interview wurde vor dem 28.Januar 2021 geführt. An dem Tag entschied der Bischof von Aachen, dass die Kirche von Keyenberg nicht am 21.März entwidmet werden darf, Negen Jansen nimmt darauf im Interview Bezug. Damit hat die Initiative einen mutmachenden Teilerfolg errungen. Allerdings ist die Entscheidung in der Hauptsache noch nicht gefallen, die Frage ist immer noch offen, ob der Bischof gegenüber RWE auch seine Zusage zurückzieht, die Kirche innerhalb der Frist bis Oktober dieses Jahres zu entwidmen.

Die Entweihung von Kirchen ist eine Voraussetzung dafür, dass die Dörfer, in denen sie stehen, abgebaggert werden können. So war es beim Immerather Dom und so ist es jetzt bei der Kirche in Keyenberg. Die Kirche im Dorf lassen ist eine der lokalen Initiativen, die sich aktiv gegen den Abriss weiterer Dörfer im rheinischen Braunkohlerevier stellt. Wie ist die Initiative zu Eurer Gründung entstanden?

Die Initiative ist tatsächlich lokal entstanden, nach dem Abriss des Immerather Doms, aus Menschen aus den bedrohten Dörfern und dem Umland – heute sind wir sehr viel breiter aufgestellt. Dieser Abriss war wirklich traumatisch für viele, und die haben dann gesagt, das darf niemals wieder passieren. Das war noch wenig strukturiert, erst wurde eine Unterschriftenaktion gestartet, ganz traditionell mit Papier und Bleistift, damit waren sie z.B. auf dem Kirchentag und haben eine große Zahl von Unterschriften zusammengetragen, die haben sie versucht, an die entsprechenden Bischöfe weiterzuleiten mit der Forderung, die Kirchen nicht zu verkaufen.

Denn der Verkauf der Kirchen ist der erste Schritt. Und das ging an die Bischöfe in Köln und Aachen, denn die Aktion bezog sich nicht nur auf Dörfer um Garzweiler, sondern auch um Hambach, Morschenich etc. Die Bischöfe haben das nicht angenommen und die Kirchen wurden im Herbst 2019 verkauft.

An wen?

An RWE. RWE ist längst ihr Besitzer seit Ende September, Anfang Oktober. Da wurde auch die Keyenberger Kirche an RWE verkauft. Die Kirchengemeinde Erkelenz hat noch Nutzungsrechte, vertraglich festgemacht jedoch ist, dass die Entwidmung spätestens zum Herbst ’21 geschieht, dann geht auch die Nutzung vollständig an RWE über. Deswegen war die Ankündigung einer Entwidmung schon zum 21.3. so schockierend und kam für alle überraschend, weil es durchaus Zusagen aus dem Generalvikariat gab, das möglichst spät zu machen. Außerdem hatte der Bischof verkündet, er wolle die Entwicklung nochmals überdenken.

Wie stehen die verschiedenen Ebenen der Kirche im Rheinland zu RWE und ihren Kohleplänen?

Das kann man so allgemein nicht beantworten, da bin ich auch nicht die Richtige, um qualifizierte Auskunft zu geben. Es ist klar, dass auch die Kirche sehr zerrissen ist. Es gibt die Laienorganisationen, den Diözesanrat, den Katholikenrat Düren, die sich deutlich für den Erhalt der Dörfer ausgesprochen haben, sehr klar und explizit. Ich glaube der Katholikenrat war es, der sogar gefordert hat, die Kirchen zurückzukaufen. Es gibt auch gemeinsame ökumenische Initiativen, offene Briefe an die Landesregierung, wo der Diözesanrat gemeinsam mit den protestantischen Superintendenten der Region nach einem Moratorium ruft. Es gibt auch innerhalb des Generalvikariats Stimmen die sagen, wir müssen uns klarer positionieren, beispielsweise zu „Laudato si“ von Papst Franziskus.

Aber natürlich gibt es eine lange Tradition der Zusammenarbeit, denn dieser Verkauf von Kirchen zieht sich seit Jahrzehnten hin, das ist ja nicht die erste Kirche, die gefallen ist. Die Dorfkirchen haben lange Jahre über den lokalen Raum hinaus praktisch keine Aufmerksamkeit erregt. Das ist grundsätzlich anders geworden, dadurch dass der Zusammenhang zwischen dem Braunkohleabbau und dem Klimawandel so deutlich geworden ist. Das war vor 20, 30 Jahren noch ganz anders. Das hat innerhalb der Kirche die Argumentation stark gemacht zu sagen: die Grundlage hat sich geändert, wir wissen jetzt, wie klimaschädlich das ist und das geht weit über betroffene Gemeindemitglieder hinaus.

Prinzipiell ist es nicht im Gemeinwohl, dass die Dörfer abgebaggert werden. Da müsste die Kirche mal Position beziehen und könnte auch argumentieren: Unsere früheren Verträge, die haben wir auf einer anderen Grundlage gemacht. Diese Möglichkeit hat das Bistum, und wir haben immer noch die Hoffnung, dass der Bischof das auch tut. Das jetzt bekannt gewordene Entwidmungsdatum geht auf einen Antrag des Ortspfarrers zurück, deswegen gab es lange keine Stellungnahme des Bistums. Am 28.1. trifft sich der Priesterrat, der muss den Antrag gutheißen, am Ende entscheidet der Bischof darüber. D.h. der Zug ist noch nicht abgefahren.

Wie erklärst du dir, dass Pfarrer einer Entweihung ihrer Kirche zustimmen? Zum Teil auch ohne Not…

Das ist psychologisch ganz verständlich. Dieser Pfarrer ist ja keine 20. Der hat Dutzende abgebaggerter Dörfer erlebt in seinem Leben. In dieser Region war das lange Zeit vollkommen normal, so schrecklich es auch für die Betroffenen war. Wenn aber das Urteil kam, die müssen jetzt hier raus, die Kirche wird abgebaggert, unsere Häuser werden abgebaggert, dann ist das so, dann wollen die Menschen dieses Kapitel ihres Lebens hinter sich lassen, weil jeder Gedanke daran schmerzt. Auch wenn sie freiwillig gegangen sind, auch wenn sie sagen, ja, es musste sein, tut es noch immer weh. Es gibt ja schon Neu-Keyenberg mit einer Kapelle, der Pfarrer konzentriert sich auf den neuen Ort. Das ist psychologisch völlig nachvollziehbar.

Nichtsdestotrotz ist es falsch, denn wir haben in unserer ersten Petition des Jahres 2020 gefordert, dass weiter Gottesdienste in Keyenberg stattfinden. Pastoral sind auch die Menschen, die noch in Keyenberg sind, Mitglieder der Gemeinde und haben ein Anrecht darauf, dass ihre Kirche für sie offen ist.

Welche Initiativen wollt ihr jetzt starten, um den Entscheidungsprozess in der Kirche zu beeinflussen?

Auf diesen Entscheidungsprozess werden wir wahrscheinlich so direkt keinen Einfluss haben. Das wäre eher Aufgabe des Diözesanrates und anderer Laienorganisationen, die direkt an die institutionelle Kirche angedockt ist. Was wir überwiegend tun, ist Öffentlichkeitsarbeit und im Moment natürlich die Betreuung der Menschen vor Ort. Wir haben am Sonntag, dem 24.1., einen Gottesdienst angesetzt, in dem es im wesentlichen darum geht, zu klagen, zu trauern, auch anzuklagen. Also wir haben ganz großen Raum gelassen für eigene Wortmeldungen, um diesen Doppelschock der Zerstörung von Lützerath und der Entwidmung der Kirche von Keyenberg zu verarbeiten. Der Abriss von Häusern in Lützerath war ja auch grade in der dritten Januarwoche und die Bilder waren furchtbar und gehen den Menschen an die Nieren.

Ich kann das von mir selber sagen. Ich war drei Tage vor Ort, und wenn man abends die Augen zumacht, dann laufen die Bagger. Das zu verarbeiten und gleichzeitig gemeinsam Klage und Anklage zu führen, und zwar in einem theologischen Kontext, und Gerechtigkeit zu fordern – das ist der Sinn dieser Gottesdienste, die wir abhalten. Die werden oft dargestellt als reine Agitationsveranstaltungen, was sie überhaupt nicht sind, sondern sie dienen in erster Linie unserer Selbstvergewisserung: Stehen wir alle noch dabei? Macht sich jetzt Hoffnungslosigkeit breit? Wir wollen Angebote machen, wie man das gemeinsam überwinden kann, das ist die Hauptaufgabe.

Daneben überlegen wir im Moment natürlich, vermehrt Gottesdienste in Keyenberg zu machen, immer wieder, um ganz körperlich drauf hinzuweisen, diese Kirche ist bedroht, diese Kirche wird nicht mehr so „bedient“, die ist zu. Wir versuchen, Ersatz zu schaffen, so weit das unter Corona geht…

Wenn es tatsächlich zu einer Entwidmung am 21.März kommt, werden wir auf jeden Fall dort präsent sein. Wir überlegen, in der Nacht vor dem Abriss eine liturgische Nachtwache dort zu veranstalten, wie wir das für den Immerather Dom schon mal gemacht haben. Daneben werden wir versuchen, durch Öffentlichkeitsarbeit immer mehr Menschen aufmerksam zu machen auf das Problem, das übernehmen aber auch ganz stark Alle Dörfer bleiben und andere…

Ihr habt in Bezug auf Lützerath solche gemeinsamen Aktionen ja schon gemacht und seid da auch ein bisschen in eine linksradikale Ecke gesteckt worden, oder?

Das wird immer wieder versucht, vor allem von seiten der Polizei. Die Presse ist eigentlich relativ positiv uns gegenüber. Der linksradikale Vorwurf kommt von der Polizei und auch natürlich von einzelnen von außen. Dazu muss ich sagen, wir sind eine extrem breit aufgestellte Initiative. Bei uns gibt es durch und durch bürgerliche Menschen ebenso wie Menschen, die sich als linksradikal bezeichnen, und alles was dazwischen ist. Das funktioniert erstaunlich gut, es widerspricht allen Erfahrungen meines langen politischen Lebens, aber es funktioniert, weil wir eben andere Formen gewählt haben, weil wir nicht ausdiskutieren, sondern weil wir versuchen, Konsense zu finden, die wir in diesen Gottesdiensten gemeinsam ausdrücken.

Dabei gibt es ganz deutlich eine Entwicklung. Als wir unseren ersten Gottesdienst gefeiert haben, da war die Predigt und die Form noch ganz anders, als sie jetzt sind. Ich nenne als Beispiel den Gottesdienst von Montag (dem 18.1.). Der fand unter extremen Bedingungen statt, weil im Hintergrund ständig der Bagger dabei war, Wohnhäuser zu zerstören. Die Predigt nahm unter anderem Bezug auf das Bibelwort von den zwei Herren, denen man nicht dienen kann, Gott und dem Mammon, und gerade just zu diesem Zeitpunkt griff dieser Bagger nach dem Dach eines Wohnhauses und es kamen, anwesend waren die Menschen die üblicherweise zu unserem Gottesdienst kommen, das sind natürlich meist ältere Menschen die kirchlich-christlich sozialisiert sind, denen diese Sprache, Formen vertraut sind.

Aber genauso die Aktivisten, für die oder für die meisten von denen ist das komplettes Neuland, das kennen sie gar nicht, die sind aber die ganzen Monate über durchaus interessiert. Sie haben auch immer wieder mal teilgenommen, wir hatten gemeinsame Diskussionen, die melden sich auch zu Wort innerhalb der Gottesdienste, das ist dann ne andere Sprache und Form, wird aber gleichmäßig aufgenommen und von allen akzeptiert. Davon waren ebenfalls zahlreiche anwesend und es kam dann mitten in der Predigt an der Stelle mit dem Mammon der Zwischenruf „anticapitalista“ und die gesamte Gemeinde rief dann ’ne Minute lang „anticapitalista“ und ich kam mir vor wie in einem Gottesdienst in den Süden der USA und dachte, die machen das auch so. Das wäre vor Monaten noch befremdlich gewesen. D.h. diese Gemeinde, die da zusammengewachsen ist, entwickelt sich unter dem Druck von RWE relativ schnell weiter. Denn wir bestimmen ja gar nichts, wir sind unglaublich reaktiv, nicht weil wir das so gerne wären, sondern RWE uns immer, immer wieder unser Handeln diktiert: mit dem Abriss der Landstrasse, der Fällung der Bäume an der Landstrasse, mit der Fällung der Bäume in Lützerath, jetzt mit dem Abriss in Lützerath und es hat sich gezeigt, dass die Art und Weise, wie wir darauf reagieren, sich in ihren Formen ändert.

Wir haben prinzipell gesagt: Wir stehen Seite an Seite mit den Aktivisten der Klimabewegung, auch mit ihren Form des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, das steht im Gründungspapier. Aber es hat sich dann gezeigt, dass wir durchaus selber auch insoweit zivilen Ungehorsam üben, dass wir darauf bestehen, unsere Gottesdienste dort zu feiern, wo die Zerstörung sichtbar ist, d.h auf der L 277 und auch auf der Strasse, wenn die Bäume gefällt werden. So wie damals im September vor der von Ende Gelände besetzten Gastwirtschaft in Keyenberg, wo es zu diesem spektakulären Gottesdienst kam: Ein Teil der Gemeinde stand hinter der Polizeikette und der andere draußen, wir wurden nicht zueinander gelassen. Hostien wurden über die Polizeikette gereicht, das sind für viele unglaublich verstörende Bilder, aber natürlich ist das ein sehr, sehr starkes Bild, das vor allen Dingen in alle Richtungen wirkt, in die kirchlichen Kreise hinein aber natürlich genauso, und das ist mir persönlich wichtig, in die Kreise der Aktivisten rein, die am Anfang gedacht haben, mit diesem Kirchenzeug wollen sie gar nichts zu tun haben, uns ausgesprochen misstrauisch beäugt haben, uns inzwischen aber respektieren und sagen, das sind andere Formen, aber da gibt es keine Distanz.

Ich hab gerade ein wunderschönes Bild gesehen von dem Montagsgottesdienst, der durch die Polizei so rüde gestört worden ist. Das ist eine wunderschöne Aufnahme, da steht das Kreuz mit Mikro, und wo der Gottesdienst eigentlich gehalten wird, da steht eine Doppelreihe Polizei, da stehen drei alte Frauen, die sich an den Händen halten, Gottesdienstbesucher und dahinter stehen die Aktivisten mit ihrem Transparent. Schöner kann man das gar nicht ausdrücken. Diesen Zusammenhalt und diese Solidarität machen wir immer wieder deutlich, das ist nicht nur Gequatsche, das ist ’ne wirkliche Solidarität, und das beweisen wir ab und zu mal mit Aktionen. Auch wir sind schon in Gewahrsam gegangen als kleine Gruppe, die in der Nacht vor den Fällungen auf die L 277 gegangen sind. Ab und zu ist das nicht zu verhindern, wir legen es nicht darauf an, denn wir sind alles ältere Leute, die das in der heftiger Form auch gar nicht mehr könnten, aber wir müssen unsere Solidarität mit den junge Leuten zeigen.

Wieviele Leute kommen zu so einem Gottesdienst?

Das ist ganz unterschiedlich. Unter Corona und im Winter ist es deutlich weniger als im Sommer. Dann kommt es drauf an, wie lange wir ihn vorher ankündigen. Den Gottesdienst am Montag haben wir am Samstag nachmittag angekündigt, weil wir da erfahren haben, dass sie Montag anfangen. Montag mittag ist ein Termin, der für Berufstägige gar nicht geht, da waren wir zwischen 30 und 40 Menschen. Aktivisten waren auch dabei, bei denen man immer nicht so genau weiß, stehen sie nur da und gucken über den Zaun, oder sind sie dabei. Das sind so die Zaungäste.

Der Gottesdienst, den wir im Oktober in Immerath gehalten haben, wo wir erstmalig auf dem Grund des zerstörten Domes ein Kreuz aufgerichtet haben, da waren wir hundert Menschen, ich war ganz erstaunt, weil da schon Corona war, zum ersten Mal haben wir Rückverfolgungslisten aufgelegt, daher weiß ich die Zahl. Zu unserem allerersten Gottesdienst im Mai in Keyenberg kamen 150 Menschen, da waren wir noch ganz neu, uns kannte niemand. Es ist ganz unterschiedlich, 30, 35 Menschen kommen praktisch immer. Zu besonderen Gottesdiensten wie in Immerath kommen dann mehr.

Das muss man verstehen: In der Region ist die Zerstörung des Immerather Doms immer noch ein Trauma. Deswegen haben wir den Gottesdienst dort gemacht, um dieses Trauma ein bisschen zu heilen und auch nochmal den Ort zu markieren – um mal in Aktivistensprache zu verfallen. Das ist für uns immer noch ein heiliger Ort, hier stand der Dom, und das machen wir mit diesem Zeichen sichtbar. Die Kreuze werden übrigens von RWE regelmäßig in kürzester Zeit wieder abgeräumt. Wir sind am 4.Kreuz. Anfang Januar haben wir anlässlich des dritten Jahrestags der Zerstörung da nochmal Gottesdienst gefeiert.

Das ist RWE offenkundig ein Dorn im Auge.

Das kann man sehen, wenn das Kreuz mal ein paar Tage steht, wie über Weihnachten, da werden sofort Kerzen hingebracht. Natürlich das ist ein Ort der Erinnerung, vor allen Dingen da sie auch noch den Friedhof zerstört haben, der liegt außerhalb dessen, was schon Werksgelände ist, trotzdem haben sie den alten Baumbestand auf dem Friedhof gerodet. Jetzt ist da eine Baustelle, das ist ganz furchtbar. Obwohl vom Friedhof offiziell schon alles umgebettet war, haben sie beim Baggern noch Leichenteile gefunden, ganz ganz furchtbar, für Menschen, die wissen, da liegt mein Großvater – irgendwann hab ich mal gedacht, da werd ich auch mal liegen –, ist das einfach nur entsetzlich. Lange Zeit war der Friedhof der Ort der Erinnerung, weil der noch so war wie früher, die Gräber waren zwar umgebettet, der Rest aber noch zu erkennen. Das ist im Zuge der Fällungen in Lützerath auch zerstört worden, genauso wie die Verbindungsallee von Lützerath nach Immerath, ein Kilometer, wo rechts und links Bäume standen, alles weg, jetzt ist es nur noch Mondlandschaft.

Habt ihr den Eindruck, dass ihr durch euer Engagement Bevölkerungsteile in dem Widerstand einbinden konntet, die vorher zurückhaltend waren oder auch gar nicht mitmachen wollten?

Auf jeden Fall. Ob wir wirklich überzeugt haben, oder ob es so ist, dass Menschen, die dem Tagebau kritisch gegenüberstanden, aber bislang keine Möglichkeit sahen sich zu artikulieren, lass‘ ich mal dahin gestellt. Es war von Anfang an unser Anliegen zu sagen: Für viele, gerade ältere Leute gibt es wenig Möglichkeiten sich auszudrücken und in Gemeinschaft zu gehen – vor allen Dingen nicht mit so einem christlichen Aspekt. Das wollten wir anbieten, und das war super erfolgreich. Viele Menschen kommen und sagen, ich hab immer überlegt, wie kann ich denn da mitmachen. So ne Frau von 65 sagt: Ich kann doch schlechterdings nicht bei Ende Gelände mitlaufen…

Der große Zulauf der Waldspaziergänge von Michael Zobel ist ja etwas ähnliches, das ist ein niederschwelliges Angebot, da kann man auch mit dem Rollator noch irgendwie mit, da ist ja auch ein überwiegend älteres Publikum, das sich mit radikaleren Formen schon aus körperlichen Gründen schwer tut. Das hat sich absolut bewährt, mehr aber noch zu sagen: Das ist ein christliches Angebot. Viele, die zu uns kommen, sind seit Jahren in der Klimabewegung aktiv aus einer christlichen Grundorientierung heraus, waren dort aber immer unsichtbar. Das gilt auch für mich und FreundInnen von mir, wir sind seit Jahren unterwegs, sogar seit Jahren mit dem Papstspruch auf dem Transparent: „Diese Wirtschaft tötet“. Aber die jungen Menschen wissen nicht, dass es ein Papstspruch ist und die älteren gucken komisch.

Aber letztlich war das als christlicher Widerstand nicht erkennbar. Wir haben lange theoretisch diskutiert und meinten, das müsste eigentlich sein, um den anderen Mut zu machen, sich zu beteiligen. Denn dieser christliche Widerstand ist nicht neu, den gibt es lange, nur ist er ganz weitgehend unsichtbar. Und jetzt hat er sozusagen einen Kanal, eine Form, wie er sichtbar sein kann, und das macht natürlich Mut, das macht auch stolz zu sagen: Ja, wir machen auch was, das macht sehr, sehr viele glücklich.

https://www.kirchen-im-dorf-lassen.de/


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