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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2021 |

Amazon in Alabama

Erstmals Wahlen zur Anerkennung einer Gewerkschaft
von Violetta Bock

Vom 8.Februar bis 29.März stimmen 6000 Arbeiter:innen im Versandzentrum in Bessemer (Alabama) über die Gewerkschaftsanerkennung ab. In den USA ist die Mehrheit bei solch einer Wahl dafür nötig, damit es eine offizielle Interessensvertretung gibt.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in Alabama die erste Wahl zur Gewerkschaftsanerkennung stattfinden würde – für Amazon muss dies einem drohenden Sündenfall gleich kommen. Amazon, das Unternehmen mit dem reichsten Mann an der Spitze, ist dafür bekannt, gewerkschaftliche Aktivitäten nicht zu dulden und durch Befristungspolitik, Druck und Überwachung eine Organisierung zu erschweren. Ende letzten Jahres waren Berichte über Bespitzelungen und das Anheuern von Geheimdienstkräften zur Überwachung von Gewerkschaftern, Aktivistengruppen, aber auch Händlern aufgetaucht. Anfangs schien es nahezu unmöglich, doch immer öfter fordern Arbeiter:innen bei Amazon höhere Löhne, mehr Gesundheitsschutz, bessere Verträge, Klimaschutz und ein Ende von Diskriminierung.
Minneapolis, Seattle, New York. Doch ausgerechnet in Alabama besteht das erste Mal die reale Chance die formale Anerkennung zu erreichen. Der Bundesstaat im Südosten der USA, ein Right-to-work-Staat, ist bekannt dafür, dass Gewerkschaften es schwer haben, einen Fuß in die Tür zu kriegen, Gewerkschaftsrechte sind eingeschränkt, der Organisationsgrad niedrig. Birmingham in Alabama war einst eine Hochburg der Arbeiter- und Bürgerrechtsbewegung. Viele sehen die Wahl daher als historisch, ein Erfolg könnte der Funken für mehr sein.
Amazon ist inzwischen der zweitgrößte Arbeitgeber in den USA, hier arbeiten die meisten der 1,1 Millionen Beschäftigen weltweit. Allein im dritten Quartal wurden laut Manager-Magazin 250000 Menschen bei Amazon USA neu eingestellt, mehr als 20000 Corona-Fälle sind hier aufgetreten.
Das Verteilzentrum in Bessemer wurde im März 2020 eröffnet. 5800 vor allem schwarze Menschen aus der Region wurden eingestellt. Die Gewerkschaft vor Ort ist die Einzel- und Großhandelsgewerkschaft RWDSU (Retail, Wholesale and Department Store Union), wenn sie eine Mehrheit erhält, muss Amazon sie offiziell als Vertretung akzeptieren, und es besteht die Chance auf mehr Rechte und einen besseren Kündigungsschutz. Die Schichten dauern zehn Stunden mit zwei 30-Minuten-Pausen, problematisch sind vor allem die Arbeitsbedingungen, die langen Wege, fehlende Toilettenpausen. Die Gewerkschaftsanerkennung ist daher ebenso ein Kampf um Würde.
Dem Unternehmen gefällt das gar nicht. Es hat versucht, die Wahl möglichst hinauszuzögern und natürlich eine Gegenkampagne gestartet mit Flugblättern, «Informationsveranstaltungen», täglichen SMS an Beschäftigte und Kleingruppengesprächen (trotz Pandemie). Die örtlichen Behörden wurden sogar überzeugt, die Rotphasen der Ampeln zu verkürzen – eine der Gelegenheiten, bei der Organizer Flugblätter verteilen können. Zuletzt wurde aus der Trickkiste der Gewerkschaftsbekämpfung die Zahlung eines Kündigungsbonus gezogen. Wer jetzt geht, erhält abhängig von der Beschäftigungsdauer 2000–5000 US-Dollar. Diese Zahlung ist Teil eines landesweiten und regelmäßigen Programms von Amazon im ersten Quartal eines Jahres. Da das Werk in Bessemer noch kein Jahr alt ist, fällt es das erste Mal darunter. Problematisch für die Wahl könnte das dennoch werden, denn wer raus ist, dessen Stimme zählt nicht. Bisher scheint es allerdings eher der Gewerkschaft mehr Schwung zu geben. Wenn Amazon das bezahlen kann – warum nicht immer.


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