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Anthropozän

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Selbst wenn Paul Crutzen, der vor kurzem verstorbene niederländische Wissenschaftler, nur wegen der Erforschung des Ozonlochs und der Ursachen durch FCKW bekannt geworden wäre, wäre dieser «Rand» nötig, daran zu erinnern.

Hier war ein Nobelpreis wegen Entdeckungen aus dem Bereich der Chemie endlich einmal gerechtfertigt, wenn er auch nicht gerade in der Tradition des Preises steht – man denke nur an den Preisträger Fritz Haber, den deutschen Chemiker, der im Ersten Weltkrieg das Kampfgas erfand, das unter seiner Aufsicht eingesetzt wurde.
Crutzens Entdeckung (zusammen mit den beiden anderen Chemikern Molina und Rowland) führte nämlich dazu, dass FCKW in Kältemaschinen und Spraydosen 1989 verboten wurde. Die Ozonschicht hält schädliche UV-Strahlung der Sonne ab. Crutzen und seine Kollegen haben damals eine (der wenigen) erfolgreichen «Klimageschichten» geschrieben.
Paul Crutzen war aber auch einer derjenigen Forscher, die den Atomkrieg «modellierten» und die Folgen eines weltweiten Einsatzes von Atomwaffen als «nuklearen Winter» beschrieben. Diese Forschung ist bislang noch ohne erfolgreichen Ausgang und droht weiter, wahr zu werden.
Seinen Umweltforschungen haben Paul Crutzen aber weit über fachliche Grenzen hinausgeführt. Er wurde bekannt für die «Erfindung» oder wahrscheinlich erstmalige Benutzung des Wortes «Anthropozän». Bisher wurde die Erdgeschichte immer in Epochen von übergreifenden Formationen der Erdentwicklung eingeteilt, die unter anderem an der Gesteinsformation erkennbar sind, an Sedimenten und Fossilienfunden.
Crutzen (und viele andere) sahen einen Umbruch dieser Formationsgeschichte spätestens seit dem Beginn der industriellen Revolution und der Ausdehnung der menschlich gesteuerten Naturumwandlung. Eine ganze Generation von WissenschaftlerInnen begreift seitdem die materiellen Folgen der menschlichen, kapitalistisch gesteuerten Tätigkeit als die Hauptursache der Oberflächendeformierung der Erde.
Dabei wird versucht, die großen Veränderungen in der Landwirtschaft, Waldvernichtung, Küstenumwandlung, Eisschmelze, aber auch Bergbau, Überfischung, Insektenschwund, Klimafolgen, Umweltverschmutzung durch Licht, Kunststoffe, fossile Verbrennung auf einen Begriff zu bringen. Wer die Megastädte mit Millionen Einwohnern, ihrem Energie- und Baustoffverbrauch sieht, dazu die Kunststoffstrudel im Pazifik, die Kriege um Öl und Rohstoffe mag verstehen, warum sich hier eine andere Bezeichnung als bloß «Erdneuzeit» (Holozän) aufdrängt. Die Einführung dieses neuen Begriffs kann dazu führen, über die Ursachen der jetzigen Erdentwicklung anders nachzudenken.
Ein eindringliches Beispiel für das nötige «Denken» lieferte die Videokonferenz von medico international Mitte Februar. Sie stand unter dem Motto «Die (Re-)Konstruktion der Welt». Die Redner:innen be­tonten die Notwendigkeit, nach der Pandemie nicht zurück zum Zustand davor, sondern zur Neuaufstellung aller Vorhaben zu kommen, die eine dauerhafte Existenz «für alle und alles» («for everyone and everything») ermöglichen, so Achille Mbembe aus Südafrika. Die Kritik an den von der kapitalistischen Globalisierung geschaffenen Zuständen in Gesellschaften und Natur verband sich mit der Forderung nach solidarischer Transformation und einer Ethik der «gemeinsamen Welt». Wenn man den Begriff vom «Anthropozän» ernst nimmt, dann gerade in Hinsicht der Umgestaltung, der «Konstruktion» neuer Zustände.


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