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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2021 |

Ernest Mandel und der ‚Zusammenbruch des Kapitalismus‘

Einige Anmerkungen zu George Kerevans Beitrag

von Klaus Dräger

George Kerevan erinnert an den großen marxistischen Denker Ernest Mandel, der 1995 starb. Ich stimme mit fast allem überein, was Kerevan über Mandels Leben und Werk geschrieben hat. Er charakterisiert ihn als einen „aufklärerischen vielseitigen Intellektuellen“, der Marx‘ Analyse wiederbelebte und modernisierte, und der eine „bessere Erfolgsbilanz bei ökonomischen Vorhersagen hatte als die meisten Ökonomen“ seiner Zeit. Sehr gut, und wahr.


Meiner persönlichen Ansicht nach ist Mandels „Spätkapitalismus“ eines seiner herausragendsten Werke. Was es uns in den späten 1990er Jahren noch sagen konnte, hat Alan Freeman sehr gut beschrieben.
Übrigens stimme ich auch mit Freemans Urteil über den Ansatz des späten Mandel bezüglich des Zusammenbruchs der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Satelliten überein. Der späte Mandel prophezeite eine anti-bürokratische sozialistische Umgestaltung und unterschätzte völlig die Kräfte, die eine kapitalistische Restauration schließlich durchsetzten.


‚Zusammenbruch des Kapitalismus‘?
Der wichtige Punkt für mich ist jedoch, was Kerevan über Marx (und implizit Mandel) als ‚Propheten des kapitalistischen Zusammenbruchs‘ schreibt. Laut Kerevan: „Im Zentrum des ursprünglichen theoretischen Rahmens von Marx liegt der Begriff des ‚Zusammenbruchs‘ – des endgültigen Zusammenbruchs der kapitalistischen Reproduktion durch Akkumulation (obwohl betont werden muss, dass Marx seine detaillierte Analyse dieser Tendenzen nie abgeschlossen hat). Zusammenbruch nicht im Sinne eines einzelnen kataklysmischen Tages, sondern eher der kumulative Verfall und das letztendliche Nichtfunktionieren des Systems, verursacht durch seine inneren Widersprüche.“
Dass Marx den kapitalistischen Zusammenbruch vorhersagte („Zusammenbruchs-Theorie“), ist seit Jahrhunderten die Interpretation der meisten (neoklassischen) Ökonomen seines monumentalen Kapitals. Aber diese Interpretation wurde von vielen marxschen Ökonomen und Intellektuellen ganz unterschiedlicher Richtungen und ‚Schulen‘ abgelehnt (und meiner Meinung nach mit guten Argumenten in Bezug auf das, was Marx & Engels geschrieben haben, falsifiziert). Um es in diesem Punkt kurz zu machen: Ich stimme insbesondere mit der Interpretation von David Harvey überein, dass Marx‘ Kapital Band I zeigen sollte, dass die (abstrakten) Bewegungsgesetze des Kapitalismus zu einer sozialen Dystopie führen würden – im Gegensatz zu dem, was z.B. Adam Smith erwartet hatte. Aber nicht zu einer Art ‚Zusammenbruch‘, der irgendwann von selbst eintritt.


Ich erinnere mich an Diskussionen mit Mandel, an denen ich auf Seminaren der Vierten Internationale in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu diesem Thema teilnahm. Ernest sagte uns, dass er dieselbe Ansicht wie Lenin vertrete: dass der Kapitalismus trotz aller ihm innewohnenden strukturellen Krisen immer irgendeinen „Ausweg“ finden könne, um weiter zu bestehen. Wenn das System nicht durch die Selbstorganisation der breiten arbeitenden Bevölkerung herausgefordert würde, die einen Bruch herbeiführt und die kapitalistische Produktionsweise überwindet, um eine sozialistische Wirtschaft und Gesellschaft zu errichten, könne der Kapitalismus mit dieser oder jener „Mutation“ überleben (am wahrscheinlichsten mit „Barbarei“, wie Rosa Luxemburg es ausdrückte). Meiner Meinung nach hat die Geschichte (man erinnere sich an den Ersten und Zweiten Weltkrieg, den ‚Fordismus‘, den Neoliberalismus, die Globalisierung und die Finanzialisierung) dies bislang bestätigt.


Kerevan selbst erinnert uns am Ende seines Beitrages an all dies: „Der Neoliberalismus hat versucht, den Wettbewerb der Ideen in die Enge zu treiben, indem er im wesentlichen behauptet, dass keine andere Weltordnung möglich ist als die liberale Demokratie, das Privateigentum an der Produktion, der absolut freie Handel mit Waren und Dienstleistungen und die Freizügigkeit von Kapital und Arbeit. Das Ergebnis ist tatsächlich ein Nullwachstum der Produktivität trotz neuer Technologie; die Schaffung einer Scheinnachfrage, während die südliche Hemisphäre hungert und die nördliche Hemisphäre an Fettleibigkeit stirbt; überall die Verlängerung der Arbeitswoche trotz der Erfindung von Robotern und künstlicher Intelligenz, die den Menschen von der Arbeit befreien könnten; und der Aufstieg von autoritärem Populismus und Überwachungskapitalismus.“ Es gibt m.E. derzeit keine Perspektive eines automatischen Zusammenbruchs des Kapitalismus (was auch immer Autoren wie Paul Mason und andere über den „Post-Kapitalismus“ schreiben).


Politik, Staat, Revolution?
Kerevan konzentriert sich sehr stark auf Mandel als Ökonomen und seine Leistungen in dieser Hinsicht (zu Recht). Aber weniger auf seine Schriften über sozialistische Strategie und dergleichen (die ebenso wichtig sind, um Mandels allgemeinen Ansatz zu verstehen). LeserInnen, die an diesen Aspekten interessiert sind, könnten diese Texte von Mandel aus den 1980er Jahren interessieren: Über die „revolutionäre Strategie im Westen“ und über ‚Historischer Materialismus und der kapitalistische Staat‘
Was auch immer zeitgenössische Linke heute dazu meinen mögen, dies gehört meines Erachtens auch zu einer Beurteilung von Mandels Denken als vielseitiger aufklärerischer Intellektueller.


Brenner & der Kapitalismus der globalen Turbulenz
Was Kerevan über den „renommierten amerikanischen marxistischen Historiker Robert Brenner“ schreibt, ist meines Erachtens recht einseitig. Er verkennt die Komplexität von Brenners Analyse, wie sie z.B. in seiner Arbeit über ‚The Economics of Global Turbulence‘ (2006) gemacht wird.
Kerevan wirft Brenner vor, „die Marx’sche Theorie der fallenden Profitrate“ aufgegeben zu haben. Dies ist nur zur Hälfte richtig. Brenner lehnt die Vorstellung ab, dass es ein „Gesetz“ der fallenden Profitrate gibt. Marx und Engels prägten diesen Begriff, sicher. Das lag möglicherweise an ihrer Bewunderung für den Aufschwung der ‚Naturwissenschaften‘ zu ihrer Zeit mit Darwin usw.. Um dem ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘ Glaubwürdigkeit zu verschaffen, musste also alles in diese Sprache der Entdeckung von ‚Gesetzen‘ gefasst werden. Alle Ökonomen und die aufkommenden Sozialwissenschaften dieser Zeit taten dies – nicht nur Marx & Engels.
Wie dem auch sei: Zahlreiche Intellektuelle, die Marx‘ Schriften über den tendenziellen Fall der Profitrate studierten, fanden heraus, dass bereits Marx über Gegentendenzen zu diesem ‚Gesetz‘ schrieb. So entstand später eine Diskussion unter Marxianern darüber, ob es ein „Gesetz“ oder vielmehr eine „Tendenz der fallenden Profitrate“ gibt – eine Diskussion, die bis heute anhält.
Eine anschauliche Reflexion von Michel Husson zu dieser Debatte über die Profitrate findet sich hier.
Dies ist ein hochspezialisierter Punkt unter den Marxschen Theoretikern (und auch anderen Strängen der heterodoxen Ökonomie, z.B. der Regulationsschule). Jedoch – was sollte aus einer solchen Analyse in Bezug auf Strategie und Politik folgen? Selbst diejenigen, die sich mehr oder weniger auf dieselben theoretischen Ansätze und Theorien zur Profitrate einig sind unterscheiden sich ziemlich stark darin, ‚was zu tun ist‘. Mein Punkt ist: Es gibt keine direkte Verbindung zwischen der Bildung eines gemeinsamen theoretischen Rahmens, der die Entwicklung des Kapitalismus analysiert, hin zur Entwicklung und Verständigung über eine sozialistische (oder „progressive“) Strategie und Taktik für gesellschaftliche Veränderungen.
Ähnliches lässt sich übrigens auch über das „Gesetz“ der ungleichmäßigen und kombinierten Entwicklung sagen (das mit Trotzkis Analyse des Weltkapitalismus zu seiner Zeit verbunden war und bis heute von Vertretern des ‚Politischen Marxismus‘ sehr prominent diskutiert wird).
Um noch einmal auf Brenner zurückzukommen: Anders als Mandel beschränkte er sich als Historiker wesentlich auf die Analyse der kapitalistischen Entwicklung. Über mögliche sozialistische oder andere Alternativen etc. hat er kaum geschrieben.
In diesem Punkt teilt Brenner jedoch (meiner Meinung nach) viel mit Mandels früherer Analyse. Lohnunterdrückung, globale Überkapazitäten in der Produktion, Überakkumulation von Kapital, die „wichtige zusätzliche Rolle, die der Wettbewerb zwischen der Triade aus den USA, dem Gemeinsamen Markt (später EU) und Japan spielt“ (Kerevan) – das ist der Kern von Brenners Analyse. Und vieles mehr (z.B. die Rolle des Wechselkursregimes zwischen der Triade, Plaza-Accord, Reverse Plaza Accord, und auch vieles andere mehr).
LeserInnen könnten also auch an Brenner interessiert sein, um sich eine eigene Meinung dazu zu bilden. In seinem Prolog zur spanischen Ausgabe (in englischer Sprache als kostenloser pdf-Download verfügbar) finden sich seine wichtigsten Ausführungen zum „Kapitalismus der globalen Turbulenz“, siehe hier.
Und in Bezug auf die „Rettungsaktion“ der USA wegen der wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie, insbesondere seitens der US-Zentralbank, siehe hier.
Einige (z.B. David Harvey) warfen Brenner vor, ein Verfechter des „No-Bullshit-Marxismus“ zu sein – sei es drum. Meiner Ansicht nach können Linke eine Menge von Brenners Analysen lernen. Sein „No-Bullshit-Marxismus“ bietet vielleicht mehr Einsichten, die für heutige jüngere Leser verständlich sind, als, sagen wir, die Bücher und Essays von Althusser, Foucault und anderen in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren.


Die Theorie der Langen Wellen und ihre Grenzen
Kerevan setzt sich auch mit Mandels Theorie der Langen Wellen auseinander. Er hinterfragt sie vor allem in Bezug auf die Ökonomie: „Wer weiß, ob nicht ein widerstandsfähiger Kapitalismus bis weit ins 21. Jahrhundert hinein auf einer Flut grüner Investitionen (dem nächsten Investitionsaufschwung?) überleben kann, unterstützt von einer durch die prekäre Gig-Economy und die Internetüberwachung neu disziplinierten Arbeiterschaft? In diesem Fall – abgesehen von einem Deus ex machina von außerhalb des Systems – scheint der revolutionäre Umsturz des Kapitalismus eine schwache Aussicht zu sein.“ Mag sein, aber wir wissen nicht viel über die gesellschaftliche Zukunft. Vor der Hacke ist es düster (alte Bergmannsweisheit).

Auf jeden Fall – und ich denke, da könnte Kerevan zustimmen: die aktuellen Konzepte der ‚Progressiven‘ oder gar der ‚radikalen Linken‘ in Europa laufen in dieser Hinsicht mehrheitlich auf ‚Transformations‘-Vorschläge zur Rettung des ‚Kapitalismus vor sich selbst‘ hinaus. „Grüner New Deal“, „Rot-Rot-Grüner New Deal“- was auch immer. Aber nicht viel über einen tiefgreifenden „Systemwechsel“. In diesem Punkt hat Kerevan meiner Meinung nach Recht: Die derzeitige „radikale Linke“, die Grünen und die Sozialdemokratie versagen politisch darin, eine kohärentere gesellschaftliche Vision für die Zukunft und Strategien zu deren Umsetzung anzubieten.
Mandel hat sich allerdings nicht davor gescheut. Seine Forschung über ‚Lange Wellen‘ war nicht nur ökonomisch motiviert (wie z.B. die Konzentration auf die Kondratiev-Zyklen), sondern auch auf das ‚breitere gesellschaftspolitische Feld‘ – also wie Klassenkampf, soziale Bewegungen, kultureller und anderer gesellschaftlicher Wandel sich darauf auswirkten und interagierten. Insofern war Mandels Forschungsprogramm über die langen Wellen sehr innovativ. Bedauerlicherweise konnte er diese Forschung nicht weiterführen.
Andere haben es versucht, wie z.B. Francisco Louçã. Seine Studien lieferten weitere Erkenntnisse zu einer Reihe von Fragen der ‚Langen Wellen‘. Aber aus meiner Sicht griffen sie meist auf die aus früheren Zeiten stammende ökonomische Modellierung der „Langen Wellen“ zurück – jetzt eher mit dem Fokus auf technologischem Wandel. Diesbezüglich kann ich der kritischen Haltung von Kerevan durchaus zustimmen.


Mandel und ‚Öko-Sozialismus‘
Ökologie scheint ein Thema zu sein, das in Kerevans Würdigung des Werkes von Mandel eher nicht betrachtet wird. In den 1950er und frühen 1960er Jahren war Mandel durchaus für die „zivile Nutzung der Kernenergie“. Aber in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren änderte er seine Meinung dazu. Er freundete sich mit Barry Commoner an, einem Theoretiker und Aktivisten der ‚radikalen Energiepolitik‘ in den USA, und Sozialist. Von da an versuchte Mandel auch seine Freunde in der Vierten Internationale von einer öko-sozialistischen Perspektive zu überzeugen (z.B. basierend auf einer Solarstrategie, Windenergie, etc.). Aber zu dieser Zeit waren seine Bemühungen diesbezüglich nicht von großem Erfolg gekrönt.
Zwar engagierten sich die Sektionen der IV. Internationale sehr aktiv in der aufkommenden Anti-AKW-Bewegung, auch in der feministischen Bewegung usw.. Starke Strömungen innerhalb der IV. Internationale pochten auf eine „Wende zur Industrie“, und diese wurde offiziell so beschlossen. Man müsse sich in den ‚Blaumann‘-Bereichen verankern (z.B. Branchen wie Stahl, Auto, Chemie etc.) – denn diese seien der Kern für die erwartete revolutionäre Entwicklung.
Schon zu dieser Zeit war diese Industrie von Massenentlassungen geprägt. Die Chance, Verbindungen zwischen den defensiven Aktionen der Arbeiter gegen den massiven Stellenabbau in den „Blue-Collar“-Industriesektoren, der aufkommenden deregulierten „Dienstleistungswirtschaft“ und den „alternativen Bewegungen“ (z.B. gegen die Atomenergie usw.) zu schmieden, gelang eher nicht. Die Marxianer der 1970er/1980er Jahre hatten aufgrund der noch weit verbreiteten Blue Collar Nostalgie in ihren Reihen große Schwierigkeiten, eine Alternative entlang ökosozialistischer Linien zu theoretisieren und zu konzipieren. Diese kamen sehr rudimentär erst später auf – das fällt uns heute auf die Füße. Diese „sozialistische Lücke“ füllten damals die Grünen.
Wie dem auch sei: hier etwas von Mandel über Ökologie und die Dialektik des Wachstums 1973.
Es ist interessant, dass Autoren wie z.B. J.B. Foster von Monthly Review (in der theoretischen Tradition von Baran & Sweezys „Monopolkapitalismus“, den Mandel zu seiner Zeit sehr kritisierte) die Fackel des Ökosozialismus aufgenommen haben. Als vielleicht erhellendes Beispiel sei hier z.B. die jüngste Analyse über den Zusammenhang zwischen Pandemien, Klimawandel, Umweltzerstörung, Verlust der Artenvielfalt etc. genannt und allgemeiner zu ‚Marx & Natur‘.
Ich vermute, dass Kerevan auch einer solchen Analyse zustimmen könnte.
Allerdings ist die Frage ‚Was tun?‘ (Lenin) in unserer Zeit sehr offen und bleibt von vielen im marxistischen Spektrum unbeantwortet. Auch die gegenwärtige „radikale Linke“ in Europa und anderswo hat m.E. keine genuine Konzeption des „Ökosozialismus“, die über Slogans hinaus geht. Vielleicht abgesehen von einigen Denkern an ihren Rändern. Bislang sehe ich auch nicht ein großes Interesse in diesem Feld, dies auf Übergangsschritte im Sinne eines ‚Systemwechsels‘ konkreter „herunterzubrechen“. Der Hauptdiskurs dieser Linken dreht sich um einen ‚Green New Deal‘ – also einen ’neuen Kompromiss‘ mit dem Kapital über einen ‚besseren Kapitalismus für das 21. Jahrhundert‘.
‚Mandel vertrat die Überzeugung, dass sich die Menschen irgendwann gegen ein so irrationales System (wie den ‚Kapitalismus‘, K.D.) auflehnen würden‘, so Kerevan. Das gilt sicherlich für Mandel und ganze Generationen von AktivistInnen, die sich in den Fußstapfen von 1968 bis Mitte der 1980er Jahre aufgemacht hatten. Heutzutage mag es ermutigend sein, die Slogans von z.B. Fridays for Future zu hören: „Burn Capitalism, not Coal“. Aber von solchen Slogans zu einem angemessenen Aufbau von breiten gesellschaftlichen Allianzen und Aktionen entlang eines solchen Denkens zu kommen, ist sehr kompliziert – insbesondere unter pandemisch begründeten ‚Ausnahme‘-Zuständen‘. Solche sind immer die Stunde der Exekutiven. Also – schauen wir mal – und engagieren uns.


Das heutige China
In der Einführung von Defend Democracy Press zu Kerevans Artikel heißt es: „Wir bezweifeln sehr, dass Mandel das moderne China als ein kapitalistisches Land charakterisieren würde, wenn er noch leben würde.“
Ok, aber Mandel ist tot. Wir wissen nicht, was er heute über China sagen würde. Wir wissen auch nicht, was Marx, Engels, Liebknecht oder Luxemburg und andere über die Sowjetunion und den „real existierenden Sozialismus“ in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg gesagt oder geschrieben hätten. Solche Spekulationen sind müßig.
Denn es ist Sache der ‚Epigonen‘, ihre Analysen, Einsichten, Hypothesen usw. dazu zu liefern. Und dann ist es m.E. so: Für diese Texte, Einschätzungen, Theorien etc. sind halt die entsprechenden AutorInnen verantwortlich. Nicht die Toten, auf die sie sich ja oft ‚berufen‘.
Was China betrifft, stimme ich mit Kerevan überein, dass dies ein kapitalistisches Land ist. Vielleicht am besten beschrieben als eine Form von staatsmonopolistischen Kapitalismus der besonderen Art. Geleitet und strukturiert von einer nominell kommunistischen Partei, die das Sagen hat. Ok, das ist eklektisch und vielleicht nur beschreibend.
Wenn der Begriff „Sozialismus“ jedoch irgendeine Bedeutung haben sollte: dann umfasst er Freiheit (Liberty), (Massen)-Demokratie, (sozialistische) Rechtsstaatlichkeit und insbesondere Arbeitnehmerrechte, Feminismus, Antidiskriminierung aller Art usw. Bei den Arbeiterrechten und den meisten anderen von mir genannten Themen – wo ist da der „Fortschritt“ in China?
Einige könnten argumentieren: China durchläuft derzeit ein „absolutistisches Stadium“ in Richtung eines zukünftig besseren sozialistischen Übergangs. In zukünftigen Zeiten kommt dann der ‚Sozialismus‘, so diese Deutung. Schließlich ist Marx in China ja populär wie in kaum einem anderen Land auf der Erde. In einer ähnlichen Perspektive hat der m.E. sehr intelligente Dramatiker und Schüler von Bertolt Brecht, Peter Hacks , einmal die DDR als einen ‚absolutistischen sozialistischen Staat‘ bezeichnet und kritisch verteidigt.
Ich empfehle aber auch dies von Walden Bello und Victor Shih zu lesen, sowie und weiter.
Meiner Meinung nach ist es ratsam, freundschaftliche Diskussionen über all diese Punkte zu führen. Rationale Argumente und gegenseitigen Respekt finde ich dafür wichtig – also eine ‚kulturvoll geführte Debatte‘. Die Pandemie – so schlimm sie auch ist – bietet auch uns Linken die Gelegenheit zum gründlicheren Nachdenken.


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