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Ernest Mandel …

… und der Zusammenbruch des Kapitalismus
dokumentiert

Anhand der Erkenntnisse des belgischen marxistischen Denkers Ernest Mandel argumentiert der Ökonom George Kerevan, dass der Kapitalismus in diesem Jahrhundert einen tiefgreifenden Zusammenbruch erleiden wird. George Kerevan ist ein schottischer Politiker der Scottish National Party, Wirtschaftswissenschaftler und Journalist.

Es sind 25 Jahre seit dem Tod von Ernest Mandel (1923-1995) vergangen, einem der interessantesten und originellsten Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts. Ökonomie ist nicht jedermanns Sache. Der schottische Philosoph Thomas Carlyle taufte sie die „düstere Wissenschaft“ und das war, bevor die Disziplin durch abstruse mathematische Modelle vergiftet wurde. Außerdem ist die Erfolgsbilanz moderner Ökonomen bei der Vorhersage drohender Finanzkatastrophen nicht gerade gut. Was macht Ernest Mandel also erinnerungswürdig?
Zunächst einmal hatte Mandel, ein Marxist, eine bessere Erfolgsbilanz bei wirtschaftlichen Vorhersagen als die meisten Ökonomen mit Einsichten, die auch heute noch gültig sind, wie wir weiter unten sehen werden. Er war auch die Antithese des spießigen, bürgerlichen Akademikers. Als jüdischer Widerstandskämpfer gegen die Nazis in seiner belgischen Heimat wurde Ernest verhaftet und konnte dreimal fliehen. In den 50er Jahren hatte er einen wichtigern Einfluss in der belgischen Gewerkschaftsbewegung. In den frühen 60er Jahren war Mandel in Kuba und arbeitete mit Che Guevara an der Wirtschaftsplanung. Während des Aufstandes im Mai ’68 in Paris stellte er gerne sein eigenes umgestürztes Auto als Straßenbarrikade zur Verfügung, um die CRS-Sturmtruppen abzuwehren. Doch Ernest war auch eine charmante, undogmatische Persönlichkeit wie ich in den 1970er Jahren feststellte, als ich ihn in Edinburgh herumführte.
Vor allem aber war Mandel ein vielseitiger Intellektueller der Aufklärung. Er dozierte und schrieb über politische Ökonomie in einer verwirrenden (manchmal vermischten) Vielzahl von Sprachen und war doch immer mühelos verständlich und faszinierend. In einem absurd überfüllten Leben veröffentlichte er 30 Bücher und etwa 2000 oft technische Artikel auf deutsch, niederländisch, französisch und englisch. Eines dieser Bücher war eigentlich eine politische Geschichte des Kriminalromans, ein Genre, dem er verfallen war. Die Kollegen der britischen Zeitschrift New Left Review waren entsetzt über diesen „Lapsus“, aber Ernest lächelte nur sein ewiges, schelmisches Lächeln.
Ernest Mandel war kein heimlicher Akademiker, sondern ein überzeugter Antikapitalist. Tatsächlich wurde sein Weg in die akademische Welt durch die Kleinigkeit verzögert, dass ihm die Einreise in verschiedene westliche Demokratien, darunter Frankreich, die Vereinigten Staaten, [Deutschland, d.Red.], Australien und die Schweiz, untersagt wurde zu der einen oder anderen Zeit. Die Weigerung der Nixon-Regierung, Mandel in die USA einreisen zu lassen, um an der Stanford University zu lehren (und mit Kennedys Lieblingsökonomen John Kenneth Galbraith zu debattieren), wurde bis zum Obersten Gerichtshof angefochten.

Spätkapitalismus
Mandel hatte die Kardinalsünde begangen, nicht nur ein Marxist zu sein, sondern einer, der seinen Marxismus intellektuell (und mit großer Wirkung) gegen die bestehende ökonomische Orthodoxie ins Spiel bringen konnte. Berühmt ist, dass er den Zusammenbruch des Nachkriegs-Wirtschaftsbooms zu einer Zeit vorhersagte, als konventionelle bürgerliche Ökonomen davon träumten, dass Wachstum und Vollbeschäftigung dank staatlicher Intervention ewig anhalten würden. Mandels Hauptwerk mit dem Titel Spätkapitalismus wurde kurz vor dem Einbruch der globalen Wirtschaftskrise von 1974-75 geschrieben, der ersten weltweiten Rezession seit den 30er Jahren und dem Vorboten des Zeitalters des Neoliberalismus.
Der Spätkapitalismus ist eine 600seitige akribische Analyse der Mechanismen der keynesianischen Ära von 1940-1975, die kunstvoll vorhersagt, dass staatliche Defizitausgaben und die permanente Rüstungswirtschaft nicht ausreichen, um eine allgemeine globale Krise zu verhindern. Mandel war einer der wenigen Theoretiker, die begriffen, dass keynesianische Defizitausgaben und hohe Wohlfahrtsausgaben hohe Steuern bedeuteten, und dass dies schließlich die Profite bis zu dem Punkt drücken würde, an dem die Kapitalisten revoltierten. Er sah voraus, dass daraus ein Angriff auf den Wohlfahrtsstaat folgen würde, den es damals in den meisten westlichen Demokratien gab, ein Angriff, der schließlich von Reagan und Thatcher eingeleitet wurde.
Man beachte hier, dass Mandel nicht den wirtschaftlichen Zusammenbruch in mechanistischer Art und Weise vorhersagte, wie es der vulgäre Propagandismus tat, den einige auf der sozialistischen Linken pflegten (einschließlich der alten Strömung Militant und ihres Führers Ted Grant, der Jahr für Jahr den sofortigen Zusammenbruch des Kapitalismus vorhersagte). Vielmehr versuchte Mandel, die Wirkung der zeitgenössischen Wirtschafts- und Klassenkräfte in Echtzeit zu erkennen. In einem vorausschauenden Kapitel von The Second Slump („Der zweite Abschwung“) mit dem Titel „Industrial Contraction, Financial Panic“ (Schrumpfende Industrie, Panik der Finanzwelt) machte Mandel das globale Bankwesen als neue Nahtstelle der Instabilität aus, was Jahrzehnte später im Crash von 2008 fatale Folgen haben sollte.
Er stellte fest, dass große Unternehmen zunehmend in der Lage sind, sich bei den Banken zu verschulden und gleichzeitig ihre Konten zu verschleiern (man denke an Enron, Carillion und Subprime-Hypothekenkreditgeber). Unglücklicherweise, so Mandel, „sinkt die Kompetenz der Top-Bankangestellten unweigerlich, wenn sich die Nachfrage nach ihnen beschleunigt“, während „die Atmosphäre des verschärften Wettbewerbs, die unter den Banken herrscht, diese häufig dazu treibt, größere Risiken einzugehen…“. Er stellte auch fest, dass die rücksichtslose Kreditvergabe sich immer stärker auf die Zentralbanken verlagerte, was einen Zyklus von immer gefährlicheren Finanzkrisen in Aussicht stellte. Leider hat er dieses vielversprechende Thema in späteren Jahren nicht weiterentwickelte – ein Fehler, den die meisten marxistischen Ökonomen um das Ende des 20. Jahrhunderts begingen.

Mandels Methode
Der Kern von Mandels Methode bestand darin, mit marxistischen ökonomischen Kategorien aktuelle Probleme zu analysieren, an Hand von zeitgenössischen Daten und nicht von Zitaten aus dem Kapital. Das erste Beispiel für diesen Ansatz war Mandels weithin veröffentlichte Marxistische Wirtschaftstheorie, die er in den 1950er Jahren schrieb, als er Redakteur der belgischen sozialistischen Parteizeitung La Gauche war. Mit diesem Werk betrat er Neuland, indem er die Marxsche Ökonomie durch eine kritische Auseinandersetzung mit pro-kapitalistischen Ökonomen und Soziologen der Nachkriegszeit rekonstruierte – eine ideologische Volloffensive gegen die akademische Festung der bürgerlichen Theorie. Infolgedessen hatte die Marxistische Wirtschaftstheorie Einfluss weit über Mandels winzigen trotzkistischen Kreis hinaus, einschließlich radikaler Bewegungen in Nord- wie in Südamerika. Die bürgerlichen Akademiker waren gezwungen zu reagieren. Robert Heilbroner, ein Doyen der US-amerikanischen Mainstream-Ökonomie, unterzog Mandels Buch in der New York Review of Books einer kritischen, aber höchst lobenden Prüfung und nannte die Veröffentlichung der amerikanischen Ausgabe „ein Ereignis von großer Bedeutung“.
Mandels Neuformulierung der marxistischen Ökonomie brach mit dem mechanischen Determinismus, der die Interpretation des Kapital durch Stalinisten, linke Sozialdemokraten und orthodoxe Trotzkisten gleichermaßen infiziert hatte. Er kehrte zu Marx‘ ursprünglicher Einsicht zurück, dass das System durch ein Zusammenspiel von realen Kräften bestimmt wird. Diese wirken dialektisch zusammen, das heißt, die verschiedenen Größen und Tendenzen verändern sich gegenseitig, wenn sie zusammenwirken. Infolgedessen lehnte Mandel wie Marx monokausale Erklärungen für die kapitalistische Krisenhaftigkeit und den Zusammenbruch ab. Im Gegensatz zu anderen bekräftigte er Marx‘ Schlussfolgerung, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem tatsächlich chaotisch ist und aufgrund der inneren Widersprüche seiner ihm innewohnenden konkurrierenden Kräfte existenziell an seine Grenzen kommt.
Kritiker mögen einwenden, dass Mandels Methode ein wenig eklektisch ist. Der angelsächsische Empirismus sehnt sich nach einfachen monokausalen Erklärungen einer Krise. Leider ist die materielle Welt, insbesondere das Dickicht der sozialen Beziehungen, die eine kapitalistische Wirtschaft definieren, immer vielschichtig, facettenreich, mehrfach verflochten und multidirektional. Um dem Meta-Phänomen, das eine Produktionsweise darstellt, einen Sinn zu geben, bedarf es einer konkreten Analyse in Echtzeit. Was Marx lieferte (und Mandel wiederbelebte und modernisierte), ist eine Reihe von begrifflichen Werkzeugen, um die genauen wirtschaftlichen Beziehungen und Kräfte zu beschreiben, die in einem spezifisch kapitalistischen System am Werk sind. Für Marx und Mandel ist das Zusammenspiel dieser Beziehungen und Kräfte niemals zufällig. Vielmehr wird es von identifizierbaren Tendenzen, auch bekannt als „ökonomische Gesetze“, bestimmt.

Lange Wellen
Insbesondere aktualisierte und verbesserte Mandel die Idee der „langen Wellen“ kapitalistischer Expansion und Kontraktion, die zuerst von dem sowjetischen Statistiker Nikolai Kondratjew (1938 vom NKWD erschossen) vorgetragen wurde. Die kapitalistische Instabilität äußert sich demnach in periodischen Booms und Einbrüchen. Kondratjew stellte jedoch einen längeren Zyklus fest: Etwa 25-30 Jahre lang gebe es eine Expansion, in der Investitionen in neue Technologien einen Anstieg der Kapitalakkumulation auslösten. Darauf folge ein Abschwung von ebenfalls 25-30 Jahren, in denen die Gewinne einbrechen und das Wirtschaftswachstum sich verlangsamt. Mandel ging über Kondratjews empirische Studien hinaus und arbeitete die Kräfte heraus, die solche generationenübergreifenden Wirtschaftsimpulse erzeugen. Im Grunde stellt Mandels Faszination für das Phänomen der langen Wellen den Versuch dar, die verlängerte Existenz des Kapitalismus im 20.Jahrhundert zu erklären – eine Langlebigkeit, die weit über das hinausgeht, was sich die Gründerväter oder die Generation Lenins jemals hätten vorstellen können.
Mandels Hauptanliegen war die Erklärung des (sogar von pro-kapitalistischen Ökonomen) völlig unerwarteten Aufschwungs während der Periode 1940-1965 (manchmal auch 1945-1970). Offensichtlich gab es in diesen Jahrzehnten einen „langen Boom“, der durch massive neue Investitionen in Autos, langlebige Konsumgüter, Fernsehen, Freizeit und Reisen, automatisierte Werkzeugmaschinen und Rechner, Flugzeuge, Atomwissenschaft, frühe Computer, Energie und Rüstungstechnologie gekennzeichnet war. An der Klassenfront erzwang die starke Ausdehnung des organisierten amerikanischen und europäischen Industrieproletariats massive Lohnzugeständnisse, die jedoch aufgrund enormer Produktivitäts- und Produktionssteigerungen kurzfristig erschwinglich waren. Den Auslöser dieses Zyklus ortete Mandel in dem überhöhten Anstieg der Ausbeutungsrate (auch bekannt als steigender relativer Mehrwert) der Arbeiterklasse, der durch den Faschismus in Verbindung mit der groß angelegten physischen Zerstörung des bestehenden fixen Kapitals während des Zweiten Weltkriegs eingeleitet wurde. Mandel charakterisierte diese neue Periode etwas unzureichend als „Neokapitalismus“ oder „Spätkapitalismus“.
Innerhalb dieses Rahmens erkannte Mandel die wichtige zusätzliche Rolle, die der Wettbewerb innerhalb der Triade aus den USA, dem Gemeinsamen Markt (der späteren EU) und Japan spielte. Europa gründete den Gemeinsamen Markt, um sich vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, während es zugleich ein massives Investitionsprogramm startete, das die billigen Arbeitskräfte der deutschen, französischen und italienischen Bauern ausnutzte, die durch die Gemeinsame Agrarpolitik vom Land vertrieben wurden. Japan folgte dem gleichen Weg. Das Ergebnis: Zu Beginn der 60er Jahre standen die USA unter starkem Wettbewerbsdruck von seiten Europas und Japans. Die Kennedy-Regierung reagierte mit Steuersenkungen und einer massiven Investitionswelle in neue Technologien, um dem wiedergeborenen deutsch-französischen und japanischen Kapitalismus zu begegnen. Mandel war ein langjähriger Gegner des Gemeinsamen Marktes und der EU, da er sie als das sah, was sie waren und immer noch sind: eine Fassade für die Interessen des europäischen Großkapitals und Finanzkapitals.

Was verursacht Wirtschaftskrisen?
Es ist wichtig anzumerken, dass Mandel die intensive Konkurrenz zwischen den Nachkriegsimperialismen nie als primäre oder exogene Erklärung für die globale Überinvestition und die sinkenden Profitraten heranzieht, die den Nachkriegsboom stoppten. Sie ist lediglich ein Faktor, der berücksichtigt werden muss. Stattdessen sieht er die Krise bereits strukturell in das System eingebaut, da die exzessive globale Kapitalakkumulation die durchschnittliche Profitrate senkt, bis sich die zusätzliche Produktivität (der relative Mehrwert), die durch neue technische Investitionen aus dem globalen Proletariat herausgepresst wurde, als unzureichend erweist, um deren Kosten zu bezahlen, und das System trotz der Fülle an zusätzlichen Waren, die ausgestoßen werden, in einen Stillstand gerät. Der genaue Auslöser für den Moment der Überakkumulation variiert historisch, aber unabhängig davon ist er eher der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken bricht, als die treibende Kraft. In diesem Punkt bleibt Mandel ein klassischer Marxist.
Im Gegensatz zu Mandel hat der bekannte amerikanische marxistische Historiker Robert Brenner die Marx’sche Theorie der fallenden Profitrate explizit aufgegeben und ist auf ein geopolitisches Modell zurückgefallen, das die innerimperialistische Wirtschaftskonkurrenz zur treibenden Kraft bei der Erklärung der langen Wellen erklärt. Das ist deshalb interessant, weil Brenner Mandel als führenden Ökonomen abgelöst hat, der für die britische linke Theoriezeitschrift New Left Review schreibt. Brenner akzeptiert die fallende Profitrate als empirische Realität, argumentiert aber, dass sie eher eine Wirkung als eine Ursache ist (siehe NLR Nr. I/229). Dies führte ihn jedoch in ein gefährliches Fahrwasser. Dann hat der Kapitalismus nämlich keine innere Tendenz zur Entropie mehr, wie Marx und Mandel behaupteten [Entropie meint einen Zustand der Unordnung, d.Red.]. Stattdessen verweist Brenner auf „die inhärente Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft auf lange Sicht“.
Was also verursachte die Abwärtswelle nach den 70er Jahren? Die Antwort musste Zufall und Konjunktur lauten. Brenner hat zwei Faktoren vorgeschlagen: Erstens habe die exzessive Lohndrückung die effektive Nachfrage zu stark reduziert – aber eine denkende Kapitalistenklasse kann das doch sicher beheben? Zweitens habe das Überangebot auf dem Weltmarkt neue Investitionen blockiert. War dies jedoch nicht nur eine andere Art zu sagen, dass die Rentabilität ins Stocken geraten war, weil es bereits zu viele Investitionen gab, um die notwendige Rendite zu erzielen? Das war der Punkt von Marx und Mandel, um es gleich vorwegzunehmen.
Das ist kein abwegiger Punkt in der Debatte. Wir befinden uns einmal mehr in einer Periode sich verschärfender globaler innerimperialistischer Konkurrenz, zu der nun auch das kapitalistische China hinzukommt. Wie wird sich das auf die zukünftige Kapitalakkumulation auswirken? Nachdem der „lange Boom“ der Nachkriegszeit in den 70er Jahren endete, sagte Mandel den nächsten Abschwung voraus, einen, den wir heute mit Neoliberalismus und Globalisierung assoziieren. Leider lebte er nicht lange genug, um mit seinen unbestrittenen Fähigkeiten die Mechanismen dieses Abschwungs verständlich zu machen, der ja eine Flut marxistischer akademischer Wälzer hervorgebracht hat, aber wenig Übereinstimmung. Diese intellektuelle Lücke deutet auf eine Schwäche in Mandels Konzeption der langen Wellen hin: Es gilt zu erkären, wie sich diese Achterbahnen zu Marx‘ Theorie des endgültigen Zusammenbruchs des Kapitalismus verhalten.
Der Begriff „Zusammenbruch“ bildet das Herzstück von Marx‘ ursprünglichem theoretischen Rahmen, er bezeichnet den endgültigen Zusammenbruchs der kapitalistischen Reproduktion durch Akkumulation (obwohl betont werden muss, dass Marx seine detaillierte Analyse dieser Tendenz nie abgeschlossen hat). Zusammenbruch ist nicht im Sinne eines einzelnen, katastrophenartigen Ereignisses gemeint, sondern eher als kumulativer Verfall und Störung des Systems bis zum Punkt, wo es nicht mehr funktioniert – verursacht durch seine inneren Widersprüche. Sicherlich hat der Zusammenbruch eine Weile gebraucht, um manifest zu werden, was einige dazu veranlasst hat, die ökonomische Logik von Marx abzulehnen (angefangen bei seinem engen Schüler Eduard Bernstein). Das Problem mit der Theorie der langen Wellen ist jedoch, dass sie so interpretiert werden kann, als fehle dem System jegliche inhärenter Entropie, trotz Mandels bester Absichten. Mit anderen Worten, der Kapitalismus trudelt ihrer ungeachtet durch eine Reihe von Houdini-artigen Ausbrüchen weiter (man denke an 2009). Wer weiß, vielleicht überlebt ein widerstandsfähiger Kapitalismus bis weit in das 21.Jahrhundert hinein, getragen von einer Flut grüner Investitionen (der nächste Investitionsaufschwung?), unterstützt von einer durch die prekäre Gig-Economy und die Internetüberwachung neu disziplinierten Belegschaft. In diesem Fall scheint ein revolutionärer Umsturz des Kapitalismus schwache Aussichten zu haben, außer ein Deus steigt ex machina herab (von außerhalb).
Doch dies ist nicht der Fall. Ohne auch nur einen Moment lang die konjunkturelle Bedeutung der erneuten innerimperialistischen Konkurrenz (die die Gefahr eines Krieges mit sich bringt) oder des Klimawandels zu leugnen, ist es wichtig festzustellen, dass der globale Kapitalismus in eine Endphase seiner Existenz eingetreten ist, als Ergebnis seiner eigenen internen ökonomischen Widersprüche. Dies ist genau so, wie es Mandel (in Anlehnung an Marx) vorhergesagt hat. Das letzte halbe Jahrhundert hat eine globale Schwemme an Produktionskapazitäten, eine anschließende Kontraktion der Investitionsraten und einen Zusammenbruch des Produktivitätswachstums mit sich gebracht. Wenn überhaupt, scheint sich der Kondratjew-Zyklus in einen permanenten Abwärtszyklus verwandelt zu haben. Sowohl Marx als auch Mandel sagten voraus, dass eine solche Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise inhärent ist. Sie verbanden diese Entropie mit der dem Kapitalismus innewohnenden Tendenz zum Fall der Profitrate, die auf Investitionen abschreckend wirkt.
Hier ist nicht der Ort für eine detaillierte technische Diskussion darüber, wie dieser Prozess funktioniert. Es genügt zu sagen, dass im Kapitalismus Wert durch die Ausbeutung von Arbeitskraft geschaffen wird – in Form von lebendiger Arbeit im Büro wie in der Fabrik, aber auch in Form von vergegenständlichter Arbeit in Maschinen und Computern. Die verfügbare Menge an lebendiger Arbeit setzt der Produktion und Kapitalakkumulation eine Grenze. Die Kapitalisten versuchen ständig, durch technologische Investitionen zusätzlichen Output aus den vorhandenen Arbeitskräften herauszuquetschen. Angesichts der biologischen Begrenzung des Arbeitstages sind immer mehr Investitionen in Maschinen erforderlich, um mit der lebendigen Arbeitskraft einen zusätzlichen Wert zu schaffen. Daraus resultiert der Abwärtsdruck auf die durchschnittliche Profitrate.
Dieser Abwärtsdruck hat auf globaler, systemischer Ebene negative Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen. Einzelne Firmen oder sogar einzelne Volkswirtschaften können eine Zeit lang weiter expandieren (z.B. die US-High-Tech-Monopole). Aber Mandel warnt: „Ein Teil des neu akkumulierten Kapitals kann nicht mehr zu den ’normalerweise erwarteten‘ Bedingungen der Rentabilität investiert werden. Dieses Kapital wird zunehmend in die Spekulation gelenkt…“ (The Second Slump, S. 173-175). Daher die Finanz- und Bankeninstabilität der letzten zwei Jahrzehnte und der derzeitige, irrsinnige Anstieg der Börsenkurse. Oder das nicht investierte Kapital wird von der Kapitalistenklasse einfach in Luxuskonsum gesteckt. Natürlich gibt es immer noch absolute Geldgewinne, aber letztlich reichen die erwarteten Grenzerträge nicht mehr aus, um das historische Niveau der Investitionen in Anlagen und Maschinen zu finanzieren. Die Kapitalistenklasse weigert sich zunehmend, in neue Technologien zu investieren oder ihre Nutzung auf das gesamte Spektrum menschlicher Bedürfnisse auszudehnen, statt dessen brütet sie verrückte spekulative Pläne aus wie den, Raketen für den Weltraumtourismus zu bauen. Sie gleicht einem menschlicher Körper, dessen Organe eins nach dem anderen stillgelegt werden. So kommt die einzige historische Mission des Kapitalismus, die menschliche Produktivität zu steigern, zu einem erschütternden Stillstand. In der realen Welt ist das Produktivitätswachstum in den letzten Jahrzehnten trotz des Aufkommens des Internets auf der Stelle getreten. Das ist der ultimative Beweis dafür, dass der Kapitalismus zu einer dekadenten Produktionsweise geworden ist.
Natürlich entwickeln sich verschiedene Industriesektoren auf der Welt unterschiedlich schnell. In den letzten drei Jahrzehnten haben US-Hightech-Firmen neue Märkte geschaffen und (überdurchschnittliche) Monopolprofite eingefahren, während in anderen Sektoren (z.B. in der Automobilindustrie) die Profitraten gesunken sind. Insgesamt ist das kapitalistische System in sein geriatrisches Stadium eingetreten, und wenn wir das übersehen, werden wir auf die Ereignisse der nächsten Jahrzehnte nicht vorbereitet sein. Trumps nackter Versuch, die US-Monopolprofite in der Hochtechnologie vor chinesischen Übergriffen zu schützen, bietet kaum eine Atempause. Unternehmen wie Apple und Microsoft sitzen auf Bargeldbergen oder kaufen Aktien zurück statt zu investieren. Das globale System der Kapitalakkumulation um der Akkumulation willen schaltet sich selbst ab, weil es an Investitionsmöglichkeiten mangelt, die seine Rentabilitätskriterien erfüllen. Das ist ein historischer Irrsinn angesichts der Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel (der selbst ein Nebenprodukt des kapitalistischen Wachstums ist). Infolgedessen treten wir in eine neue Ära des Widerstands und der sozialen Revolution ein, die den Rest des 21. Jahrhunderts dominieren wird.

Warum an Ernest Mandel erinnern?
Warum sollte man sich so lange nach seinem Tod an Ernest Mandel erinnern? Vor allem, weil er ein massives und nachhaltiges intellektuelles Argument gegen die Irrationalität des Kapitalismus der freien Marktwirtschaft präsentiert. Mehr noch, er präsentiert das Argument für eine alternative Realität. Der Neoliberalismus hat versucht, den Wettbewerb der Ideen in die Enge zu treiben, indem er im wesentlichen behauptet, es sei keine andere Weltordnung möglich als die liberale Demokratie, das Privateigentum an der Produktion, der absolut freie Handel mit Waren und Dienstleistungen und die Freizügigkeit von Kapital und Arbeit. Das Ergebnis lautet in Wirklichkeit: null Produktivitätsgewinne trotz neuer Technologien; Schaffung einer Nachfrage nach Scheinkonsum, während die südliche Hemisphäre hungert und die nördliche Hemisphäre an Fettleibigkeit stirbt; überall Verlängerung der Arbeitswoche trotz der Erfindung von Robotern und künstlicher Intelligenz, die den Menschen von der Arbeit befreien könnten; Aufstieg von autoritärem Populismus und Überwachungskapitalismus.
Wie hätte Ernest Mandel auf diese sehr reale Dystopie, in der wir alle leben, reagiert? Mandel wurde oft dafür kritisiert, „zu optimistisch“ zu sein, was die Aussichten auf einen Umsturz des kapitalistischen Systems angeht. Tatsächlich war er einer der wenigen marxistischen Denker der Gegenwart, die sich erlaubten zu skizzieren, wie die postkapitalistische Zukunft aussehen könnte. Insbesondere argumentierte er unablässig, dass mit der Abschaffung des Kapitalismus sehr schnell eine radikale Verkürzung der Arbeitswoche eingeführt werden könnte. Denn hier liegt die ultimative Absurdität des Kapitalismus: Er erfindet und baut Maschinen, um die Menschen von der Arbeit zu befreien, und zwingt sie dann, noch länger zu arbeiten, um Waren zu produzieren, die nur dem Zweck dienen, mehr Profit zu generieren, anstatt Bedürfnisse zu befriedigen. Mandel war der Überzeugung, dass sich die Menschen irgendwann gegen ein solch irrationales System auflehnen würden. Das ist eine Vision, die optimistisch stimmen kann, selbst in der Dunkelheit der gegenwärtigen Krise.

Der Artikel erschien zuerst auf https://www.conter.co.uk/blog/2020/8/3/mandel-and-capitalist-breakdown


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