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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2021 |

Klimagerechtigkeit

Wo bleibt das Konzept der Gewerkschaften?
von Helmut Born

Wenn von Klimagerechtigkeit die Rede ist, geht der erste Gedanke an die Folgen des Klimawandels für die Länder des globalen Südens und wie sie bewältigt werden können: Die (kapitalistischen) Industrienationen tragen die Hauptverantwortung für den Klimawandel, sie müssen daher auch für die Folgen aufkommen.

So richtig diese These und die Forderung nach einer finanziellen Unterstützung der Länder des globalen Südens für die Beherrschbarkeit der Folgen des Klimawandels ist, so wird doch gern dabei vergessen, dass auch die reichen Industrienationen Klassengesellschaften sind, in denen die sozialen Unterschiede riesig sind. Deswegen ist es aus gewerkschaftlicher Sicht notwendig, beim derzeitigen Strukturwandel der Industrie die Interessen der Lohnabhängigen für eine gesicherte Zukunft zu vertreten – und dabei gleichzeitig die Notwendigkeit des Umbaus der fossilen und klimazerstörenden Industrien voranzutreiben.
Bis vor wenigen Jahren war das Hauptziel der Gewerkschaften, die Arbeitsplätze in den klimaschädlichen Industrien ohne Rücksicht auf die Umweltbelastung und gegen alle Argumente der Wissenschaft zu verteidigen. Da waren sich IG Metall und IG BCE mit den Vorständen der großen Energie- und Autokonzerne durchaus einig.
Seit ein paar Jahren hat sich diese Haltung verändert, es hat einen Positionswechsel hin zu einer Akzeptanz der klimapolitisch notwendigen Veränderungen gegeben. Ob dabei die Ziele des Pariser Abkommens eingehalten werden, darf allerdings bezweifelt werden. So dürfte heute klar sein, dass der von Ver.di und IG BCE mitgetragene Kohleausstieg bis 2038 viel zu spät ist und bis 2030 abgeschlossen sein muss.
Das gleiche kann für die IG Metall ge­sagt werden, die den Umbau der Autoindustrie zur E-Mobilität mitträgt, ohne über ein eigenes Konzept zur Konversion zu verfügen.
Aus unserer Sicht reicht dies nicht aus. Die Gewerkschaften müssen sich, zu­sammen mit der Wissenschaft und der Klimabewegung, um eigene Konzepte für den Umbau der jeweiligen Industrien bemühen und versuchen, diese auch umzusetzen. Warum z.B. sollen in den Braunkohlerevieren keine Wind- und Solarparks entstehen, die die be­stehenden Arbeitsplätze, bei entsprechender Umschulung und Weiterqualifizierung, erhalten? Hinzu kommt, im Rahmen des Wechsels zu ei­ner CO?-ar­men oder -freien Wirtschaft, ein riesiger Bedarf an neuen Ar­beitsplätzen für mehr Umweltschutz, für die Verkehrsgesellschaften oder in den sozialen Be­reichen. Innerhalb von zehn Jahren dürfte es kein Problem sein, mit den Beschäftigten gemeinsam ihre Zukunft zu sichern. Die sozia­le Absicherung der Beschäftigten ist für die Gewerkschaften dabei die wichtigste Herausforderung. Die bestehen­de gewerkschaftliche Stärke kann für den Erhalt der Einkommen wie für eine Arbeitszeitverkürzung genutzt werden.
Auch in der Automobilindustrie stehen gewaltige Veränderungen an. Die bisher von Konzernen und Regierung vorgesehenen Maßnahmen für die Förderung von Elektroautos sind für eine Verkehrswende ungeeignet. Um von dem motorisierten Individualverkehr wegzukommen, braucht es weitergehende Konzepte. Die Automobilkonzerne müssen zu Mobilitätskonzernen umgebaut werden. Es braucht viel größere Kapazitäten zum Bau von Bussen, Zügen und Straßenbahnen. Außerdem braucht es neue Konzepte, um eine bessere Anbindung der außerstädtischen Bevölkerung an den ÖPNV zu gewährleisten. Solche Konzepte zu entwickeln, bei weitestgehendem Er­halt der Arbeitsplätze und Einkommen, wäre eine der dringlichsten Aufgaben für Gewerkschaften. Damit wäre nicht nur dem sozialen Schutz der Beschäftigten, sondern auch dem Erhalt der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten gedient.
Eins wissen wir alle: Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze.


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