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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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POLNISCHE PRESSESCHAU 154, 27.02.2021

Am 10. Februar haben die unabhängigen Medien in Polen aus Protest keine neuen Nachrichten veröffentlicht, sondern ihre Seite sah so aus:

Ohne
alternativer
Medien

Weiteres Knebeln der Medien – Steuern für Werbeeinnahmen

Das kürzlich angekündigte Vorhaben, ein Gesetz einzuführen, nach dem die Regierung den Verlegern und Unternehmen, die auf dem Medienmarkt tätig sind, eine neue Abgabe (lies: Steuer) auf die in den Blättern oder im Internet geschalteten Anzeigen auferlegen könnte, ist ein weiterer Beweis für die konsequente Umsetzung des Plans zur Machtergreifung und zum Machterhalt von Jaroslaw Kaczynski.

Niemand sollte so tun, als ob er von den jüngsten Schritten der Regierung von Mateusz Morawiecki überrascht wäre. Dies ist die Umsetzung des angekündigten Plans, eine Art Seelenregierung zu bilden, um eine solche Wirkung auf die Ansichten der Wählerschaft zu erzielen, die zusammen mit den sozialen Zuwendung der 13. und 14. Rente oder anderen Ideen für das Verschenken von öffentlichen Geldern durch die Regierung die Nachhaltigkeit der Unterstützung und den Gewinn der folgenden Wahlen durch das regierende Lager sicherstellen wird.

Im Gesamtplan sind es die Schulen unter der Herrschaft des „hervorragenden“ Juristen der Katholischen Universität Lublin Przemyslaw Czarnek, sowie alle kulturellen Einrichtungen unter der Herrschaft eines anderen Professors, bereits in seiner zweiten Amtszeit als stellvertretender Ministerpräsident Piotr Glinski zuständig für Kultur, die einen Menschen schaffen frei von den Mängeln der verrotteten Kultur des Westens, einen glühenden Patrioten und einen glühenden Katholiken hervorbringen werden.

Das ist immer so, wenn eine Revolution stattfindet. Eine Revolution fegt die alte Gesellschaftsordnung hinweg und schafft eine neue, manchmal wird sogar ein neuer Kalender und eine neue Periodisierung der Geschichte eingeführt.

Die wichtigste Strafe für die Politiker der Rechten, die sich dem Vorsitzenden unterworfen haben, ist ihr Ausschluss aus den freien Fernsehmedien. Warum? Weil sie ohne Fernsehen nicht leben können. Für diese Leute müssen die Mikrofone ausgeschaltet werden. Und der effektivste Weg ist, sie nicht ins Studio einzuladen. Aber Sie, die unabhängigen Medien, geben ihnen ein gigantisches Publikum, das auf der Glaubwürdigkeit eben dieses freien Mediums aufbaut. Sie verschenken kostenlos ihre Plattform den Rechten! Und dafür wollen sie euch Journalisten für immer zum Schweigen bringen. Das ist das Spiel. Das ist ein Kampf ums Leben“, sagt Jakub Bierzynski, Vorstand bei onet.pl .

Onet.pl mit dem nationalistischen „Der Stürmer“ verglichen onet.pl 13.02. 2021

Krzysztof Wyszkowski, ein Mitglied des Kollegiums des Instituts des Nationalen Gedenkens, ist die zweite Person, die mit der aktuellen Regierung verbunden ist und in den letzten Tagen beleidigende Worte gegen Journalisten und Onet – Mitarbeiter getwittert hat.

Ringier Axel Springer Polska, der Eigentümer von onet.pl, wird Krzysztof Wyszkowski wegen beleidigender Worte über Onet verklagen.

Er twittert: „Was ist Onet?

Es ist eine elektronische Version der Molotow-Ribbentrop-Gaspipeline, d.h. eine polnische Gasleitung zur Vergasung von Polen!“

„Jede einzelne Information mag ein akzeptabler Gesichtspunkt sein, aber die gesamte Botschaft der Erzählerchen ist wie „Des Stürmers“ schmutziges Wasser“.

„Wie in der Vergangenheit des schikanösen Antipolonismus wird er diesmal von polnischen Söldnern des antipolnischen Besitzers durchgeführt.“ twitter 13.02. 2021 2:49 PM

Je mehr vereint um so stärker die Opposition onet.pl/oko.press.pl 14.02. 2021

Ipsos kam bei seinen neusten Umfragen am 10.-12 Februar zu folgendem Ergebnis: PiS 29%, die konservative „Polen 2050“ ebenso wie die liberale Bürger Koalition (KO) auf je 20%, die Linke 10% und die ultrakonservative Konfederacja 10%, die Bauernpartei PSL 4%.

Folgende Mandate würden sich daraus ergeben: PiS 172; Polen 2050 – 107; Bürger Koalition 96; Linke 41, (diese drei hätten also 244 Sitze) Konfederacja 43, Deutsche Minderheit 1.Würden allerdings Polen 2050, KO, Linke und PSL als ein Block starten würden sie 57% erreiche, die PiS 29% und die Konfederacja 10%.

Die vereinigte Opposition hätte dann 280 Sitze, die PiS 140 und die Konfederacja 39

Opfer entschuldigt sich bei Opfern gloswielkopolski, 07. 02. 2021

Der 32 jährige Lukasz entschuldigt sich bei den Opfern des Pfarrers Rafa? aus Krotoszyn. Der Pfarrer hat ihn vor 16 Jahren zu sich gebeten. Da Lukasz ein gläubiger und eifriger Kirchgänger war, nahm er an, dass der Pfarrer für ihn eine spezielle Aufgabe hat. Zunächst vergewisserte sich der Priester wiederholt, dass Lukasz niemanden etwas erzählen werde. Erschrocken war er dann, als der Pfarrer Bezug auf die Beichte von Lukasz nahm, wo dieser über seine „unreinen Handlungen“ – die Masturbation – beichtete. Der Priester machte ihm den Vorschlag während eines Pornofilmes angezogen oder nackt gemeinsam zu masturbieren. „In diesem Moment brach das Bild der Kirche, das über die Jahre von Mama, Papa und der Gemeinde aufgebaut wurde, zusammen. Eine Atombombe explodierte in meiner Seele. Der Schmerz, den ich damals empfand, war unvorstellbar. Was ich jahrelang geglaubt hatte, was mir meine Eltern eingeflößt hatten, entpuppte sich als der Schwachsinn des Lebens. Als kleiner Junge fühlte ich mich von der ganzen Welt verraten.“

Vollkommen verwirrt und erschrocken floh Lukasz aus dem Pfarrhaus. Zu Hause dachte er sich eine Ausrede aus und berichtete erst später seiner künftigen Frau was geschehen war. Trotzdem ist der Schmerz nicht vergangen und er leidet an Depressionen, wenn auch äußerlich nichts zu merken ist.

Jetzt ist dieser Priester Rafal des Amtes enthoben und angeklagt. Lukasz macht sich nun Vorwürfe, dass er nichts gesagt hat, dass er Angst hatte und sich geschämt hat.

„Dieser Mann hat mir damals einen Schaden zugefügt, der nicht geheilt werden kann, der Schmerz begleitet mich jeden Tag. Obwohl nichts passiert ist, trage ich den Makel, dass dieser „Teufel“ in diesen 16 Jahren jemanden gefunden hat, den er wirklich verletzt hat. Ich entschuldige mich bei allen Opfern dafür, dass ich über die Jahre hinweg geschwiegen habe, aber ich hatte nicht den Mut .“ Er weiß nicht ob er dem Pfarrer verzeihen kann, erzogen wurde er so. Aber ob der sich zu seinen Taten bekennt!? „Deshalb appelliere ich an alle, denen er wehgetan hat – melden Euch. Wenn Ihr euch das nicht zutraut, kontaktiert mich bitte über Herrn Marcin. Dies ist keine Schande und es ist nicht unsere Schuld. Wir müssen anfangen, darüber zu sprechen, damit das Leid, das uns widerfahren ist, nicht andere trifft.“

Welch eine menschliche Größe von Lukasz!

Hören wir uns dagegen diese Woelkis, Gadeckis, Rydzyks an… Die Thematik über das Vertuschen von Verbrechen, begleiten die Öffentlichkeit sicher noch lange, denn es sieht nicht so aus, als ob die römisch-katholische Kirche besonders auch in Polen offen und ehrlich damit umgeht. Vielleicht gar bis der Zölibat abgeschafft und Frauen gleiche Rechte bekommen oder diese Kirche sich selbst abschafft.

Oma Kasia: Wir lassen uns nicht Angst machen Przeglad, 08. 02. 2021

Katarzyna Augustynek, in der Protestszene Oma Kasia genannt, wurde während Protestaktionen am 28. Januar zur Polizeiwache gebracht, wo zunächst das übliche Prozedere begann. Ein Protokoll wurde geschrieben, dessen Inhalt sie nicht kennt. Es dauerte lange und wurde von Beschimpfungen durch Polizisten begleitet. Dann kam ein Polizist, um ihr zu sagen, dass er eine Zivilklage gegen sie erheben wird, weil sie während des Einsatzes seine Hose beschmutzt hätte. Dann wurde sie von zwei Polizistinnen in eine Toilette geführt – dort gibt es keine Kameras – und sollte sich ausziehen, ein Grund wurde ihr nicht genannt. Da sie keine Anstalten machte sich auszuziehen, machten es die Polizistinnen in der verdreckten Toilette, verdrehten ihr die Arme und männliche Polizisten sahen schadenfroh zu.

Sie protestiert schon länger bei den monatlichen „Smolensk Gedenken“, das von Kaczynski ins Leben gerufen wurde. Der Anlass ist nach seiner Lesart der Anschlag bei Smolensk. Bei der damaligen Katastrophe kamen neben seinem Bruder – Präsident viele Politiker und Personen aus dem öffentlichen Leben um. Trotz aller objektiven Untersuchungen behauptet Kaczynski es sei ein Anschlag gewesen. Oma Kasia findet es pervers, dass Kaczynski diese Katastrophe auf eine Ebene mit den Verbrechen von Katyn stellt. Ihr Großvater wurde dort erschossen. Schon zu Zeiten der Volksrepublik wurde über die Ereignisse von Katyn gelogen. Jetzt missbraucht Kaczynski dies für seine politischen Ambitionen. Systematisch würden in Polen die Bürger ihrer Rechte und ihrer Freiheit beraubt. Deswegen nimmt sie an Protesten teil. So langsam scheinen die Menschen aufzuwachen und sich dem entgegenstellen, aber sie fürchtet es könnte zu spät sein.

Oma Kasia sagt, dass die Polizisten, die die Protestierenden drangsalieren, sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Proteste weiter gehen, dass sie keine Angst machen können. Aber diese Polizisten sollen sich auch dessen bewusst sein, dass die Zeit kommen wird, in der sie sich werden verantworten müssen.

Sollen alle polnische Bischöfe abtreten? Onet.pl / oko.press 16.02. 2021

nach dem erneut pädophile Affären in der katholischen Kirche aufgedeckt wurden?“ fragte das Meinungsforschungsinstitut „United Surveys“ Polinnen und Polen dazu. Dafür sprachen sich 58,7 % aus, dagegen 33,9 % und 7,4 hatten dazu keine Meinung.

Zuletzt gab es einen erneuten Aufschrei in der polnischen Bevölkerung, nachdem bekannt wurde, dass der Priester Andrzej Dymer Jungs missbraucht hat und dies bereits seit 1995 bekannt war, die Kirche erst neun Jahre später etwas unternahm. 2008 nahm sich die Gazeta Wyborcza der Sache an und daraufhin tagte das Kirchengericht, das den Opfern glaubte und eine Strafe verhängte. Die Staatsanwaltschaft glaubte dem Priester, auch ein Berufungsverfahren ging zu Gunsten des Priesters wegen Verjährung aus. Die Berufungsverhandlung bei der Kirche dauerte 12 Jahre. Am 11. Februar wurde er seines Amtes enthoben und am 16. Februar wurde sein Tod ohne Einzelheiten bekannt gegeben, offensichtlich hatte er Krebs. „Der Folterer, der mein Leben zerstört und mich zum Untoten gemacht hat, ist jetzt tot. Ich bin nicht glücklich über seinen Tod. Ich spüre auch keine Erleichterung. Er war und ist der Albtraum meines Lebens. Es ist mir egal, was mit Bischof Dziega passieren wird. Aber der Gerechtigkeit sollte Genüge getan werden und er sollte entlassen werden“, sagt Bozydar, eines der Opfer von Pater Dymer, gegenüber OKO.press. Dymer war eng mit der PiS verbunden und bekam von ihr Millionen für kirchliche Firmen, die er führte. Trotz kirchlicher Verfahren gegen ihn, übertrug ihm sein Bischof verantwortungsvolle Posten – 25 Jahre haben ihn die Bischöfe gedeckt!

Monitoring-Teams zur Bekämpfung von Gewalt in der Familie OKO.press 15. 0.2. 2021

Lange musste auf die Ernennung dieses Teams gewartet werden, denn der Beschluss wurde bereits im vorigem Herbst gefasst. Die Stiftung „Gebt Kindern Kraft“ ermahnte bereits im Oktober den Premier dies Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen. Jetzt sind Mitglieder ernannt worden und wen wundert es, sind es stramm konservative der PiS verbundene Fundamentalisten – wie Ordo Iuris die sich im Grunde genommen gegen die Konvention gegen Gewalt in der Familie eindeutig ausgesprochen haben. Denn für sie steht die traditionelle Familie an erster Stelle und in die hat sich niemand von außen einzumischen. Kritiker meinen: „Es soll durch Ordo Iuris solche Änderungen im säkularen polnischen Recht herbeiführen, dass es die restriktive und fundamentalistische Auslegung der Prinzipien der christlichen Religion widerspiegelt. Die Aktionen des Ordo Iuris, die auf eine kulturell-religiöse Konterrevolution in Polen abzielen, sind beunruhigend“. Vier direkte kirchliche Einrichtungen gehören zu dem Team und die anderen sind konservative – fundamentalistische Gruppen, die eines vereint der Kampf gegen LGBTQ und die „Gender Ideologie“ und dies repräsentiert in hervorragender Weise der Vorsitzende Grzegorz Strzemecki: „In Wirklichkeit dient der Regenbogen Freitag dazu, eine verquere und perverse Sexualität zu fördern. Sie schüchtert Jugendliche, Eltern und Lehrer mit der falschen, zerstörerischen Pseudo-Gleichheit der LGBTQ – Ideologie ein, die uns die Vernunft und den Willen oder gar das Recht nehmen soll, Kinder vor der Zerstörung ihrer Persönlichkeit durch perverse Sexualisierung zu schützen. Aus den Erfahrungen anderer Länder, aber auch aus der polnischen Praxis wissen wir, dass nach dem „Malen des Regenbogens“ (wie es bereits an verschiedenen Orten geschieht) die Details des Analsexes gelehrt und dann Bordelle für alle sexuellen Orientierungen eingerichtet werden.“ Für ihn gibt es auch keinen Unterschied von Homosexualität und Pädophilie. Das einzige Ergebnis wird wohl der gut dotierte Posten mit Dienstwagen etc. sein. Es wird sich in der Praxis zeigen, ob neben den 7 konservativ-katholischen Organisationen, die drei Stiftungen, die sich auch in der Vergangenheit mit Gewalt in der Familie auseinander gesetzt haben, zum Zuge kommen können.

Der Vize Präses von Ordo Iuris Tymoteusz Zych ist Mitglied Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss geworden. Die Leitung des Ausschusses verweist auf Anfrage auf die Geschäftsordnung des Ausschusses. Ihre Mitglieder sind verpflichtet, „die Förderung, den wirksamen Schutz und die Achtung der Grundrechte und -werte wie Menschenwürde, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Freiheit, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit und Gleichstellung der Geschlechter“ sicherzustellen. Seine Verbleib in dem Ausschuss wird überprüft.

Frauen wollen keine Kinder in Polen Polityka, 03. 02. 2021

Seit 20 Jahren hatte Polen jetzt die niedrigste Geburtenrate. Polinnen, die in Großbritannien wohnen, gebären weitaus mehr Kinder. Die Anzahl der Kindergeburten von Polinnen insgesamt in der EU ist seit dem Beitritt Polens weitaus höher als in Polen selbst. Auch die Unsicherheiten nach dem Brexit haben sich dort nicht negativ ausgewirkt. Polen ist seit langem kein gutes Land für Mütter – grundsätzliches Abtreibungsverbot, Corona, Teuerungsraten im Ergebnis haben alle Krisen sich potenziert. Da half auch nicht die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs und auch nicht das Kindergeld 500 +.

Die Polnische Akademie für Demografie warnt davor, dass durch die neusten Beschluss des sog. Verfassungstribunals die Geburtenraten noch viel stärker zurück gehen werden. Die jungen Paare werden sich überlegen, ob sie überhaupt ein Kind haben wollen, wenn sie befürchten müssen, dass sie im Falle eines schweren oder eines unheilbaren Schadens des Föten, diesen gebären müssen. Oft erlaubt es die soziale Situation nicht in frühen Jahren an Kinder zu denken und dann wird das Zeitfenster eng. Viele sehen in der neuen restriktiven Regelung ein tiefes Eingreifen der Politik/ des Staates in ihr Privatleben. Oft müssen die Frauen feststellen, dass sie im Falle einer Schwangerschaft nicht adäquat betreut werden. 54% der Frauen werden während der Geburt in der Klinik auf eine ignorante Weise behandelt, lächerlich und runter gemacht. Eine Gynäkologin berichtet, dass viele Frauen sich vor einer Geburt bemühen an entsprechende Informationen zu kommen, weil sie sich vor respektloser Behandlung in der Geburtenklinik fürchten. Neben den globalen Problemen wie der Klimakatastrophe kommt in Polen noch dazu, dass sie durch die Kohle in der „schwarzen Lunge“ Europas leben. Dazu die Vernichtung der Wälder, die durch den Staat forcierte Hetze gegen „Ökologen, Radfahrer und Vegetarier“ und die Ideologie „sich die Erde untertan zu machen“ sehen sie wenig Spielraum für eine glückliche Zukunft. Polen ist auf dem Weg zu einem der Länder in Europa zu werden, wo die Zahl der Alten am höchsten sein wird. Auf Frauen im „reproduktiven“ Alter entfallen 1,42 Kinder – 2,1/2,15 wären notwendig, um die Überalterung zu stoppen.

Erlösung durch das Bildungswesen studioopinii, 26.02. 2021

Die Reformen des polnischen Bildungssystems nach 1989 haben die Menschen an viele originelle Veränderungen gewöhnt, angefangen von den Maßnahmen zur „Begünstigung des privaten Sektors“ von Ministerin Kudrycka bis hin zu den Empfehlungen zum Studium der Lehren des Großen Heiligen Johannes Paul II. durch den derzeitigen Minister Czarnek. Dann noch die Aktivitäten der engsten Mitarbeiter des derzeitigen Ministers, der entschieden hat, dass die Zeit für eine gründliche Reform gekommen ist, um die Maßnahmen seiner „unfähigen“ Vorgänger und Vorgängerinnen zu überprüfen.

Sein Mitarbeiter Brzozka, der ihm schon gedient hat, als er noch Dorfvorsteher war, ist sich dessen voll bewusst: „Wenn man in einer Zeit des Kulturkampfes für die Bildungspolitik des Staates verantwortlich ist, kann man nicht weiter den Kopf in den Sand stecken. Man muss einfach mutig die christliche Moral und die klassischen Tugenden im Erziehungsprozess verteidigen, insbesondere Ehe, Familie, Mutterschaft und Elternschaft“.

Ebenso zielstrebig ist ein anderer Mitarbeiter des Ministeriums, Robert Derewenda. Er wurde Koordinator für Geschichte und Staatsbürgerkunde. Zuvor war er ein Lubliner Stadtrat für die PiS. Er hat einen Doktortitel in Geisteswissenschaften. Er arbeitet an der Katholischen Universität in Lublin. Derewenda ist auch ein regelmäßiger Kommentator von Ereignissen im polnischen TVP (untersteht PiS). Der Ideologe der Medien wird zum Ideologen des Bildungsministeriums und sorgt für eine kohärente Botschaft.

Das unbestrittene Highlight von Minister Czarnek ist der Dr. Artur Gorecki, der eng mit Derewenda zusammenarbeiten wird. Er wurde zum Bevollmächtigten für Kernlehrpläne und Lehrbücher ernannt. Gorecki wird die Arbeit der Teams koordinieren, die damit begonnen haben, die Lehrbücher auf relevante Inhalte zu überprüfen.

Die Liste seiner Funktionen ist beeindruckend. Artur Gorecki ist ein Historiker, Theologe, Publizist und Förderer der klassischen Bildung. Er kooperiert mit der fundamentalistischen Vierteljahresschrift „Christianitas“, die seit Jahrzehnten gegen Veränderungen im Katholizismus im Sinne des 2. Vatikanischen Konzils kämpft. Das Ideal der Vierteljahresschrift ist, dem Titel entsprechend, die mittelalterliche Christlichkeit. Nun soll dieses Ideal auf der Ebene des Bildungsministeriums umgesetzt werden. In der Vergangenheit war er Direktor von nicht-öffentlichen Schulen, zurzeit ist er Rektor in den vom Bildungszentrum der Warschauer Erzdiözese geführten Einrichtungen. Der neue Berater nimmt auch an dem Projekt „Begegnungen in der Wahrheit“ teil, das dank der Zusammenarbeit des Bildungszentrums der Warschauer Erzdiözese, des Ordo Iuris – Instituts für Rechtskultur und der Vierteljahreszeitschrift „Christianitas“ entstanden ist. Gorecki sitzt im Programmrat des Projekts zusammen mit Rechtsanwalt Jerzy Kwasniewski, dem Präsidenten von Ordo Iuris.

Es kommen Zeiten strenger Indoktrination im Geiste des religiösen Fundamentalismus. Wie lange das polnische Bildungssystem das aushalten wird – das ist schwer zu sagen. Eines ist sicher: Ein solches Team wird alles tun, um Veränderungen schnell und entschlossen umzusetzen. Werden sie auch eine höhere Bildung erreichen? Wohl nicht.

Ein Minister, der nicht sehr klug ist, kann eine Menge Schaden anrichten, bevor er entlassen wird. Aber es ist sicher nicht seine Aufgabe, sich um das ewige Heil der Menschen zu kümmern, die in den ihm untergeordneten Institutionen arbeiten, sondern um deren effizientes Funktionieren.

Universelle Bildung auf höchstem Niveau ist eine Voraussetzung für jeden zivilisatorischen Erfolg. Wenn nicht einmal kurzfristig, dann sicherlich auf lange Sicht. Eine Gesellschaft begibt sich auf eine völlig andere Ebene des Funktionierens, wenn ein gut gebildeter Bürger den Mitgliedern seiner Elite, die in seinem Namen seine Gemeinschaft, sein Unternehmen und seinen Staat verwalten, Respekt zollt (und das wird geschehen, wenn er gut gebildet ist). Der Respekt ist gegenseitig.

Jedes Land, in dem es den Verantwortlichen nicht gelingt, der Marginalisierung eines großen Teils der Gesellschaft entgegenzuwirken, müsste theoretisch in Panik geraten angesichts der technologischen Möglichkeiten zur Manipulation.

Ein gut ausgebildeter Mensch wird sich besser um seine Gesundheit, seine Finanzen, seine eigene Sicherheit und die seiner Umgebung sorgen. Er wird verstehen, wie wichtig eine saubere Umwelt für die Lebensqualität ist. Er wird wirtschaftliche Prozesse verstehen, die Bedeutung von Wissenschaft und Technik und dass gute Lehrer noch besser verdienen sollten als er.


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