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Wohin mit den Klamotten?

Secondhand-Kleidung – ein Millionengeschäft
von Volker Brauch

Jeder, der abgelegte Kleidung in eine der aufgestellten Sammelboxen gibt, tut dies mit einem guten Gefühl, schließlich soll die Spende bedürftigen Menschen helfen. Was passiert tatsächlich damit? Wo landen sie? Wem nutzt das?

Aktuelle Zahlen gehen davon aus, dass lediglich 3–5 Prozent dieser Kleidung mit ausreichender Qualität wieder den Weg in westliche Secondhand-Läden findet. Etwa 10 Prozent der Spenden reichen vollkommen aus, um alle Bedürftigen, alle Sozialkaufhäuser und Kleiderkammern ausreichend zu versorgen. 50 Prozent und mehr der gespendeten Kleidung werden über den Secondhand-Handel auf die Märke in Osteuropa, in Mittleren Osten und in Afrika transportiert.
Minderwertige Textilien, die als Fast Fashion unter Preis verkauft werden, fluten die Sammelcontainer; sie bringen die Sammelstellen an den Rand der Wirtschaftlichkeit und werden zum ökologischen Problem. Beschädigte oder unbrauchbare Textilien schließlich landen in der Müllverbrennung, um Heizwärme zu erzeugen.

Vom Rohstoff zur Ware
Wenn die verwertbaren Kleidungsmengen zum Verkauf vorbereitet werden, landen sie in der Regel zunächst im Sachsen-Anhalter Städtchen Bitterfeld-Wolfen. Das dortige Sortierwerk der Soex Group, ein führender Alttextilvermarkter, ordnet täglich hunderte Tonnen Kleidung und Schuhe und macht sie versandfertig. Die eingesammelte Kleidung kommt aus gemeinnützigen und gewerblichen Containern aus der gesamten Republik.
Hier wird der Rohstoff zur Ware, die an Groß- und Kleinhändler in über 90 Ländern verkauft wird. Altkleider, die quasi zum Nulltarif eingesammelt werden, werden zu Geld gemacht. Die Geschäftsidee ist, Abfall, dessen Entsorgung kostenpflichtig wäre, in Geld zu verwandeln. Das ist nichts anderes als Geschäftemacherei mit dem Mitleid.
Einer der größten Umschlagplätze in Ostafrika für die 45 Kilogramm schweren, gepressten Kleidungspakete ist der Gikomba-Markt in Nairobi. Die einheimische Bevölkerung nennt diese Pakete Mitumba, was auf Kisuaheli soviel bedeutet wie Bündel oder Ballen. Viele Hunderte dieser Mitumbas erreichen monatlich den Markt. Zahlt der Händler umgerechnet 80 Euro im Einkauf, verdient er auf dem Gikomba-Markt etwa 100 Euro durch Verkauf. Nach Abzug der Unkosten (Bezahlung seiner Angestellten und der Importsteuer an die kenianische Regierung) ergibt sich für ihn ein profitables Geschäft. Für Kunden bedeutet das, dass sie mit umgerechnet wenigen Euros Jeans, Oberteile oder Shirts kaufen können. Unterboten werden die Preise lediglich noch von Billigexporten aus Asien, allerdings mit mangelhafter Qualität.
Das Geschäft mit Mitumbas hat die gesamte einheimische Textilindustrie im Laufe der Jahre auf den Kopf gestellt, denn am Mitumba-Verkauf hängt eine ganze Industrie mit hunderttausenden Arbeitsplätzen von Schneidern, Zwischenhändlern, Transportunternehmern und Tagelöhnern. Der Begriff Mitumba ist in Afrika überall gebräuchlich und bedeutet alles, nur kein Schimpfwort. Der gesamte Wirtschaftszweig ist zu einem der wichtigsten der ostafrikanischer Länder geworden.
Auch Organisationen wie Oxfarm und die Heilsarmee spenden Kleidung für Afrika keineswegs kostenlos, sondern verkaufen ihre Mengen wie alle anderen auch. Für Afrika wird durch den Verkauf pro Jahr ein geschätzter Betrag von mehr als einer Milliarde US-Dollar angenommen – allein für Uganda werden jährlich dreistellige Millionenbeträge errechnet.
Bereits im Jahr 2016 waren in Nairobi etwa 3 von 14 Millionen Einwohnern vom Handel mit Secondhand-Textilien abhängig. Dazu kommt, dass große Mengen an Altkleidung aus den Industriestaaten auf illegalen Wegen auf die Märkte von Nairobi und Kampala gelangen.

Verdrängung
Noch in den 90er Jahren warnten Entwicklungsorganisationen davor, dass der ausufernde Handel mit Gebrauchtkleidern die einheimische Textilindustrie in die Knie zwingen werde, weil sie gegen die riesigen importierten Containerladungen nicht konkurrenzfähig ist. Das Bild heute hat sich insoweit geändert, dass ganze Industriezweige den darin Beschäftigten ein Auskommen garantieren können.
Mit dem Aufstieg dieser Verwertungsindustrie ist tatsächlich der Niedergang der lokalen Bekleidungsindustrie zu verzeichnen. Bevor die Secondhand-Ware die afrikanischen Märkte flutete, waren allein in Kenia eine halbe Million Textilarbeiter in den verschiedensten Produktionszweigen tätig, im Jahr 2018 lediglich 20000. Es scheint, dass mit der Entwicklung der Mitumba-Industrie für die ehemaligen Textilarbeiter lediglich eine Verlagerung stattgefunden hat. Viele sehen das so. Doch der Aufstieg der Mitumba-Industrie hat den Verlust der ehemaligen Textilindustrie nicht vollständig wettmachen können; überproportional viele Arbeitsplätze der lokalen Branche sind verloren gegangen. Kenia zählt lediglich 200000 Arbeiter in der Secondhand-Industrie.
Offizielle Vertreter der deutschen Politik verteidigen den Textilverkehr vom Norden nach Afrika. Sie warnen vor Eingriffen in die Privatunternehmen und nennen die mangelnde Produktivität der lokalen Produktion als Grund für den Niedergang der afrikanischen Textilbranche. Zudem würden Wettbewerbsverzerrungen durch zu hohe Zölle auf textile Rohmaterialien die Wirtschaftlichkeit behindern.
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BZM) begrüßt den gestiegenen Handel und die Entstehung neuer Märkte mit getragener Kleidung und warnt vor einem Importverbot, er würde den Schmuggel mit Altkleidern ausweiten. Die entstandenen Märkte würden schließlich für Arbeitsplätze sorgen. Die Absicht dahinter ist klar: Dem profitablen Handel mit abgetragenen Textilien und Schuhen soll kein Stein in den Weg gelegt werden.
Die afrikanischen Länder wollen diese gebrauchte Kleidung nicht länger. Sie wollen dem ruinösen Wirtschaftszweig eigenständige Entwicklungen entgegensetzen und favorisieren den Aufbau einer eigenen Textilindustrie, er soll wenigstens einen Teil des Marktes zurückbringen.

Der Weg Afrikas
Die Länder Afrikas haben es gründlich satt, ständig mit Secondhand-Ware von Hilfsorganisationen und Großhändlern überschwemmt zu werden. Eine unabhängige, einheimische Textilindustrie soll wieder eine größere Zahl von Einheimischen in Lohn und Brot bringen, das ist erklärte Absicht. Hemmnisse gibt es viele: mangelnde Infrastruktur, unzureichende Stromversorgung und ein Schwarzmarkt, der steuerliche Einkünfte behindert.
Doch es gibt Vorbilder, etwa Äthiopien, das einen Industriepark aufgebaut hat, der mehrere tausend Arbeiter beschäftigt. Dort lassen auch Firmen wie Tchibo und S.Oliver produzieren. Rwanda hält es für möglich, 25000 neue Arbeitsplätze in einer heimischen Textil- und Lederindustrie zu schaffen. Das Ziel hätte 2019 erreicht werden können, wenn nicht gleichzeitig Secondhand-Ware ins Land gekommen wäre.
Im Jahr 2015 hatten sich Uganda, Tansania und Kenia auf einen Dreijahresplan geeinigt, um den Import von Secondhand-Kleidung aus den USA Schritt für Schritt zu reduzieren. Die Steuern auf Gebrauchskleidung wurden deutlich erhöht, um Importe zu drosseln. Die Einheimische sollten traditionelle, afrikanische Kleidung kaufen und regionale Bekleidungsfirmen aufbauen. Ein vollständiges Einfuhrverbot sollte 2019 in Kraft treten.
Um sich vor der Einfuhr US-amerikanischer Gebrauchtware zu schützen, belegte Rwanda sie mit Strafzöllen. Die Antwort der Trump-Administration ließ nicht lange auf sich warten, die Kleidungsexporteure ließen sich nur ungern das Geschäft vermiesen. Im März 2018 setzten die USA Rwanda eine Frist von 60 Tagen, um die Strafzölle zurückzunehmen. Anderenfalls hätten die USA die afrikanischen Staaten aus dem Wirtschaftsabkommen AGOA ausgeschlossen mit dem Ergebnis, dass keine Waren zollfrei in die USA hätten importiert worden können. Rwanda knickte ein, und auch Kenia, Uganda und Tansania akzeptierten das amerikanische Ultimatum.
Hinter der Forderung nach freiem internationalen Handel verbirgt sich ein massives ökonomisches Ungleichgewicht zwischen den Industriestaaten und Afrika, das nicht gestört werden soll. Amerika first hat sich durchgesetzt, zumal die US-Exporte in Richtung Ostafrika mindestens sechsmal so hoch sind wie die Exporte der vier afrikanischen Staaten in die USA. Diesem wirtschaftlichen Druck hatten die afrikanischen Staaten nichts entgegenzusetzen.

Ein neuer Dreieckshandel
Die Entwicklung hin zu einer eigenen unabhängigen Textilbranche geht nur schrittweise. Ein Förderprogramm Tansanias, der East African Community Plan, bildet z.B. Schneider aus, gleichzeitig werden moderaten Steuern auf importierte Gebrauchtkleidung erhoben.
Hat dieser Weg Erfolg, wäre auch gesichert, dass sich immer weniger Afrikaner auf die gefährliche Reise nach Europa begeben müssen. Der gesamte Textilhandel bedeutet letztlich eine doppelte Ausbeutung der sog. Dritten Welt. Bekleidungsteile werden zu Hungerlöhnen und unter unwürdigen Bedingungen in Sri Lanka, Bangladesh oder Pakistan hergestellt und in den reichen Staaten verkauft. Diese verschieben dann den ausrangierten Textilmüll in die Staaten des afrikanischen Kontinents.
Sicher ist auch, dass ein verändertes und bewussteres Kaufverhalten in Richtung Nachhaltigkeit und der Verzicht oder Verbot von Fast Fashion die Verkaufsströme nur bedingt in den Griff bekommt. Letztlich basiert die gegebene Waren- und Handelsstruktur auf einem Wirtschaftssystem, in dem Bereicherung Selbstzweck ist.


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